Archive for the ‘Geschichte’ Category

2247: Klaus Gietinger, die „One-Man-Band bei der Erforschung der Rolle Gustav Noskes“

Montag, Januar 7th, 2019

Eigentlich wissen wir ziemlich genau Bescheid darüber, dass Gustav Noske (1868-1946) (SPD), Gouverneur von Kiel im November 1918, Oberbefehlshaber in den Marken im Januar 1919, Reichswehrminister von Februar 1919 bis März 1920, danach Oberpräsident von Hannover, die politische Verantwortung trug für die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts am 15. Januar 1919 in Berlin (vor 100 Jahren). Spätestens seit

Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa L. Berlin (Verlag 1900) 1995, 190 S.

Trotzdem schreibt Uwe Soukup, Gietingers Verleger von 1995, am 6.1.2019 einen Artikel („Noske, der wird schießen“) in der FAS, der genau das bestätigt und untermauert. Soukup nennt Klaus Gietinger, der bei uns in Göttingen studiert hat, eine „One-Man-Band bei der Erforschung Gustav Noskes“. Inzwischen leugnet auch die SPD unter Andrea Nahles nicht mehr die Verantwortung Noskes. „In der historischen Nachschau betrachtet, hat die Politik Gustav Noskes rechtsextremen Kräften Auftrieb gegeben und die Arbeiterbewegung geschwächt.“ Gustav Noske genoss das Vertrauen Friedrich Eberts, des SPD-Vorsitzenden, und arbeitete sehr eng mit den Freikorps zusammen. Als Major Waldemar Pabst, der de facto der Kommandeur der Garde-Kavallerie-Schützen-Division war, bei Noske anrief und diesem mitteilte, dass die Genehmigung des Generals von Lüttwitz zur Erschießung der aufgegriffenen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nicht zu bekommen sei, sagte Noske nur, dass Pabst dann selber wissen müsse, „was zu tun sei“.

Ein SPD-Sprecher 2018: „So hat die Parteivorsitzende die Rolle Friedrich Eberts gewürdigt, Ordnung und Recht in der jungen Demokratie durchzusetzen und weiteres Blutvergießen zu vermeiden.“

Ein zusätzliches Licht auf die Ereignisse von Anfang 1919 wirft es, dass es nach 1945 nicht Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren, die den Kurs der Kommunisten (SED) bestimmten, sondern Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck.

 

2246: Theodor Fontane 200

Sonntag, Januar 6th, 2019

Theodor Fontane (1819-1898) wird in diesem Jahr 200 Jahre alt (am 30.12., Jens Bisky, SZ 4.1.19). Literaturkenner haben ihn immer geschätzt. Und ich hatte das Glück, dass bei uns in der Schule Fontane reichlich gelesen wurde. Und nicht nur „Effie Briest“ und „Der Stechlin“. Aber Fontane galt vielen lange Zeit als zuständig für das „Pläsierliche“, für „Causerien“. Das gehört dazu, macht ihn aber nicht aus. Tatsächlich war Theodor Fontane der Chronist einer Umbruchzeit. Der Kampf zwischen Alt und Neu war sein Lebensthema. Er passt insofern zu unserer Zeit. Fontanes Frauen sind modern. Aber er war kein Frauenrechtler. Und auch kein Sozialdemokrat. Obwohl wir angesichts des „Stechlin“ manchmal auf die Idee kommen könnten.

Über sich selbst hat Fontane gesagt: „Ich bin für Alte-Fritz-Verherrlichung. Aber dann hört es auch auf. Alles andere – großes Fragezeichen!“ Er war ein Vielschreiber, der sich Zeit für „Nebendinge“ nahm. Deswegen ist er so genau. Wenn wir aufmerksam sind, finden wir, etwa in Berlin, heute noch manches, auch im Verhalten, wieder, das Fontane schon beschrieben hat. Neuerdings ist er unter den Verdacht des Antisemitismus geraten. Da kann ich nur raten: Leute, lasst die Kirche im Dorf. Sein letzter Held, Dubslav von Stechlin, sagt uns, „unanfechtbare Wahrheiten“ gebe es nicht, „und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig“. Schließlich, nicht zu vergessen: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Theodor Fontane gehört in eine Reihe mit Lessing, Goethe, Schiller, Büchner, Heine, Thomas Mann, Benn, Brecht.

2244: Vor 40 Jahren: „Holocaust“

Sonntag, Januar 6th, 2019

Die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ (von Marvin J. Chomsky, vier Folgen von NBC) wurde vor vierzig Jahren, 1979,  in allen dritten Programmen der ARD gezeigt. Mit einem Riesenerfolg. Tatsächlich befreite die Serie – trotz ästhetischer Bedenken fortgeschrittener Kritiker – die Bundesrepublik von einer kollektiven Amnesie. Seinerzeit wurde der Begriff

Holocaust

erst durchgesetzt. Schauspielerinnen wie Meryl Streep starteten mit der Serie ihre Weltkarriere. Nun zeigen die dritten Programme der ARD „Holocaust“ wieder (ab dem 7.1.2019). Mit einer Dokumentation zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Serie.

In Deutschland war es Günter Rohrbach, der die Serie gegen enormen Widerstand durchsetzte. Ihm gelang der Kompromiss, „Holocaust“ nicht im Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) laufen zu lassen, sondern gleichzeitig in deren dritten Programmen. Zum Nachteil vieler Zuschauer in der DDR, die zwar das erste Programm der ARD, nicht aber die dritten Programme empfangen konnten. „Holocaust“ erreichte im Durchschnitt einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent. Beim WDR (als verantwortlicher Anstalt) riefen nach der ersten Folge mehr als 4.400 Zuschauer an. Sie wollten wissen, wie man den Enkeln erklären könne, dass die Großeltern nichts gegen die Vernichtung der Juden unternommen hatten. Eine Minderheit beklagte „Nestbeschmutzung“ (Tobias Schrörs, FAZ 5.1.19).

Ich habe über „Holocaust“ 1979 ein Seminar gehalten. Am Ende habe ich den Studierenden Paul Celans „Todesfuge“ verteilt und vorgelesen und sie entscheiden lassen, was ihrer Meinung nach wirksamer war gegen Rassismus und Massenmord. Die Fernseh-Serie oder das Gedicht.

 

2241: Wie Russland die Freiheit gewann und verlor.

Freitag, Januar 4th, 2019

Die Politologin Masha Gessen untersucht in ihrem neuesten Buch die Entwicklung Russlands.

„Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor.“ Berlin (Suhrkamp) 218. 639 S., 26 Euro.

Das ist ein Buch für die vielen Russland-Versteher in der deutschen Publizistik und in deutschen Talkshows. Masha Gessen versteht tatsächlich sehr viel von Russland. Sie ist 1967 als Jüdin in Moskau geboren und mit ihren Eltern in die USA ausgewandert, als sie 14 Jahre alt war. 1991 kehrte sie nach Russland zurück und berichtete von dort für die „New York Times“ und die „Washington Post“. 2013 verließ die führende LGBT-Aktivistin das Land wieder wegen zunehmender Repressionen gegen Homosexuelle. Sie fürchtete, dass man ihr den in Russland adoptierten Sohn wegnehmen würde.

Gessen geht es um die Gründe des Scheiterns der Demokratie in Russland in den neunziger Jahren. Mit welchen Begriffen lässt sich das Land heute fassen? Dem geht Gessen anhand von vier Biografien nach. Es treten aber auch ein Soziologe und eine Psychoanalytikerin auf. Gessens Schlüsselbegriff für das Verständnis Russlands ist Totalitarismus. Das ist  bedenklich; denn der u.a. von Hannah Arendt in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) entwickelte Begriff bezieht sich ja auf den

Stalinismus und auf den Nationalsozialismus.

Und diese beiden waren hauptsächlich gekennzeichnet durch den Massenmord

(Archipel Gulag und Holocaust).

Insofern taugt Totalitarismus nicht ganz für die Analyse des gegenwärtigen Russlands. Gessen verwendet aber auch „Kleptokratie“ und „postkommunistischer Mafiastaat“. Damit verbunden sind die Beschwörung der nationalen Größe, Gewalt gegen Andersdenkende, Schaffung von inneren und äußeren Feinden zur Mobilisierung der Gesellschaft und aggressive Annektionen.

Für Gessen ist der „Homo Sovieticus“ nicht ausgestorben. Und Putin und seine Entourage mussten Russland nur übernehmen. Was weiter funktionierte war der mächtige

Geheimdienst.

Gessen versucht zu verstehen, warum die Ukraine im Vergleich zu Russland so viel freier ist? Oder liegt es wie bei Westdeutschland nach 1945 hauptsächlich daran, dass die Befreiung mit einem wirtschaftlichen Aufschwung verbunden war? In Gessens Buch werden zentrale sozial- und geisteswissenschaftliche Erklärungsmodelle für die Entwicklung Russlands diskutiert. Gegenwärtig sieht die Wissenschaftlerin eine zunehmende Hetze gegen Homosexuelle – im russischen Diskurs gleichgesetzt mit Pädophilie – sich unter Putin zum integralen Bestandteil der nationalen Ideologie entwickeln und gesetzlich verankert zu werden.

(Barbara Kerneck, taz 8./9.12.18; Franziska Davies, SZ 10.12.18)

2239: Die neue Weltformel

Dienstag, Januar 1st, 2019

Zum Propheten ist der konservative israelische Politikwissenschaftler Yoram Hazony von den Trumpisten erklärt worden. Weil er das Ende der amerikanischen Weltordnung und der Europäischen Union erklärt. Für Hazony ist der Nationalismus die beste Ideologie. Für Europa und Deutschland ist das deshalb gefährlich, weil damit drei Absagen verbunden sind:

– an den Liberalismus,

– an den Multilateralismus,

– an eine Bündnisidee, die einst Europa den Weg aus dem Kreislauf von Krieg und Hass zu weisen schien.

Francois Mitterrand erklärte uns: „Nationalismus, das ist der Krieg.“ Insofern sind das moderne Europa und die USA so tief gespalten wie noch nie zuvor. Die USA deuten die EU in ein imperialistisches Werkzeug um. Das ist schlimm und hochgefährlich (Stefan Kornelius, SZ 31.12.18/1.1.19). Wir als diejenigen, die solch reaktionärer Ideologie nicht anhängen, dürfen nicht resignieren und aufgeben. Der Kampf geht weiter.

2235: Die „Gelbwesten“ verhindern den Wandel.

Sonntag, Dezember 30th, 2018

1. Manche Kritiker in Deutschland, z.B. Kabarettisten und Teile der Linken, sehen in den französischen „Gelbwesten“ eine fortschrittliche Volksbewegung. Dabei stellen sie eine falsche Analyse an.

2. Schon vor fünfzig Jahren publizierte Michel Crozier „Die blockierte Gesellschaft“, wo er zeigt, dass in Frankreich zwar ständig vom Wandel gesprochen, er aber regelmäßig vom Volk verhindert wird.

3. Die französische Revolution (um 1789) endete mit der Machtergreifung Napoleons (1799).

4. Die Aufstände von 1830 und 1848 haben die Verhältnisse nicht umgestürzt.

5. Bei zynischer Betrachtung hat Napoleon III. die breiten Avenuen anlegen lassen, damit die Artillerie das Volk besser niederkartätschen konnte.

6. Im 21. Jahrhundert hat es schon mehrere Revolten gegeben. Zuerst 2000, als die Trucker gegen die Spritpreise vorgingen. Der Staat, wie fast immer in Frankreich, knickte ein. Nun hat Macron die Öko-Steuer aufgehoben.

7. Die Studenten haben gegen die Universitätsreform protestiert, die Jungen gegen die Arbeitsmarktreform, die Taxifahrer gegen Uber.

8. Wo eine gut organisierte Gruppe (Eisenbahner, Fischer, Bauern) die eigenen Privilegien bedroht sah, ging sie auf die Barrikaden.

9. In Frankreich fehlen starke Parlamente, mächtige Regionen und eine Zivilgesellschaft, die nicht nur Interessen artikuliert, sondern auch Verantwortung übernimmt.

10. Crozier sieht im Zentralismus die „französische Krankheit“.

11. Die Bürger grollen und schweigen bis zur nächsten gewaltsamen Eruption.

12. Die Franzosen sehen, wie schwach der Staat ist. Fast jeder Aufruhr hat ihn bezwungen, Privilegien bewahrt und Wandel vereitelt (Josef Joffe, Die Zeit 13.12.18).

Und wir sehen: Solange Spritpreise, die Verhinderung der Klimawende und die Erhaltung von Privilegien die Politik bestimmen, gibt es keinen Fortschritt.

2234: Amos Oz ist tot.

Samstag, Dezember 29th, 2018

Der große israelische Schriftsteller Amos Oz ist mit 79 Jahren in Jerusalem an Krebs gestorben. Geboren 1939 als Amos Klausner, Kind einer russich-jüdischen Familie, in Jerusalem hat er uns mit seinem autobiografisch gefärbten Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2002) zugleich eine Geschichte der Gründung Israels geliefert. Amos Oz hat sehr viele literarische Preise gewonnen. Unter anderem den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1992. Den Literatur-Nobelpreis konnte er aus dem bekannten politischen Kalkül nicht bekommen. Die schwedischen Sozialdemokraten haben da keinen Israeli vorgesehen.

Oz war Zeit seines Lebens ein israelischer Patriot, der im Sechs-Tage-Krieg 1967 und im Jom-Kippur-Krieg 1973 als Soldat gekämpft hatte. In seinem Auftreten hatte er bis zum Schluss etwas militärisch Straffes, das in Literatenkreisen ganz selten ist. Und er war ein führender Kopf der israelischen Friedensbewegung, der stets auf Ausgleich, etwa mit den Palästinesern, bedacht war. Er hing der Zwei-Staaten-Theorie an. So wie er das gelehrte „Stubenhockertum“ seiner Familie abgelöst sah durch die Gründung Israels und seinen Eintritt in den Kibbuz Hulda 1953, so musste er in den letzten Jahrzehnten erleben, dass das freie und westliche Israel zunehmend verdrängt wurde von einer aggressiven und politisch radikalen Orthodoxie. Insbesondere nach der Zuwanderung von Juden aus der Sowjetunion.

Der Romancier Amos Oz schrieb unzählige politische Essays für den Frieden. U.a. mit seiner Tochter Fania Oz-Salzberger „Juden und Worte“. Er erlebte das „Judentum nach dem Ende des Judentums“. „Nicht jene, die Pogrome anzettelten, nicht die Bösen unter den Völkern, nicht Hitler und auch nicht die Befürworter von Assimilation, Aufklärung oder Zionismus haben die Mauern von Halacha und Überlieferung eingerissen, sondern das Haus ist von innen zerfallen, unter der Last seiner eigenen Widersprüche, dem Gewicht seiner Gesetze, Verordnungen und Verbote.“ 2004 hielt Amos Oz seine Tübinger Poetik-Vorlesung unter den TItel „Wie man Fanatiker kuriert“.

Als Amos Oz 2004 den „Welt“-Literaturpreis erhielt, hielt ihm Joschka Fischer die Laudatio. In seiner Literatur geht Oz stets von sich selber aus. Er schreibt aus Erfahrung und hat so den Rang des israelischen Nationalschriftstellers erworben. Im Kibbuz hatte er gelernt, dass mit dem gelehrten „Stubenhockertum“ kein Staat zu machen war, ja, dass es geradezu eine Gefahr für Israel darstellte. Eine andere und gegenwärtige Gefahr ist die Intransigenz der Orthdoxie in Israel. Dagegen hat Amos Oz an seiner Friedenspolitik festgehalten. Er bleibt für uns eine politisch-moralische Instanz. Er fehlt uns heute schon.

(Andreas Platthaus, FAZ 29.12.18; Lothar Müller, SZ 29./30.12.18; Tilman Krause, Literarische Welt 29.12.18)

2233: Trumps Geschäft ist der Verrat.

Donnerstag, Dezember 27th, 2018

1. Der von Donald Trump angeordnete Rückzug der US-Truppen aus Syrien ist ein Verrat an den Kurden. Sie wurden schon viele Male verraten. Von verschiedenen Mächten.

2. Lob hat Trump für den US-Abzug nur vom russischen Potentaten Wladimir Putin bekommen. Moskau, Ankara und Teheran haben jetzt freie Hand in der Levante.

3. Das Vorgehen der USA wird neue Flüchtlingswellen nach Europa spülen.

4. Der US-Verbündete Israel ist alarmiert. Es muss sich nun darauf vorbereiten, alleine einen Krieg gegen die von den Mullahs unterstützte Hisbollah in Syrien zu führen. Die ersten israelischen Luftangriffe hat es bereits gegeben.

5. Als der US-Außenminister Dean Acheson 1950 Südkorea die Verteidigungsgarantie entzog, marschierte sechs Monate später Nordkorea ein.

6. Als Barack Obama in seiner falschen Syrien-Politik 2013 die rote Linie in Syrien aufgab, ermunterte er damit den Chemiewaffen-Killer Assad, den Verbündeten Russlands.

7. Machtpolitik verzeiht kein Vakuum.

8. „Europa schaut verzweifelt zu, und dies während eines Schwächeanfalls, der an der Regierungsfähigkeit der Hauptmächte England, Deutschland und Frankreich nagt.“

9. Mit einer Wahlniederlage Trumps 2020 sollten wir nicht rechnen.

10. „Trumps Geschäft ist der Verrat: von Prinzipien und Partnern, von Anstand und wohlbedachten nationalen Interessen, von Gehilfen und Verbündeten. Die kurdischen und arabischen Waffenbrüder werden nicht die letzten Opfer sein.“ (Josef Joffe, Die Zeit 27.12.18)

2232: Postchristliche Generation: glücklich und zufrieden

Mittwoch, Dezember 26th, 2018

1. Der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Gerhard Wegner, stellt fest: Die jungen Erwachsenen in Deutschland sind eine „postchristliche Generation“. Dabei glücklich und zufrieden auch ohne Glauben.

2. 19 Prozent bezeichnen sich als religiös, 20 Prozent als teilweise religiös, 61 Prozent als nicht religiös.

3. 33 Prozent sagen, dass sie mit dem Glauben an Gott nichts anfangen können.

4. Mit 28 Jahren ist die Kirchenaustrittswelle am größten.

5. Es ist gar nicht so sehr die dezidierte Ablehnung der Kirchen, die zunimmt, sondern die ökonomische Überlegung „Was bringt mir das?“ führt zum Austritt.

6. Die größte Austrittswelle gab es nach der Einführung des Solidaritätszuschlags 1991.

7. Die Papstwahlen 2005 und 2013 haben für die Kirchenmitgliedschaft nichts gebracht.

8. Andere Religionsgemeinschaften profitieren nicht vom Mitgliederschwund der Volkskirchen.

9. Evangelikale Freikirchen haben in Deutschland ca. 1,5 Millionen Mitglieder.

10. Esoterische Gemeinschaften wachsen ebenso wenig wie Buddhisten.

11. Selbst unter Muslimen gibt es Säkularisierung.

12. Atheistische Verbände wie die Humanistsische Union kommen im Land auf etwa 30.000 Mitglieder.

13. Eine Sinus-Milieustudie zeigt sowohl in konservativ-wohlhabenden Kreisen als auch in alternativ-postmatriellen Milieus ein großes Interesse an Religion.

14. 2013 sagten 15 Prozent der Befragten, sie fühlten sich mit ihrer Kirche verbunden.

15. Dort, wo die Kirche in der Minderheit ist, fühlen sich ihre Mitglieder besonders wohl.

16. Zu Weihnachten werden die Kirchen voll bleiben. Von ihrer institutionellen Macht müssen sie einiges abgeben.

(Matthias Drobinski, SZ 22./23.12.18)

2231: Trennung von Öffentlichem und Privatem = Europas Stärke

Dienstag, Dezember 25th, 2018

1. In Amerika nannte man im 17. Jahrhundert „Conversion narratives“ die in der Kirche vor versammelter puritanischer Gemeinde geäußerten Bekenntnisse des persönlichen Erlösungswegs. Die Belohnung dieser rituellen Bekehrung war die Aufnahme in die Gemeinde als vollwertiges Mitglied.

2. Bei diesen Ritualen ist es bis heute geblieben: so musste Bill Clinton zerknittert seine Seitensprünge öffentlich zugeben.

3. Facebook hätten die puritanischen Geistlichen für ein großartiges Medium gehalten. Funktioniert es doch als öffentliches Tagebuch, die Menschen kehren ihr Innerstes nach Außen.

4. Wichtig ist es, für die Gemeinde transparent und „lesbar“ zu sein. Begünstigt wird die Kultur der Autobiografie.

5. Die moderne Digitalisierung wird zum Promoter alter puritanischer Tugenden.

6. In Europa nehmen wir an, dass derjenige, der erwachsen werden will, gelernt haben muss, Geheimnisse zu haben und zu bewahren. Er muss Ambiguität aushalten und so einen privaten Raum schaffen, in dem die Person sich entfalten kann.

7. Firmen wollen wissen, für welche Werbung wir empfänglich sind. Für uns Menschen ist das Geheimnis unverzichtbar.

8. Die Ausrichtung an der großen Gemeinschaft in Amerika führt paradoxerweise gerade nicht zum Gefühl des Aufgehobenseins, sondern zu dem der Vereinzelung.

9. Der große französische Denker Alexis de Tocqueville schilderte in seinem Buch „Über die Demokratie in Amerika“ (1830), wie die Menschen durch den Druck des Massengeschmacks und Massenurteils zu einer Gleichheit in der Vereinzelung geführt werden.

10. „Europa sollte stolz sein auf seine Kultur der Privatheit, auf die urbane und zivile und schließlich demokratische Scheidung des Öffentlichen und des Privaten, es sollte das Recht auf persönliche Geheimnisse und auf ein Privatleben ohne öffentliche Kommentare schützen und sich von den digitalen Netzwerken nicht zu einem Puritanismus verleiten lassen, bei dem wir mehr verlieren, als wir je dazugewinnen könnten.“ (Nathalie Weidenfeld, SZ 20.12.18)