Archive for the ‘Geschichte’ Category

2282: Kretschmann ist von Hannah Arendt befreit worden.

Samstag, Februar 9th, 2019

Auf der Seite der „Literarischen Welt“, auf der Prominente ihre Lieblingsbücher vorstellen, spricht Winfried Kretschmann, 70, u.a. über Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) (9.2.19). Kretschmann ist der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland. 2011 gewählt, 2016 mit 30,3 Prozent wiedergewählt. So weit sind die Grünen noch nicht überall. Nach Joschka Fischer ist Kretschmann der prominenteste von ihnen. Sein aktuelles Buch heißt „Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen“. Kretschmann, der kein Linker ist, bezeichnet sich als Romanleser“. Er schreibt:

„Die Lektüre von Hannah Arendt hat mich vom Linksradikalismus befreit. Als Student war ich ja eine Zeit lang der maoistischen Sekte verfallen. Doch dann wurde die Hannah Arendt zu meinem Kompass. Vielleicht ist sie – zusammen mit Jeanne Hersch – die Figur, die mein politisches Denken am tiefsten geprägt hat. Ihr Werk ‚Vita activa‘ kommt in meinen Reden auch deshalb so oft vor, weil es für meine Orientierung steht. Nach meiner Phase der linksradikalen Verirrung habe ich durch Hannah Arendt viel über das

Wesen des Totalitarismus

gelernt. Später hat mich dann zusätzlich noch Robert Spaemanns ‚Kritik der politischen Utopie‘ mit der Realpolitik versöhnt. Realpolitik jetzt nicht wie bei Bismarck verstanden, sondern als Plädoyer gegen zu viel Utopismus mit seinem Radikalismus und Fanatismus.“

 

2279: Francis Fukuyamas Begriff der „Leitkultur“

Dienstag, Februar 5th, 2019

Für seine These vom „Ende der Geschichte“ vor knapp 30 Jahren wurde Francis Fukuyama, geb. 1951, hauptsächlich verlacht. Sie besagte ja, dass sich die westliche liberale Demokratie endgültig durchgesetzt habe. Besonders verachtet wurde Fukuyamas These bei den Linken, die gar nicht wollen, dass die liberale Demokratie siegt. Sie sehen in ihr einen kapitalistischen Repressionsstaat. Aber spätestens mit Putins Annektion der Krim 2014 ist Fukuyamas These endgültig ad absurdum geführt.

Nun hat Fukuyama ein neues Buch vorgelegt, von dem ich annehme, dass es auf genau so viel Widerstand trifft wie „Das Ende der Geschichte“:

„Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet.“ (Hoffmann und Campe), 240 Seiten, 22 Euro.

Ich verwende für meine Analyse einmal einen Beitrag von Marc Reichwein (Literarische Welt 2.2.19), zweitens ein Interview von Gregor Quack mit Francis Fukuyama (FAS 3.2.19) und fasse meine Argumente in 13 Punkten zusammen:

1. Nach eigenem Bekunden hat Fukuyama seine Meinung aus zwei Gründen geändert. a) Wegen des Irakkriegs der USA, der ihm gezeigt habe, dass man Demokratie nicht einfach militärisch installieren könne. b) Auf Grund der Finanzkrise von 2008, die belege, dass die Märkte sich nicht selbst zum Besten regulierten.

2. Diejenigen, die sich durch Identitätspolitik für Minderheiten (Schwarze, Frauen, Behinderte, Alleinerziehende, Homosexuelle, Flüchtlinge et alii) bedroht fühlten, täten das nicht in erster Linie aus ökonomischen, sondern aus kulturellen Gründen. Die Bedrohung komme nicht mehr von außen (Russland, China), sondern von innen.

3. Wir brauchten deswegen eine Leitkultur. Aber nicht im Sinne von Friedrich Merz 2000. Sondern im Sinne meines Göttinger Kollegen

Bassam Tibi.

Der hatte „Leitkultur“ als „Glauben an Gleichheit und demokratische Werte“ definiert.

4. Der von Rechtspopulisten gerne ins Feld geführte und von Plato entlehnte Begriff des „Thymos“ bedeute eigentlich den Wunsch nach Anerkennung und Respekt. In der aktuellen politischen Realität bedeute er ein Gefühl der Benachteiligung und der Rehabilitierung von Ressentiment, Wut und Zorn.

5. Begründet sei dieser Wunsch gegenwärtig durch die falsche linke Politik, die Interessen von Minderheiten in den Vordergrund zu schieben (so auch Mark Lilla).

6. Zugleich sei zu verzeichnen eine zunehmende sozioökonomische Ungleichheit im Westen.

7. Die Linke schätze dabei die Identität einzelner Gruppen gering wie die der weißen Europäer, der Christen und der Landbevölkerung.

8. Migration sei die größte Herausforderung.

9. „Bürger heutiger Gesellschaften verfügen über verschiedene Identitäten.“

10. Dem werde ein streng ideologisches Verständnis von Multikulturalismus nicht gerecht.

11. Die rechte Version von Identitätspolitik wolle die USA auf einen Stand von vor 1960 zurückfahren, wo ein „echter“ Amerikaner weiß war.

12. In vielen Gesellschaften sei traditionell das Militär die mächtigste Integrationsmaschine.

13. „Aktuell glaube ich, dass wir hier in den Vereinigten Staaten mehr Sozialdemokratie gebrauchen könnten.“

Kommentar W.S.: Fukuyamas Thesen werden enormen theoretischen Widerstand auf den Plan rufen.

2278: Marianne Birthler über ihre Karriere und die Ossis

Montag, Februar 4th, 2019

Marianne Birthler war bei der Vereinigung Deutschlands 40 Jahre alt. 1990 wurde sie Bildungsministerin in Brandenburg. 1992 trat sie wegen Stasi-Vorwürfen gegen Ministerpräsident Manfred Stolpe von ihrem Ministeramt zurück. Sie wurde Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, fühlte sich dort aber gemobbt. 2000 wurde sie Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, weshalb sie heute noch von vielen Ossis gehasst wird. 2016 wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Marianne Birthler zur Bundespräsidentin vorschlagen. Cerstin Gammelin und Alexander Hagelüken haben sie für die SZ (1.2.19) interviewt.

SZ: Frauen in der DDR arbeiteten öfter als im Westen, war das gut?

Birthler: Grundsätzlich ja. Aber die Belastung war enorm. Frauen übernahmen eine neue Rolle, wurden ihre alte aber nicht los; für den abgerissenen Knopf am Sakko ihres Mannes waren sie immer noch zuständig. Und es gab keine Spülmaschine, für vieles musste man anstehen. Meine Freundin hatte als Ärztin viele überanstrengte Frauen in ihrer Praxis.

SZ: Welche ihrer Hoffnungen aus der Wendezeit erfüllten sich?

Birthler: Der wichtigste Wunsch erfüllte sich: Ich selbst, meine Kinder und Enkel und meine Freunde leben in einem freien Land. Enttäuschend finde ich bis heute, dass viele ihre Freiheit nicht nutzen, weil sie Angst um ihre Karriere haben oder um den Listenplatz bei Wahlen oder aus Bequemlichkeit.

SZ: Von 2000 an leiteten Sie die Behörde für Stasi-Unterlagen. Was war ihr Ziel?

Birthler: Unter anderem, dass alle Einsicht in die Unterlagen bekommen, die das wünschen. Jede Einsicht ist eine Entscheidung gegen das Verschweigen, Verdrängen, Vergessen.

SZ: Deutschland erlebt einen Job-Boom, die AfD steigt trotzdem auf.

Birthler: Die AfD feiert ihre Erfolge weniger, weil die Menschen wirtschaftlich abgehängt sind. Eher fühlen sie sich von der Politik abgehängt. Sie verstehen Politik als Dienstleistung: Wir bezahlen euch, und ihr macht, was wir für richtig halten. Aber dann liefert die Politik nicht, was sie bestellen: Weil es andere Mehrheiten gibt, Gesetze, die Werte der Verfassung, Kompromisse, fairen Streit. Das erzeugt Frust. Im Grunde ist es Widerstand gegen die offene Gesellschaft.

SZ: Im Osten hat die AfD besonders Erfolg.

Birthler: Das hat auch mit jahrzehntelangem Leben in der Diktatur zu tun. Und mit der Zeit danach, dem Gefühl der Zweitklassigkeit gegenüber dem Westen.

2273: Odenwaldschule – Ort des Verbrechens

Samstag, Februar 2nd, 2019

Die Psychologen Prof. Dr. Heiner Keupp und Dr. Peter Mosser waren an der Aufklärung der Kriminalität an der Odenwaldschule beteiligt. Über ihr Forschungsprojekt haben sie ihr Buch

„Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und Ort sexualisierter Gewalt“

veröffentlicht. In der „Zeit“ (17.1.19) berichten sie über die zentralen Ergebnisse:

In elitärer Selbsterhöhung sah sich die Odenwaldschule als Leuchtturm einer alternativen Pädagogik zur Untertanenerziehung. Das war nach 1945 verständlicherweise hochrelevant. Es handelte sich um ein reformpädagogisches Projekt. 2010 machten ehemalige Schüler und zugleich Opfer sexuellen Missbrauchs auf die wahren Verhältnisse aufmerksam. Vorher konnten sie lange Zeit in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik nicht durchdringen. Im Forschungsprojekt zur Odenwaldschule wurden die strukturellen Bedingungen bilanziert, die sexualisierte Gewalt über eine so lange Zeit ermöglicht hatten.

Der Mythos der Odenwaldschule entstand nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus. Um den Kontrast zum staatlichen Schulsystem zu unterstreichen, bedurfte es engagierter Lehrkräfte. Ein differenziertes und strenges Regelsystem sollte das pädagogische Modell und seine kontinuierliche Weiterentwicklung absichern. In den 1970er Jahren übernahm

Gerold Becker

die Leitung der Schule. Der von ihm betriebene Liberalisierungsprozess überdeckte das Fehlen eines pädagogischen Konzepts. So wurde die Basis für ein System des sexuellen Missbrauchs gelegt. „Das ist die Paradoxie der Odenwaldschule. Die Instrumentalisierung des Reformbegehrens hat den reformpädagogischen Kern zerstört.“ Mit großem rhetorischem Einsatz gelang es Gerold Becker, in der Auseinandersetzung mit schulinternen Widersachern die Oberhand zu behalten. Kriminellem sexuellem Missbrauch wurden Tür und Tor geöffnet. Rückendeckung erhielt Becker vom Vorstand der Odenwaldschule, in dem so Prominente wie

Hellmuth Becker,

Georg Picht und

Hartmut von Hentig

saßen. Zonen sexualisierter Gewalt konnten sich ausbreiten und verfestigen. Beckers Zeit als Schulleiter ging zwar zu Ende, aber die Odenwaldschule als narzisstisch überhöhte Institution hielt sich weiterhin. So war es 2015 zu spät für jede Korrektur. Die Odenwaldschule wurde für immer geschlossen. Zum Glück.

Im Forschungsprojekt wurden 23 Szenarien identifiziert, in denen die Chance auf eine nachhaltige Aufdeckung sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule bestanden hätte. Sie wurde nicht genutzt. Auch nicht von den Lehrern. Die Eltern von Schülern, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, spielten ebenso keine überzeugende Rolle, sondern wurden von der Reputation der Schule geblendet. Das Höchste, das sie unternahmen, war, ihre Kinder von der Odenwaldschule zu nehmen und zu schweigen. Strafverfolgung gab es nicht. Die Odenwaldschule blieb ein Hort des Verbrechens. Sind wir angesichts aller Diskurse, gesetzlichen Veränderungen und Schutzkonzepte bis heute weitergekommen? Immerhin haben die Opfer, die sich öffentlich geäußert haben, der wissenschaftlichen Studie eine empirische Basis gegeben. Die Beanspruchung der Deutungshoheit über das Geschehene setzte massive Konflikte frei, welche die Odenwaldschule nicht hatte bewältigen können.

2270: „Stella“ in der Kontroverse

Donnerstag, Januar 24th, 2019

Wir haben eine neue große Literatur-Debatte. Sie geht um Takis Würgers „Stella“, einen Roman, der bei Hanser erschienen ist. In der Literaturkritik hat er neben Zustimmung vor allem wütende Ablehnung erfahren. So schreibt Thomas Assheuer in der „Zeit“ (24.1.19), die Literaturkritik sei

„entsetzt“

gewesen; „denn sie glaubte darin das Symptom für einen neuen Umgang mit der deutschen Vergangenheit zu erkennen: Die Wahrheit wird langweilig, es geht Autoren und Verlagen bald nur noch um große Gefühle und spektakuläre Geschichten“. „Dieser gedankenlose, literarisch unberatene Umgang mit den Dokumenten und Stimmen der Toten war der Hauptangriffspunkt der Verrisse.“ (Lothar Müller, SZ 19./20.1.19) Der vom Autor erfundene junge Schweizer Friedrich sei dazu da, „um beim Arrangement der historischen Kulissen möglichst frei schalten und walten zu können“. In dem Roman geht es um Friedrichs Verhältnis zu Stella, eine Berliner Jüdin, die 1942, um ihre Eltern vor dem KZ zu retten, viele Juden an die Gestapo verrät. Stella Goldschlag hat es tatsächlich gegeben. Für ihre „Arbeit“ ist sie rechtskräftig verurteilt worden.

Der Autor widmet den Roman seinem Urgroßvater Willi Wage, der 1941 während der Aktion T 4 vergast wurde. Daniel Kehlmann schreibt auf der Rückseite des Buchs: „Takis Würger hat sich etwas Aberwitziges vorgenommen: das Unerzählbare erzählbar zu machen.“ Der Autor formuliert am Schluss des Buchs eine lustig formulierte Danksagung: Dank an die Agentin, Dank an den Verlag, Dank an die Buchhändler. Und Dank „für die Goebbels-Zitate“.

Entspricht Takis Würgers „Stella“ einer postmodernen und neokonservativen Ideologie, in der Günter Grass‘ Literatur überholt ist und der Vergangenheit angehört? In „Stella“ kann der Leser Geschichte erleben, ohne dabeigewesen sein zu müssen. Solche Geschichten reichern die Vergangenheit mit Fiktionen an und erzeugen ein Gefühl von Gegenwärtigkeit und Selbstgefühl. In diesem Roman verdunkele sich die Weltgeschichte zu einem „anonymen Verhängnis“, schreibt Thomas Assheuer. Würgers Friedrich erkenne, „dass alle Menschen schuldig sind, jeder auf seine Weise, mal mehr und mal weniger. Schuld, so lernt der Künstler, ist die Signatur der Schöpfung, sie entspringt dem Leben selbst“. „Sinn entsteht, wenn Kunst die unvermeidliche Tragik der Menschheitsgeschichte ins Bild setzt und nebenbei noch das deutsche Publikum mit der Vergangenheit versöhnt.“ Nach Assheuer darf das nicht sein.

Er sieht in „Stella“ Parallelen zu Robert Menasses Fälschungen und in dem für den Oscar nominierten Film „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmark. Dirk Knipphals geht noch weiter (taz 19./20.1.19). Er stellt eine Beziehung von Würger zu dem Fälscher Claas Relotius her. Ihre Arbeit hätte einen gemeinsamen Boden: „den Wunsch nach in sich kongruenten, übersichtlichen, ins Große tendierenden und dabei doch hübsch plausibel klingenden und eingängigen Geschichten“. „Stella“ sei zu perfekt, um wahr zu sein, „auch zu perfekt, um literarisch wahr zu sein“. Der Roman „behauptet die kongruente Erzählbarkeit von Schrecken, die eigentlich nicht auszuhalten sind.“

Ich, W.S., werde den Verdacht nicht los, dass hier, statt hauptsächlich Literaturkritik zu üben, andauernd politische Korrekheit verlangt wird. Viele Kritiker lehnen Würgers Roman politisch ab und suchen dann dafür nach literaturkritischen Argumenten. Das überzeugt wenig.

Anders geht Richard Kämmerlings in der „Literarischen Welt“ (19.1.19) vor. Als seine Zeugen für eine gelungene Literatur über den Holocaust ruft er Primo Levi und Ruth Klüger auf. Und Peter Weiss. Zu Recht nennt er als ein gelungenes Beispiel einer kritischen Auseinandersetzung auch Eberhard Fechners Dokumentation „Der Prozess“ (1984) über den dritten Maidanek-Prozess. Als einziges Beispiel für eine gelungene Ausnahme vom Fiktionalisierungsverbot bei Holocaust-Themen wird Edgar Hilsenraths „Der Nazi & der Friseur“ erwähnt. Die Vorwürfe, die heute Takis Würger gemacht würden, seien auch schon Jonathan Littel für seinen Roman „Die Wohlgesinnten“ gemacht worden: „das Leid der Opfer und die Schrecken des Holocaust lediglich zu benutzen, um damit die Toten gar ein zweites Mal zu bloßen Objekten, zu ‚Material‘ zu machen – diesmal für eine auf Verkaufserfolg zielende Geschichte“.

Heute gelte immer noch die mystifizierende Behauptung von der „Undarstellbarkeit“ des Holocaust-Grauens, so Kämmerlings. Sie verbinde sich mit der Tabuisierung der Tätersicht, der eine automatisch relativierende, schuldabwehrende Wirkung, wenn nicht gar Intention unterstellt werde. Das lehnt Kämmerlings ab. Würger begehe nicht den Fehler, sich in Stella tatsächlich hineinversetzen zu wollen. „Im Gegenteil wird durch die authentischen Aussagen der von ihr verratenen Juden die Distanz stets im Bewusstsein gehalten.“

„Natürlich sind es die Nazis, die Stella erst in diese ausweglose Lage bringen. Aber dass es Schuld gibt (und eben nicht nur äußere Zwänge), ist die Kernaussage des Romans. Ihre Schuld trennt Stella von ihren Opfern, die keine Wahl mehr haben. Takis Würger mag es manchmal an den richtigen Mitteln fehlen, aber der Sinn und Zweck seiner Geschichte sind nicht falsch.“

Das stimmt (W.S.).

(Lothar Müller, SZ 19./20.1.19; Dirk Knipphals, taz 19./20.1.19; Richard Kämmerlings, Literarische Welt 19.1.19; Thomas Assheuer, Die Zeit 24.1.19)

2259: Toni Turek – „Fußballgott“

Samstag, Januar 19th, 2019

Im vorletzten seiner 20 Länderspiele stand Toni Turek bei der Fußball-WM 1954 in Bern im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er spielte insgesamt sehr gut und zeigte einige überragende Paraden, die den deutschen Sieg über Ungarn mit 3:2 ermöglichten. Daraufhin nannte ihn der berühmte Radioreporter Herbert Zimmermann einen „Fußballgott“. Das hat Werner Raupp in den Titel seines Turek-Buchs aufgenommen:

Toni Turek – Fußballgott. (Arete) 208 Seiten, 16 Euro.

Es ist am 18. Januar 2019 erschienen, Tureks 100. Geburtstag. Der war mit einem Granatsplitter im Kopf aus dem Zweiten Weltkrieg gekommen, der nie entfernt worden ist. Danach spielte Turek bei TuS Duisburg, Eintracht Frankfurt, TSG Ulm 46, Fortuna Düsseldorf und Borussia Mönchengladbach. Er starb 1984 mit 65 Jahren (Ulrich Hartmann, SZ 18.1.19).

 

2256: Bauhaus 100

Dienstag, Januar 15th, 2019

Vor hundert Jahren gründete Walter Gropius in Weimar das Bauhaus. Als Vorbild nahm er sich die mittelalterliche Bauhütte. Verpflichtet war das Unternehmen der Einheit von Kunst und Technik. Dadurch wurde über eine lange Zeit von Weimar, Berlin und Dessau aus der „International Style“ geprägt. Er war keineswegs einheitlich und hatte auch kein geschlossenes ideologisches Konzept. Politische Korrektheit war seinerzeit noch nicht so dominant wie heute. Der Erfolg des Bauhauses beruhte auf den von Gropius gewonnenen Lehrern

Wassily Kandinski,

Paul Klee,

Lyonel Feiniger,

Laszlo Moholy-Nagy,

Oskar Schlemmer,

Otto Dix.

Auch die junge Bundesrepublik verdankte dem Bauhaus manche Neuheit. Dass so viele potente Künstler überhaupt bereit waren, sich in den Dienst der angewandten Kunst zu stellen, ging auf den künstlerischen Gestaltungswillen in den jungen Demokratien nach dem Ersten Weltkrieg und die Sowjetunion zurück, die ursprünglich verschiedenen Künsten Schaffensmöglichkeiten einräumte, bevor seit 1929 alles davon im Stalinismus unterging (Catrin Lorch, SZ 15.1.19).

 

2254: Rosa Luxemburg – weithin missverstanden

Sonntag, Januar 13th, 2019

Rosa Luxemburg (geb. 1871) wurde am 15. Januar 1919 (mit Karl Liebknecht) von Angehörigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division in Berlin ermordet. Damit war eine der größten Hoffnungen der deutschen Kommunisten beseitigt. Später wurde ihre Leiche im Landwehrkanal gefunden. Rosa Luxemburg gehörte zur Linken innerhalb der SPD. Sie kämpfte für Massenstreiks, gegen das Militär und für den „proletarischen Internationalismus“. Später sollte sie den Kriegskrediten nicht zustimmen. Sie gründete den Spartakusbund und die KPD (30.12.1918) mit. Rosa Luxemburg bejahte die Oktoberrevolution, lehnte aber die Parteidiktatur Lenins und der Bolschewiki ab („Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“).

In Deutschland saß die zarte Frau, die nach einer Fehloperation als Kind hinkte, häufig im Gefängnis. Auf Männer hatte sie eine beträchtliche Wirkung. Sie sprach Polnisch, Jiddisch, Russisch, Französisch und Deutsch. Als Freundin und Brieffreundin war sie eine sehr menschliche, warmherzige und empathische Person. Sie war Dozentin an der Parteischule der SPD. Zur deutschen „Revolution“ kam sie aus dem Gefängnis am 10. November 1918 einen Tag zu spät. Gemeinsam mit ihrem rhetorisch ebenfalls sehr fähigen Mitstreiter Karl Liebknecht verfügte sie kaum über eine breite „Massenbasis“. Derweil paktierten die Sozialdemokraten unter Friedrich Ebert und Gustav Noske mit Freikorps und der Reichswehr.

Die 68er in Deutschland hatten ein schwärmerisches, beinahe romantisches Verhältnis zu Luxemburg. Ihre zentralen Schriften, die heute nicht mehr so bedeutsam sind („Reform oder Revolution?“ 1899; „Die Akkumulation des Kapitals“ 1913 und „Die russische Revolution“ erschienen erst 1922), waren dort kaum bekannt oder wurden als Handlungsanweisungen für Bürgerkinder missverstanden.

Die Linken legen an Luxemburgs Todestag, dem 15. Januar, stets rote Nelken am Denkmal ihrer Heldin nieder. Das war auch schon in der DDR der Fall. Dort war Rosa Luxemburgs Denken tatsächlich bei der SED verpönt. Als im Januar 1988 einige der Rosa Luxemburgs Gedenkenden ihren Satz von der Freiheit des Andersdenkenden skandierten, wurden sie verhaftet. „Für Rosas rote Demokratie war in der DDR kein Platz.“

Als politische Kronzeugin taugt Rosa Luxemburg heute kaum noch. Dazu haben sich die Zeiten seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts zu stark verändert. Ob aber Elke Schmitter recht hat, ist fraglich: „Das heutige Beharren auf Benachteiligung, ob wegen Geburt oder Geschlecht, Status oder Religion, hätte sie nur gelangweilt.“

„Rosa Luxemburg war keine Demokratin im Sinne des Grundgesetzes. Sie verfasste Wuttiraden gegen die Nationalversammlung, den Parlamentarismus, das Prinzip der Mehrheitsbeschlüsse. Sie wollte Revolution – und zwar keine friedliche mit Lichterketten; sie hielt Gewalt für legitim, wenn sie dem Ziel der neuen Gesellschaft dienlich war.“

In ihrer polnischen Heimat war Rosa Luxemburg kaum beliebt, weil sie entgegen dem Gefühl vieler Polen einen polnischen Nationalstaat für nicht so wichtig hielt. Das PIS-Regime hat den Gedenkstein für sie an ihrem Geburtshaus in Zamosc 2018 abnehmen lassen (Joachim Käppner, SZ 12./13.1.19; Marc Reichwein, Literarische Welt 12.1.19).

2253: Wird die Welt immer friedfertiger ?

Freitag, Januar 11th, 2019

Der Kognitionspsychologe Steven Pinker (geb. 1954) verficht seit langem die These, dass die Welt entgegen mancher anderen Behauptungen immer friedfertiger werde. Zentral sind hierfür seine Bücher

Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit (2011) und

Aufklärung (2018).

2010 hat Pinker einen Vortrag an der Georg-August-Universität Göttingen gehalten. Er stützt sich auf eine Flut von Daten, Fakten und Grafiken. Glaubt man ihm, dann können wir uns sagen, wie gut wir es doch haben, dass wir heute leben. Als Ursachen für die Entwicklung sieht Pinker die Aufklärung und die Entwicklung der Nationalstaaten mit ihrem

Gewaltmonopol.

Pinker lobt die Entwicklung der Bürgerrechte, der religiösen Toleranz und unseren immer kosmopolitischer werdenden Blick auf die Welt. Als Pinkers großer Vorläufer wird der Soziologe Norbert Elias (1897-1990) angesehen, dessen bahnbrechendes Werk den Titel

Über den Prozess der Zivilisation (1939)

trägt. Elias war ein Schüler Karl Mannheims (1893-1947).

Widerspruch bekommt Steven Pinker neuerdings hauptsächlich von Historikern. Sie werfen dem Psychologen vor, historische Methoden zu vernachlässigen, sich auf körperliche Gewalt zu konzentrieren und die Härte der Gewalt in der Vergangenheit zu übertreiben (etwa in prähistorischen Jäger- und Sammlergesellschaften). In den Mittelpunkt stellen sie die von Pinker aufgegriffene These vom „finsteren Mittelalter“. Sie sei von den Humanisten der Renaissance erfunden und dann von den Aufklärern zum Stereotyp gemacht worden. Pinker legt eine beeindruckende Statistik zu Mordfällen in fünf westeuropäischen Ländern zwischen 1300 bis 2000 vor. Danach geht die Mordrate insgesamt eindrucksvoll nach unten. Voller Fortschrittsoptimismus verkündet Pinker, dass die Gewaltlosigkeit zur psychischen Normalausstattung des Menschen geworden sei (Christian Wolf, Die Welt 5.1.19).

Es ist gar nicht so einfach, zu Pinkers These eine seriöse Position zu beziehen. Denn – wieder einmal – kommt es dabei viel weniger auf wissenschaftliche Daten, Methoden und Ansätze an als auf unsere Perspektive auf die Welt (Weltanschauung). Denn, wie der Konstruktivismus uns schon richtig sagt, sehen wir die Welt so, wie wir sie sehen wollen. Wie sie in unser Vorurteilsgerüst hineinpasst. Und so ist es, wie zu erwarten: Die Linken und Pazifisten lehnen Pinker überwiegend ab. Seine Thesen bringen es ja mit sich, dass die linken und pazifistischen Aufklärungsprogramme weithin überflüssig wären, weil die Welt sich ja schon – vielleicht zu langsam – in die richtige Richtung bewegt. Daran haben Linke und Pazifisten gar kein Interesse. Sie wollen sich ja nicht überflüssig machen, sie wollen die Welt schlecht. Und umgekehrt: Die Rechten freuen sich, dass sie an manchen von ihnen favorisierten Vorurteilen festhalten können, weil die Welt ohnehin schon auf dem richtigen Weg, dem zu immer weniger Gewalt, ist. Dann kann man auch schon mal Waffenlieferungen an Staaten wie die Türkei und Saudi-Arabien rechtfertigen.

Wo stehen Sie? Diejenigen von Ihnen, die sich hinter der Aussage verstecken, rechts und links gebe es heute nicht mehr, nehme ich nicht ernst. Die drücken sich nur. Oder wollen Wahlkämpfe gewinnen.

Wenn Sie, was Ihr gutes Recht ist, meine Meinung hören wollen, so sage ich Ihnen, dass ich Pinkers Beweisführung und seine These plausibel finde. Ich bin also ein richtiger Rechter.

2248: Euro – 20 Jahre alt

Montag, Januar 7th, 2019

Der Euro wird 20. Er hat viel für die Integration Europas und den Wohlstand Deutschlands getan. Daran ändert auch die unsachliche Kritik vieler Populisten und Nationalisten nichts. Der Euro hat zu mehr Handel, mehr Investitionen und mehr Stabilität geführt. Und, in den ersten zehn Jahren, zur Integration der Finanzmärkte. Der Euro hat von der Stärke und Glaubwürdigkeit der DM und der Bundesbank profitiert. Er ist zur zweiten Leitwährung der Welt geworden.

Deutschland braucht den Euro nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus politischen Gründen. Denn das kleine Deutschland kann seine globalen Interessen nur dank eines starken Euro und eines geeinten Europa wahren. Die Behauptung, dass Deutschland durch den Euro zu viele Risiken übernehme, ist falsch. Eine Währungsunion ist eine Versicherungsunion. Darin werden die Risiken geteilt. Deutschland hat durch die Rettungskredite an andere Länder und die Geldpolitik der EZB keine Verluste erlitten, sondern hohe finanzielle Gewinne gemacht.

Einige der mit dem Euro verbundenen Hoffnungen konnten wegen der globalen Finanzkrise und der folgenden europäischen Finanzkrise nicht erfüllt werden. Es gibt also durchaus enormen Reformbedarf. Aber alle Rettungskredite wurden zurückgezahlt. Mit satten Gewinnen für den deutschen Fiskus. An falschen Investitionsentscheidungen trägt der Euro keine Schuld.

Angestrebt werden sollten die Vollendung des Binnenmarkts für Dienstleistungen, eine Kapitalmarktunion und eine funktionierende Bankenunion. Dadurch können die Risiken einer Krise und deren Ansteckungseffekte minimiert werden. „Der Euro war und ist ein Glücksfall für die deutsche Geschichte.“ (Marcel Fratzscher, SZ 7.1.19)