Archive for the ‘Geschichte’ Category

2302: Die Voraussetzungen des freiheitlichen Rechtsstaats

Dienstag, Februar 26th, 2019

Im Alter von 88 Jahren ist der ehemalige Bundesverfassungsrichter (1983-1996) Ernst-Wolfgang Böckenförde gestorben. Von ihm stammt der berühmte Satz:

„Der freiheitliche, säkulare Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

In Kassel geboren, wurde der gläubige Katholik und Sozialdemokrat Böckenförde zu einem der herausragenden Verfassungsrechtler der Bundesrepublik. Die Kirche betrachtete er als Ort der Wertebildung und Wertevermittlung. Die Funktion des Verfassungsrechtlers sah er in der Begrenzung der Macht der Politik. Als die Kirche noch Wahlempfehlungen gab, verwies u.a. Böckenförde sie in die Schranken. Böckenförde war Professor für öffentliches Recht, Rechtsgeschichte, Verfassungsgeschichte und Rechtsphilosophie in Heidelberg, Bielefeld und Freiburg. Sein Faible für Carl Schmitt war unverständlich (Heribert Prantl, SZ 26.2.19).

2300: Gauland und Wagenknecht spielen sich die Bälle zu.

Montag, Februar 25th, 2019

Seit 1945 standen die Linken theoretisch immer auf tönernen Füßen (KPD, SED, DKP, KPD-AO, KPD-ML, SDS, SHB usw.). Zumindest aber waren sie Globalisten: „Proletarier alles Länder, vereinigt euch.“ Die grundsätzlich falsche Europapolitik der Linken („militaristisch“, „neoliberal“, „undemokratisch“) nimmt den Kontinent wenigstens noch hauptsächlich in den Blick. Das ist angesichts der Migration mit Sara Wagenknecht (Die Linke) anders geworden. Sie setzt wie die AfD auf Nationalismus und Grenzregimes. Seither spielen sich Alexander Gauland (AfD) und Sara Wagenknecht (Die Linke) gegenseitig die Bälle zu.

Beinahe prophetisch hatte Jörg Aufermann in unserem Rundfunkbuch „Fernsehen und Hörfunk für die Demokratie“. Opladen. 2. Auflage. 1981, auf S. 364 bereits den österreichischen Dichter Ernst Jandl zitiert:

„manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum“.

Gauland und Wagenknecht haben eine neue „Klasse“ entdeckt. Sie sitzt in internationalen Konzernen, spricht Englisch und findet beim Jobwechsel überall die gleichen Privatschulen. Diese Klasse ist heimatlos und haltlos. Dagegen identifizieren Gauland und Wagenknecht die „einfachen Menschen“, die „den Buckel krumm machen“, die Opfer der Entwicklung. Wie Konrad Schuller (FAS 24.2.19) zeigt, trifft das so nicht zu: „Die früher einmal armen Länder Osteuropas sind immer reicher geworden, seit sie sich der Welt geöffnet haben. In Polen verdient man heute so gut, dass Millionen von Ukrainern einwandern. Aber auch Deutschland gewinnt. Ohne die günstigen Lieferteile aus Tschechien oder aus der Slowakei wären deutsche Volkswagen heute so teuer, dass kein Mensch sie kaufen würde.“

2299: Entsetzen über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

Sonntag, Februar 24th, 2019

Nicht wenige von uns hat das helle Entsetzen gepackt angesichts des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Über sein hohes Ausmaß. Vor allem aber darüber, dass es anscheinend eine Struktur in der Kirche gibt, die den sexuellen Missbrauch nicht nur begünstigt, sondern auch auf Dauer gestellt und das Vertuschen (Versetzungen usw.) vorgesehen hat. Unter Papst Franziskus bemüht sich die Kirche nun erstmals ernsthaft darum, den Makel zu beseitigen.

Viele von uns scheuen sich, das Thema zu besprechen. Weil wir wissen, in welch starkem Maße die Kirche West- und Mittelosteuropa geprägt hat. Bis hin zu sozialpolitischem Fortschritt im Zeichen der katholischen Soziallehre (etwa Oswald von Nell-Breuning, 1890-1991). Es tröstet gar nicht, dass es auch bei anderen Religionen und bei den Indigenen nicht besser aussieht. Das ist nicht unser Thema.

Grund für die vollkommen verfahrene Situation ist anscheinend eine völlig verlogene Sexualmoral. Sie wird von den Katholikinnen und Katholiken, die ich kenne, weder geteilt noch praktiziert. Der Zwangs-Zölibat gehört abgeschafft. Die Sehnsucht nach körperlicher Liebe muss auch für Priester zulässig sein.

Der französische Journalist Frédéric Martel beschreibt in seinem Buch „Sodoma“ den Vatikan als eine klandestine homosexuelle Kultur, die sich nach außen homophob artikuliert.

Matthias Drobinski fordert (SZ 23./24.2.19): „Der Papst sollte klar regeln, wie er von Missbrauch Betroffenen helfen will, und verkünden, dass ein Täter kein Priester mehr sein kann. Das wären Schritte hin zu einem neuen Kirchenverständnis.“

(Bernd Deiniger, Die Zeit 7.2.19; Oliver Meiler, SZ 22.2.19; Ronen Steinke, SZ 22.2.19; Matthias Drobinski, SZ 22.2.19; Sascha Lehnartz, Die Welt 23.2.19; Mattias Rüb, FAZ 23.2.19; Matthias Rüb, FAS 24.2.19)

2294: Der „Fall“ Carl Gustav Jung

Dienstag, Februar 19th, 2019

Noch bevor ich studiert habe, 1968-1972, hatte ich von Carl Gustav Jung (1875-1961) einiges gehört. Er galt seinerzeit wohl als bedeutender Psychoanalytiker. Dann lernte ich durch ein Fernseh-Interview Ludwig Marcuse (1894-1971) kennen. Mit ziemlicher Begeisterung las ich seine Bücher. Darunter:

Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie. Frankfurt am Main/Hamburg 1968.

Darin finden sich auf den Seiten 140 bis 148 Anmerkungen über Carl Gustav Jung, die mich erschreckt haben. In ihnen ist erkennbar, dass Jung ein Nazi war. 1933, nach dem Rücktritt von Ernst Kretschmer als Präsident der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychoanalyse wurde der Schweizer Jung Präsident der Internationalen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie. Marcuse zitiert Jung mit folgenden Sätzen:

– „Die tatsächlich bestehenden und einsichtigen Leuten schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann. Es gibt in der Psychologie vor allen anderen Wissenschaften eine persönliche Gleichung.“ Jung sprach von einer „semitischen Psychologie“.

– „Freud gründet sich mit fanatischer Einseitigkeit auf die Sexualität, die Begehrlichkeit, das ‚Lustprinzip‘ mit einem Wort.“

– Über „die“ Juden: „Als die physisch Schwächeren müssen sie auf die Lücken in der Rüstung des Gegners zielen.“

– Über das „arisch Unbewusste“: es enthalte „Spannkräfte und schöpferische Keime von noch zu erfüllender Zukunft, die man nicht ohne seelische Gefährdung als Kinderstubenromantik entwerten darf. Die noch jungen germanischen Völker sind durchaus imstande, neue Kulturformen zu schaffen, und diese Zukunft liegt noch im Dunkel des Unbewußten in jedem einzelnen, als energiegeladene Keime, fähig zu gewaltiger Flamme.“

– „Das arische Unbewußte hat ein höheres Potential als das jüdische.“

– „Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, daß sie jüdische Kategorien … unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte.“

– Bei Jung kannte Freud „die germanische Seele nicht, so wenig wie alle seine germanischen Nachbeter sie kannten. Hat sie die gewaltige Erscheinung des Nationalsozialismus, auf den eine ganze Welt mit erstaunten Augen blickt, eines Besseren belehrt? Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in jenem tiefen Grunde, der alles andere ist als Kehricht-Kübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments.“

– Was die Angelegenheit so ungeheuerlich macht, ist die Tatsache, dass der gleiche Carl Gustav Jung 1945 in der Zürcher „Weltwoche“ von der deutschen „Kollektivschuld“ sprach. Die Unterscheidung zwischen ehrenwerten und ehrlosen Deutschen sei naiv. Ludwig Marcuse: „Der führende hakenkreuzlerische Psychologe wurde nach 1945 zum Verkünder – der deutschen Kollektiv-Schuld.“

– Der bekannte deutsche Nationalökonom Wilhelm Röpke sagte: „Die Geschichte des Professors Jung ist gewiß ungewöhnlich in ihren ekelhaften Details.“

– Bestätigt werden Ludwig Marcuses Thesen in dem Buch von

Jeffrey M. Masson: Die Abschaffung der Psychotherapie. Ein Plädoyer. München 1991 (1988)

auf den Seiten 125 bis 155.

2293: Psychoanalyse im Nationalsozialismus

Dienstag, Februar 19th, 2019

Wie andere Theorien auch muss es sich die Psychoanalyse gefallen lassen, von Zeit zu Zeit kritisch überprüft, ja manchmal sogar hart kritisiert zu werden. Einen dieser Versuche hat der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt Salomon Korn unternommen („Die Zeit“ 7.2.19), der zugleich Mitglied im Kuratorium des Sigmund-Freud-Instituts ist. Für Korn hat im Nationalsozialismus im Gegensatz zur Legende vom Widerstand der Psychoanalyse eine „Arisierung“ und Selbstgleichschaltung stattgefunden. Die Psychoanalyse war nicht der natürliche Gegner der Nazis. Führende Analytiker wie

Felix Böhm,

Carl Müller-Braunschweig,

Werner Kemper und

Harald Schultz-Henke

betrieben Anpassung an den Faschismus. Sie spielten den Nazis beim brutalen Vollzug der Rassegesetze direkt in die Hände. Das ist nicht ganz neu, nur scheint Korn der Meinung zu sein, dass darauf heute wieder hingewiesen werden muss.

„Die Selbstgleichschaltung der Psychoanalyse beschädigt gewiss nicht die Lehre Freuds, aber sie wirft Fragen nach der fortan sogenannten ‚Seelenkunde‘ auf. Was ist von einer tiefenpsychologischen Therapie zu halten, die im Moment ihrer größten Bewährungsprobe alles Menschliche dem persönlichen Fortkommen opfert?“ Die Psychoanalytiker Hans-Martin Lohmann und Lutz Rosenkötter hatten schon 1982 geschrieben: „Die Chronik der Jahre zwischen 1933 und 1945 (wäre) viel leichter zu schreiben, wenn wir davon berichten könnten, dass die ‚arischen‘ Analytiker von einem bestimmten Punkt der Entwicklung an eindeutig ‚Nein‘ gesagt hätten.“

In dem berüchtigten Fernseh-Interview (1963) mit Günter Gaus hat die Philosophin Hannah Arendt, allerdings eine scharfe Kritikerin der Psychoanalyse, gesagt: „Das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten, (…) das war, als ob sich ein leerer Raum bildet.“

Ich wundere mich nur, dass bei Salomen Korn nicht stärker der Groß-Analytiker Carl Gustav Jung (1875-1961) kritisiert wird, der tatsächlich faschistische Züge hatte. Ich werde das im nächsten Blog-Beitrag nachholen

2291: Auf die USA ist kein Verlass mehr.

Montag, Februar 18th, 2019

Die Münchener Sicherheitskonferenz hat endgültig gezeigt, dass auf die USA im Hinblick auf NATO und EU (auf den gesamten Westen) kein Verlass mehr ist. Das bringt Europa in eine noch schwierigere Lage. Denn nun muss es für seine Sicherheit selber sorgen. Angesichts russischer Annexionspolitik und chinesischer Hochrüstung. Durch den Brexit verliert Europa die britischen Atomwaffen. Der INF-Vertrag ist von den USA und Russland aufgekündigt worden. Die baltischen Länder und Polen fühlen sich von Russland bedroht.

In dieser Lage hilft keine Politik der Grünen, welche die westliche Verteidigung nur halbherzig unterstützen. Noch weniger die Politik der Linken, die im Zweifelsfall auf Seiten Russlands stehen und die Krim-Annexion befürworten. Die AfD will die EU schwächen. Davon ist Sara Wagenknechts Bewegung kontaminiert (bei der Migrationspolitik). Alle diese Kräfte liegen grundsätzlich falsch und sind für eine Konsolidierung und Stärkung von EU und NATO nicht zu gebrauchen.

Anders Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Auf der Sicherheitskonferenz in München sagte sie angesichts des geplanten gemeinsamen Baus eines neuen Kampfflugzeugs mit Frankreich, wenn „wir in Europa keine gemeinsame Kultur der Rüstungsexporte haben, dann ist die Entwicklung von gemeinsamen Waffensystemen natürlich auch gefährdet“. Merkel sagte weiter, man könne nicht von einer europäischen Armee und von einer gemeinsamen Rüstungspolitik sprechen, wenn man nicht gleichzeitig bereit sei, eine gemeinsame Rüstungsexportpolitik zu machen (Daniel Brössler, Paul-Anton Krüger SZ 18.2.19).

Die ist mit Grünen, Linken, AfD und einigen Teilen der SPD nicht machbar.

Also bleiben für eine verlässliche Politik der politischen und militärischen Stärkung des Westens nur die CDU/CSU, die FDP und andere Teile der SPD übrig.

2289: Maxim Biller und die Deutschen

Samstag, Februar 16th, 2019

Maxim Biller hat es mit den Deutschen nicht leicht. Der 1960 in Prag geborene Schriftsteller versucht in einem Essay in der „Literarischen Welt“ (16.2.19) zu belegen, dass deutsche Intellektuelle, egal ob rechts oder links, in den Fallstricken der deutschen Schuld durch den Holocaust hängen bleiben. Er behauptet sogar eine Nähe zwischen rechts und links. Und, das verwundert manche gewiss, er hat recht.

Als Beispiele greift er so bekannte wie erfolgreiche Journalisten, Autoren, Regisseure, Produzenten und Wissenschaftler auf wie Frank Schirrmacher (1959-2014), Nico Hofmann (geb. 1959), Bernd Eichinger (1949-2011), Frank Castorf (geb. 1951), Botho Strauß (geb. 1944), Helmut Lethen (geb. 1939) und Harald Martenstein (geb.1953). Bei allen handelt es sich um in ihrer Branche höchst erfolgreiche Protagonisten.

Bei Schirrmacher nennt er neben seinen vielfältigen politisch korrekten publizistischen Aktionen (z.B. Walser, Reich-Ranicki etc.) dessen Lobpreis für Nico Hofmanns „Unsere Mütter, unsere Väter“. Bei Bernd Eichinger dessen „Bunker-Operette“ „Der Untergang“ (mit Bruno Ganz, gerade gestorben). „Und trotzdem war es von dort nie sehr weit zu einem Weltbild, in dem alles Westliche, Liberale und Jüdische als absolut fragwürdig, falsch und undeutsch galt, …“

„Anders kann ich mir jedenfalls nicht die anachronistische und völlig unlogische Schwäche so vieler moderner, scheinbar aufgeklärter Deutscher für

Ernst Jüngers eisigen Menschenhass erklären,

für Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie,

für Martin Heideggers Zivilisationsparanoia,

für Gottfried Benns Emigrantenverachtung,

für Stefan Georges Verherrlichung tyrannischer Männlichkeit,

für Oswald Spenglers Untergangsträume,

für Richard Wagners gesungene und geschmetterte Deutschlandfantasien.“

„Sie alle verband nämlich neben ihrem oft sehr offenen, wütenden Antisemitismus, der interessanterweise heute niemand stört, so dass man fast denken muss, er ist sogar einer der Gründe für ihre immer weiter anschwellende Popularität – die Sehnsucht nach einer mythischen, vordemokratischen, urvolkhaften Zeit, die absolut nichts mit unserer globalen Twitter- und Foodora-Welt zu tun hat – und wahrscheinlich übt genau das auf viele der heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen einen unwiderstehlichen Reiz aus.“

Biller sieht bei Frank Castorfs Theaterarbeit, wie an der „Volksbühne“ die Stoffe durch den „nationabolschewistischen Fleischwolf“ gedreht werden. Botho Strauß führt bei Biller einen „beleidigten Angriff auf die Heiligkeit und Liberalität unserer westlichen Lebensideen“. Von da ist es nicht weit zu Claas Relotius‘ Fälschungen. Dirk Kurbjuweit habe im „Spiegel“ 2014 Ernst Noltes „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ verteidigt, mit der der Historiker-Streit ausgelöst worden war.

Zentral ist bei Biller die Tisch- und Bettgemeinschaft des Ehepaars Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld. Er gehörte in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur KPD-AO (ganz links), konnte dadurch nicht in den öffentlichen Dienst und wurde erst 1996 Germanistik-Professor in Rostock. Sie war dort seine Studentin und ist heute eine führende Publizistin der „Identitären“ (ganz rechts). In den „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994) schrieb er über die Intellektuellen der Weimarer Republik. 2018 erschienen „Die Staatsräte“, wo er die Zusammenarbeit der Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Sauerbruch und Carl Schmitt mit den Nazis thematisiert und teilweise fiktionalisiert. Caroline Sommerfeld empfindet sich als die eigentliche Hüterin der Lehre Rudolf Steiners, von dessen offenem Rassismus sich der Bund der freien Waldorfschulen in seiner Stuttgarter Erklärung erst 2007 distanziert hatte (vgl. hierzu eigens: Volker Weiß, FAS 3.2.19). Die beiden Söhne Sommerfeld/Lethens waren kürzlich der Grund für ein Zerwürfnis des Paars mit der Wiener Waldorfschule.

Maxim Biller kritisiert, dass „Spiegel“-Mann Dirk Kurbjuweit sich unfrei fühlt durch „Jahrzehnte deutscher Geschichtserziehung in Schulen, durch Medien, Bücher, durch den Historikerstreit“. Er ist angeekelt von den Sympathien der Fernseh-Journalisten von „Kulturzeit“ für die „ultranationalistischen Gelbwesten-Antisemiten“. Und er zitiert Harald Martenstein mit dem Satz: „Als ich jung war, hatte ich es in der Familie noch mit einigen echten Nazis zu tun, einige von ihnen liebte ich.“

Was Maxim Biller also an vielen deutschen Intellektuellen von links bis rechts kritisiert, sind ihre antiwestlichen Affekte, ihr latenter Antisemitismus und ihr Antimodernismus. Damit hat er leider recht.

2287: Die Bauhaus-Legende – dekonstruieren !

Mittwoch, Februar 13th, 2019

In der ihm eigenen kundigen, klugen und klaren Art nimmt sich Hanno Rauterberg anlässlich des hundertsten Jubiläums des Bauhauses dessen Mythos an („Die Zeit“ 17.1.19). In drei Schritten dekonstruiert er die wichtigsten Legenden der Hochschule für Gestaltung: 1. dass das Bauhaus innovativ, 2. ein Ort des Freisinns und 3. revolutionär gewesen sei. Die Werbung für das Jubiläum will es so, dass im Bauhaus der Traum vom besseren Leben für alle geträumt worden sei – hell, geräumig, hygienisch, einwandfrei, fortschrittlich und bezahlbar für alle. Im Bauhaus-Jubiläum feiert sich das kreative Deutschland.

Dabei war die „Kunst der Selbstverklärung“ wohl ein Markenzeichen des Bauhauses unter ihren Direktoren

Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe.

Der Name Bauhaus war von den gotischen Bauhütten des Mittelalters abgeleitet. Überwunden werden sollten die Übel der Zeit: die Weltangst nach dem Ersten Weltkrieg, die Entfremdungserfahrungen der Industrialisierung, der als peinvoll empfundene Pluralismus. Gedacht wurde die Einheit von Kunst, Handwerk und Gesellschaft. Manche Hervorbringungen des Bauhauses trugen skurrile Züge. Oder rassistische. So bei Johannes Itten, der von der „weißen Rasse“, dem „Haus des weißen Mannes“ und vom Geist der Überlegenheit sprach. Manchmal folgte das Bauhaus anderen Kunstschulen wie der De-Stijl-Bewegung in Amsterdam oder dem russischen Konstruktivismus. Sie verkündeten das Elementare, das Eigentliche und die schwebende Leichtigkeit. Im Gegensatz zur Aufklärung, die jede Vorstellung von einer ewigen Ordnung über den Haufen geworfen hatte, verfolgte das Bauhaus lange Jahre die Idee der Eigentlichkeit.

Die Zahl der Frauen im Bauhaus war bewusst begrenzt. Sie waren nicht gleichberechtigt, sondern galten weithin als „Webmädchen“. Rigide waren die Vorstellungen vom richtigen Bauen. Das Heil lag im rechten Winkel. Der Bauhaus-Meister Paul Klee selbst kritisierte die „Schablonengeistigkeit“. Für Hannes Meyer war Bauen nur Organisation: „soziale, technische, ökonomische, psychische organisation“. Die Last der Überlieferung sollte abgeworfen, die Zumutungen einer unübersichtlich gewordenen Zeit beseitigt werden.

Das Bauhaus pflegte die These, es sei ein Hort des Widerstands gewesen. Und tatsächlich sahen seine Gegner in der Reformschule „kommunistische Umsturzpläne“. Rechte und Rechtsextremisten waren gegen das Bauhaus. In der Tat bemühte sich die Schule unter seinem Direktor Mies van der Rohe ab 1930 dezidiert darum, sich aus tagespolitischen Konflikten herauszuhalten. Kritik am Kapitalismus war unerwünscht. Das Bauhaus setzte auf die Kräfte des Marktes. So kam es dazu, dass die Projekte von ihrer Produzierbarkeit her gedacht wurden. Die Studenten sollten wie Jungunternehmer agieren und sogar an den Gewinnen beteiligt werden. Dabei waren die meisten Sessel, Lampen und Teekannen für die breite Masse unerschwinglich. Der Hang zur Luxusproduktion nahm unter Mies ständig zu. So verlor sich jede Sozialkritik, sollte sie einmal beabsichtigt gewesen sein, in den Villen, die für die Reichen gebaut wurden. Herausgekommen war eine „Ästhetik renditegesteuerter Beliebigkeit“. Die Geschichte der Bauhäusler war eine „Geschichte des Selbstverrats“.

Walter Gropius beharrte darauf, dass sein Bauhaus nicht bolschewistisch und nicht jüdisch gewesen sei, sondern deutsch. Er beteiligte sich an Ausstellungen und Wettbewerben des NS-Regimes. Mies unterschrieb einen großen Aufruf zur Unterstützung Adolf Hitlers und bewarb sich dafür, die Reichsbank in Berlin bauen zu dürfen. Erst 1938 ging er in die USA, wo er seinen Weltruhm begründete. Dort, in der Emigration, brachten neben Mies auch Walter Gropius, Marcel Breuer und Josef Albers das Bauhaus erst zu seiner wahren Bedeutung. Andere Bauhäusler wie Ernst Neufert blieben in Deutschland. Er wurde einer der engsten Mitarbeiter von Albert Speer. Fritz Ertl agierte als stellvertretender Leiter der SS-Zentralbauleitung im Konzentrationslager Auschwitz. Er entwickelte die serielle Produktion von Baracken, in denen etliche andere vom NS-Regime verfolgte Bauhäusler eingesperrt wurden, bevor man sie ins Gas schickte.

Walter Gropius erwies sich auch nach 1945 als Meister der Eigenwerbung. Er organisierte viel beachtete Ausstellungen in New York und versuchte den Eindruck zu erwecken, der sogenannte International Style sei eigentlich in Weimar geboren worden. Vorläufer wie Adolf Loos und Frank Lloyd Wright unterschlug er oft. Die politische Linke in Deutschland übte hauptsächlich Kritik am Bauhaus. Ernst Bloch sprach über „Stahlmöbel, Betonkuben, Flachdachwesen“. Bertolt Brecht polemisierte gegen „Kasernen“ und Theodor W. Adorno erkannte „Konservenbüchsen“. Heute gilt das Bauhaus überwiegend als modern, innovativ, aufgeklärt und zeitgemäß. Und einige seiner Produkte sind es ja wirklich. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

„Denn genau das war ja die Bauhaus-Moderne: innerlich zerrissen, manchmal sentimental und konformistisch, gelegentlich wahnhaft in den eigenen Enthusiasmus verliebt.“

2286: Die SPD hat noch eine Chance.

Mittwoch, Februar 13th, 2019

Andrea Nahles ist besser als ihr Ruf. Das hatte sie schon als Ministerin bewiesen, sie zeigt es jetzt auch als Parteivorsitzende der SPD. Aber es gibt dort zu viele, die ihr keinen Erfolg gönnen. Dabei hat die Partei durch den Vorschlag eines verbesserten Sozialstaatsmodells die Chance, sich mit der Agenda-2010-Politik zu versöhnen. „Genauso ist das Konzept geeignet, die Partei mit Andrea Nahles als Chefin  zu versöhnen. Für beides wird es höchste Zeit.“ (Mike Szymanski, SZ 13.2.19). Die SPD dümpelt bei 15 Prozent. Und es ist kein „Erlöser“ in Sicht. Einmal ganz abgesehen davon, dass Frau Nahles als Frau zusätzliche Nachteile hat zwischen all den Machos. Vorsichtig formuliert.

Die relativ erfolgreichen Ministerpräsidenten Stephan Weil (Niedersachsen) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) wissen, dass sie an der Parteispitze keinen raschen Erfolg erreichen können. Sie halten sich zurück. Schwesig hat sich von Nahles in die Arbeit am Sozialstaatskonzept einbinden lassen. Auch Juso-Chef Kevin Kühnert gibt seit Wochen Ruhe. Sie alle sind am Erfolg von Andrea Nahles und der SPD interessiert.

Sigmar Gabriel geht es anscheinend darum nicht. Er will Nahles zu Fall bringen, koste es, was es wolle. Erst moniert er, dass die SPD nicht schon früher die Grundrente auf die Tagesordnung gesetzt hat. Dann übt er Kritik an der großen Koalition. Was war eigentlich zu seiner Zeit als Parteivorsitzender los? Gabriel ist sprunghaft und agiert wie ein Saboteur. Von dem bekannten russischen Lobbyisten zu schweigen.

2284: Jörg Schönbohm gestorben

Samstag, Februar 9th, 2019

Jörg Schönbohm, 81, der ehemalige Heeresinspekteur der Bundeswehr und Staatssekretär im Verteidigungsministerium, ist gestorben. Schönbohm stammte aus Brandenburg, wurde Soldat und brachte es als General zum Kommandeur einer Panzerdivision. 1996 ging er in die Politik, wurde Berliner Innensenator und stellvertretender Ministerpräsident in Brandenburg, wo er mit Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) vertrauensvoll zusammenarbeitete. Seine größte Aufgabe war die Integration der Nationalen Volksarmnee (NVA) in die Bundeswehr, was schnell vollständig gelang. Das wirft ein gutes Licht auf beide Armeen. In der CDU galt Schönbohm als konservativ. Er empfahl Edmund Stoiber (CSU) statt Angela Merkel (CDU) als Kanzlerkandidat der Union. Schönbohm kritisierte Merkels Flüchtlingspolitik (elo, FAZ 9.2.19).