Archive for the ‘Geschichte’ Category

2316: Ultraorthodoxe bespucken Frauen.

Samstag, März 9th, 2019

Tausende ultraorthodoxer Juden haben am Freitag eine Gruppe von Frauen bespuckt und bedrängt, die an der Klagemauer zu beten versuchte. Die Vereinigung „Frauen der Mauer“ verlangt, dort mit gleichen Gebetsrechten und in gleicher Art und Weise wie Männer beten zu können. Die Frauen trugen religiöse Bekleidung, die für viele Ultraorthodoxe Männern vorbehalten ist. Die Jerusalemer Polizei warf den Frauen eine „gezielte Provokation“ vor. Die Frauen wiesen dies als „Lüge“ zurück. Auf Druck ultraorthodoxer Parteien hatte die Regierung vor zwei Jahren Pläne für den Bau eines gemeinsamen Gebetsbereichs an der Klagemauer zurückgestellt (stah, FAZ 9.3.19).

2315: Thea Dorn: Den Zusammenhalt wahren.

Freitag, März 8th, 2019

Die Schriftstellerin Thea Dorn, 48, ist festes Mitglied im „Literarischen Quartett“. Dort besticht sie durch fundierte Unabhängigkeit. 2011 hat sie mit Richard Wagner geschrieben

„Die deutsche Seele“,

wo auf 560 Seiten von „Abendbrot“ bis „Zerrissenheit“ deutsche Eigentümlichkeiten behandelt werden. Jetzt beschäftigt Dorn sich (SZ 8.3.19) mit dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Für Dorn sind die fundamentalen Alleinstellungsmerkmale westlicher Kultur eine unverwechselbare eigene Identität und ein persönliches Ich. In rückständigeren Kulturen definierte dies nicht das Individuum, sondern die Familie, der Clan, die Religion, die „Blutsgemeinschaft“, die Sekte oder die kommunistische Partei.

Dorn möchte wissen, wie die vielen Ichs in ihrem Streben nach Selbstverwirklichung trotzdem friedlich und produktiv zusammenleben können. Auch wenn im 20. Jahrhundert der Aufstieg der westlichen Gesellschaften zu globaler Dominanz sich vollzogen habe. Möglicherweise beruhe die Krise dieser westlichen Gesellschaften gerade darauf, dass die freiheitlich-demokratischen Rechtsstaaten tatsächlich für a l l e  Bürger da sein wollten. Dass also nicht mehr die

Frauen, Juden, Schwarzen, Homosexuellen

Bürger zweiter Klasse gegenüber den

„alten, weißen Männern“

seien. Friedrich Nietzsches zynische Lösung, dass die Aufforderung „Werde, der du bist!“ nicht für alle tauge, lehnt Thea Dorn vehement ab.

Dorn versteht den Triumph der vormals Diskriminierten, wenn ein Kampf für die Gleichberechtigung gewonnen ist. Sie versteht den Zorn der immer noch Diskriminierten. „Dennoch halte ich es für fatal, wenn die Noch-nicht-so lange-Gleichberechtigten ihre Aufmerksamkeit in erster Linie auf fortbestehende Kränkungserfahrungen richten statt auf neugewonnene Spielräume für Freiheit und Selbstverwirklichung.“

Das Paradox liberaler Gesellschaften liege darin, dass Menschen in ihnen nach Originalität, Einzigartigkeit, Differenz und gleichzeitig nach Anerkennung als Gleiche streben dürften. Fatal sei die Aussage „Schau her, ich gehöre einer Gruppe von Menschen an, deren Kränkungserfahrungen einzigartig sind und deren Gefühlshaushalte du deshalb nie verstehen wirst.“ Wenn dann auch noch die „alten, weißen Männer“ und die „Biodeutschen“ dazu übergingen, mit derselben identitätspolitischen Münze zurückzuzahlen, habe der

gesellschaftliche Zerfall

endgültig begonnen.

2314: Sexueller Missbrauch in der DDR

Donnerstag, März 7th, 2019

Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern, Jugendliche und Nonnen in der katholischen Kirche ist verheerend (und noch nicht aufgearbeitet). Ebenso das System der Vertuschung. Und manchmal werden diese Tatsachen von Atheisten als Argumente gegen die Kirche verwandt. Verständlich, aber nicht voll schlüssig. Denn mit der Odenwaldschule ist ein ehemaliges Vorzeige-Projekt der Reformpädagogik auf Grund systematischen sexuellen Missbrauchs endgültig dekonstruiert worden. Nun wurde gezeigt, dass auch in der DDR systematischer sexueller Missbrauch betrieben wurde. Vor allem in den Familien, wie überall. Und in den mehr als 600 Heimen.

Das zeigt eine nicht repräsentative Fallstudie für die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. Hierzu wurden 75 vertrauliche Anhörungen und 27 Berichte zu sexuellem Missbrauch ausgewertet. Im Zentrum des Ergebnisses:

Die systematische Tabuisierung und Leugnung sexueller Gewalt in der DDR.

„Sexualisierte Gewalt kann kein Teil einer sozialistischen Gesellschaft sein.“ Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das System der DDR-Heime war gekennzeichnet dadurch, dass Individuen in immer restriktivere Heime verlegt werden konnten („Spezialheime“, „Durchgangsheime“, „Jugendwerkhöfe“). Dort gab es kollektives Verprügeln Einzelner, Putzstrafen, „Sauberkeitskontrollen“, öffentliche Beschämung und Demütigung und Missbrauch.

„Aus sexuellen Übergriffen wurden unter den Rahmenbedingungen der totalen Institution und dem Machtgefälle zwischen Erziehern und Zöglingen schnell massivere Übergriffe, die immer weiter eskalierten, da ihnen nicht Einhalt geboten wurde.“

Die Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), sieht Handlungsbedarf. Sie fordert Selbsthilfe- und Therapieangebote und Beratungsmöglichkeiten. Viele der Opfer wurden alleingelassen. Sie haben partiell sehr schwierige soziale Biografien. Auf ihre Schulbildung wurde kaum geachtet (Henrike Rossbach, SZ 7.3.19).

 

 

2313: Restitution kolonialer Raubkunst

Mittwoch, März 6th, 2019

Bénédicte Savoy ist Kunsthistorikerin. Sie forscht und lehrt an der TU Berlin und am Collège de France. Gemeinsam mit Felwine Sarr hat sie Präsident Macron umfassend wissenschaftlich berichtet über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. Seither hat sich der Streit über die Restitution verschärft. Savoy berichtet in der SZ (4.3.19) darüber, dass es von 1978 bis 1982 schon eine Restitutions-Debatte gegeben hat, die aber im Sande verlief.

1. 1978 bis 1982 wurde schon über die Restitution kolonialer Raubkunst gestritten.

2. Pierre Quoniam, der Generalinspektor der staatlichen Museen in Frankreich, der 1972 bis 1978 Direktor des Louvre gewesen war, plädierte für eine geordnete Rückgabe.

3. Der damalige Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, Stephan Waetzoldt, meinte dagegen, es sei „unverantwortlich, dem Nationalismus der Entwicklungsländer nachzugeben“.

4. 1982 sprach sich die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, Hildegard Hamm-Brücher (FDP), für „Großzügigkeit bei der Rückgabe von Kulturgütern“ aus.

5. Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens legte das Museum für Völkerkunde in Berlin 1973 eine Geschichte seiner Bestände vor. 30.000 afrikanische Artefakte waren im Zweiten Weltrkrieg verloren gegangen.

6. Am 1. Oktober 1982, anlässlich des Misstrauensvotums gegen Helmut Schmidt (SPD), hielt Hildegard Hamm-Brücher im Bundestag eine Rede, in der vom Vertrauensverlust der Politik die Rede war. Das war der Eintritt in unsere Gegenwart.

7. Der hochgelobte französische Kulturminister Jack Lang sah sich nur zu gewundenen Ausreden in der Restitutionsfrage in der Lage.

8. Anscheinend hat es eine starke Lobby- und Verhinderungsarbeit gegen die Restitution gegeben, die sich insgeheim vollzog.

9. Selbst Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sagte noch 2017: „Die Provenienz völkerkundlicher Bestände ist ein relativ neues Thema.“

10. Die Wucht, mit der das Thema Restitution viele europäische Gesellschaften erschüttert, ist die Wucht eines Bumerangs bei der Rückkehr an seinen Ursprungsort.

Nachbemerkung W.S.: Es gibt keine tragfähigen Argumente gegen die Restitution.

2312: H. A. Winkler: Zur Geschichte der SPD

Montag, März 4th, 2019

Gegenwärtig wird viel darüber nachgedacht, wie es zu der Misere kommen konnte, in der sich die SPD befindet. Matthias Geis und Bernd Ulrich (Die Zeit, 14.2.19) hatten den Hang der SPD zur Anpassung an die herrschenden Verhältnisse genannt. Und die Bewilligung der Kriegskredite 1914 sowie die Niederschlagung der Revolution 1918. Prof. Dr. Heinrich August Winkler (geb. 1938) hat dem widersprochen (Die Zeit, 21.2.19). Er ist einer der besten Kenner der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Seine „Geschichte des Westens. Vier Bände. 2009-2015.“ ist ein Standardwerk. Ich fasse Winklers Argumente in zehn Thesen zusammen:

1. 1914 kam es für die SPD nicht in Frage, gegen die Kriegskredite zu stimmen, weil dadurch einem Vormarsch russischer Truppen Vorschub geleistet worden wäre.

2. 1918 war die SPD mehrheitlich anderer Meinung als Rosa Luxemburg, die den Gedanken, „den Sozialismus ohne Klassenkampf, durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluss einführen zu können“, für eine „lächerliche, kleinbürgerliche Illusion“ hielt.

3. Die Bereitschaft zum Klassenkompromiss 1918 hat die Zusammenarbeit der gemäßigten Kräfte in der Arbeiterschaft und im Bürgertum in der „Weimarer Koalition“ ermöglicht.

4. Die Spaltung der Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg war einerseits eine schwere Belastung der weiteren Geschichte und andererseits eine Vorbedingung für die Republik von Weimar.

5. Die Sozialdemokraten haben möglicherweise die erste deutsche Demokratie zu wenig befestigt, sie haben aber gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und ihre Parolen „Alle Macht den Räten“ und „Diktatur des Proletariats“ eine schnelle Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung durchgesetzt.

6. Hätte die SPD der linksradikalen Minderheit der Berliner Arbeiterschaft nicht Einhalt geboten, wären die Deutschen um die Ausübung ihres politischen Selbstbestimmungsrechts gebracht worden.

7. Der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler, Gerhard Schröder, hat mit der Agenda 2010 die Wirtschaft in Schwung gebracht und seiner Partei die Krise beschert.

8. Die Agenda 2010 kann verbessert werden. 2003 scheiterte die Einführung eines Mindestlohns noch am Widerstand mehrerer Gewerkschaften.

9. Die SPD muss mit den Themen Migration und Integration ehrlich umgehen.

10. Wahlerfolge haben die Sozialdemokraten immer dann errungen, wenn es ihnen gelang, mit ihren Forderungen bis in die politische Mitte vorzustoßen.

Nachbemerkung W. S.: Nach 1945 hatten wir in Deutschland ja beide Modelle, das „linke“ = DDR, und das „rechte“ = Bundesrepublik.

2311: Arnulf Baring gestorben

Montag, März 4th, 2019

Er mischte sich ein und hat noch in mancher Fernseh-Talkshow für Aufregung gesorgt, weil er das untrügliche Gespür dafür hatte, womit man Aufmerksamkeit erregt: Arnulf Baring, geb. 1932. 1945 begriff er für Deutschland als Chance. Er hatte den Luftangriff auf Dresden und den Einmarsch der Roten Armee in Berlin erlebt. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft und hatte seine Anfänge im Journalismus (unter der Ägide von Walter Dirks). Nach einer rechtswissenschaftlichen Promotion entfaltete sich seine Karriere an der Freien Universität Berlin bei den Historikern.

Er beschrieb die Ära Adenauer, war aber ein Fan von Willy Brandt. Der mit Manfred Görtemaker verfasste „Machtwechsel“ kennzeichnete das Ende der Ära Brandt/Scheel. Baring entfernte sich immer mehr von der SPD und verließ sie. Wissenschaftliche Theorien und Methoden interessierten ihn nur begrenzt. Der gelernte Journalist hatte ein Auge für Menschen, repräsentative Details und bezeichnende Anekdoten. Seine Mitarbeiter und Studenten animierte er zum intellektuellen Austausch. Manchmal hat er sich unbeliebt gemacht. Nach dem Mauerfall prangerte er die Folgewirkungen von vierzig Jahren SED-Diktatur an. Das nahmen ihm viele als Missachtung von DDR-Biografien übel. Mit ihm war nicht gut Kirschen essen. Schließlich verteidigte er sogar Thilo Sarrazin (Dominik Geppert, SZ 4.3.19).

2307: Ines Geipels Familiengeschichte erklärt uns den Hass im Osten.

Freitag, März 1st, 2019

Ines Geipel ist bekannt als langjährige Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe, bei der ca. 2.000 Opfer über die Folgen des Zwangsdopingsystems der DDR beraten worden sind. Sie hat bereits 1999 Texte von vier Autorinnen herausgegeben, die in der frühen DDR zensiert und verfolgt wurden. Sie hat das Archiv „Unterdrückte Literatur in der DDR“ gegründet, in dessen Rahmen sie die „Verschwiegene Bibliothek“ herausgibt. Allein dafür wird sie gehasst und gemobbt. Von Kommunisten, von Linken, von „Fortschrittlichen“. Aber damit nicht genug.

Nun erklärt uns Ines Geipel den Hass im Osten anhand ihrer eigenen Familiengeschichte. Veranlasst durch den Krebstod ihres Bruders Anfang 2018:

Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Stuttgart (Klett-Cotta) 2019, 277 Seiten, 20 Euro.

Ein Buch, das seine theoretischen und schriftstellerischen Schwächen hat, es ist anscheinend sehr schnell geschrieben, das aber auf Grund seiner inhaltlichen Relevanz als Gesprächsanfang betrachtet werden kann in einem Jahr, in dem sich die AfD anschickt, drei östliche Landtage zu erobern. Schon in ihrem Buch „Generation Mauer“ (2014) hatte Geipel versucht, die Funktion ihrer Generation (geboren 1960) darin zu sehen, die Tabus und Lügen der Eltern zu entlarven, um eine freie Gesellschaft zu ermöglichen.

Geipel verbindet in plausibler Weise die Geschichte ihrer Familie mit der Geschichte der DDR. Dazu gehört die SS-Vergangenheit ihrer beiden Großväter (wie kann es anders sein) wie die Stasi-Tätigkeit des Vaters. Der gehörte zu der Abteilung, die im Westen Republikflüchtlinge bespitzelte. Dazu passt es gut, dass er in der eigenen Familie an den Kindern Gewalt übte. Geipel rekonstruiert die Schweigegebote, Lügen und das aggressive Angstsystem, auf das die DDR sich gründete. Und auf das der Osten der Republik heute mit Gedächtnisverlust reagiert. Geipel bespricht den „Buchenwaldmythos“, die so verlogene wie heroische Gründungserzählung der DDR, wonach kommunistische Insassen dort ein „Binnenregime“ errichtet hatten, das Widerstand leistete. Tatsächlich wurden so auch Kapos rekrutiert, die Mordgehilfen waren und so erpressbare Komplizen der SED wurden. Buchenwald ist bei Geipel ein Ort, „an dem sich rote und braune Gewaltwelten so nahe“ kamen, wie wohl nirgendwo sonst in Deutschland.

Geipel verfolgt die Entwicklung bis hinein in die Punk- und Skinhead-Szene am Ende der DDR. Sie ist sich bewusst, dass die Geschichte ihrer Familie extrem ist. Aber sie schafft eine Gegenerzählung zu den vielen Entlastungsgeschichten und zu den wutgetränkten Narrativen vom armen Osten, der ein Opfer der Wende, der Globalisierung und der Merkelschen Flüchtlingspolitik geworden sei. „Der Osten braucht einen guten, inneren Ort, ein eigenes Narrativ, er braucht die öffentliche Anerkennung seiner Schmerzgeschichte, er braucht Differenzierung, und seine Erfahrungen müssen nach draußen, in den politischen Raum, in die Bildung, vor allem aber an den Familientisch.“ (Alex Rühle, SZ 1.3.19).

 

2305: Brumlik: Göttinger Friedenspreis angemessen vergeben

Donnerstag, Februar 28th, 2019

Der ehemalige Leiter des Fritz-Bauer-Instituts und „taz“-Kolumnist Micha Brumlik, der in Heildelberg und Frankfurt an der Universität Pädagogik gelehrt hat, findet die Vergabe des Göttinger Friedenspreises (durch die Stiftung Roland Röhl) an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ angemessen. Zwar unterstütze sie die Israel-Boykott-Bewegung BDS („Boycott, Divestment an Sanctions“) in Menschenrechtsfragen, was an den „Judenboykott“ von 1933 erinnere, aber sie stelle die Existenz Israels nicht in Frage. BDS wird durchaus kritisch bewertet (vgl. Thorsten Schmitz, SZ 28.1.19). Außerdem werde nicht der BDS ausgezeichnet, sondern die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“, so Brumlik.

Micha Brumlik versteht nicht, wie liberale Personen wie die Göttinger Universitätspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Beisiegel und der Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler ihre Unterstützung der Preisverleihung zurückziehen können. Ob die Forderung nach einem gerechten Frieden zwischen Juden und Palästinensern bereits als antisemitisch gelte? Der Zentralrat der Juden in Deutschland und einige FDP-Politiker hatten gegen die Preisverleihung protestiert. Die Preis-Jury unter ihrem Vorsitzenden Andreas Zumach, einem Genfer Korrespondenten, der selbst den Preis 2009 erhalten hatte, hatte an ihrer Entscheidung festgehalten.

Brumlik: Blieben Stadt und Universität bei ihrer Meinung, „stünde fest, dass sie sich vom niedersächsischen  Göttingen aus in den israelischen Wahlkampf einmischen – zugunsten des amtierenden Premiers Benjamin Netanjahu und seiner Verbündeten. Das kann nicht im Sinne von Stadt und Universität sein.“ (taz 25.2.19)

2304: „Friedrich der Große“ – ein Schwuler

Mittwoch, Februar 27th, 2019

Wer es wissen wollte, wusste es. Friedrich II. von Preußen (1712-1786), genannt „der Große“, war homosexuell. In der Wissenschaft ist das kein Geheimnis. Aber der Mythos des „alten Fritzen“ lässt bis heute noch kein freies Räsonieren darüber zu. Das könnte sich ändern durch

Timothy C.W. Blanning: Friedrich der Große. König von Preußen. München (C.H. Beck) 2019, 718 S.; 34 Euro.

Zeit seines Lebens war Friedrich II. bedacht auf die Emanzipation von seinem Vater, dem bigotten und brutalen „Soldatenkönig“ (Friedrich Wilhelm I., 1688-1740). Friedrichs Militarismus und seine Kriegstreiberei lassen sich so erklären. Dadurch hat er unendliches Leid über Preußen gebracht.

Friedrich entledigte sich nach dem Tod seines Vaters sehr schnell seiner Ehefrau. Der exklusiv männliche Freundeskreis in Sanssouci kultivierte eine teils künstlerisch überhöhte, teils derbe und zotige Homoerotik. Das war keine politische Nebensache. Und was uns heute selbstverständlich ist (LGBTTI), musste damals in der höfischen Kultur der Libertinage, durch große Flexibilität und absichtsvolle Uneindeutigkeit versteckt werden. Friedrich II. legte Wert auf seinen Ruf als Feldherr. Als Bündnispartner war er unzuverlässig. Dass er in der Geschichte als Sieger erscheinen konnte, ist auf drei Faktoren gegründet. 1. die Stärke der eigenen Armee, 2. die mangelhafte Koordination der Gegner, 3. seinen rücksichtslosen Durchhaltewillen.

Er hatte das Glück, zwanzig Jahre vor dem Untergang des eigenen Systems bei Jena und Auerstedt zu sterben (Barabara Stollberg- Rilinger, Die Zeit 7.2.19).

2303: Odenwaldschule: Viel mehr Opfer

Dienstag, Februar 26th, 2019

An der 2015 endgültig geschlossenen reformpädagogischen Projektschule „Odenwaldschule“ hat es weit mehr Opfer sexuellen Missbrauchs gegeben, als 2010 bekannt war, als der Skandal aufgedeckt wurde. Seinerzeit war die Rede von 132 Opfern. Nach der Publikation zweier neuer Studien über die Odenwaldschule, einer aus München, einer aus Rostock, beziffert Adrian Koerfer, der Gründungsvorsitzende des Vereins „Glasbrechen“, die Opferzahl nunmehr auf

500 bis 900.

Die Schule nennt er ein „Verbrechernetzwerk“ und ein „potemkinsches reformpädagogisches Dorf“.

Zwei der Hauptäter leben noch. Ohne Einsicht oder Reue. Die Taten sind verjährt. Florian Straus, ein Mitautor der Münchener Studie: „Die Odenwaldschule war kein Ort der Reformpädagogik, sondern ein Ort der Verwahrlosung und des sexuellen Missbrauchs.“ Jens Brachmann, der Autor der Rostocker Studie: „Die Täter wussten voneinander, sie erkannten sich, und sie deckten sich auch gegenseitig.“ Begünstigt wurde der Missbrauch durch die „Familien“. Darin gerieten die Jugendlichen an alkoholabhängige, emotional bedürftige und sexuell übergriffige Erwachsene, deren Handeln „keinerlei Korrektiv“ unterworfen gewesen sei. Einige der Opfer seien an den Taten zugrunde gegangen (Julian Staib, FAZ 23.2.19).