Archive for the ‘Geschichte’ Category

2402: Ludwig Börne: politischer Wegweiser für die deutsche Publizistik

Sonntag, Mai 26th, 2019

Anlässlich der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2019 an Eva Menasse interviewt Hubert Spiegel (FAZ 25.5.19) den Begründer der Börne-Stiftung, Michael Gotthelf. Der erläutert seine Motive für die Gründung der Stiftung. Er war Journalist bei der FAZ und Banker in New York gewesen. Und er wollte 1993 ein Zeichen setzen gegen den nach der Vereinigung Deutschlands wachsenden Rassismus und Rechtsextremismus insbesondere in Ostdeutschland. Seine Helfer waren der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Andreas von Schöler und der Publizist Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), der seit Jahrzehnten dominierende Literaturkritiker Deutschlands.

Im Zentrum stand der noch unmittelbar aus dem Frankfurter Ghetto stammende Ludwig Börne (Juda Löb Baruch) (1786-1837), der erste große deutsche Journalist. Er wurde in die Emigration gezwungen und starb im Pariser Exil. Mit Heinrich Heine (1797-1856) war er lange Zeit eng verbunden. Tatsächlich verkörperten die Beiden völlig verschiedene Seiten der deutschen demokratischen Publizistik. Auf der einen Seite der Schöngeist Heinrich Heine, der 1840, drei Jahre nach Börnes Tod, seine Kampfschrift „Ludwig Börne. Eine Denkschrift“ erscheinen ließ, eine Abrechnung mit Börne. Auf der anderen Seite der realpolitische Kämpfer für Demokratie und Freiheit Ludwig Börne, dem der deutsche Journalismus mehr verdankt, als den meisten bewusst ist. Ich war nur einmal mit meiner Frau zur Verleihung in die Paulskirche geladen. 2007, als Henryk M. Broder den Preis bekam. Laudator war Helmut Markwort.

2401: Judith Kerr gestorben

Freitag, Mai 24th, 2019

Im Alter von 95 Jahren ist die berühmte Kinderbuchautorin und -illustratorin Judith Kerr in London gestorben. Die Engländerin, eine scharfe Brexit-Gegnerin, war 1933 mit ihrer Familie aus Deutschland vor den Nazis geflohen. Darüber hat sie später das Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (1971) publiziert. Ihr Vater war der berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr, der gleich bei der Machtübernahme nach Prag geflohen war. Ihr Haus musste die Familie im Grunewald zurücklassen. In die britische Literatur war Judith Kerr gekommen mit dem Buch „The tiger who came to tea“ (1968). Sie hatte bei der BBC gearbeitet. Zeit ihres öffentlichen Lebens stand Judith Kerr dafür, den deutschen Faschismus schonungslos zu kritisieren, ohne die Herkunftswelt ihrer Eltern im Berliner Westen zu verdammen (Lothar Müller, SZ 24.5.19).

Das haben wir lange Zeit gebraucht. Und wir brauchen es heute noch.

2398: Wir brauchen keine neue Nationalhymne.

Montag, Mai 20th, 2019

Es gehört zum Geschäft demokratischer Politiker, sich beim Wähler beliebt zu machen und vor Wahlen ggf. einmal das Profil zu schärfen. So auch beim thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke), der auf diesem Gebiet besonders rührig ist. Am 27. Oktober 2019 sind dort Landtagswahlen. Nun hat Ramelow vorgeschlagen, dass Deutschland eine neue Nationalhymne bekommen solle. Hauptsächlich verweist er zur Begründung auf die geringe Akzeptanz der gegenwärtigen Hymne unter den Ostdeutschen. Ja, unsere Ossis, die sind manchmal schon das Problem. Sie kannten seit 1949 als Hymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen“ (Text: Johannes R. Becher, Musik: Hanns Eisler), von der von 1972 bis 1990 nur noch die Melodie gespielt wurde.

Ramelow schlägt als Alternative die wiederum von Hanns Eisler komponierte „Kinderhymne“ („Anmut sparet nicht noch Mühe“) vor, die Bertolt Brecht bewusst als Gegenentwurf zum „Lied der Deutschen“ gedichtet hatte. Deswegen handelt es sich dabei auch um einen sehr respektablen Text, der frei ist von Nationalismus und Großmacht-Ideologie. Dass ich dieses Lied durchaus schätze, sehen Sie daran, dass ich die „Kinderhymne“ am Ende meines letzten Buchs freundlich zitiere (W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 194).

Trotzdem bin ich gegen eine neue Nationalhymne. Gerade weil das „Lied der Deutschen“ inzwischen weithin akzeptiert ist und mittlerweile sogar gerne mitgesungen wird (etwa von Sportlern).

Das „Lied der Deutschen“ ist geradezu die Hymne der deutschen Einheit.

Die finde ich großartig. Heinrich Hoffmann von Fallersleben hatte das Lied 1841 auf Helgoland gedichtet. Gespielt wird es nach der Melodie von Josef Haydn. 1922 hatte Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) das Stück zur Nationalhymne gemacht. Sie wurde allerdings auch von den Nazis verwandt, häufig im Zusammenhang mit dem „Horst-Wessel-Lied“. Nach 1945, genauer 1952, war es Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), der in einem Briefwechsel mit Bundespräsident Theodor Heuß (FDP) die dritte Strophe zur Hymne machte. Diese dritte Strophe („Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“) wurde 1991 in einem Briefwechsel zwischen Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) und Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) offiziell zur „Nationalhymne“ gekürt.

Halten wir aus Tradition und Freude über die deutsche Einheit getrost daran fest.

2396: Notre Dame: Brandursache ungeklärt

Montag, Mai 20th, 2019

Gut einen Monat nach dem Brand von Notre Dame ist die Brandursache noch ganz ungeklärt.

Das darf natürlich so nicht bleiben, damit es keine Verschwörungstheorien gibt.

Für die Pariser Staatsanwaltschaft ist bisher ein Unfall die wahrscheinlichste Ursache. Wir wissen es nicht. Die Cafés und Souvenirläden in der Nähe der Kirche verzeichnen bedrohliche Umsatzrückgänge (Nadia Pantel, SZ 15.5.19).

2393: Mathias Doepfner erhält den Leo-Baeck-Preis.

Samstag, Mai 18th, 2019

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat dem Vorstandsvorsitzenden des Medienhauses Axel Springer, Mathias Doepfner, den Leo-Baeck-Preis verliehen. In seiner Laudatio sagte Ronald Lauder, der Präsident des jüdischen Weltkongresses, Doepfner stehe „für Mut und Anstand“ und repräsentiere all die noblen Eigenschaften, „die man mit Deutschland verbindet“. Zentralratspräsident Josef Schuster sagte, Doepfner gehöre zu den Meinungsführern in Deutschland, die über den wachsenden Antisemitismus nicht hinwegsähen. Doepfner hatte mehr Anstrengungen gegen den Antisemitismus in Deutschland verlangt. Ansonsten habe das Land seine zweite Chance im Konzert der freien Völker nicht verdient.

Leo Baeck (1873-1956) war während des Nationalsozialismus das geistige Oberhaupt der deutschen Juden und überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt (FAZ 18.5.19).

2388: Bundestag gegen BDS

Donnerstag, Mai 16th, 2019

Eine Bundestagsmehrheit aus CDU, SPD, Grünen und FDP stellt sich der anti-israelischen Boykottbewegung „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ (BDS) in einem Antrag entschieden entgegen. „Die Argumentationsmuster und Methoden der BDS-Bewegung sind antisemitisch.“ Aufkleber auf israelischen Waren wie „Don’t buy“ erinnerten in fataler Weise an das „Kauft nicht bei Juden!“ der Nazis. „Es gibt keine legitime Rechtfertigung für antisemitische Haltungen. Das entschiedene, unbedingte Nein zum Hass auf Jüdinnen und Juden gleich welcher Staatsangehörigkeit ist Teil der deutschen Staatsräson.“ Die Iniative für den Antrag war von der FDP ausgegangen (DBR, SZ 16.5.19).

2387: Europa als „Kultur des Kompromisses“ und Dauergespräch

Mittwoch, Mai 15th, 2019

Kiran Klaus Patel gelingt es in seinem neuen Buch,

Projekt Europa. Eine kritische Geschichte. München (C.H.Beck) 2018, 463 S., 29,95 Euro,

bei aller kritischen Analyse Europas positives Potential zu verdeutlichen. Das gelingt ihm in acht Fallbeispielen, in denen die europäische Dynamik im Detail gezeigt wird, ohne das Große und Ganze aus dem Auge zu verlieren. Patel erläutert, dass dies nur in der Kultur des Kompromisses auf dem Weg des Dauergesprächs (bis hin zu regelmäßigen persönlichen Kontakten) in kleinteiliger Arbeit gehen kann. Abseits des Absoluten und Unbedingten, die nur zu nationalistischen Irrwegen führen. Patels kluger Kommentar zum Thema „Elite“ und „Brüssel“ war fällig. Er registriert die Erträge der europäischen Einigung etwa im europäischen Recht, beschreibt die „Entgiftung“ von Kontroversen und skizziert quasi als Forschungsfeld eine europäische Vertrauensarbeit. Patel liefert die Bausteine für eine mitreißende Europaerzählung (Bernd Greiner, SZ 13.5.19).

2383: Agnes Heller 90

Montag, Mai 13th, 2019

1944 entkam sie den Nazi-Mördern in Budapest. Sie studierte Philosophie und wurde Schülerin und Assistentin Georg Lukacs‘. 1956 war sie am ungarischen Aufstand beteiligt und wurde zum ersten Mal entlassen. 1968 protestierte sie gegen den Einmarsch des Warschauer Pakts in die CSSR, zweite Entlassung. 1977 ging sie nach Australien und übernahm 1986 den Lehrstuhl Hannah Arendts in New York. Heute lebt sie überwiegend wieder in Budapest und steht auf Seiten der Zivilgesellschaft gegen die „illiberale Demokratie“ Ungarns. Ihr Werk erstreckt sich auf das ganze Feld der Philosophie. Über 30 Bücher hat sie publiziert. Agnes Heller hat sich stets gegen die Ismen gewendet. „Philosophie hat immer kindliche Fragen gestellt. Bleiben wir dabei.“ Agnes Heller wird 90 Jahre alt (Lothar Müller, SZ 11./12.5.19; Josef Mitterer, FAZ 11.5.19).

2374: Deutsche Kommunisten nach 1945: vom Stalinismus geprägt

Dienstag, Mai 7th, 2019

Deutsche Kommunisten waren 1933 in Deutschland aufs Äußerste gefährdet. Unter den Nazis drohte ihnen Ermordung. Nur 8.000 von ihnen wurden von der Sowjetunion unter Stalin (erster Fünf-Jahres-Plan 1929) aufgenommen. Dort wiederum kamen mehr deutsche Kommunisten ums Leben als unter Hitler. Nur 1.400 von ihnen kamen nach 1945 nach Deutschland zurück („Gruppe Ulbricht“ et alii). Aber sie bestimmten die Politik der KPD, ab 1946 der SED. Und sie waren geprägt von ihren Erfahrungen des Stalinismus. Dieser war nicht nur eine Herrschaftsform des Personenkults, sondern ein System der Willkür, der Denunziation und des Terrors. Es war ein System des Massenmords („Archipel Gulag“). Seine Logik war die des Polizei- und Terrorstaats. Es gab eine permanente Säuberungspraxis und die Vernichtung parteiinterner Konkurrenten Stalins in Schauprozessen („Tschistka“ 1935-1938). Das prägte gerade die deutschen Kommunisten.

Überleben unter Stalin hieß, korrumpiert zu sein. Keiner von Stalins Getreuen war unschuldig geblieben, niemand hatte kein Blut an den Händen. Das bestimmte die kommunistische Politik nach 1945 gerade in der DDR. Die Methode, mit diesen Erfahrungen fertig zu werden, hieß: Schweigen. Auch nach der Auflösung der Komintern 1943. Kommunisten fühlten sich als Befehlsempfänger Moskaus. Die Rituale von Unterwerfung, Kontrolle und – vor allem – Kritik und Selbstkritik bestimmten die Parteipraxis. Deutsche Emigranten in den Westen (insbesondere Großbritannien, USA und Mexiko) hatten nach 1945 in Deutschland kaum eine Chance, weil sie nicht so gut unter Kontrolle zu halten waren wie die Emigranten in die Sowjetunion. Und das endete noch nicht mit dem Tode Stalins am 5. März 1953.

Dies alles präsentiert auf dem neuesten Stand das Buch von

Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. Frankfurt am Main (Fischer) 2019, 368 S., 24 Euro.

Petersen bezieht sich nicht zuletzt auf die Experten, von denen auch wir selbst vorher schon am meisten gelernt haben:

Ruth Fischer (1895-1961), Margarete Buber-Neumann (1901-1989), Wolfgang Leonhard (1925-2014), Carola Stern (1925-2006) und, nicht zuletzt, Hermann Weber (1928-2014).

Zweifellos mussten sie unter Beweis stellen, dass sie wirklich die Seiten gewechselt hatten. Aber weil das ja wirklich der Fall war, sind sie die für dieses Thema besten Experten (Ilko-Sascha Kowalczuk, SZ 15.4.19).

 

2367: Schwanitz: Die Treuhand war nicht schuld.

Freitag, Mai 3rd, 2019

Rolf Schwanitz (SPD) war von 1998 bis 2002 Ost-Beauftragter der Bundesregierung. Er schreibt am 3. März 2019 in der „FAS“ über die Treuhandanstalt und räumt dabei mit dem Märchen auf, dass die DDR-Wirtschaft leistungsfähig gewesen sei. Diese Geschichte wird auch heute noch von der Partei „Die Linke“, aber auch von der AfD und Pegida, aufgewärmt:

1. Es geistert aktuell wieder die Legende von der effizienten DDR-Wirtschaft durch die Diskurse.

2. Es handelte sich um eine real sozialistische Wirtschaft. Die Betriebe waren enteignet. Der zentrale Planungswahn trennte die Unternehmen vom Markt.

3. Die Menschen, die in den Betrieben unter solchen Bedingungen arbeiten mussten, trugen für die Fehler keine Verantwortung.

4. Nach der Entmachtung Walter Ulbrichts 1971 wurde unter Erich Honecker die „Einheit von Wirtschafts- und Sozailpolitik“ propagiert. In den Worten von Gerhard Schürer, von 1965 bis 1990 Chef der Staatlichen Planungskommission, „Konsumsozialismus“.

5. Dies war von der DDR-Wirtschaft nicht zu finanzieren.

6. Technologisch hinkte die DDR-Wirtschaft hinter dem Weltniveau hinterher.

7. Entscheidend war der Rückstand bei der Arbeitsproduktivität.

8. Die SED argumentierte beispielsweise mit der Zahl der Roboter. Dabei wurden Melkmaschinen mitgezählt.

9. Die SED unter Honecker fürchtete sich vor Arbeiterprotesten wie am 17. Juni 1953.

10. Deswegen wurden vielfach Preise subventioniert: für Grundnahrungsmittel, Mieten, Bungalows, Zement, Dachziegel, Fliesen, Boote, Klaviere u.a.

11. Das war schon deswegen Unsinn, weil die DDR-Bürger überwiegend ordentliche Einkommen hatten, für die sie sich nur nichts kaufen konnten.

12. Ökonomisch hilfreich waren West-Päckchen, DM-Umsätze in Intershops etc.

13. 1988 wurden 28 Millionen solcher Postsendungen gezählt mit einem geschätzten Gesamtwert von mehr als fünf Milliarden DDR-Mark.

14. Bei Kompensationsgeschäften, bei denen Westimporte mit Warenexporten bezahlt werden konnten, brachte beispielsweise der importierte VW Golf Unmut in der Bevölkerung, weil nur wenige etwas davon hatten.

15. Hätte man die Anteilsrechte an der Treuhand nur an die DDR-Bevölkerung verkauft, hätte der Einzelne dadurch 22.ooo DM Schulden bekommen.