Archive for the ‘Geschichte’ Category

2487: Das Verteidigungsressort

Donnerstag, August 1st, 2019

Wenn wir die Ernennung Annegret Kramp-Karrenbauers (CDU) zur Verteidigungsministerin für einen Moment nicht nur als personal- und machtpolitisches Kalkül betrachten, kommt schnell ans Tageslicht, dass dadurch einige schwerwiegende Mängel beseitigt werden könnten. Denn die Lage der Bundeswehr ist ja erbärmlich (auch eine Schuld der alten Ministerin Ursula von der Leyen, CDU). Sie kann in diesem Zustand kaum relevante Beiträge zur Sicherheitspolitik der NATO liefern. Die aber dringend erforderlich sind, damit nicht stets die unberechenbaren Projekte der Donald Trump und Boris Johnson eine vernünftige Militärpolitik unmöglich machen.

2014 in Wales hatte nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das Ziel unterzeichnet, dass der NATO-Beitrag des einzelnen Mitgliedslandes zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen solle, sondern auch der Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), unser Bundespräsident. Das hat die SPD gewiss nicht vergessen, erinnert sich aber nicht so gerne daran. Sie ist nämlich auch in dieser Frage innerlich tief gespalten und besteht zum einen Teil aus verlässlichen und kundigen Militärpolitikern und andererseits aus grundsätzlichen Militärverächtern und Pazifisten.

Was die Lage nicht besser macht, ist die Tatsache, dass es auch bei anderen Parteien an innerer Überzeugung fehlt, eine verlässliche, westlich orientierte Verteidigungspolitik zu führen. Am wenigsten ist das noch bei den Grünen und der FDP der Fall. Die unsichersten Kantonisten sind hier die Linken. Sie haben früher zwar dem Einmarsch des Warschauer Pakts in die CSSR 1968 zugestimmt und dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 und bemänteln heute die völkerrechtswidrige Annexion der Krim 2014 durch Russland, gebärden sich aber als intransigente Friedenspolitiker. Sie wollen die NATO zerschlagen.

Die Strategie der neuen Verteidigungsministerin für mehr Anerkennung unserer Soldatinnen und Soldaten ist grundsätzlich richtig.

Wir brauchen wieder eine allgemeine Wehrpflicht und keine Berufsarmee (wegen der Gefahr des „Staats im Staate“).

2484: Agnes Heller schwamm in den Balaton.

Mittwoch, Juli 31st, 2019

Die weltberühmte ungarische Philosophin Agnes Heller, 90, ist tot. 1944 als Fünfzehnjährige in Budapest sollte sie als Jüdin von Nazi-Mördern mehrmals umgebracht werden, entkam dem aber auf wunderbare Weise. Ihr Vater wurde in Auschwitz ermordet. Nach der Befreiung durch die Rote Armee wurde Agnes Heller, kein Wunder, Kommunistin. Ursprünglich hatte sie in Budapest Physik und Chemie studiert, bis sie eine Vorlesung des ebenso weltberühmten Sozialphilosophen Georg Lukacs (1885-1971) („Geschichte und Klassenbewusstsein“, 1923) gehört hatte. Sie wurde dessen Schülerin und Assistentin. Mit der Niederschlagung des ungarischen Aufstands gegen die Sowjetunion wurde das alles anders. Heller brach mit dem real existierenden Sozialismus und wurde, natürlich, von der Universität Budapest entlassen.

Heller sah nachträglich den ungarischen Volksaufstand genau so positiv wie ihre ältere Kollegin Hannah Arendt (1905-1976). Selbst wenn sich die beiden großartigen Philosophinnen hier geirrt haben sollten, ist das bemerkenswert. Agnes Heller formulierte eine „Theorie der Bedürfnisse“. Dort heißt es: „Damit stellt die Sowjetgesellschaft den vollständigen Gegensatz zu dem Programm dar, das der frühe Marx einmal entworfen hatte.“ Im jugoslawischen Korcula, wo sich selbständig denkende Marxisten wie Ernst Bloch, Ernest Mandel, Jürgen Habermas und manche andere trafen, wurde der Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 formuliert. Heller kriegte wieder ein Berufsverbot. Dem entzog sie sich 1977 durch eine Berufung auf einen Soziologie-Lehrstuhl in Melbourne. 1986 übernahm sie den Hannah-Arendt-Lehrstuhl an der New York School for Social Research.

Agnes Heller veröffentlichte 2017 „Eine kurze Geschichte meiner Philosophie“, in der sie ihre außerordentlich vielfältige Forschung ziemlich übersichtlich präsentiert. „Ich kam zur Konklusion, dass ich wichtige Probleme unserer Menschenrasse, wenn ich so sagen darf, unserer menschlichen Geschichte, nur aufwerfen kann, aber nicht lösen.“ Mit dem Mauerfall 1989 kehrte Heller nach Budapest zurück, behielt aber ihr New Yorker Appartment. Natürlich stand sie in Opposition zum Regime von Victor Orban, wurde wiederum antisemitisch bedroht. Am 19. Juli schwamm Agnes Heller auf den Balaton (Plattensee) hinaus und kehrte von dort nicht wieder zurück (Ralf Leonhard, taz 22.7.19; Willi Winkler, SZ 22.7.19).

2481: Israelischer Historiker kritisiert Karlauf.

Freitag, Juli 26th, 2019

Der israelische Historiker Danny Orbach von der Hebräischen Universität Jerusalem kritisiert die These des Stauffenberg-Biografen Thomas Karlauf, der 20. Juli 1944 sei nur ein begrenzter Militärputsch gewesen.

„Erstens war der Staatsstreich nicht das Ziel, sondern lediglich ein militärisches Mittel, um weitreichendere Absichten zu verfolgen. Selbst ein kurzer Blick auf die ‚Regierungserklärung‘ der Verschwöerer und in ihre Verhörprotokolle genügt, um zu sehen, dass ihr Programm die Errichtung einer neuen politischen Ordnung auf der Basis von Rechtstaatlichkeit und Grundrechten umfasste. Darüberhinaus zeigt eine neue Studie von Linda Keyserlingk-Rehbein, wie groß und verschachtelt die Netzwerke der Verschwörer waren, weit über die Grenzen des Komplotts hinaus. In ihrem Mittelpunkt stand Stauffenberg, der auch mit dem sozialdemokratischen Widerstand enge Verbindungen pflegte.“

Die Verschwörer hätten die Massenmorde gegeißelt und den Bezirkskommandanten befohlen, die Konzentrationslager zu befreien. „Einige von ihnen, so etwa Hans von Dohnanyi, Hans Oster und Wilhelm Canaris, riskierten in wagemutigen Versuchen, Juden zu retten, sogar ihr Leben.“

„Von Generalmajor Henning von Tresckow (in einer nach ihm benannten Kaserne habe ich von 1966 bis 1968 knapp eineinhalb Jahre als Panzerzugführer gedient, W.S.), Stauffenbergs engem Verbündeten, stammen die bekannten Worte: ‚Das Attentat muss erfolgen, coute que coute. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.'“

(Die Zeit 25.7.19)

Was treibt Thomas Karlauf nur an?

2480: Birgit Breuel lobt die Ostdeutschen.

Dienstag, Juli 23rd, 2019

Die ehemalige Treuhand-Chefin (1991-1995) Birgit Breuel (vorher CDU) lobt die Ostdeutschen dafür, dass sie die Transformation von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft geschafft hätten. „In Westdeutschland wäre es nicht möglich gewesen, den Leuten eine Veränderung dieses Ausmaßes zuzumuten. Sie hätten das nicht durchgehalten.“ In Westdeutschland seien Demokratie und Marktwirtschaft mit dem Wirtschaftswunder einhergegangen, in Ostdeutschland mit einem gewaltigen Strukturwandel. „Ich glaube, die Ostdeutschen haben sich damals die Freiheit einfacher vorgestellt, nicht so kompliziert, nicht so hart im Wettbewerb.“ „Natürlich haben wir Fehler gemacht. Das war sehr bitter. Wir mussten den Menschen sehr viel zumuten.“ Die Grundlinien der Treuhand-Politik verteidigt Breuel: „Ich fand den Weg, für den sich damals ganz Deutschland entschieden hat, grundsätzlich richtig. Das denke ich auch heute noch.“ (ink./boll., FAS 21.7.19).

2479: Der Adel provoziert uns.

Sonntag, Juli 21st, 2019

In einem Kommentar (FAS 21.7.19) führt Ralph Bollmann uns vor, dass einige einst regierende Adelsfamilien kürzlich mit der öffentlichen Hand um Eigentumsansprüche gestritten haben. Die sächsischen Wettiner, die badischen Markgrafen, die Reußen aus Gera und Greiz, die einstigen Großherzöge von Sachsen-Weimar und die Hohenzollern.

Mit der Weimarer Reichsverfassung vom August 1919 wurden die Standesvorrechte des Adels abgeschafft. Eine Mehrheit konnte sich allerdings nicht zu der weitergehenden Formulierung „Der Adel ist abgeschafft.“ durchringen. Auch der 1926 von der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) initiierte Volksentscheid zur Fürstenenteignung, um die regierenden Häuser „entschädigungslos zu enteignen“, scheiterte. Schade (W.S.)!

„Kommende Woche treffen sich wieder die Nachfahren von Kaiser Wilhelm II. mit Vertretern des Bundes, um über den Wunsch nach einem Wohnrecht im Potsdamer Schloss Cecilienhof und auf Herausgabe mobiler Kunstschätze zu beraten. Ihr Vorgehen gilt als besondere Provokation. Nicht nur weil sie zuletzt eine Liste mit Maximalforderungen vorlegten und den Anspruch erhoben, bei der Gestaltung eines staatlich finanzierten Museums mitreden zu dürfen. Sondern auch wegen der Rolle, die führende Vertreter der Familie bei der Entstehung des Ersten Weltkriegs und später für den Aufstieg des Nationalsozialismus spielten. Letzteres ist für die Ansprüche auch juristisch von Belang: Wer ‚dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet hat‘, geht bei der Entschädigung leer aus, was die Enteignungen in der Sowjetischen Besatzungszone betrifft.“

Das verbreitete Unbehagen hat damit zu tun, dass die Ansprüche der Fürstenfamilien auf den ersten Blick allen Prinzipien der bürgerlichen Leistungsgesellschaft widersprechen. Im Einzelfall lassen sich Erbansprüche und Erwerb durch eigenes Wirtschaften nicht immer klar auseinanderhalten. Besonders prekär erscheinen die Ansprüche der einstmals (bis 1918) in den 25 Bundesstaaten des deutschen Kaiserreichs regierenden Monarchen. Auch hier lassen sich privates und öffentliches Vermögen nicht immer trennscharf unterscheiden. Die Wiedervereinigung hat das Thema wiederaufleben lassen.

Empfehlung W.S.: Die Fürstenhäuser sollten sich stark mäßigen.

Natürlich sind die Hohenzollern weder für die Weltkrieg noch für den Nationalsozialismus noch für andere Übel der Moderne allein verantwortlich. Großkatastrophen des 20. Jahrhunderts einem einzelnen Milieu, einer Familie oder einem Individuum zuweisen zu wollen, ist analytisch grober Unfug.

Trotzdem sollten sich die adeligen Familien, die Ansprüche zu haben glauben, die Vorstellungen berücksichtigen, die in der Gesellschaft herrschen.

2477: 20. Juli 1944 – 75 Jahre danach

Samstag, Juli 20th, 2019

1. Das Gedenken an den gescheiterten Militärputsch am 20. Juli 1944, den versuchten Tyrannenmord, als Hitler in der Wolfsschanze nicht getötet wurde, ist heute wieder diffus. Dem Verschwörerkreis gehörten etwa 200 Personen an.

2. Der Putsch scheiterte u.a. daran, dass Stauffenberg nach Berlin zurückreisen musste, weil er wegen seiner Funktion im Berliner Hauptquartier der Widerständler unabkömmlich war, um NSDAP, SS und Gestapo zu entmachten.

3. Die einen sehen darin einen „Aufstand des Gewissens“ und ein „Fanal“, die anderen ein pragmatisches Vorgehen von Militärs (unter Führung von Generalmajor Henning von Tresckow und Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg), um größeren Schaden von Deutschland abzuwehren.

4. Stauffenberg Enkelin Sophie von Bechtolsheim schrieb kürzlich über ihren Großvater: Er „hatte von den Mordaktionen an Juden erfahren, von Verbrechen an der Zivilbevölkerung und an Kriegsgefangenen in den besetzten Gebieten. Er erkannte, dass all diese Verbrechen sowie die vernichtende Kriegspolitik keine Auswüchse, sondern ein Wesensmerkmal von Hitlers Politik waren.“

5. So hat die Republik, welche die Männer des 20. Juli anfangs verteufelte und später zu Heldenvätern der Bundesrepublik umdeutete, ihren Frieden mit dem Widerstand noch immer nicht wirklich gemacht.

6. Bis 1953/54 galten die Verschwörer des 20. Juli 1944 als „Volksverräter“. Erst der spätere Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer stellte 1953 in Braunschweig den ehemaligen Kommandeur des Berliner Wachbataillons, Otto Ernst Remer, unter Anklage, welcher der Chef-Propagandist der Sozialistischen Reichspartei (SRP) war (bald verboten): „Es ist die Aufgabe der Staatsanwaltschaft, Aufgabe der Richter des demokratischen Rechtsstaats, die Helden des 20. Juli ohne Vorbehalt und ohne Einschränlung zu rehabilitieren, aufgrund der Tatsachen, die uns heute bekannt sind, aufgrund des damals und heute, des ewig geltenden Rechts.“

7. 1953 ließ der Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, im Ehrenhof des Bendlerblocks, wo das Zentrum des Widerstands gewesen war, zum Gedenken ein Ehrenmal errichten. Besonders vom Vorwurf des Landesverrats wurden die Widerständler freigesprochen in einer Rede von Bundespräsident Theodor Heuß am 19. Juli 1954.

8. Zum Glück gibt es heute kein geteiltes Gedenken mehr, auch der kommunistische Widerstand wird geehrt (z.B. in der Person Herbert Baums).

9. Der Arbeiter Georg Elser hatte am 8. November 1939 bereits versucht, Hitler und die NS-Führung im Münchener Bürgerbräukeller zu töten. Es wäre richtig gewesen, im Gedenken Elser von vornherein auf eine Stufe zu stellen mit Stauffenberg.

10. Es zählt die Tat. Herkommen und Motive der Täter sind im Grunde zweitrangig.

11. Es ist seit langem klar, dass die Tat vom 20. Juli 1944 nicht auf die Schaffung eines pluralistischen Gemeinwesens gerichtet war.

12. Tatsächlich gehörten zum Widerstand Akteure unterschiedlicher Herkunft, Konfession und Weltanschauung. Es waren dabei Sozialdemokraten, Konservative, Gewerkschafter, Diplomaten, Kirchenmänner und Kaufleute.

13. Der 20. Juli 1944 lehrt, dass auch ein Soldat nicht jeden Befehl zu befolgen hat, dass er mörderischen Befehlen den Gehorsam verweigern muss. Das ist heute geltendes Recht.

14. Das im Grundgesetz verankerte Widerstandsrecht gilt dann, „wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“.

15. Der Stauffenberg-Forscher Thomas Karlauf schreibt: „Die individuelle Verantwortung höher zu stellen als den Befehlsgehorsam und so den Bruch mit der eigenen Kaste zu vollziehen ist in meinen Augen das eigentlich Revolutionäre des heutigen Tages.“ (20. Juli)

16. Angela Merkel sagt über den Widerstand: „Diejenigen, die gehandelt haben, sind unser Vorbild. Denn sie haben gezeigt, dass sie ihrem Gewissen folgen, und damit haben sie einen Teil der Geschichte Deutschlands geprägt, der ansonsten durch die Dunkelheit des Nationalsozialismus bestimmt war.“

17. Wir wissen, dass in den knapp zehn Monaten zwischen dem 20. Juli 1944 und der Kapitulation mehr Menschen ums Leben kamen als in den gesamten fünf Kriegsjahren davor, darunter mehr als vier Millionen Deutsche.

18. Im Hof des Bendlerblocks wurden in der Nacht zum 21. Juli 1944 Claus Schenk von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Albrecht Ritter Merz von Quirnheim und Werner von Haeften erschossen.

19. Wir wissen heute nicht, ob Stauffenberg bei seiner Erschießung ausgerufen hat „Es lebe unser heiliges Deutschland!“ oder „Es lebe unser geheimes Deutschland!“.

20. Heute können sich alle Deutschen ein Stück weit identifizieren mit Georg Elser, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Herbert Baum, Hans und Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer und den anderen Verschwörern und stolz sein auf den deutschen Widerstand gegen Hitler und die Nazis.

(Peter Carstens, FAZ 20.7.19; Joachim Käppner, SZ 20./21.7.19; Thomas Karlauf, FAZ 20.7.19; Sven Felix Kellerhoff, Die Welt 20.7.19; Magdalena Köhler, Literarische Welt 20.7.19; Reinhard Müller, FAZ 20.7.19; Uwe Sauerwein, Die Welt 20.7.19; Ronen Steinke, SZ 20./21.7.19)

2475: Warum die Ossis anders sind als die Wessis

Dienstag, Juli 16th, 2019

Die Berliner Psychoanalytikerin Annette Simon, geboren 1952, befasst sich in einem „Zeit“-Essay mit dem Titel „Wenn Familie zu sehr wärmt“ (4.7.19) mit der Frage, ob das Erstarken rechter Gesinnungen insbesondere in Ostdeutschland mit der DDR-Vergangenheit zusammenhängt oder mit dem Erleben der Ostdeutschen seit 1989. Dabei ist sie detaillierter und stößt weiter vor als jeder andere Autor, der mir bekannt ist. Ich numeriere hier ihre Argumente:

1. Die Hälfte der Ostdeutschen fühlt sich als Bürger zweiter Klasse.

2. 1989 stießen zwei Alltagskulturen aufeinander, wobei die westliche demokratischer war als die östliche. Das hatten die Wessis den US-Amerikanern, Briten und Franzosen nach 1945 zu verdanken.

3. Die 68er West haben die Bundesrepublik stärker geprägt, als diese es manchmal heute noch wahrhaben will (die AfD etwa ist eine klassische Anti-68er-Partei).

4. Die Ostdeutschen sind keine homogene Masse, sondern führen die tiefen Spaltungen der DDR-Gesellschaft heute noch mit sich (Herrscher/Beherrschte, Spitzel/Bespitzelte, Dissidenten, Karrierristen, Aussteiger).

5. 1990 wurden die inneren Konflikte der DDR nur weggebügelt.

6. In der Berliner S-Bahn kann heute noch der ehemalige Häftling wegen Republikflucht auf seinen Verhörer treffen. Und der Verhörer hat die erheblich höherer Rente.

7. Die Ex-DDR-Bürger gehen heute dem psychischen und sozialen Geprägtsein durch die DDR aus dem Weg.

8. Die Art des Andersseins wurde nach 1990 als minderwertig und selbstverschuldet betrachtet.

9. „Der narzisstischen Kränkung von außen noch eine eigene Verunsicherung von innen hinzuzufügen stellt eine hohe Anforderung an Stabilität und Reflexionsvermögen dar, die nicht jeder aufbringen kann.“

10. Bereits 2001 war von dem Leipziger Psychoanalytiker Jochen Schade eine Scham darüber konstatiert worden, wie weit sich viele DDR-Bürger den Anforderungen des Staates unterworfen und so ihre Identifikation mit dem Unrechtsstaat bewerkstelligt hatten.

11. Eine Rolle dabei spielte der Mythos, dass die DDR aus dem Antifaschismus geboren worden sei.

12. Das erleichterte die Schuldentlastung der Deutschen Ost.

13. Durchgearbeitet und analysiert wurden solche Phänomene nur in der Kunst und Literatur der DDR.

14. An den strukturellen Bedingungen für die Auflösung faschistoider Haltungen fehlte es teilweise. Wie im Westen auch herrschte das Schweigen im Walde.

15. „Dass DDR-Jugendliche in den 1980er Jahren anfingen, ihre Großeltern anders zu fragen, und viele unverdaute, geschönte Kriegserlebnisse zu hören bekamen, gehörte auch zu den Anfängen der rechtsradikalen Gruppen in der DDR.“

16. Die DDR-Machthaber identifizierten sich mit den Opfern in dem „Lied von den Moorsoldaten“ und benutzten die emotionale Ansprechbarkeit von Schülern für die Manipulation ihrer Gefühle.

17. Die Ostdeutschen waren aber nicht „Moorsoldaten“ gewesen, also Verfolgte und Opfer.

18. Manche DDR-Jugendliche wurden innerlich aggressiv gegenüber dem aufgepfropften Antifaschismus, durften dies aber unter Strafe nicht nach außen dringen lassen.

19. Die DDR versuchte, den Gegensatz von Familie und Kultur einzuebnen.

20. Die Auswirkungen dieser „Familiarisierung“ auf die Psyche der DDR-Bürger hat Uwe Johnson 197o in seinem Essay „Versuch, eine Mentalität zu verstehen“ beschrieben.

21. In der DDR-Kultur wurde von „unseren Menschen“ geredet, wie man von „unseren Kindern“ spricht, und es kam zu der jetzt oft beschworenen „menschlichen Wärme“ im gesellschaftlichen Umgang.

22. Das brachte gegenseitige Vorteile mit sich. Man arbeitete für den Staat. Und dieser übernahm die Fürsorge für seine Bewohner.

23. Die DDR-Kultur ermöglichte wenig Auseinandersetzungen zwischen den Generationen und keinen offenen Umgang mit Konflikten.

24. Der Staat schrieb sich als eine Art „Elterninstanz“ in die Seelen ein.

25. „Volkssport“ war in der DDR der heimliche Widerstand gegen viele offizielle Projekte.

26. So versuchten viele Ostdeutsche 1989 wieder mit den öffentlichen Vorhaben umzugehen. Passiver Widerstand wurde geübt. Nicht Mitwirkung und Selbstbestimmung.

27. Auch die nach 1989 Geborenen sind teilweise noch durch diese Verhaltensmuster geprägt.

28. Angst war die ganze Zeit nicht zugelassen, obwohl sie ein gutes und beachtenswertes Signal ist. Sie meldete sich teilweise erst heute zu Wort.

29. „Wird eine solche Angst heute in der Angst vor dem Fremden nachgeholt?“

30. Westeliten wurden als die neuen Herrscher empfunden.

31. „Das heute lautstark geäußerte Misstrauen in die Eliten überhaupt wäre gegenüber den DDR-Machthabern mehr als berechtigt gewesen.“

32. Der Begriff „Lügenpresse“ wäre gut auf die DDR-Massenmedien anzuwenden gewesen (vgl. die Forschung dazu aus dem Institut für Publizistik in Göttingen, W.S.).

33. Weststrukturen wurden nach 1990 schnell installiert und nicht immer verstanden.

34. Die Ostdeutschen bemerkten dadurch, dass die DDR doch ihre Heimat gewesen war.

35. Die Utopie von 1989, als Volk doch selbst etwas entscheiden zu können, ist heute verloren.

36. „Wie man sich in diese Demokratie einbringen kann, ohne aggressiv um sich zu schlagen, ist die Frage, die die rechten Provokateure uns allen auf den Tisch legen.“

2472: 25.000 Namen auf Todeslisten

Samstag, Juli 13th, 2019

Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping fordert eine Information jener Menschen, deren Namen auf einer Liste der Prepper-Gruppe „Nordkreuz“ gefunden wurden. „Opferschutz geht vor.“, sagte Kipping. „Ich fordere, dass die 25.000 Personen, die auf den Todeslisten des rechten Terrornetzwerks stehen, umgehend informiert werden.“ Bei einer Anti-Terror-Razzia in Mecklenburg-Vorpommern war 2017 eine Liste mit etwa 25.000 Namen gefunden worden. Die Bundesanwaltschaft hatte die Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat aufgenommen.

Prepper sind Menschen, die sich auf schwere Krisen und Katastrophen vorbereiten oder auf den Zusammenbruch des Staates. Sie gehören in der Regel dem rechtsextemistischen Milieu an. Die Beschuldigten sollen einen solchen Fall als Chance gesehen haben, „Vertreter des politisch linken Spektrums“ zu töten (dpa, SZ 8.7.19).

2466: Der Streit um das Jüdische Museum Berlin

Dienstag, Juli 9th, 2019

1. Nach Attacken Israels, des israelischen Botschafters Jeremy Issacharoff und des Zentralrats der Juden in Deutschland ist Peter Schäfer, 75, der Direktor des Jüdischen Museums Berlin (120 Mitarbeiter) seit 2014, vor ein paar Wochen zurückgetreten.

2. In dem Streit geht es um Sinn und Zweck des Museums (es wird zu drei Vierteln von der Bundesregierung und aus Spenden finanziert). Es tobt ein Deutungskampf darüber, wer bestimmen darf, was jüdisch ist. Über das Verhältnis zwischen Juden in Israel und in der Diaspora, über den Stellenwert des Zionismus.

3. In wesentlichen Teilen ist die Kontroverse eine innerjüdische Auseinandersetzung.

4. Peter Schäfer ist ein unbestrittener judaistischer Experte, der überall Anerkennung genießt.

5. Personalpolitisch und als Direktor hat er wohl nicht überzeugt.

6. Äußerer Anlass war der Umgang mit der BDS-Bewegung („Boycott, Divestment and Sanctions“), einer seit 2005 weltweit agierenden anti-israelischen Organisation (171 Mitgliedsgruppen). BDS sieht in Israel einen „Apartheidsstaat“. Israel will die Organisation ächten, viele Fachwissenschaftler wollen mit ihr im Gespräch bleiben. Der Boykott-Aufruf des BDS gegen Israel erinnert natürlich an den Nazi-Aufruf „Kauft nicht bei Juden!“.

7. Der Bundestag hatte am 17. Mai 2019 mit 495 Stimmen die BDS-Bewegung für antisemitisch erklärt.

8. 240 internationale Fachwissenschaftler hatten den Umgang des Bundestags mit BDS kritisiert.

9. Der deutsche Pädagogik-Ordinarius Micha Brumlik hatte 2012 im Jüdischen Museum Berlin noch mit der bekannten US-amerikanischen Genderforscherin und jüdischen Antizionistin Judith Butler über Israel gestritten. Das wäre wohl heute nicht mehr möglich.

10. Der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann (SPD), unter dessen Ägide das Jüdische Museum begründet wurde, übt heute Selbstkritik: „Da mache ich mir auch selbst einen Vorwurf: Man hätte es von Anfang an deklarieren müssen als Museum der Geschichte der Juden in Deutschland. Und nicht als jüdisches Museum. Es gibt ja auch kein christliches Museum.“

11. Peter Schäfer hatte eine Delegation des iranischen Kulturrats durch das Museum geführt. Daher fragt Martin Eimermacher: „Doch wieso empfängt er überhaupt einen Repräsentanten des Staates, der nicht nur Homosexuelle ermordet, sondern Israel als Krebsgeschwür bezeichnet und dessen Feinde, etwa die Hisbollah, aufrüstet?“

12. Im Dezember 2018 hatte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen siebenseitigen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel gerichtet, in dem er forderte, dass die Bundesregierung den antisemitischen Aktivitäten in Deutschland Einhalt gebieten müsse. Als Beispiele nannte er „Brot für die Welt“, die „Heinrich-Böll-Stiftung“ und das Jüdische Museum Berlin.

13. Besonders hart kritisierte Netanjahu eine Jerusalem-Ausstellung (eröffnet 2017), in der viel über Israels Besetzung Jerusalems nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 die Rede war, aber kaum davon, dass Jerusalem zwischen 1948 und 1967 durch Jordanien okkupiert war.

14. Besonders markant und werbewirksam wie immer äußert sich der jüdische deutsche Politik-Emeritus Michael Wolffsohn (CDU). Er findet im Stiftungsgesetz des Jüdischen Museums den Zweck, „die Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Kultur zu erforschen und darzustellen sowie einen Ort der Begegnung zu schaffen“. Dadurch werde, so Wolffsohn, die spezifisch deutsch-jüdische Geschichte und der sechsmillionenfache Judenmord verwässert, es gebe eine Art „Entjudaisierung“ des Museums. Starker Tobak. Aber, hat Wolffsohn nicht recht?

15. Die in Planung befindliche neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums wird von Cilly Kugelmann und Michael Dorrmann kuratiert. Die sind natürlich umstritten. Über Kugelmann, die längst pensionierte Programmleiterin, wird kolportiert, sie stehe der BDS-Bewegung nahe.

16. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat mit Christoph Stölzl, dem Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, eine „Vertrauensperson“ benannt, die dem geschäftsführenden Direktor, Martin Michaelis, beratend zur Seite stehen soll. Dabei geht es um „Autonomie“ und „Pluralität“ des Jüdischen Museums Berlin.

Wir drücken dem Museum fest die Daumen.

(Martin Eimermacher, Die Zeit 19.6.19; Jacques Schuster, Die Welt 29.6.19; Lothar Müller/Thorsten Schmitz, SZ 8.7.19)

2465: Artur Brauner ist gestorben.

Montag, Juli 8th, 2019

Er war der berühmteste deutsche Filmproduzent nach 1945: Artur Brauner, der jetzt im Alter von 100 Jahren in Berlin gestorben ist. Mit seinen Eltern war der aus Polen stammende Jude vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen und hatte dort im Versteck überlebt. 1945 kam er nach Berlin und gründete hier seine Fimfirma CCC (Central Cinema Company). Er gab unter den Remigranten Regisseuren wie Fritz Lang („Die tausend Augen des Doktor Mabuse“), Robert Siodmak („Nachts, wenn der Teufel kam“) und Gerd Oswald eine Chance. Aber auch solchen, die unter den Nazis mitgemacht hatten: Helmut Käutner, Harald Reinl, Josef von Baky. Dabei sind dann so bemerkenswerte Filme entstanden wie „Die Halbstarken“, „Teufel in Seide“ und „Liebling der Götter“.

Seinem Hauptthema, der Verfolgung der Juden durch den Nationalsozialismus, widmete er sich von Anfang an. Seinen Film „Morituri“ (1948) wollte das damalige deutsche Publikum nicht sehen. Das wurde später anders: „Die weiße Rose“, „Eine Liebe in Deutschland“, „Hitlerjunge Salomon“. Für letzteren gab es einen Golden Globe. Das Spektrum von Brauners Produktionen reflektierte über Jahrzehnte und durch die Genres hindurch das Dilemma des deutschen Films nach 1945, dass er kein Medium für direkte politische und gesellschaftskritische Botschaften ist, sondern nur dann wirken kann, wenn er auf ein  aufgeklärtes Publikum trifft.

Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ehrt Artur Brauner mit einer Mediathek von 21 von ihm produzierten Filmen, in denen die Shoa zum Thema gemacht wird (Fritz Göttler, SZ 8.7.19).