Archive for the ‘Geschichte’ Category

2550: Unsere Gesellschaft ist keine Abstiegsgesellschaft.

Mittwoch, September 25th, 2019

Herfried und Marina Münkler haben in einem 512 Seiten umfassenden Buch unsere Gesellschaft analysiert und charakterisiert. Ihre Ergebnisse sind bemerkenswert:

Herfried Münkler/Marina Münkler: Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland. Berlin (Rowohlt) 2019, 512 S., 24 Euro.

Ich bringe hier nur einzelne Statements der Münklers aus einem Interview mit Jens Bisky und Lothar Müller (SZ 16.9.19):

– Zum Abstieg:

„Es gibt in dieser Gesellschaft soziale Abstiege, aber wir sind keine Abstiegsgesellschaft; es gibt Niedergänge, etwa den der Volksparteien oder der Gewerkschaften, aber keinen grundsätzlichen Niedergang des politischen Systems und des demokratischen Rechtsstaats. Narrative sind Wahrnehmungs- und Erzählungsmuster, die einzelne Beobachtungen zu generellen Entwicklungen machen. Im Kampf um Aufmerksamkeit haben sie eine größere Wirkung als eine differenzierte Beobachtung.“

– Zur liberalen Demokratie:

„Was wir bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg beobachtet haben und länger schon beobachten, könnte man als die Bildung von immer größeren Gruppen missmutiger Eckensteher beschreiben. Demokratie lebt aber davon, dass sie die Bildung solcher Gruppen verhindert und sie einbindet in das, was Max Weber ‚das starke, langsame Bohren dicker Bretter‘ nennt. Stattdessen herrscht jetzt ein Politikstil, in dem die Bürger als Kunden apostrophiert werden, und die Politiker sind die Lieferanten und Produzenten. Die Formeln lauten dementsprechend: ‚die Politik hat geliefert.‘, ‚die Politik muss liefern.‘. Das ist eine verhängnisvolle Beschreibung, weil sie suggeriert, man könne sich hinstellen und warten, dass das, was man bestellt hat, bei der Wahl oder mit einem Internetkommentar, auch angeliefert wird.“

– Zur Spaltung der Gesellschaft:

„Unsere Frage ist, was sind die wirklich gefährlichen Spaltungen, und was ist der Hebel, gesellschaftliche Kohäsion, Zusammenhalt wieder zu organisieren? Wir sagen ausdrücklich nicht, das Problem sind die oberen fünf Prozent, die sich in einen ungeheuren Reichtum verabschiedet haben, oder die unteren fünfzehn Prozent, die sich aus der politischen Partizipation und von der Hoffnung, aufsteigen zu können, verabschiedet haben. Das Hauptproblem ist die Mitte, … Bei den Landtagswahlen wurde die hohe Wahlbeteiligung gerühmt, aber es waren ja nur 65 Prozent. Was ist mit denen, die gar nicht gewählt haben?“

– Zur Vermögenssteuer:

„Im Augenblick sieht das so aus, wie eine systematische Stigmatisierung derer, die sie zahlen sollen. Eine solche Stigmatisierung ist eine sehr unvernünftige Form, der man die Wahlmobilisierungsabsichten schon von Weitem ansieht. Man muss gar nicht in Abrede stellen, dass es Leute gibt, die einen größeren Beitrag leisten sollen als andere, aber wenn man sie in eine Art semantischer Haft nimmt, dann ist das eine Form von Dummheit. Man müsste sie eher für das Gemeinwohl interessieren.“

2545: Günter Kunert gestorben

Montag, September 23rd, 2019

Der deutsche Schriftsteller Günter Kunert ist gestorben. 1929 in Berlin geboren schrieb er vor allem Gedichte. Aber auch zwei Romane, Reisebeschreibungen, Essays, Filmdrehbücher und Hörspiele. Die Nazis diffamierten ihn als „Halbjude“ (seine Mutter war Jüdin). Vom Sozialismus der DDR wurde Kunert alsbald enttäuscht (und bespitzelt). 1976 gehörte er zu den Unterzeichnern des Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. 1979 ließ die DDR den unbequemen Dichter in den Westen ausreisen. Er lebte fortan in Kaisbostel (Schlewig-Holstein). 2019 erschien Kunerts DDR-kritischer Roman „Die zweite Frau“. Vor 45 Jahren hatte er das Manuskript versteckt und dann vergessen. Schließlich fand er es im Keller wieder.

Bereits zu Lebzeiten hat Kunert für sich ein Grab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee gekauft (dpa, SZ 23.9.19).

2536: Die Stimmung in Ostdeutschland

Montag, September 16th, 2019

Zuletzt anlässlich der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen hat eine große Schar von Kritikern und Analytikern sich mit der Stimmung in Ostdeutschland befasst. Ohne allerdings sehr präzise Ergebnisse liefern zu können. Das sage ich auch selbstkritisch. Mehr oder weniger wurde abgestellt auf die Nicht-Anerkennung ostdeutscher Biografien, niedrige Löhne und Renten, drohende Altersarmut, Übernahme durch den Westen, Demütigungen, Verbitterung, Unmut, Fliehkräfte. Die Lage ist in dieser Hinsicht äußerst unbefriedigend. Bei einigen  dieser Unbestimmtheiten hat Frank Pergande (FAS 15.9.19) versucht, sie richtigzustellen:

1. In Ostdeutschland wachsen Wirtschaft, Lebensqualität und Einkommen.

2. Dort sind die Renten im Schnitt geringfügig höher als im Westen.

3. Altersarmut ist eher ein Westproblem.

4. Die Infrastruktur im Osten ist oft besser als im Westen.

5. Auch im Westen gibt es „abgehängte Regionen“.

6. Eine Ursache der schlechten Stimmung sind manche ostdeutschen Politiker wie Manuela Schwesig und Martin Dulig, welche die DDR kaum noch aus eigenem Erleben kennen.

7. Dafür aber den schwierigen Übergang in den neunziger Jahren, der den Ostdeutschen tatsächlich manches abverlangt hat.

8. Das gilt in ähnlicher Weise für junge Wissenschaftler wie Stefan Mau und Ilko-Sascha Kowalczuk, die durchaus bemerkenswerte Studien über den Osten vorgelegt haben, aber immer vernachlässigen, was schon geschafft ist.

Lassen wir die Kirche also im Dorf. Und wenn die Menschen mitgekriegt haben, dass die AfD an Lösungen gar kein Interesse hat, sondern nur daran, den Finger in die Wunde zu legen, wird auch dieses Problem nicht weiter wachsen, sondern geringer werden.

2533: Maaßen hat der CDU geschadet.

Sonntag, September 8th, 2019

Dort, wo der ehemalige Verfassungschutzpräsident Hans-Georg Maaßen in den Wahlkämpfen in Brandenburg und Sachsen für die Union aufgetreten ist, hat sie verloren (Ausnahme: Landtagspräsident Rößler). Gute Wahlergebnisse mit mehr als vierzig Prozent fuhren hingegen Unionspolitiker in Sachsen ein, die sich scharf von Maaßen und der AfD abgegrenzt hatten. Das waren vor allem Ministerpräsident Michael Kretschmer sowie Stephan Meyer und Sören Voigt (lige., FAS 8.9.19).

Damit wird es Zeit, mit einem Märchen aufzuräumen, das schon lange in der Union grassiert: nämlich, dass sie dort, wo sie „richtig“ konservativ sei, die besten Ergebnisse hätte. Das wird so ungefähr seit Alfred Dreggers („Dreggula“) Zeiten kolportiert, war aber immer falsch. Denn die Union war ja nie nur konservativ, sondern als richtige Volkspartei stets auch liberal (gerade in der Wirtschaftspolitik, Beispiel: Ludwig Erhard) und sozial (hauptsächlich durch die Sozialausschüsse: Hans Katzer, Heiner Geißler, Norbert Blüm, Rita Süßmuth).

Angela Merkel hat der CDU ein paar zum Teil schmerzhafte „Modernisierungen“ verpasst und dadurch die moderne Volkspartei geprägt. Manches war auch falsch wie die Abschaffung der Wehrpflicht.

Die CSU wandelt sich ins Grüne. Das ist inhaltlich richtig. Aber was haben die CSU-Verkehrsminister Peter Ramsauer, Alexander Dobrindt und Andreas Scheuer in ihrem Ressort etwa mit der „Ausländermaut“ für Schaden angerichtet!

2532: Wer In Thüringen AfD wählt, begünstigt die Kommunisten.

Samstag, September 7th, 2019

Wer bei der Landtagswahl in Thüringen am 27. Oktober 2019 AfD wählt, begünstigt den kommunistischen Ministerpräsidenten und seine Fraktion. Aber das ist der AfD wohl vollkommen egal. Hauptsache es geht gegen das System.

Das erinnert uns an die „Sozialfaschisten“-These der KPD 1932, wonach die SPD der gefährlichere Gegner war als die NSDAP, und an den Hitler-Stalin-Pakt 1939.

2531: Roboter kosten Arbeitsplätze.

Freitag, September 6th, 2019

Carl Benedikt Frey ist als Roboterexperte Mitarbeiter an der Oxford University. Er schreibt (SZ 22.8.19):

1. 1924 waren die Lampenanzünder in den westlichen Großstädten ein Opfer von Thomas Edisons Glühbirne geworden. Sie hatten ihren Arbeitsplatz verloren.

2. Neue Technologien (wie die Digitalisierung) bringen Vorteile für die Gesellschaft. Es gibt aber immer auch Verlierer.

3. Die um 1770 beginnende industrielle Revolution brachte Maschinen und Fabriken anstelle von Handwerksbetrieben.

4. Das Wirtschaftswachstum hat sich seither alle 50 Jahre verdoppelt.

5. Auch heute ist die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen durch Automatisierung völlig berechtigt.

6. Bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts ermöglichten gewöhnliche Fabrikjobs den Arbeitern einen bürgerlichen Lebensstil.

7. In den USA sind dort die sozialen Probleme und die Unzufriedenheit am größten, wo die Arbeitsplätze in der Produktion verschwanden.

8. Dort hauptsächlich gewinnt Donald Trump seine Stimmen.

9. In den USA befürworten 85 Prozent der Befragten Maßnahmen, die den Einsatz von Robotern über gefährliche Arbeiten hinaus einschränken.

10. 47 Prozent der US-amerikanischen Arbeitsplätze und 54 der europäischen könnten aufgrund der „künstlichen Intelligenz“ automatisiert werden.

2528: Polnischer Bürgerrechtskommissar: Warum die Polen der Regierung zustimmen

Mittwoch, September 4th, 2019

Für die SZ (3.9.19) hat Florian Hassel den polnischen Bürgerrechtskommissar Adam Bodnar befragt.

SZ: Warum fällt das Vorgehen gegen die Justiz der Regierung so leicht, und warum ist sie bei vielen Polen weiter populär?

Bodnar: Die Wirtschaft wächst, die Regierung hat neue Sozialleistungen wie mehr Kindergeld, Sonderzahlungen für Rentner oder Steuerfreiheit für Polen unter 26 eingeführt. Wenn sich Bürger sicher fühlen, sie Jobs haben und soziale Leistungen bekommen, sehen sie keine Gefahr für sich. Zudem misstrauen Polen vielen Institutionen, erst recht der Justiz, was etwa am schlechten Ruf aus kommunistischer Zeit oder an überlangen Verfahren liegt. Drei Viertel der Polen vertrauen ihrer lokalen Verwaltung, Polizei oder Feuerwehr, aber nur 35 Prozent den Gerichten. Viele Polen verstehen nicht, welche Rolle das Verfassungsgericht und andere Gerichte für ihr Leben haben können.

2527: Herfried Münkler über die EU-Osterweiterung

Mittwoch, September 4th, 2019

„Die EU ist mit jeder Erweiterung immer heterogener geworden, vor allem mit der Osterweiterung. Bei Sicherheit denken Polen und Balten an Russland, in Italien und Spanien denkt man eher an Afrika. Doch die Erweiterungen nach Osten haben im weiteren Sinn durchaus mit imperialer Logik zu tun. Denn dieser Raum war in der Zeit von 1919 bis 1938, also zwischen den Weltkriegen, unfriedlich. Polen führte drei Kriege gegen Sowjetrussland, Ungarn und Rumänien bekriegten sich, ebenso die Türkei und Griechenland. Die Probleme, die damals existierten, waren zum Teil nach 1990 noch vorhanden. Etwa, dass 40 Prozent der Ungarn jenseits der ungarischen Grenzen lebten. Was passieren kann, wenn latente Gewalt explodiert, konnte man in Jugoslawien sehen. Deshalb hat die EU viel getan, um dies zu verhindern. Das war einer der Imperative für die Ost-Erweiterung.“ (taz 31.8./1.9.19)

2526: Anita Lasker-Wallfisch bekommt den Deutschen Nationalpreis.

Mittwoch, September 4th, 2019

Die 94-jährige Anita Lasker-Wallfisch hat den (mit 30.000 Euro dotierten) Deutschen Nationalpreis für ihren Einsatz gegen das Vergessen und den wiederaufflammenden Antisemitismus bekommen. Seit dem Ende der achtziger Jahre kommt sie immer wieder aus London nach Deutschland, um über das Schicksal der europäischen Juden zu sprechen. Sie war Häftling in Auschwitz und Bergen-Belsen. Ihre Eltern wurden ermordet. Ihre Schwester Renate (spätere Lasker-Harpprecht) traf sie in Auschwitz-Birkenau wieder. Die Schwestern gehörten zum berühmten Auschwitz-Orchester.

Schon im April 1945 hatte die junge Anita Lasker-Wallfisch vor einem BBC-Mikrofon in Bergen-Belsen erstmals über die Massenvernichtung der Juden gesprochen. Sie beschrieb, wie die Juden in Auschwitz in Gruben verbrannt wurden. „Ich habe alles mit eigenen Augen gesehen. Die Auschwitzer Häftlinge – die wenigen, die geblieben sind – fürchten alle, dass die Welt nicht glauben wird, was dort geschehen ist.“

Lasker-Wallfisch hatte schon 2018 im Deutschen Bundestag gesprochen. In ihrer aktuellen Rede warnte sie vor dem wieder aufflammenden Antisemitismus. „Judenhass ist wieder legitim. Die Wurzeln des Antisemitismus blühen in einer intoleranten, misanthropischen Gesellschaft, in der wir leider leben.“ Sie selbst habe ihren Eid, Deutschland nie wieder zu betreten, Ende der achtziger Jahre gebrochen. „Ich weiß heute, wie sinnlos Hass ist, mit dem man sich letzten Endes selbst vergiftet.“ (Benjamin Emonts, SZ 4.9.19)

2524: Deutschland muss mehr Verantwortung übernehmen.

Montag, September 2nd, 2019

1. Der US-amerikanische (atomare) Schutzschild für Europa wird löchrig angesichts der Abzugsdrohungen von Donald Trump. Seine Strafzölle unterscheiden nicht nach Freund und Feind.

2. Wladimir Putin schickt sich an, das Sowjetimperium wieder herzustellen: Krim, Donbass, Druck auf das Baltikum, Syrien, Mittelstreckenaufrüstung.

3. Die Angriffe des Iran auf die Schifffahrt im Golf gefährdet die EU-Interessen als größter Exportmacht.

4. Die EU zerfällt unter dem Diktat des Nationalismus. Der Brexit ist nur ein Teil davon.

„Auf ihrem Ritt in den Sonnenuntergang setzt die Kanzlerin keine Akzente, die Koalition wankt dem Zerfall entgegen. Ein gelähmtes Deutschland ist ein gelähmtes Europa. Sich ehrlich machen heißt vorweg, dem eigenen Wahlvolk die Wahrheit zu sagen: Die netten fetten Jahre im Weltenrund sind vorbei. Konkret: Das Land muss in seine Verteidigung investieren; dazu reichen 1,36 Prozent vom BIP nicht aus, zumal der Anteil wieder schrumpft. Berlin muss die Selbstisolierung der Briten verhindern und sie an die EU binden – als Gegengewicht zu Protektionisten wie Frankreich und Illiberalen wie Polen.“ (Josef Joffe, Die Zeit 22.8.19)