Archive for the ‘Geschichte’ Category

2592: EU dereguliert die Märkte besser als die USA.

Dienstag, Oktober 29th, 2019

1. „Räuberbarone“ wie Rockefeller, Vanderbilt und Carnegie hatten in den USA Ende des 19. Jahrhunderts Märkte monopolisiert und aufgeteilt, Preise manipuliert und die Konkurrenz dezimiert. 1890 kam der „Sherman Antitrust Act“, der mit derlei Missbrauch aufräumte.

2. Nach 1945 lernte Europa in Form der EU, die wesentlich besser ist auf diesem Feld als ihr Ruf.

3. Die EU deregulierte mit Erfolg die Märkte für Airlines, Eisenbahnen, Postdienste und Telefongesellschaften.

4. In der EU können auf diesem Feld die nationalen Regierungen ihre Hände in Unschuld waschen: die EU war schuld. Und der Weg von der Agrarlobby zum Agraminister ist in Brüssel wesentlich länger als zu Hause.

5. Im Europaparlament ist schwerer und umständlicher Einfluss zu kaufen als im US-Kongress.

6. Wahlkampfspenden schlagen in der EU nicht so stark durch wie in den USA.

7. Bei den Airlines ist in den USA die Konzentration dreimal höher als in der EU.

8. Nach 2000 waren in der EU die Bußgelder sechsmal höher als in den USA.

9. Es gilt die klassische Monopoltheorie: Marktmacht ist ein Preistreiber.

10. Die Digitalkonzerne Google, Facebook, Apple und Microsoft schlucken fast täglich kleinere Konkurrenten. Amazon rollt den Einzelhandel auf.

Das zeigt das neue Buch von Thomas Philippon von der New York University: The Great Reversal: How America gave up on Free Markets, das Ende Oktober erscheint. Die EU ist besser als ihr Ruf und nicht in erster Linie ein „Bürokratiemonster“. Das sollten sich vor allem die nationalistischen Rechtspopulisten einmal hinter die Ohren schreiben (Josef Joffe, Die Zeit 17.10.19).

2588: Antisemitismus – nüchtern betrachtet

Mittwoch, Oktober 23rd, 2019

Die antisemitischen Gewalttaten sind furchtbar. Überall. Weltweit. Für uns war Halle der letzte große Anschlag. Aber es kann jederzeit wieder passieren. Bei dem allgemeinen Bedauern darüber ist eine große Portion

Heuchelei

dabei. Wie immer. Der Antisemitismus in Deutschland nach 1945 hat immer Ausmaße von 20 bis 40 Prozent gehabt. Für die DDR gibt es keine verlässlichen Zahlen. Die Westdeutschen wussten immer, dass sie ihren Antisemitismus am besten verschwiegen. Ich habe bei vielen von ihnen Versatzstücke aus den Filmen „Jud Süß“ (1940) von Veit Harlan und „Der ewige Jude“ (1940) von Fritz Hippler erlebt. Reine Propagandastreifen der Nazis. Der Holocaust mit sechs Millionen Getöteten war in seiner mörderischen Schlüssigkeit einmalig.

Insofern war es doch vollkommen verständlich, dass viele Juden nach 1945 sagten, nach Deutschland kommen wir nie mehr. Aber das darf man als Nicht-Jude nicht sagen, weil es den Verdacht hervorruft, dass man sich über die Nicht-Anwesenheit von Juden in Deutschland freuen würde.

Nach 1945 kamen viele Juden als Displaced Persons nicht aus Deutschland raus. Manche arrangierten sich mit dem Land, in dem die sozialpolitischen Verhältnisse bald besser waren als anderswo. Das zu sagen, ist wiederum politisch nicht korrekt.

Der Antisemitismus ist nicht nur wegen des Holocaust der Kern der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, sondern auch weil er funktioniert wie eine Verschwörungstheorie. Wenn es um irgendeines der vielen Grundübel der Menschen geht, wird sogleich ein geheimes Zentrum davon angenommen. Wer wird das wohl sein?

Wenn Juden heute angesichts des anwachsenden Antisemitismus und Rechtsextremismus Deutschland verlassen wollen, kann man dafür viel Verständnis aufbringen. Auch das darf man nicht, weil es so erscheinen könnte, als freue man sich über den Weggang von Juden.

Lassen Sie uns einen Blick auf die alte These von der deutsch-jüdischen Symbiose werfen.

Ihr Dementi war der Holocaust (Nachum T. Gidal nennt das in seinem Buch „Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik“. Gütersloh 1988, „Die schöpferische Illusion von der deutsch-jüdischen Symbiose“).

Schaut man auf die Beteiligung von Juden an der Entwicklung in Deutschland seit der Aufklärung (der französischen Revolution), so kommt man auf relativ viele Menschen von großem Einfluss. Hier eine oberflächliche, ganz unsystematische und unvollständige Aufzählung. Ich zähle in der Literatur einige Österreicher und Tschechen zur deutschen Literatur:

1. Literatur: Peter Altenberg, Jean Améry, Günther Anders, Rose Ausländer, Hermann Bahr, Vicki Baum, Rudolf Borchardt, Thomas Brasch, Max Brod, Henryk M. Broder, Paul Celan, Alfred Döblin, Carl Einstein, Kurt Eisner, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Erich Fried, Egon Friedell, Ralph Giordano,Yvan Goll, Käte Hamburger, Maximilian Harden, Walter Hasenclever, Heinrich Heine, Stephan Hermlin, Georg Heym, Wolfgang Hildesheimer, Kurt Hiller, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Mascha Kaleko, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Gertrud Kolmar, Karl Kraus, Anton Kuh, Else Lasker-Schüler, Theodor Lessing, Ludwig Marcuse, Franz Molnar, Erich Mühsam, Robert Neumann, Kurt Pinthus, Julius Rodenberg, Franz Rosenzweig, Joseph Roth, Nelly Sachs, Hans Sahl, Felix Salten, Anna Seghers, Manès Sperber, Ernst Toller, Friedrich Torberg, Kurt Tucholsky, Rahel Levin, Herwarth Walden, Jakob Wassermann, Peter Weiss, Franz Werfel, Friedrich Wolf, Karl Wolfskehl, Arnold Zweig, Stefan Zweig.

2. Verlage: die drei ersten großen deutschen Verlage in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die jüdischen Verlage Ullstein, Mosse und Scherl. Später kamen Verleger wie Samuel Fischer und Siegfried Jacobsohn dazu.

3. Politische Theoretiker und Politiker: Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Bruno Bauer, Walter Benjamin, Ludwig Börne, Martin Buber, Moses Hess, Max Horkheimer, Arthur Koestler, Rosa Luxemburg, Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Walter Rathenau.

4. Journalismus: Ludwig Börne, Willy Haas, Maximilian Harden, Siegfried Jacobsohn, Egon Erwin Kisch, Siegfried Kracauer, Karl Kraus, Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki, Julius Rodenberg, Leopold Schwarzschild, Kurt Tucholsky, Herwarth Walden, Theodor Wolff und viele andere.

5. Theater/Theaterkritik: Max Reinhard, Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Siegfried Jacobsohn, Alfred Kerr, Fritz Kortner, Erwin Piscator, Alfred Polgar, Ernst Toller und viele andere (insbesondere Schauspieler und Kabarettisten).

6. Wissenschaft: Alfred Adler, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Albert Einstein, Sigmund Freud, Max Horkheimer, Ernst Kantorowicz, Julius H. Schoeps, Fritz Stern und viele andere.

7. Philosophie: Moses Mendelssohn, Karl Marx, Theodor Lessing.

8. Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer.

9. Im deutschen Film bis 1933 arbeiteten unzählige Juden.

Alles in allem lagen hier sehr große Potenzen, die wir zensiert und weithin selbst aus dem Land getrieben haben.

 

2583: Die SED und die westdeutsche Linke bekämpften Israel.

Sonntag, Oktober 20th, 2019

Jeffrey Herf forscht und lehrt an der Universität von Maryland. Er hat sich auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert spezialisiert. In seinem neuesten Buch,

Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche Linke 1967-1989. Göttingen (Wallstein) 2019, 560 S., 39 Euro,

arbeitet er heraus, dass die SED und die westdeutsche Linke (zunächst DKP, SDS, in den siebziger Jahren zusätzlich KPD-ML, KDP-AO, KBW) seit dem Sechstagekrieg (Juni 1967) Israel vehement bekämpft haben. Das lief „theoretisch“ nach dem Motto Zionismus = Rassismus und ging bei der SED (in Form der DDR) bis hin zu Waffenverkäufen (seit 1965). Aus der DDR kamen u.a. MIG-Jagdflugzeuge und Kalashnikows. Es kam vor, dass palästinensischen Terrororganisationen Waffen geschenkt wurden. Das Existenzrecht Israels wurde in Frage gestellt. Das schürte bei den palästinensischen Untergrundorganisationen (PLO, PFLP usw.) die Hoffnung, dass Israel militärisch besiegt werden könnte. Dieser Krieg fand sein Ende mit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Zerfall der Sowjetunion.

Herf schreibt: „Die Sowjetunion, die DDR und die westdeutschen linksradikalen Gruppen tragen .. eine schwere Verantwortung im Nahost-Konflikt, weil sie einer Kompromisslösung zwischen Israel und seinen Gegnern im Wege standen.“ Nach der Aufnahme beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen (UN) 1973 setzte die DDR ihre Politik fort. Die SED und ihre westlichen Verbündeten nannten ihren Kampf gegen Israel „antifaschistisch“. Damit setzten sie Israel gleich mit Nazi-Deutschland. Als palästinensische Terroristen im September 1972 bei den Olympischen Spielen in München Israelis ermordeten, feierte Ulrike Meinhof von der RAF das als großartige revolutionäre Tat. Die Flugzeugentführungen nach Entebbe 1976 und nach Mogadischu 1977 wurden propagandistisch von der Linken unterstützt. In Entebbe trennten die deutschen Terroristen die jüdischen von den nicht-Jüdischen Passagieren (Rainer Hermann, FAZ 12.10.19).

2577: „Ich habe das Getto überlebt.“

Montag, Oktober 14th, 2019

Der US-amerikanische Schriftsteller

Louis Begley

(geboren 1933 als Ludwik Begleiter in Polen) ist bei uns durch den Roman „Lügen in Zeiten des Krieges“ (1991, dt. 1994) bekannt, ich schätze ihn sehr. Außerdem durch seine Romane über den pensionierten Rechtsanwalt Schmidt („About Schmidt“ u.a.). Als Bürger nimmt Begley kein Blatt vor den Mund. So hat er 2006 in die Debatte eingegriffen, die Günter Grass durch sein Bekenntnis hervorgerufen hatte, in der Waffen-SS gewesen zu sein. Und zwar durch die Bemerkung, auch er, Begley, sei an der Ostfront gewesen, aber „nicht als Soldat, sondern als Tier, das zur Jagd freigegeben war und umgebracht werden sollte“ (hier zit. nach W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 180).

Nun veröffentlicht die FAS (13.10.19) im „Feuilleton Spezial“ unter dem Titel „Ich habe das Getto überlebt“ ein Betrachtung Begleys über Deutschland:

„… Was nehme ich stattdessen wahr? Eine Nation, die durch ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren – vor allem das visionäre Werk der großen Staatsmänner Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, die durch den Kalten Krieg entstandene geopolitische Lage, die außergewöhnlichen Anstrengungen der Deutschen, die mit aller Kraft am Wiederaufbau ihres Landes arbeiteten – ihre Stellung als eine der drei führenden europoäischen Mächte wiedergewann und zu einer treibenden Kraft wurde, der die lang anhaltende Periode von wirklichem, allerdings ungerecht verteilten wirtschaftlichem Fortschritt und Wohlstand weitgehend zu verdanken ist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist für mich das Gesicht dieses neuen guten Deutschlands, eines Landes, das seinen noblen humanistischen Traditionen treu blieb, und ihr Lebensweg ist in meinen Augen zugleich Beweis und Symbol für die im Wesentlichen erfolgreiche deutsche Wiedervereinigung. Frau Merkel hat man vorgeworfen, dass sie 2015 Deutschlands Grenzen für eine übermäßig hohe Zahl von Flüchtlingen, vor allem aus Afghanistan, dem Irak und Syrien, öffnete, eine Entscheidung, die, so sagte sie, wegen der außergewöhnlichen Umstände des Krieges und der humanitären Katastrophe in diesen Ländern zwingend war. Konfrontiert mit barscher Kritik, erwiderte sie, alle die wichtigen Entscheidungen von 2015 würde sie wieder treffen. Ich unterschätze weder die extremen Schwierigkeiten, die mit der Aufnahme von über einer Million Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft verbunden sind, noch die Gefahr, die der Machtgewinn der AfD darstellt, einer Partei, die vom Fremdenhass jener Deutschen profitiert, die sich vom generellen wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes ausgeschlossen fühlen. Dennoch bin ich überzeugt, dass dieses Land auch in Zukunft noch lange auf die verlässliche moralische Qualität von Frau Merkels Führungsstil stolz sein kann.“

Ich bin der gleichen Meinung.

2573: Die Grenzen der Meinungsfreiheit

Donnerstag, Oktober 10th, 2019

Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner wegweisenden Rechtsprechung stets eine Linie verfolgt, welche die Meinungsfreiheit ganz hoch handelt, sehr hoch. Es folgt damit einem Diskursparadigma, das darin besteht, dass eine robuste Auseinandersetzung besser ist als obrigkeitsstaatliche Repression. Möglicherweise stammt die einschlägige Rechtsprechung aber noch aus der guten alten Zeit vor dem Internet. Angesichts der Rechtsprechung des Landgerichts Berlin, nach der man Renate Künast (Grüne) eine „Drecksfotze“ nennen darf, werden nun Überlegungen angestellt, wie die Meinungsfreiheit unter den Bedingungen der sozialen Medien neu und besser formuliert werden kann.

1. Eine Schmähkritik ist die einzige vollständig verbotene Kritik, die „in jedem denkbaren Sachzusammenhang als bloße Herabsetzung des Betroffenen erscheint und daher unabhängig von ihrem konkreten Kontext stets als persönlich diffamierende Schmähung aufgefasst werden muss, wie dies möglicherweise bei der Verwendung besonders schwerwiegender Schimpfwörter – etwa aus der Fäkalsprache – der Fall sein kann“.

2. Die Bezeichnung „Dummschwätzer“ kann infolgedessen eine Schmähkritik sein. Oder auch nicht, wenn damit „dumme Aussagen“ gemeint sind.

3. So wie man im Straßenverkehr ein klein wenig zu schnell fahren darf, so darf man auch ein bisschen zu wüst formulieren. Sonst würden zu viele Menschen gleich ganz den Mund halten.

4. Die wissenschaftliche Konfliktforschung hat festgestellt, dass in der Zeit der sozialen Medien die Herabwürdigung von Personen des öffentlichen Lebens durch gezielte Kampagnen zum politischen Kampfinstrument regelrechter Hassgemeinschaften geworden ist.

5. Im Netz haben sich Gruppen zusammengefunden, die gar keinen Diskurs führen wollen. Sie wollen die demokratische Debatte zerstören.

6. „Gerade bei Hassbotschaften im Internet besteht auf Grund der Breitenwirkung von Angriffen zunehmend eher die Gefahr, dass der demokratische Prozess durch einen Overkill an kommunikativer Aggression beeinträchtigt wird.“

7. „Hassrede hat gesundheitliche, psychische und soziale Wirkungen, die aus Mangel an Wissen darüber in Gerichtsverfahren schlichtweg übersehen werden.“

8. Journalisten werden regelmäßig mit verbalen Angriffen verfolgt.

9. Über die Behandlung von Anonymität im Netz kann nur das Bundesverfassungsgericht selbst verbindliche Auskunft geben.

10. „Seine großen und leider zu seltenen mündlichen Verhandlungen sind oft Lehrstunden für die Republik gewesen.“ (Wolfgang Janisch, SZ 10.10.19)

2572: Emil Nolde – ein großer Künstler und ein übler Nazi

Mittwoch, Oktober 9th, 2019

Den Maler Emil Nolde (1867-1956) hatte ich schon auf der Schule kennengelernt und war begeistert von der Leuchtkraft seiner Bilder. Ich habe ihn nie aus meinem Kopf verloren. 1960 habe ich ihn auf einer Radtour nach Dänemark in Seebüll noch besser kennengelernt. Ich halte ihn auch heute noch für einen der größten Künstler des letzten Jahrhunderts. 1968 brachte Siegfried Lenz (1926-2014) seinen Roman „Deutschstunde“ heraus, der sich vage mit Noldes Leben in Nordfriesland auseinandersetzt. Aber nicht vollständig und systematisch auf der Basis historischer Quellen. Das verfilmte Peter Beauvais 1971 mit Wolfgang Büttner als Maler Nansen (Emil Nolde) und Arno Assmann als Polizist Jepsen. Ein sehr sehenswerter und gelungener Fernseh-Film, der mir heute noch relativ klar vor Augen steht.

In den letzten Jahren hatten meine Frau und ich das Glück, mehrmals im Berliner Noldemuseum in der Jägerstraße Nolde weiter verfolgen zu können. Viele von Noldes Bildern hatten die Nazis als „entartet“ eingestuft und verboten. Nolde war einer der Hauptprotagonisten in der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München. Nun bringt Christian Schwochow einen neuen „Deutschstunde“-Film heraus. Mit Tobias Moretti als Nansen (Nolde) und Ulrich Noethen als Jepsen. Der Film wurde sehr gelobt. Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber ich hoffe, dass er dem letzten wissenschaftlichen Erkenntnisstand gerecht wird. Der besteht ja bedauerlicherweise darin, dass eine Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin (12.4.-15.9.2019) gezeigt hat, dass Emil Nolde ein übler Antisemit und Nazi gewesen ist.  Die Schauspieler sind dazu fähig. Moretti hatte etwa in Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ überzeugend den Ferdinand Marian gegeben, der von Goebbels gezwungen worden war, in Veit Harlans „Jud Süß“ (1940) den Juden zu geben.

2568: Der nette Nazi von nebenan

Dienstag, Oktober 8th, 2019

Die Landflucht bringt es mit sich, dass es in Deutschland auf dem Land immer mehr freie Flächen, leerstehende Bauernhöfe und Häuser gibt. Da ziehen auch Nazis hin, „Identitäre“ und rechte Ökologen. Das belegen Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem Buch

„Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“. Berlin (Christoph Links) 2019, 208 S., 18 Euro.

Wie viele es sind, ist dort nicht geklärt. Dafür aber, dass es ihnen um „politische Raumgewinnung für antiemanzipatorische und antihumanistische Ressentiments“ geht. Sie denken nicht von Wahlperiode zu Wahlperiode, „sondern in viel größeren Zeiträumen. Es geht ihnen um eine nachhaltige politische Wende.“ Aufgeräumt wird mit dem Vorurteil, dass es einen Widerspruch gebe zwischen Rechtsextremismus und ökologischer Lebenseinstellung. Schon bei den Nazis haben Natur-, Umwelt- und Heimatschutz eine sehr große Rolle gespielt.

„Wenn völkische Siedler Bauernhöfe in ländlicher Region kaufen, Vieh artgerecht und ökologisch halten, sich in der Gemeinschaft nützlich machen, Schulen aufbauen und sich aktiv in Elternvertretungen, im Waldschutz und in Umweltinitiativen engagieren, schlüpfen sie also keineswegs in den Schafspelz, um andere zu täuschen, sie leben vielmehr eine der Blut- und Bodentradition und völkischem Brauchtum verbundene Einstellung.“

Und plötzlich wohnen freundliche Nazis in unserer Nachbarschaft. Sie sind hilfsbereit und kümmern sich um Alte. Sie wenden sich gegen „Überfremdung“. Das wirkt vielleicht anfangs noch harmlos und unverfänglich, ist aber dem höheren Ziel der rassischen Gesellschaft untergeordnet. Kunst, Literatur, Musik und Theater gelten ihnen als „kulturelle Mittel zur völkischen Platzgewinnung im vorpolitischen Raum“. Sie nehmen an Veranstaltungen von Pegida und AfD teil. Es ist bisweilen von einer „Rückeroberung“ die Rede. Und es gibt den Hinweis, dass leere Gehöfte und örtliche Kameradschaften vorrätig seien und dass es nur einer Führung bedürfe (Angelika Benz, SZ 7.10.19).

2563: Die falsche Idylle von der Einfachheit

Samstag, Oktober 5th, 2019

1. Der erste, der in unserer Hinsicht in die Irre ging, war der US-amerikanische Schriftsteller David Henry Thoreau. 1845 baute er sich bei Concord eine Hütte und zog sich von der Zivilisation zurück. Fortan beobachtete er Eichhörnchen und lauschte dem Quaken der Ochsenfrösche. Immerhin schrieb er darüber den Welt-Bestseller „Walden oder das Leben in den Wäldern“. Was Thoreau besonders verachtete, waren Zeitungen. All dieses News-Gewäsch.

2. Zu Zeiten von Donald Trump sind die Thoreau-Fans zurück. Sie beklagen sich über das Medien-Spektakel der Sinnlosigkeit und ziehen sich in ihren Behaglichkeitskosmos zurück.

3. Der deutsche Schriftsteller Botho Strauß ekelt sich erkennbar vor der Penetranz des Populären und pflegt seine „Aristokratie des Beisichseins“.

4. Mancher neue Lebens-Philosoph lobt die Freuden der Gartenarbeit und verachtet den Selfie-Tourismus.

5. Rolf Dobelli liest seit zehn Jahren keine Zeitungen mehr und schaut kein Fernsehen. Das mache krank, dumm und traurig.

6. All diese Frustrierten haben das Recht auf ihre Meinungen und die Verfolgung ihrer Interessen. Aber sie haben der Gesellschaft nichts zu bieten. Die Egozentriker der neuen Einfachheit sind mal elitär und mal romantisch. Aber die Stoßrichtung ihrer Lösungssuche ist das Loblied auf die Vereinzelung. Sie wollen keine gesellschaftliche Lösung. Auf der Suche nach dem Seelenfrieden gebärden sie sich als Seher.

7. Dabei treten drei Grundprobleme zutage: a) das Problem der Masse der Informationen, b) die nicht immer gegebene Qualität der Nachrichten, c) wie lässt sich das Verhältnis von Information und Aktion, von Wissen und Handeln sinnvoll neu bestimmen angesichts der riesigen öffentlichen Probleme (etwa Klimawandel, Digitalisierung, Bekämpfung des simplifizierenden Populismus).

8. Die Informations-Spießer und die Philosophen der asozialen Einsamkeit machen es sich zu einfach: sie leugnen das Dilemma zwischen Auswahl und Dosierung von Informationen einerseits und Ignoranz und Indifferenz andererseits.

(Bernhard Pörksen, SZ 2./3.10.19)

9. Die gegenwärtige Welt ist hochkomplex und kann nur auf dieser Ebene treffend analysiert werden.

10. Dafür sind wir selbst verantwortlich.

2553: Stasi-Unterlagen kommen ins Bundesarchiv.

Freitag, September 27th, 2019

Die Stasi-Unterlagen bleiben im Bundesarchiv (Koblenz) zugänglich. Das haben im Bundestag CDU/CSU, SPD und FDP gegen die Stimmen der AfD und bei Enthaltung der Linken und Grünen beschlossen. Ein guter Beschluss, der es ermöglicht, dass weiter auf der Grundlage der Stasi-Unterlagen Aufklärung betrieben wird. Das allgemeine Interesse ist mit

5.000 Anträgen

monatlich anhaltend groß (kna, SZ 27.9.19). Das Stasi-Unterlagen-Gesetz hatte es seit 1992 ermöglicht, dass die Verhältnisse in der DDR aufgeklärt wurden. Der Arbeiter- und Bauernstaat war nicht nur eine marxistisch-leninistische Diktatur, sondern auch ein brutaler Repressions- und Spitzelstaat. Das hat die Seelen der Menschen vergiftet.

Dass die Linken, deren Vorgänger in der DDR die Macht hatten, nicht für die Verlagerung der Akten nach Koblenz stimmen würden, versteht sich. Aber warum die Grünen?

2551: Mehr Geld für Missbrauchsopfer

Donnerstag, September 26th, 2019

Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche können auf höhere Entschädigungen hoffen. Die Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ hat bei der Herbstversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda zwei Modelle vorgestellt. Entweder pauschal 300.000 Euro pro Opfer oder gestaffelt zwischen 40.000 und 400.000 Euro je nach Schwere des Leids. Das ist gute Politik. Zwar kann die Schuld der Täter nicht wieder gutgemacht werden, aber der Schritt geht in die richtige Richtung, hin zu Versöhnung und Überwindung der Spaltung in unserer Gesellschaft (dpa, SZ 26.9.19).