Archive for the ‘Geschichte’ Category

2699: Paul Celan – rätselhaft, widersprüchlich und fremd

Montag, Januar 27th, 2020

Briefe waren für Paul Celan (1920-1970) sehr wichtig. Uns können sie zum Verständnis dienen. Neben anderen sind in der letzten Zeit Celans Briefwechsel mit Nelly Sachs (1993), Gisèle Celan-Lestrange (2001), Ilana Shmueli (2004), Peter Szondi (2005) und Ingeborg Bachmann (2008) erschienen. Eine faszinierende Lektüre, die uns allerdings nicht immer aufklärt. Nun ist ein neuer Band erschienen:

Paul Celan: „Etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934-1970. Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin (Suhrkamp) 2019, 1.286 S., 78 Euro.

Bei insgesamt 691 Briefen enthält er 330 „Erstdrucke“. Helmut Böttiger (SZ 27.1.20) bestreitet das, er sieht den ganzen Band kritisch. Je mehr wir über Paul Celan erfahren, desto widersprüchlicher und rätselhafter wird sein Bild. Ja, sagen wir es offen, dass der Dichter aus Czernowitz uns in mancher Hinsicht fremd bleibt. Sein Judentum war nicht religiös und mystisch, sondern ganz auf zeitgeschichtliche Erfahrungen gegründet. Von 1940 bis 1945 hatte Celan den Nazi-Terror in der Bukowina miterlebt. Er überlebte in einem Arbeitslager. Seine Eltern wurden von den Nazis ermordet.

Celans weiterer Weg führte ihn über Bukarest und Wien nach Paris (1948), wo er auch als Übersetzer tätig war. Seine poetischen Wurzeln lagen bei Stefan George, Georg Trakl und, vor allem, bei Rainer Maria Rilke. Bei den „Obergefreiten“ der Gruppe 47 fand er 1952 in Niendorf/Ostsee kein Verständnis, als er die „Todesfuge“ vorlas. Bei der Gruppe 47 war Celan danach nie mehr. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1979 bei der Analyse von Marvin Chomskys Hollywood-Fernseh-Serie „Holocaust“ meinen Studenten die „Todesfuge“ vorgelesen habe.

Schwer verständlich sind manche Züge Celans. So traf er sich 1967 zum ersten Mal mit Martin Heidegger, der Celans Gedichte studiert hatte. Gemeinsam wanderten sie nach Todtnauberg. Celan galt als Linker. Aber kaum in dem westeuropäischen Sinn von 1968. Celan wechselte Briefe mit Rolf Schroers, der im Zweiten Weltkrieg die „Abwehr“ von Partisanen in Italien kommandiert hatte. Unter dem Antisemitismus litt Paul Celan am meisten. Das kommt uns heute wieder verständlicher vor.

Helmut Böttiger kritisiert die Briefauswahl Barbara Wiedemanns als zu willkürlich. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie 2020 „Paul Celan – ein Leben in Briefen“ herausbringen will. Ob die Herausgeberin dabei nach Böttigers Meinung stets die „spezifische Dynamik“ des Verhältnisses von Ingeborg Bachmann und Paul Celan erfasst, muss offen bleiben. Celans zahlreiche Liebesbeziehungen sind für manche wohl zu fremd. Im neuen Band wird erstmals die Beziehung zu Inge Waern erwähnt, einer Freundin von Nelly Sachs. Ihretwegen hatte Celan 1964 anscheinend seine Übersiedlung nach West-Berlin erwogen. An den DDR-Lyriker Erich Arendt schrieb Celan: „Ich sagte Ihnen schon, wie einsam wir sind; wir sind es auch mit unseren Vorstellungen vom Arbeiten und Leben.“ (Oliver Jungen, FAZ 21.12.19; Eberhard Geisler, taz 6.1.20)

2696: Wahlrechtsänderung – dringlich, aber schwierig

Freitag, Januar 24th, 2020

1. Obwohl das Bundestagswahlrecht mit seiner Kombination aus Persönlichkeitswahl und Verhältniswahl grundsätzlich einen guten Ruf hat, wird über eine Wahlrechtsänderung seit 2013 diskutiert. Nicht zuletzt auf Grund der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.

2. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat eine Reduzierung der Wahlkreise von 299 auf 270 vorgeschlagen, Grüne, FDP und Linke auf 250.

3. Die SPD-Bundestagsfraktion hat sich noch nicht auf einen Änderungsvorschlag einigen können.

4. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion lehnt eine Verringerung der Wahlkreise nicht mehr prinzipiell ab, weil sie sich nicht in den Ruf bringen will, eine Wahlrechtsänderung grundsätzlich abzulehnen.

5. Gegenwärtig haben wir 709 Abgeordnete. Nach den Berechnungen von Politikwissenschaftlern ergeben neun von zehn Modellen zur Veränderung eine Erhöhung der Abgeordnetenzahl.

6. Die Zeit drängt. In der Unionsfraktion erwägt man deshalb, eine Wahlrechtsreform noch in dieser Legislaturperiode zu beschließen, die Verkleinerung der Wahlkreiszahl aber erst für die Wahl 2025 wirksam werden zu lassen.

7. Vier Veränderungen sind im Gespräch:

a) die Verringerung der Zahl der Wahlkreise,

b) die Überhangmandate, die eine Partei A erzielt, nicht mit Ausgleichsmandaten von anderen Parteien zu kompensieren, sondern in einem anderen Bundesland der Partei A weniger Listenmandate zu geben, als ihr dort nach altem Recht zustehen,

c) darauf verzichten, alle Überhangmandate auszugleichen. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2012 bis zu 15 nicht ausgeglichene Überhangmandate für zulässig erklärt,

d) darauf verzichten, allen Wahlkreissiegern ein Mandat zu geben. Wenn eine Partei in einem Bundesland (Landesliste) zehn Mandate gewinnt, nach dem Zweitstimmenergebnis aber nur Anspruch auf sieben Sitze hat, den drei Wahlkreissiegern mit dem schlechtesten Ergebnis kein Mandat zu geben. Dies wird in der Union abgelehnt.

8. Die gegenwärtige Sitzverzteilung im Bundestag: CDU/CSU 246 (231 direkt), SPD 152 (58 direkt), AfD 90 (2 direkt), FDP 80, Linke 69 (5 direkt), Grüne 67 (1 direkt).

(Christian Endt/Benedict Witzenberger, SZ 18./19.1.20; Robert Rossmann, SZ 23.1.20)

2695: Joachim Gauck 80

Freitag, Januar 24th, 2020

Wie sein Vorschlag zur „begrenzten Duldung“ bei der Regierungsbildung in Thüringen zeigt, mischt er noch mit, obwohl er 80 Jahre alt wird. Joachim Gauck, der Pastor aus Rostock, der für die Einheit Deutschlands eine wichtige Rolle spielt. Er stammt aus einer Familie, in der beide Eltern früh in der NSDAP waren. Die DDR lehnte er ab. Als erster Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde hat er dafür gesorgt, dass deren Arbeit die berechtigte und erforderliche Aufmerksamkeit fand. Und dann wurde er der erste Bundespräsident aus Ostdeutschland. Der SPD hatte er vorher schon gut getan. Seine Statements hatten Gewicht, obwohl er kein brillanter politischer Stratege ist. Er wirbt für Toleranz nach links und rechts. Bei der Überwindung der Spaltung der Gesellschaft können wir solch ein Programm gebrauchen.

2691: Sahra Wagenknecht: Von Goethe zu Marx

Mittwoch, Januar 22nd, 2020

Mit der Partei „Die Linke“ als Nachfolgepartei der SED sympathisiere ich prinzipiell und systematisch in keiner Weise. Ihre Vorgänger haben in so großer Zahl schwerste Verbrechen (z.B. Stalinismus, DDR 1949-1989) begangen, dass ich die Partei heute noch verabscheue. Das sind doch diejenigen, die, nachdem sie in der DDR alles in den Sand gesetzt hatten, heute steile Forderungen stellen. Das ändert sich nicht dadurch, dass sich heute manchmal junge, idealistische Menschen dieser Partei an schließen.

Sahra Wagenknecht (geb. 1969) war für mich in der Partei weithin ein Paradiesvogel (im Bundestag seit 2009). Individualistisch, hoch gebildet. Sie hat Philosophie studiert und 2012 in Volkswirtschaftslehre (VWL) promoviert. Trotzdem hatte sie es von 2015 bis 2019 bis an die Spitze der Linken-Fraktion geschafft. Dort war sie stets umstritten. Den Fraktionsvorsitz hat sie zurückgegeben, weil sie die Politik der „unbegrenzten Zuwanderung“ ablehnt (taz 18./19.1.20). Sie findet es falsch, dass den sozial Schwachen heute erklärt wird, „dass das Weltklima wichtiger ist als ihr Arbeitsplatz und ihre soziale Existenz“. Das sei der sicherste Weg, sie in die Arme der „Rechten“ zu treiben.

Peter Unfried hat Sahra Wagenknecht für die taz (18./19.1.20) interviewt. U.a. weil er die Biografie

Christian Schneider: Sahra Wagenknecht. Die Biographie. Campus 2019, 22,95 Euro,

so aussagekräftig findet. Ich bringe hier Auszüge aus den Antworten Wagenknechts.

„Wenn Individualismus dazu führt, dass einem die Gesellschaft egal ist, dann ist das eher Egoismus oder gar Zynismus. Gerade, wenn man selbst Glück hatte im Leben, und wenn man geprägt ist durch Karl Marx und die Ansprüche linker Theorie, muss man sich an der heutigen Gesellschaft reiben. Warum schreibe ich denn über Fragen einer anderen Weltwirtschaftsordnung? Weil ich die Lebenssituationen, in die viele Menschen heute kommen, demütigend finde.“

„In dem Moment, in dem ich mich mit Goethe beschäftigt habe, begann ich, über Politik und Gesellschaft nachzudenken. Goethes Werk ist ja ein Werk über menschliches Zusammenleben, erstrebenswerte Entwürfe und abzulehnende Verhältnisse. Da habe ich angefangen, darüber nachzudenken: Warum ist die DDR so, wie sie ist? Was hat das noch mit den Ansprüchen zu tun, die die Arbeiterbewegung einst hatte? Und so bin ich dann dazu gekommen, Marx zu lesen.“

„Ich möchte überhaupt wieder mehr geistige Freiheit haben, neue Ideen zu entwickeln, sie dann auch zu äußern und nicht darüber nachzudenken zu müssen, ob ich damit womöglich wieder gegen irgendeinen Kanon linker Glaubenssätze verstoße und meinen Gegnern Vorwände für neue Angriffe liefere.“

2688: 25 Jahre Fritz-Bauer-Institut

Samstag, Januar 18th, 2020

Von einer Israel-Reise 1989 brachten der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Volker Hauff (SPD) und der spätere Präsident des Zentralrats der Juden Ignaz Bubis (FDP) die Idee mit für ein Lern- und Dokumentationszentrum des Holocaust nach dem Vorbild von Yad Vashem. 1985 hatte sich die jüdische Gemeinschaft erstmals sehr kämpferisch gezeigt in der Verhinderung von Rainer Werner Fassbinders „Die Stadt, der Müll und der Tod“ auf der Bühne des Frankfurter Schauspielhauses. Die ersten Planungen für das Institut waren überambitioniert. Schwierig wurde die Finanzierung. Der Bund beteiligte sich nicht. Und so mussten die Stadt Frankfurt und das Bundesland Hessen die Kosten für das Institut übernehmen, das am 11. Januar 1995 eröffnet wurde.

Benannt ist es nach dem ehemaligen Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968). Als Jude musste er vor den Nazis nach Dänemark fliehen, kam aber bald nach Kriegsende zurück und wurde zunächst Staatsanwalt in Braunschweig. Als Jurist hat sich Bauer die größten Verdienste um die Aufarbeitung der Nazi-Vergangeheit der deutschen Justiz erworben. Er hat sich für den Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963) eingesetzt, der gegen erheblichen Widerstand in der Justiz durchgesetzt werden musste. Bauer hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Widerstand von 20. Juli 1944 gegen die Nazis anerkannt wurde. Hinweise von Fritz Bauer haben dazu beigetragen, dass der Massenmörder Adolf Eichmann in Argentinien vom israelischen Geheimdienst gefunden werden konnte. Bekannt wurde Bauer einer größeren Öffentlichkeit wohl erst durch die beiden Spielfilme „Im Labyrinth des Schweigens“ (2014) und „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015).

Im Fritz-Bauer-Institut wurde unter seinem damaligen Direktor Micha Brumlik 2004 die große Ausstellung über den Auschwitz-Prozess gezeigt. Fritz Bauer hatte gesagt: Wir müssen „Gerichtstag halten über uns selbst“. Die Arbeit des Instituts ruht auf vier Standbeinen:

1. der wissenschaftlichen Forschung,

2. permanent zahlreichen Aufklärungsveranstaltungen,

3. einer riesigen Fachbibliothek,

4. Handreichungen über den Holocaust für Lehrer.

Heute ist das Institut durch seine Anbindung an die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt gesichert. Mit 60 Euro pro Jahr kann man dort Mitglied werden. Das „Bulletin des Fritz Bauer Instituts“ referiert regelmäßig umfassend über die neuesten Forschungsergebnisse (Hans Riebsamen, FAZ 18.1.20).

2686: Ines Geipel nimmt sich die DDR-Frauen vor.

Freitag, Januar 17th, 2020

Die DDR-Kritikerin Ines Geipel (geb. 1960), eine ehemalige Weltklasse-Sprinterin, war 1989 in die Bundesrepublik geflohen. Sie ist heute Professorin für Verskunst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Als ehemalige DDR-Bürgerin ist Geipel prädestiniert für die Analyse der DDR und der Verhältnisse in Ostdeutschland heute. Sie ist eine Ikone im Anti-Doping-Kampf. Dadurch ist sie bei einigen verhasst. Ines Geipel hat schon mehrere Bücher über die DDR veröffentlicht, darunter „Generation Mauer“ und „No Limit: Wieviel Doping verträgt die Gesellschaft“.

In ihrem neuesten Buch:

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Stuttgart (Klett-Cotta) 2019, 277 Seiten,

ist sie besonders überzeugend, weil sie sich partiell der Geschichte ihrer Familie direkt annimmt. Sie schreibt über ihren Nazi-Großvater, ihren Stasi-Vater und ihren 2018 an Krebs gestorbenen Bruder. Dabei reflektiert sie auch die Rolle ihrer Mutter.

Über die Rolle der Frau in der DDR schreibt Geipel: „Das mit der Ostfrau ist ein changierendes, brüchiges Bild, je nach Perspektive, Generation, Erfahrung, je nach Innen- oder Außenblick. Lässt sich dieser Mythos trotzdem irgendwie auf einen Nenner bringen? Oder auch: Wie stand es eigentlich mit der Machtfrage? Wer regierte den Staat? Wo war die Ost-Frau in den Institutionen, in der Wirtschaft, an den Unis, in der Kultur, an den Schaltstellen des Landes? Was bestimmte ihren Familien-Alltag? Wo wurde nicht für die Mythos-Frau, sondern mit den realen Frauen Politik gemacht?

Denn mehr Patriarchat als im Osten war praktisch nicht drin.

Ein Traditionsgebäude, in der die Frau nicht nur symbolisch gesehen auf den Mann bezogen blieb. Auch im Realen hing sie fest und blieb die Beauftragte in der zweiten Reihe, die sich abrackerte, die absicherte, bedingte, erfüllte und oft genug forcierte.

Unsere starken Mütter und ihre elenden Verantwortungslosigkeiten, die die Gewalt ihrer Männer nicht stoppten, sondern sie oft genug geschehen ließen, die sich wegduckten, sie ausschwiegen, sie miterleben oder sogar selbst ausführen wollten. Scham und Verrat, Lüge und Selbstschuld, Selbstgesteuertes und komplett Versiegeltes, Biografien und Familiengedächtnisse, in einem Intimschweigen, das durch 56 Jahre Diktaturerfahrung hindurch politisch gemacht wurde und über das der Osten 1989 genuin verfügte. Wie da rankommen?“ (S. 191)

2685: Eckart Conze über das Kaiserreich und die Hohenzollern

Freitag, Januar 17th, 2020

Eckart Conze ist Professor für neueste Geschichte an der Universität Marburg Er scheibt:

„Geschichtsbilder, die die Modernität, die Fortschrittlichkeit und die kulturelle Dynamik des Kaiserreichs und seiner Gesellschaft betonen, überdecken die Persistenz autoritärer Strukturen, die anhaltende soziale Fragmentierung, den aggressiven Militarismus, einen brutalen Kolonialismus und die sozialdarwinistisch unterfütterte Ideologie nationaler Machtstaatlichkeit.

Vor allem aber lassen sie die Kontinuitätslinien, die von 1871 zu 1933 führten, verschwinden. Zu diesen gehört nicht zuletzt der Autoritarismus der national konservativen Eliten, ihre Demokratiefeindschaft, ihr Antiparlamentarismus und in vielen Fällen auch ihr Antisemitismus. Hier lagen die Brücken zum Nationalsozialismus, und hier liegt auch die Bedeutung des Kronprinzen. Vor diesem Hintergrund zielt die Prinzen-Apologie, die uns in Historiker-Gutachten und der öffentlichen Debatte begegnet, weit über die Person des Kaisersohns hinaus. Zusammen mit den Entschädigungsforderungen der Hohenzollern ist sie der Versuch, ein kritisches Bild des Kaiserreichs zu entsorgen und die Eliten des Kaiserreichs aus ihrer historischen Verantwortung zu nehmen.“ (SZ 16.1.20)

2684: Wladimir Putin – für immer

Donnerstag, Januar 16th, 2020

Die gegenwärtigen Machinationen und Taschenspielertricks in Russland mit dem Rücktritt der Regierung Dmitrij Medwedjew dienen dazu, Wladimir Putin lebenslänglich an der Macht zu halten. Sozusagen als Diktator auf Lebenszeit. Das de facto völlig rückständige russische politische System lässt das zu. Medwedjew ist ein Vertrauter Putins. Schon die bisherige Arbeitsteilung zwischen Putin und der Regierung war stets klar: Putin verspricht der Bevölkerung Wohltaten. Und das Misslingen verantwortet die Regierung. Das sieht auch der russische Oppositionspolitiker Michail Kassjanow so. Putin werde „für immer“ Präsident bleiben.

Putin war von 2000 bis 2008 zwei Amtszeiten Präsident, wechselte dann ins Amt des Ministerpräsidenten. Sein Vertrauter Medwedjew trat nach einer Amtszeit als Präsident nicht mehr an, so dass Putin wieder Präsident werden konnte. Usw. (Thomas Kirchner, SZ 16.1.20; Silke Bigalke, SZ 16.1.20; Frank Nienhuysen, SZ 16.1.20)

2680: Kepel: Trump und Erdogan sind stark.

Montag, Januar 13th, 2020

Gilles Kepel, 64, ist Professor für den Nahen Osten und den Mittelmeerraum an der Ecole Normale Superieure in Paris. Er ist ein sehr angesehener Experte. Sein gerade erschienenes Buch heißt: „Chaos: Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen“. Dazu hat ihn Andrian Kreye für die SZ (13.1.20) interviewt.

SZ: Spielt die Frage, ob der Angriff auf Soleimani rechtmäßig war, keine Rolle?

Kepel: Trump hat gezeigt, dass er als Präsident entscheiden kann, jeden Menschen an jedem Ort der Welt zu töten. Das könnte nicht nur eine neue Jurisprudenz sein, sondern überhaupt eine neue Ära der Kriegsführung. Nicht nur im Nahen Osten. Denn das gilt nun für jeden, der eine Drohne hat. … Trump hat da ein schweres Trauma der amerikanischen Geschichte geheilt (die Geiselnahme von 52 US-Amerikanern in Teheran 1979). Er hat Rache für ein ungesühntes Verbrechen genommen. Nicht

das Wiesel Obama oder der Superinterventionist Bush.

Er, Trump, der Drachentöter. Diese symbolische Dimension der Tötung Soleimanis wird für seine Wiederwahl wichtig sein.

SZ: Wird sich das Chaos, das Ihrem Buch den Titel gibt, mit Trumps Beweis der Stärke denn beruhigen?

Kepel: Wir stehen sicher vor gewaltigen Veränderungen in der Region. Saudi-Arabien hat an Einfluss verloren. Amerika zieht sich zurück. Russland mischt sich ein. Die Hoffnungen des Arabischen Frühlings haben sich längst zerschlagen. Der neue starke Mann im Nahen Osten ist Erdogan mit seinem Traum vom Osmanischen Reich.

SZ: Und welche Rolle spielt Europa?

Kepel: Europa wird stärker gemeinsam handeln müssen. Wir müssen ein einigeres, wohlhabenderes Europa schaffen. Und neben einer gemeinsamen Außen- brauchen wir eine gemeinsame Sicherheitspolitik. Es ist schon ironisch, dass ich das als Franzose sage, aber wir

brauchen stärkere deutsche Streitkräfte

und ein starkes deutsch-französisches Bündnis. Die Tatsache, dass Europa gerade so passiv wirkt, ist ein deutliches Zeichen von Schwäche. Das ist gefährlich.

 

2679: Auch Obama hat schon eine falsche Nahost-Politik gemacht.

Sonntag, Januar 12th, 2020

1. Barack Obamas Versuch, die USA 2009 aus Nahost zurückzuziehen, war falsch. Das Ergebnis sehen wir jetzt.

2. 2015 meldete sich die russische Diktatur, die zu Hause mit sozialer Ungerechtigkeit zu kämpfen hat, in Nahost zurück. Russland bemüht sich, die heimischen Probleme durch außenpolitische Aggressivität (Beispiel Krim) zu übertünchen.

3. 1990 hatten die USA ohne Erfolg begonnen, direkt in Nahost zu intervenieren.

4. Heute haben die USA dort immer noch 68.000 Soldaten, eine Flugzeugträgerkampfgruppe sowie Luftwaffen- und Marinebasen in Katar und Bahrain.

5. Die Destabilisierung des Irak hatte den Aufstieg des Islamischen Staats (IS) ermöglicht.

6. Die Mullahs im Iran versuchen, u.a. durch Militärhilfe die gesamte Region zu destabilisieren, um sie dem eigenen Einfluss zu unterwerfen.

7. Das reiche Saudi-Arabien bemüht sich als Antipode Irans um militärische Aufrüstung.

8. Die Türkei unterstützt in der Region sunnitische Kräfte wie die Muslimbruderschaft und kauft bei Russland Waffen.

9. Die einzigen Verbündeten der USA in Nahost sind Israel (das militärisch u.a. durch Atomwaffen stark ist) und Saudi-Arabien. Die EU ist geo- und militärpolitisch impotent.

10. Im Golf von Hormus werden die USA permanent von Iran mit Drohnen und seiner Kriegsmarine bedroht.

11. Entgegen den Erwartungen war Donald Trump bereit, in Nahost punktuell auf militärische Macht zu setzen.

12. Irgendwann wollen die USA sich aus der Region zurückziehen, was die Kriegsgefahr dort erhöht (Bernard Haykel, SZ 9.1.20).