Archive for the ‘Geschichte’ Category

2776: USA: Anwachsen der Arbeitslosenzahlen

Freitag, März 27th, 2020

3,3 Millionen Amerikaner haben letzte Woche Arbeitslosenhilfe beantragt. Das sind mehr als beim bisherigen Höchststand 1982. Nach Meinung des US-Währungshüters James Bullard könnten demnächst fast 50 Millionen Amerikaner ihren Arbeitsplatz verlieren (dpa, SZ 27.3.20).

Wer in den USA entlassen wird, steht häufig nicht nur ohne Job da, sondern auch ohne Krankenversicherung. Arbeitslosenhilfe – sie ist gering – gibt es nur für einige Wochen. Sind die privaten Rücklagen aufgebraucht, droht die Armut.

Der Kommentar von Claus Hilverscheidt (SZ 27.3.20) dazu:

„Der Verzicht auf ein echtes Sozialsystem in den USA ist die Kehrseite dessen, was viele Amerikaner unter Freiheit verstehen. Wer die Freiheit hat, eine Firma zu gründen, einen Beruf zu wählen, reich zu werden, der trägt nach dieser Lesart umgekehrt auch die Verantwortung dafür, wenn die Firma in Konkurs geht, der Job wegfällt oder das Konto überzogen ist. Selbst Krankheit ist vor diesem Hintergrund Privatsache, vielleicht frönte der Betroffene ja Lastern oder war einfach nicht fromm genug. Warum, so der Gedanke, sollte der Staat, die Allgemeinheit, für derlei Fehlverhalten einstehen?“

2772: Warum nicht eine Universität nach Hannah Arendt benennen ?

Dienstag, März 24th, 2020

Anna-Lena Scholz (Die Zeit 12.3.20) beschäftigt sich mit der Tatsache, dass keine der 121 deutschen Universitäten den Namen einer Frau trägt. Unter den 216 Fachhochschulen gibt es die Alice Salomon Hochschule in Berlin. Viele Universitäten tragen Namen von Männern. So etwa die Georgia Augusta in Göttingen den des englischen Königs Georg II. Es sind regelmäßig „Herrschaftsnamen“. Gegenwärtig sind nur 24 Prozent aller Professuren von Frauen besetzt, nur ein Viertel aller Hochschulen wird von einer Frau geleitet.

In letzter Zeit haben deutsche Universitäten ihren Namen aufgegeben, weil deren Träger Antisemiten waren: Ernst Moritz Arndt (Greifswald), Christian Peter Beuth (Berlin). Damit hat man den Protest der AfD hervorgerufen. Die deutschen Universitäten sind aber so alt und ehrwürdig (Heidelberg 1386, Greifswald 1456, Bamberg 1647), dass sie es verdient haben, geeignete Namen zu tragen. Wie die Universität Jena den Namen Friedrich Schillers, die Universität Frankfurt den Johann Wolfgang Goethes, die Universität Düsseldorf den Heinrich Heines und die Universität Mainz den Johannes Gutenbergs.

Bei einer Umfrage der „Zeit“ unter den Spitzen der Wissenschaft sprudelten die Vorschläge für Namensgeberinnen nur so. Häufig genannt wurde etwa die Philosophin und politische Theoretikerin Hannah Arendt (1906-1975). Sie hat die Begriffe „totale Herrschaft“ und „Banalität des Bösen“ wissenschaftlich vermessen und zeitlebens die Verantwortung der Wissenschaft unterstrichen und gegen Dogmatismus gekämpft. Sie war die Philosophin der Freiheit. Bei den Kommunisten war die jüdische Emigrantin aus Deutschland nicht beliebt. Dem Feminismus stand sie reserviert gegenüber. Nach 1945 hat sie den Deutschen mit zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst verholfen. Dafür wurde sie beschimpft und bedroht. Ihre Geburtsstadt Hannover erinnert seit 20 Jahren mit den Hannah-Arendt-Tagen an sie. Sie ist wohl die am ehesten als Namensgeberin einer deutschen Universität geeignete Frau.

Die Historikerin und Rektorin des Wissenschaftskollegs Berlin, Barbara Stollberg-Rilinger, wünscht sich Arendts Namen für ihre Heimatuniversität Münster. Denn die heißt heute (2020) noch nach Kaiser Wilhelm II. Eine Sache der Unmöglichkeit. Aus Wissenschaftlerkreisen wurden auch andere gute Vorschläge für Namensgeberinnen gemacht: die Universalgelehrte Hildegard von Bingen, Caroline von Humboldt, die Frau Wilhelm von Humboldts, die Medizinerin Dorothea Christiane Erxleben, die Mathematikerin Emmy Noether und die Physik-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard.

Dorlis Blume, Monika Boll, Raphael Gross (Hg.): Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert. München (Piper) 2020, 288 S.

2769: Vom Nachexil

Sonntag, März 22nd, 2020

Viele, die ins Exil getrieben wurden, haben davon berichtet, dass sie im neuen Land nicht heimisch wurden und dass das Exil nicht verging. Das tut auch Georges-Arthur Goldschmidt, geb. 1928 in Reinbek bei Hamburg, der mit seinem älteren Bruder 1938 von den Eltern nach Florenz geschickt wurde. Er floh ein Jahr später weiter nach Frankreich. Zuerst wurde er in einem Internat, dann bei einem Bauern versteckt. Er lernte Französisch und nahm am Widerstand gegen die Nazis und die Deutschen teil. Heimisch wurde er nie. Trotz Bildungskarriere und Staatsbürgerschaft. Zur Dankbarkeit fühlte er sich verpflichtet. Und er war von einer Bürde belastet,welche die ihn umgebenden Franzosen nicht kannten. Das können wir nachlesen in Goldschmidts

„Vom Nachexil“.

Göttingen (Wallstein) 2020, 88 S., 18 Euro. (beha, FAS 22.3.20)

2765: Borwin Bandelow über Angst

Samstag, März 21st, 2020

Der Göttinger Angstforscher Prof. Dr. Borwin Bandelow ist Psychologe und Psychiater. Er wurde von Clara Ott telefonisch zur gegenwärtigen Angst befragt (Welt 21.3.20).

Welt: Angst führt zu Egoismus: Wir sichern uns Vorräte, Regierungschefs riegeln ihre Länder gegen ehemalige Verbündete ab. Zeigen wir unter Angst unser wahres Gesicht?

Bandelow: Das ist tatsächlich so. Es gibt nämlich noch ein anderes primitives, archaisches System im Gehirn, das Belohnungsgehirn, es reagiert unter anderem auf Essen. Hamsterkäufe kommen daher, dass wir früher vor dem Winter hamstern mussten, um zu überleben. Wer das nicht tat, ist verhundert. Die ängstlichen Bedenkenträger aber haben überlebt. Das hat sich in unserer DNA tief verankert: Obwohl uns alle Politiker versichern, dass die Lebensmittelgeschäfte weiter geöffnet haben, sind wir trotzdem in großer Sorge, Hungers zu sterben. Das Belohnungssystem funktioniert so: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ …

2763: Angriffe von rechts auf die Weimarer Republik

Donnerstag, März 19th, 2020

Von Anfang an wurde die Weimarer Republik von Rechtsextremisten, Völkischen und Rassisten angegriffen. So beim sogenannten Kapp-Putsch (13.-17.3.1920). Damals wurde u.a. das Berliner Regierungsviertel besetzt. Benannt ist der Putsch nach dem Generallandwirtschaftsdirektor Wolfgang Kapp (1858-1922). Militärisch geführt wurde er von General Walther von Lüttwitz (1859-1942). Beteiligt waren einer der obersten Steigbügelhalter Adolf Hitlers, General Erich Ludendorff (1865-1937), und Major Waldemar Pabst (1880-1970), der die Federführung bei der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durch die Gardekavallerie-Schützendivision am 15.1.1919 gehabt hatte. Beendet wurde der Putsch ziemlich schnell durch einen Generalstreik (ausgerufen von SPD, Gewerkschaften, USPD, Beamtenbund).

Die Putschisten hatten Verbindungen zu dem Industriellen Hugo Stinnes und zum Chef der Heeresleitung, Genraloberst Hans von Seeckt (1866-1936). Gestützt wurden sie vom preußischen Adel, ostelbischen Rittergutsbesitzern, konservativen Politikern, Teilen der Reichswehr und den völkisch-nationalistischen Bewegungen. Ihr militärischer Arm waren die Freikorps, die sich auf Grund der Verkleinerung der Reichswehr nach dem Versailler Vertrag gebildet hatten (Rudolf Walther, taz 13.3.20).

In seinem neuen Buch nimmt sich Klaus Gietinger des Kapp-Putsches an:

Kapp-Putsch. 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee (Schmetterling-Verlag), 328 S., 19,80 Euro.

Er ist, wie immer, nicht zimperlich. Seiner Meinung nach müsste der Putsch „Kapp-Lüttwitz-Pabst-Putsch“ heißen. Es habe sich gezeigt, „dass die Rechten keine Chance haben, wenn von den Linken bis zu den Bürgerlichen alle zusammenhalten“. Wir bemerken die bewusste Aktualisierung. Und: Gietinger könnte Recht haben. Mit guten Gründen lehnt er die Gleichsetzung von rechtsextremer und linksextremer Gewalt auch schon für die Weimarer Republik ab (unter Insidern war das immer bekannt) (Oliver Stenzel, Kontext 14.3.20). Nicht ganz so schlüssig ist er da, wo er den Sozialdemokraten (SPD) und der „Weimarer Koalition“ eine Mitverantwortung „am Aufkommen des Faschismus“ zuschreibt. Das gilt gewiss für Verteidigungsminister Gustav Noske und Innenminister Wolfgang Heine. Aber für die ganze SPD?

Zumindest müssten wir dazu auch noch auf die Entwicklung der KPD schauen (gegründet am 30.12.1918). Das können wir kurz und sehr gut anhand von Hermann Webers Schlager

Von Rosa Luxemburg zu Walter Ulbricht. Wandlungen des deutschen Kommunismus. Hannover (Verlag für Literatur und Zeitgeschehen) 1961 (Sonderdruck der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung), 112 S.

2762: Die DDR war keine antifaschistische Gesellschaft.

Donnerstag, März 19th, 2020

Der Emeritus für Pädagogik Micha Brumlik, 72, belegt in der „Zeit“ (5.3.20), dass die DDR kein antifaschistischer Staat war. Denn obwohl sie sich das großspurig und propagandistisch auf die Fahnen geschrieben hatte, integrierte sie ehemalige Nazis in Partei, Staat und Wirtschaft. Dagegen gab es in der Bundesrepublik den Versuch der „Aufarbeitung“, nachdem 1963 der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess eingeleitet hatte. Die Studenten protestierten 1968 gegen ehemals nationalsozialistische Hochschullehrer.

Micha Brumlik verweist zu Recht auf das Buch von

Harry Waibel: Die braune Saat. Antisemitismus und Neonazismus in der DDR. 2017.

Darin wertet Waibel ca. 2.000 neue Quellen insbesondere der Stasi aus. „Die Anzahl neonazistischer Vorfälle liegt bei etwa 7.000, und etwa 725 Vorfälle betreffen Rassismus, und 900 Straftaten sind antisemitischer Natur, wovon etwa 145 die Schändungen jüdischer Friedhöfe und Gräber betreffen. Bei über 200 gewalttätigen Angriffen wurden durch Pogrome und pogromartige Angriffe tausende Personen aus über 30 Ländern verletzt, und mindestens 10 Personen wurden zum Teil in Lynchjustiz getötet. (…) Die Angriffe wurden in den allermeisten Fällen von jüngeren Männern durchgeführt und fanden in über 400 Städten und Gemeinden der DDR statt.“

In ihrem Buch

Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. 2019.

hat Ines Geipel geschrieben: „Der Osten (…) blendete in  Wissenschaft, Bildung und Öffentlichkeit die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden weitgehend aus, ja zog sie nicht einmal ernsthaft in Betracht.“

 

2758: Monika Maron liest in Loschwitz.

Sonntag, März 15th, 2020

Sechs Tage nach Uwe Tellkamp, der aus seinem neuen Buch „Das Atelier“ gelesen hatte, las Monika Maron im „Buchhaus Loschwitz“ (Inhaberin Susanne Dagen) aus einer Sammlung von Essays aus den letzten 30 Jahren. Ihr DDR-Bestseller „Flugasche“ war 1981 erschienen.

Während aber Tellkamp meint, dass es in Deutschland keine „Meinungsäußerungsfreiheit“ und – vor allem – keine „Meinungsakzeptanz“ gebe, ist Maron nicht ganz so abwegig. Wir sehen daran, was die DDR mit ihrem real existierenden Sozialismus uns für Geistesverwirrung unter einigen Schriftstellern gebracht hat. Auch Maron steht der Politik in Deutschland mit wachsendem Unverständnis gegenüber.

Die Gegenstände, mit denen Maron nicht fertig wird, sind

– der Islam,

– der Zuzug von Flüchtlingen,

– die Energiewende und

– das „Genderkauderwelsch“ (Stefan Locke, FAS 15.3.20).

Da kann ich nichts machen.

2752: Wladimir Putin – Diktator auf Lebenszeit

Mittwoch, März 11th, 2020

Wladimir Putins Amtszeit als russischer Präsident endet eigentlich 2024. Aber er hat einen – typisch russischen – Taschenspielertrick gefunden, wie er noch 12 Jahre länger, bis 2036, im Amt bleiben kann. Dann wäre er 84 Jahre alt. Und wer weiß, als Diktator ist da noch jung. Vielleicht hängt er dann nochmals eine Verlängerung dran.

Gegangen ist das so: In der Duma hatte die Abgeordnete Walentina Tereschkowa vorgeschlagen, die bisherige Amtszeit Putins auf Null zu setzen. Tatsächlich läuft seine vierte Amtszeit. Das hohe Haus folgte ohne Gegenstimmen. Putin trat auf und war auch dafür. Am 22. April gibt es dann einen Volksentscheid. Das Ganze erinnert an die Tricksereien 2008 und 2012. Solche politischen Betrugsmanöver sind in Russland üblich. Vielleicht gibt es ja „Massenproteste“ (Clara Lipkowski/Frank Nienhuysen, SZ 11.3.20; Silke Bigalke, SZ 11.3.20).

2751: Alexander Fehling liest Primo Levis „Ist das ein Mensch?“

Mittwoch, März 11th, 2020

Primo Levi aus Turin hat Auschwitz als Chemiker überlebt. 1947 erschien sein „Ist das ein Mensch?“. Damals noch wenig beachtet. Jetzt liest der Schauspieler Alexander Fehling das Buch auf sechs CDs (Audio Verlag Berlin 2020). Wolfgang Schneider (FAZ 7.3.20) schreibt dazu:

„Hier zeigt sich die Instinktsicherheit dieser Lesung, die auch die hohen literarischen Qualitäten des Buches zur Geltung bringt, die Momente grotesker, verzweifelter Komik, die prägnanten psychologischen Porträts und die Sätze von kühner Lakonie. Etwa: ‚Der Tod beginnt bei den Schuhen.‘ In ihren groben Holzpantoffeln bekommen die Häftlinge wunde, entzündete Füße. Wer aber erst einmal mit dem Befund ‚dicke Füße‘ in den Krankenbau kommt, ist erledigt. Deshalb gilt es bei den Selektionen, wo die Häftlinge splitternackt anzutreten haben, alle Schmerzen zu vergessen und kraftvoll und federnd an der Kommission vorüberzuschreiten.“

2745: Beschönigen der Verhältnisse in der DDR

Mittwoch, März 4th, 2020

2019 tönte der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch: „Der Schaden, den die Treuhand angerichtet hat, ist bis heute eine wesentliche Ursache für den ökonomischen Rückstand des Ostens und für politischen Frust vielerorts.“ Kurz vor den Landtagswahlen forderte er einen Untersuchungsausschuss. Den hatte es allerdings 1994 schon gegeben. Petra Köpping (SPD) verlangte eine „Wahrheitskommission“. Ähnlich Björn Höcke (AfD): „Die Verelendung und Heimatzerstörung hier bei uns hat einen Namen. Dieser Name lautet Treuhand. Und die Machenschaften dieser Treuhand gehören rücksichtslos aufgeklärt.“ (Nikolaus Piper, SZ 29.2./1.3.20)

Hier sind die richtigen „Aufklärer“ beieinander. Besonders dreist erscheint mir Dietmar Bartsch, dessen SED die gesamten Verhältnisse in der DDR bekanntlich vor die Wand gefahren hatte. Ohne Menschenrechte, ohne Demokratie, ohne Rechtsstaat, mit einer nicht leistungsfähigen Wirtschaft usw. Solche Versager haben es gerade nötig, über die Verhältnisse im Osten zu klagen. Besonders, wenn sie ihre Stimmen an die AfD verlieren. Sie beabsichtigen eine Legendenbildung zur Beschönigung der Verhältnisse in der DDR.

Die Treuhand war ursprünglich eine Idee des „Runden Tischs“. Sie sollte aber nicht wie in Russland nach der Methode der Coupon-Privatisierung verfahren. Dieses Vorgehen hat uns in Russland nur die Oligarchen beschert, die das Land ausbeuten.

Die Treuhand stellte schnell fest, dass es beim DDR-Industrievermögen überhaupt nichts zu verteilen gab. Die Staatliche Plankommission der DDR bescheinigte der DDR am Ende die Zahlungsunfähigkeit. Die Menschen verließen die neuen Bundesländer. Die Bundesregierung bot eine Währungsunion an, um die Entvölkerung zu stoppen. Die Einführung der D-Mark bedeutete für die DDR-Unternehmen eine Aufwertung, der sie nicht gewachsen waren. Dazu kam die neue Tarifpolitik der DGB-Gewerkschaften. Der DDR-Wirtschaft brachen mit den Ländern des früheren Ostblocks die Kunden weg. Und eine DDR als Niedriglohngebiet konnte bei nun offenen Grenzen nicht funktionieren.

Die Treuhand schätzte im Herbst 1990 den Wert der DDR-Unternehmen auf 600 Milliarden Mark. Tatsächlich erlöste sie von 1990 bis 1994 40 Milliarden. Außerdem musste sie Altschulden abtragen und ökologische Altlasten beseitigen.

Präsident der Treuhand wurde der hoch angesehene Stahl-Manager Detlev Carsten Rohwedder (SPD). Von ihm stammte die Devise: „Schnell privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stilllegen.“ Er wurde am 1. April 1991 in seinem Haus ermordet. Wahrscheinlich von RAF-Terroristen. Die Täter sind aber nie identifiziert worden. Rohwedders Nachfolgerin wurde Birgit Breuel (CDU), eine qualifizierte Fachfrau.

Der Umbau der DDR-Wirtschaft wurde besonders für die damals 40- bis 50-Jährigen traumatisch. Sie waren zu alt für eine neue Karriere und zu jung für die Rente. Die Treuhand hat 6.456 Betriebe nach 1990 privatisiert, 3.718 wurden liquidiert, 2,5 Millionen Arbeitsplätze verschwanden. Dabei sind Fehler passiert, wie insbesondere Birgit Breuel in ihrer Rückschau eingeräumt hat. Vorher hatte aber noch niemand eine sozialistische Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft umgebaut. Selten waren kriminelle Machenschaften.

Am erfolgreichsten gegen die Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Treuhand hat Richard Schröder (SPD) gekämpft. Ein promovierter Theologe und typischerweise ein Sozialdemokrat. Durch ihn sind „Legenden“ hinfällig geworden wie die, dass die Treuhand die lästige Ostkonkurrenz aus dem Weg geräumt habe, dass es einen massiven Vermögenstransfer von Ost nach West gegeben habe und dass Ost-Betriebe massenhaft plattgemacht worden seien und dass der Maschinenpark dann in den Westen gegangen sei.

80 Prozent der größeren Betriebe wurden von westdeutschen Firmen erworben, 15 Prozent von Ausländern, 5 Prozent von Ostdeutschen. Nach 40 Jahren Sozialismus hatte niemand im Osten Kapital. Allerdings gelangten bei der „kleinen Privatisierung“ viele Gaststätten, Apotheken und Einzelhandelsgeschäfte in die Hände von Einheimischen. Die Treuhand hat den Umbau vom realen Sozialismus in den realen Kapitalismus bewerkstelligt. Das konnte nicht ohne Konflikte abgehen. Und das Gefühl mancher Ostdeutscher, über den Tisch gezogen worden zu sein, erscheint verständlich. Die Wiedervereinigung Deutschlands war ein großes Glück für uns Deutsche, besonders für die Ostdeutschen. Aber einige von ihnen wollen das bis heute nicht wahrhaben. Dann greifen sie zu Legenden und Beschönigungen. Das ist aber nicht die Wahrheit.