Archive for the ‘Geschichte’ Category

2804: Wiederauferstehung des Homo Sovieticus in Weißrussland

Donnerstag, April 16th, 2020

Alexander Lukaschenko ist als Präsident von Weißrussland seit 25 Jahren im Amt. Er gilt als Diktator. Der frühere Kolchos-Chef tritt besonders gerne im Eishockey-Trikot auf. In Weißrussland wird trotz Corona „normal“ gearbeitet. Der Fußball wird vor Publikum gespielt. Allerdings leeren sich allmählich die Stadien. Der Präsident gibt der Bevölkerung gerne Ratschläge, um die Pandemie in Schach zu halten: Feldarbeit, regelmäßige Nahrungsaufnahme, Saunagänge und ab und zu ein Wodka. Lukaschenko ironisiert die Politik von Wladimir Putin. Es handelt sich, wie Barbara Oertel schreibt (taz 9./10.4.20), um die Wiederauferstehung des Homo Sovieticus.

Geprägt wird das Land vom Atomunfall in

Tschernobyl

am 26. April 1986. Der wurde von der sowjetischen Führung systematisch verschleiert. In Kiew marschierten Tausende am 9. Mai auf der Siegesparade. Der Kollaps der Sowjetunion 1991 überließ Weißrussland und der Ukraine die Aufarbeitung des Atomunfalls. Sie ist bis heute nicht erfolgt. Es gibt keine verlässlichen Zahlen. Die Bevölkerung ist es gewöhnt, belogen und im Unklaren gelassen zu werden. Massenhaft werden Journalisten verhaftet und wegen „Verbreitung von Falschmeldungen“ verurteilt.

Lukaschenko möchte bei der Präsidentenwahl im August 2020 wiedergewählt werden. Er verkündet: „Ich will nicht, dass mein Staat zu einem Teil dieser sogenannten zivilisierten Welt wird.“

 

2801: IWF: Größte Wirtschaftskrise seit 100 Jahren

Mittwoch, April 15th, 2020

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet auf Grund der Covid 19-Pandemie die größte Wirtschaftskrise seit 100 Jahren (seit der großen Depression 1929/30). Das globale Wirtschaftswachstum werde um drei (3) Prozent sinken, der Welthandel um elf (11) Prozent. In der Euro-Zone (etwa in Frankreich und Deutschland) würden die Volkswirtschaften um sieben (7) Prozent schrumpfen. Jeder zehnte (10.) Arbeitnehmer in der Euro-Zone könnte 2020 ohne Job sein. In Spanien dürfte die Arbeitslosigkeit wieder 20 Prozent erreichen. Wann ein geeigneter Impfstoff verfügbar sei, stehe noch nicht fest. Der IWF erwartet, dass die wirtschaftliche Stärke aus der Zeit vor dem Virus lange nicht erreicht werde (Cerstin Gammelin, SZ 15.4.20).

2795: Daniel Barenboim über Wilhelm Furtwängler

Freitag, April 10th, 2020

Julia Spinola führt ein großes Interview über Beethoven mit Daniel Barenboim, 77 (SZ 9./10.4.20). Von dem ich glaube, dass es ein großes Glück ist, dass wir ihn als Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin bei uns haben (er ist außerdem Gründer des West Eastern Divan Orchestra). Barenboim ist ein ausgesprochener Beethoven-Liebhaber und -Kenner und hat sehr viel von ihm aufgeführt.

SZ: Welche Beethoven-Dirigenten haben Sie besonders geprägt?

Barenboim: Das war Wilhelm Furtwängler. Ich habe ihm vorgespielt, als ich 11 war, und durfte seine Proben zu „Don Giovanni“ besuchen. 1954 habe ich dann in Salzburg ein bis heute unvergessenes Beethoven-Konzert von Furtwängler gehört mit der 8. Sinfonie, der Großen Fuge und der 7. Sinfonie. Das hatte eine ungeheure Intensität. Ich hatte so etwas noch nie davor gehört – und danach auch nicht. Es gab bei Furtwängler ein Zusammenspiel von Denken, Analysieren und Emotion wie bei keinem anderen Dirigenten. Die Freiheiten, die er sich genommen hat und für die er gelegentlich auch kritisiert worden ist, kamen bei ihm aus einer strukturellen Überzeugung. Das ist für mich das Modell geblieben. Vor vielen Jahren habe ich einmal mit Carlo Maria Giulini darüber gesprochen. Er sagte diesen wunderbaren Satz:

Furtwängler symbolisiere für ihn sämtliche der besten Eigenschaften des Musizierens.

2794: AfD integriert Rechtsextremisten.

Freitag, April 10th, 2020

Mit seinem Versuch, den rechtsextremistischen „Flügel“ von der AfD zu trennen, ist der Vorsitzende Jörg Meuthen gescheitert. War ihm das ernst? Für seinen „großen Fehler“ hat er sich entschuldigt. Das war demütigend. Wahrscheinlich nimmt er jetzt einen ähnlichen Weg wie seine Vorgänger Bernd Lucke und Frauke Petry.

Umgekehrt bedeutet das, dass der rechtsextremistische „Flügel“ (Herrn Björn Höcke darf man als „Faschisten“ bezeichnen) in die AfD integriert bleibt. Die ist dann eine Mischung aus Rechtskonservativen und Rechtsextremisten. Die einen stehen auf dem Boden der Verfassung, die anderen nicht. Der Verfassungschutz hat den „Flügel“ gerade zum Beobachtungsobjekt erklärt. Das müsste er jetzt bei der ganzen AfD tun (Markus Balser, SZ 8.4.20).

2793: Mehr rechtsextremistische Straftaten

Freitag, April 10th, 2020

2019 wurden in Deutschland 22.337 rechtsextremistische Straftaten bekannt. 2018 waren es 20.431, 2017 20.520. Hauptsächlich fallen darunter Propagandadelikte und Fälle von Volksverhetzung, aber auch fast 1.000 versuchte und vollzogene Gewalttaten wie Körperverletzungen und Tötungsdelikte. Insgesamt hat die Polizei im vergangenen Jahr 41.175 politisch motivierte Straftaten festgestellt. Mehr als in den Vorjahren. Linksextremisten haben im vergangenen Jahr 9.849 politisch motivierte Straftaten begangen. 427 Delikte waren religiös begründet. Bei den antisemitischen Straftaten zeichnet sich ein erneuter Anstieg ab. 2019 registrierte die Polizei 2.032 entsprechende Delikte (epd, SZ 8.4.20).

2792: Daniel Cohn-Bendit 75

Freitag, April 10th, 2020

Der 1945 in Südfrankreich als Kind deutscher Juden geborene Daniel Cohn-Bendit wird 75. In der Geschichte der deutschen Grünen nimmt er einen wichtigen Platz ein. Sein Freund Peter Unfried (taz 4./5.4.20) schreibt über ihn, er habe manches als erster gesagt, was später zum Kanon wurde. Unfried zollt Cohn-Bendit nicht deswegen so hohen Respekt, weil er den Pariser Mai 1968 angeführt hat oder weil er die Grünen dazu gebracht hat, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen, oder weil er einer der populärsten Europa-Politiker wurde, sondern „weil er ein außergewöhnlich freier und mündiger und lebensbejahender Mensch ist“.

Cohn-Bendits Stärke bestand tatsächlich darin, den eigenen Leuten zu sagen, dass man anderer Meinung ist und warum. So warb der Politiker in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gemeinsam mit Joschka Fischer für humanistisch-militärische NATO-Interventionen in Bosnien und im Kosovo. Da war die Parteibasis noch lange nicht so weit. Sie griff dann – typisch pazifistisch – auf einem Parteitag zur Gewalt gegen Fischer. Cohn-Bendit hat immer den Mut gehabt, sich zu korrigieren.

2789: Gute Gründe, Hannah Arendt besser zu kennen.

Montag, April 6th, 2020

1. Heute finden Sie Hannah Arendt (1906-1975) bei Youtube auf „ArendtKanal“.

2. Als ich studiert habe (1968-1972), kam in einem sozialwissenschaftlichen Studium Arendt kaum vor. Sie stand in dem Ruf, die Totalitarismus-Theorie („Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ 1951/1955) mit begründet zu haben und insofern für die Gleichsetzung von Faschismus und Stalinismus verantwortlich zu sein. Das war reiner Schwachsinn, aber der ist auch heute noch in der Wissenschaft weit verbreitet.

3. Als Beobachterin des Eichmann-Prozesses („Eichmann in Jerusalem“ 1964) hat Arendt scharfsinnig die These von der „Banalität des Bösen“ herausgearbeitet, weshalb sie massenhaft politisch und publizistisch bekämpft wurde. Die These besagt sehr klar, dass der Faschismus die ganze Gesellschaft ergriffen hatte, er war banal. Unsere Eltern und Lehrer waren Nazis. Das wollte „man“ nicht gerne hören.

4. In dem berüchtigten Interview mit Günter Gaus im deutschen Fernsehen (1964), das übrigens die journalistische Klasse von Gaus belegt, erklärte Arendt zum Feminismus: „Ich habe einfach gemacht, was ich machen wollte, und ich habe mir nie überlegt, dass das gewöhnlich Männer machen, und jetzt macht das eine Frau.“ Das hat Hannah Arendt den Hass der vielen Spielarten des Feminismus eingetragen.

5. Ihren persönlichen Antrag auf Wiedergutmachung zur Anerkennung ihrer Habilitation („Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“, 1931/1938) hat Arendt 1971 beim Bundesverfassungsgericht durchgesetzt.

6. Hannah Arendts Tätigkeit für die „Jewish Cultural Reconstruction“ in der US-Zone (1951-1953) führt in „einer direkten Linie zur aktuellen Provenienzforschung“ (Raphael Gross).

7. Die große Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin über „Hannah Arendt und das 20 Jahrhundert“ konnte wegen der Corona-Krise noch nicht eröffnet werden. Ich kenne den entsprechenden Ausstellungsband. Er bringt die Arendt-Forschung auf den letzten Stand.

8. Hannah Arendts von Immanuel Kant abgeleitete „Urteilskraft“ ist also vorerst nur digital zu besichtigen.

(Hannah Bethke, FAZ 4.4.20)

2784: Was weiter mit dem Jüdischen Museum Berlin ?

Donnerstag, April 2nd, 2020

Wie entwickelt sich das Jüdische Museum Berlin weiter, nachdem sein Direktor, der hoch angesehene Judaist Peter Schäfer, 2019 wegen der Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ enlassen worden war? Benjamin Netanjahu (Israel) fand die Ausstellung zu palästinenserfreundlich, sie berücksichtige jüdische Perspektiven zu wenig. Seit dem 1. April ist die 1961 in den Haag geborene Niederländerin Betty Berg Direktorin des Hauses.

Ich bringe hier einige Statements dazu:

1. Lothar Müller (geb. 1954)

„Zweck der Stiftung ist es, jüdisches Leben in Berlin und Deutschland, die von hier ausgeheneden Einflüsse auf das europäische und außereuropäische Ausland sowie die Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und nicht-jüdischer Kultur zu erforschen und darzustellen sowie einen Ort der Begegnung zu schaffen.“

Seit 2013 gehört die auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegene Akademie zum Museum.

2. Michael Wolffsohn (geb. 1947)

Das erste und letzte Wort über das Museum hat natürlich, wie der Fall Peter Schäfer zeigt, stets die Politik.

Die Jerusalem-Ausstellung war ein Verstoß gegen den Stiftungszweck.

Mit der Errichtung seiner Akademie, eine Idee von Stiftungsdirektor Michael Blumenthal, hat sich das Museum übernommen. Das gilt erst recht für die Schwerpunkte Migration und Jüdisch-Islamische Forum.

„Deutschjüdisches Leben war stets weltweit vernetzt, aber kein Museum kann zugleich Deutschland, Nahost oder die ganze Welt darstellen oder gar erforschen.“

3. Wladimir Kaminer (geb. 1967)

„Gleichzeitig existiert hierzulande so etwas wie ein offizielles jüdisches Leben, das zu 90 Prozent aus den Erinnerungen an die Verbrechen der NS-Zeit besteht. Diese Erinnerung ist wichtig, sie hält die Gesellschaft wach, sie ist zum Teil der neuen deutschen Leitkultur geworden, hat aber mit real existierendem jüdischen Leben in Deutschland wenig zu tun.“

Aus der Geschichte kann man nichts lernen. „Das einzige, was uns die Geschichte lehrt, ist, dass sie uns nichts lehrt.“

4. Eva Menasse (geb. 1970)

„Moshe Zimmermann und Shimon Stein haben das, was das Jüdische Museum eigentlich sein müsste, auf den Punkt gebracht; eine Plattform für mehr als ein Narrativ. Davon sind wir weit entfernt: hier in Deutschland und auch im Jüdischen Museum können Dinge nicht gesagt und verhandelt werden, die in Israel zum Meinungsspektrum gehören.“

„Vielleicht ist – wie einige meiner Freeunde glauben – Deutschland der falsche Ort für eine solche ‚Plattform‘, die mehr als ein Narrativ aushält. Dann sollte man das Museum schließen und nur noch von außen bewundern wie all die liebevoll restaurierten, aber gänzlich judenfreien Synagogen in der deutschen Provinz.“

(SZ 1.4.20)

2782: Warum viele Ossis das neue Deutschland nicht mögen.

Mittwoch, April 1st, 2020

1. Die ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 hatten ein eindeutiges Ergebnis. 75 Prozent der Stimmen bekamen die Parteien, die den Weg zur deutschen Einheit konsequent weitergehen wollten.

2. Die überwiegende Mehrheit der Wähler wollte, dass der Westen dominierte.

3. Die Transformation der DDR wurde von den meisten Menschen gewünscht.

4. Nicht gerechnet hatten die meisten mit der totalen Überformung der eigenen Lebenswelt.

5. Die DDR-Bürger erzwangen die schnelle Einführung der D-Mark, um endlich am westlichen Konsum teilnehmen zu können.

6. Durch die Rasanz des Wandels wurde vielen der Boden unter den Füßen weggezogen.

7. Es kam auf die Rede von der „Kolonisierung“, von der „Entwertung der Biografien“ und von der Ignoranz, Überheblichkeit, Profitgier und der Herrschaftsattitüde des Westens.

8. Die Tatsache, dass man diese Entwicklung selbst erzwungen hatte, geriet in Vergessenheit.

9. Der Westen wurde als neue „Herrschaftsform“ verstanden.

10. Die SED-Nachfolgepartei Die Linke bekam vielerorts 20 Prozent der Wählerstimmen. Heute erreicht die AfD häufig ein Viertel der Wähler (Matthias Geis, Die Zeit 19.3.20).

2779: Wer verbietet eigentlich Uwe Tellkamp den Mund ?

Montag, März 30th, 2020

Thomas Assheuer hat uns schon auf einige Abwegigkeiten in der deutschen Kunstszene aufmerksam gemacht. Unermüdlich beobachtet er die Lokalitäten und berichtet kundig darüber. Dieses Mal über Uwe Tellkamp (Die Zeit 19.3.20). Als dessen „Turm“ 2008 erschien, sahen einige seiner Leserinnen und Leser in ihm bereits den Vertreter einer neuen deutschen Literatur. Mittlerweile verfasst er Artikel im Umfeld der völkischen Rechten. Assheuer schreibt dazu:

1. Wenn wir uns über die Wiedervereinigung Deutschlands auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner treffen wollten, so sagten wir, die Erde sei eine Kugel und mit dem Fall der Mauer habe der Liberalismus gesiegt.

2. Weit gefehlt, würden Tellkamp und seine Kombattanten sagen, nach der Wende hätte nicht die Freiheit, sondern hätten die Mundtotmacher gesiegt.

3. Wer verbietet eigentlich Uwe Tellkamp den Mund?

4. Der Unterschied bei den Künstlern in der DDR und in der BRD war der, dass „drüben“ schon der Hauch einer eigenen Meinung von Staats wegen verfolgt wurde, während in der BRD die vielen Abwegigkeiten von Künstlern nicht weiter zu Buche schlugen. Wir konnten zur Tagesordnung übergehen. Eine gute Lösung.

5. Ähnlich verächtlich wie Tellkamp sieht auch Frank Castorf die liberale Öffentlichkeit. Die „Mittelmächte der mittleren Mittelschichten“ wollten Kunst „mittelbunt, mittelaufgeklärt und mitteltraurig“. Sie wollten ein „veganes Theater mit geschlechtsneutralen Toiletten“.

6. Castorf sieht sich auch nur als „ein Akzent des gut funktionierenden Systems“. Ja, damit verdient er sein Geld.

7. Wie Heiner Müller, dem politisch stets auf Höchste zu misstrauen war, schon seinerzeit meinte, auf westdeutschen Bühnen könne man alles machen, „es hat aber keine Bedeutung für die Gesellschaft“.

8. Da können uns die Herren Künstler in ihrer Bedeutungslosigkeit ja beinahe leidtun. Wollt ihr die DDR zurück?

9. Vielleicht kann man seine Bedeutung steigern, wenn man schreibt wie Ernst Jünger und Carl Schmitt, beide Steigbügelhalter.

10. Assheuer zitiert hier Jürgen Habermas im Jahr 1991: „Die Entwertung unserer besten und schwächsten intellektuellen Traditionen ist für mich einer der bösesten Aspekte an dem Erbe, das die DDR einbringt.“