Archive for the ‘Geschichte’ Category

2842: 75 Jahre „Süddeutsche Zeitung“ (SZ)

Samstag, Mai 9th, 2020

Cherfredakteur Kurt Kister schreibt dazu (SZ 9./10.5.20):

„Am 6. Oktober 1945, einem Samstag, gab es sie für 20 Pfennig im zerstörten München zu kaufen. Es waren acht Seiten, und die Auflage betrug immerhin 357.000 Exemplare. Gedruckt wurde die SZ auf einer Maschine aus dem Jahr 1924, die im Keller des Verlagshauses der ‚Münchener Neuersten Nachrichten‘ in der Sendlinger Straße die Bombenangriffe überstanden hatte.“

„Die US-Militärregierung in Bayern hatte drei Männern die Lizenz Nummer eins übertragen: dem konservativen Journalisten August Schwingenstein, dem Sozialdemokraten Edmund Goldschagg und dem Katholiken Franz Josef Schöningh. Später kamen als Anteilseigner und Gesellschafter noch der nachmalige Chefredakteur Werner Friedmann sowie der Generaldirektor des Verlags, Hans Dürrmeier, dazu. Auch in Verlag und Redaktion der SZ spiegelte sich damals wider, was die frühen jahre der Bundesrepublik prägte: Unter denen, welche die neue demokratische Zeit formen sollten, waren Nazi-gegner, Indifferente, Mitläufer und durchaus auch ehemalige Nazis.“

„In 75 Jahren jedenfalls wurde aus der SZ, dem einst zweimal wöchentlich erscheinenden Lokalblatt, die wichtigste nationale Zeitung in Deutschland (ein freundlicher Gruß nach Frankfurt). Gleichzeitig blieb sie die wichtigste Zeitung in ihrer Heimat München und Bayern.“

„Obwohl das Interesse der Menschen an vertrauenswürdigen Informationen in so einer Krise steigt, was sich an höheren Nutzer- und Abonnentenzahlen ablesen lässt, sinken dennoch die Einnahmen. Die Branche, auch die SZ, muss mit weniger Geld eine gestiegene Nachfrage bedienen.“

„Das Lesen auf Papier ist eine jahrhundertealte Kulturtechnik. Und seit gut 150 Jahren ist die gedruckte Zeitung, finanziert durch Anzeigen und den Verkauf des Blattes, ein Teil des Alltags vieler Menschen, nicht nur, aber gerade in den sogenannten bürgerlichen Schichten.“

„Die Idee Zeitung bedeutet, dass eine Redaktion nach bestem Wissen und Gewissen versucht, die Welt so weit abzubilden, wie das möglich und nötig ist. Sie ordnet für einen bestimmten Zeitraum das Geschehen, sie kommentiert es, und sie tut das in einer Weise, die Menschen, die gerne lesen, egal auf welchem Medium, im besten Fall Erkenntnis bringt und auch noch Vergnügen schafft. Vergnügen kann dabei Freude über gut erzählte Geschichten bedeuten, Lächeln über Sprachbilder oder auch Befriedigung darüber, dass man nach der Beschäftigung mit der SZ mehr weiß als vorher.“

Ich, W.S., lese die SZ regelmäßig seit 1973.

 

2841: Amos Goldberg und Alon Confino über Postkolonialismus

Freitag, Mai 8th, 2020

In letzter Zeit wird vehement gestritten (in der „taz“ und anderswo) darüber, ob der von dem afrikanischen Gesellschaftswissenschaftler Achille Mbembe vertretene Postkolonialismus

antisemitisch

ist. Dazu haben Amos Goldberg und Alon Confino einen Beitrag (taz 2./3.5.20) geschrieben, der mich durch seine Menschlichkeit sehr anspricht. Beide sind Professoren für die Geschichte des Holocaust. Der eine in Amhurst/USA, der andere in Jerusalem. Ich verkürze ihre Aussagen (hoffentlich angemessen).

1. Schon ein großer zionistischer Führer, Ze’ev Jabotinsky, hat 1923 kühl darüber geschrieben, warum die Palästinenser den Zionismus ablehnten: „Meine Leser haben eine allgemeine Vorstellung von der Geschichte der Kolonialisierung in anderen Ländern. Ich schlage vor, dass sie alle ihnen bekannten Fälle betrachten und prüfen, ob es einen einzigen Fall gibt, in dem eine Kolonisierung mit der Zustimmung der einheimischen Bevölkerung durchgeführt wurde. Diesen Präzedenzfall gibt es nicht. Die einheimische Bevölkerung hat immer hartnäckig Widerstand gegen Kolonisatoren geleistet.“

2. Der leidenschaftliche Zionist Haim Kaplan, der 1942 in Treblinka ermordet wurde, hat 1936 geschrieben, dass die Palästinenser ja recht hätten: Der Zionismus vertreibe sie aus ihrem Land  und beginne einen Krieg gegen sie.

3. Die Debatte, wie weit der Zionismus kolonialistisch ist, ist seit 1967 noch nicht abgeschlossen.

4. Der Zionismus bot den Juden einen sicheren Hafen. Gleichzeitig schuf er einen kolonialen Siedlerstaat, in dem Segregation und Diskriminierung zum Alltag gehören.

5. Wir müssen zwei Geschichten erzählen. Die davon, dass Juden vor dem Antisemitismus besonders in Deutschland nach Palästina flohen. Und die davon, welche Konsequenzen das für die Palästinenser hatte.

6. Die Europäer sehen den jüdischen Flüchtling. Die Palästinenser sehen den kolonialen Siedler.

7. Juden haben heute eine doppelte Verantwortung: Sie müssen den Antisemitismus weltweit bekämpfen. Und sie tragen in Israel die Verantwortung für das falsche Verhalten gegenüber den Palästinensern.

8. 1948 wurden die meisten palästinensischen Zivilisten vertrieben. Heute sind sie Zeugen der israelischen Besatzung: der Plünderung von Land, der Errichtung von Siedlungen, der Tötung Unschuldiger, des Abrisses von Häusern und anderem.

9. Israel plant derzeit die Annexion großer Teile des Westjordanlands.

10. Wir dürfen die palästinensischen Stimmen nicht überhören: „Diese Stimmen sind Teil des Gesprächs und dürfen nicht reflexartig als antisemitisch bezeichnet werden. Wenn wir auf diese Stimmen hören und unserer Verantwortung genügen, macht uns das mehr und nicht weniger jüdisch. Es macht uns alle mehr und nicht weniger menschlich.“

2840: Cem Özdemir (Grüne) erklärt den 8. Mai.

Freitag, Mai 8th, 2020

Der Abgeordnete Cem Özdemir von den Grünen erklärt uns dem 8. Mai. Er stehe für das Ende des Zweiten Weltkriegs, den Sieg über den Naziterror und die Befreiung der deutschen Konzentrationslager. Wer hier eine „absolute Niederlage“ sehe wie der AfD-Fraktionschef Alexander Gauland, der stehe auf der falschen Seite der Barrikade (Markus Balser, SZ 7.5.20).

2831: SPD fordert Abzug der US-Atomwaffen.

Montag, Mai 4th, 2020

Die Spitze der Mützenich-SPD (einschließlich Norbert Walter-Borjans) fordert den Abzug aller US-Atomwaffen aus Deutschland. Ja, haben die nichts anderes zu tun? Für Rolf Mützenich erhöhen die US-Atomwaffen unsere Sicherheit nicht, im Gegenteil. Ich reibe mir die Augen. Das läuft auf eine Koalition der SPD mit Grünen und Linken hinaus. Kinder, macht das, aber ohne meine Stimme!

Wobei ja die Linke (als ehemalige SED und PDS) mit der Roten Armee die Niederschlagung des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 organisiert hat, der Niederschlagung des ungarischen Freiheitskampfs durch die Sowjetunion 1956 zugestimmt hat, sich an der Beseitigung des Prager Frühlings 1968 beteiligt hat, dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 zugestimmt hat, die völkerrechtswidrige Annektion der Krim durch Russland 2014 gutheißt und den venezolanischen Despoten Nicolas Maduro hofiert. Wahre Friedensfreunde! Nun, diejenigen von uns, die in der Frage der US-Atomwaffen der SPD nicht zustimmen, werden sie nicht wählen. Grüne und Linke auch nicht. Dann ist ja alles klar. Gute Nacht, SPD (Boris Hermann, Joachim Käppner, SZ 4.5.20).

2829: Edgar Reitz über „Heimat“

Freitag, Mai 1st, 2020

Der 1932 im Hunsrück geborene Edgar Reitz ist als Filmemacher bekannt für die 30-teilige Serie „Die Heimat“ (1982-2004). Er hat mit Alexander Kluge zusammengearbeitet und vorher schon Filme gemacht wie „Mahlzeiten“ (1966/67), „Die Reise nach Wien“ (1973) und „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ (1974). Er hat am 24. April 2020 den „Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den deutschen Film“ erhalten. Jenni Zylka hat ihn für die „taz“ (23.4.20) interviewt:

taz: Durch die Pandemie verändert sich gerade sehr viel – auch der Heimatbegriff?

Reitz: Seit einigen Jahren beobachte ich, dass der Heimatbegriff zunehmend in der Diskussion ist. Es gibt keine Uni, keine Kirche, keine Betriebsfeier mehr ohne das Thema. Dazu mischen sich die neuen Rechten ein und versuchen, es sich unter den Nagel zu reißen. Das Bedürfnis, in einer übersichtlichen, geschützten Welt zu leben, nostalgisch zu denken, der idyllische Regionalismus – das ist eine Tendenz. Ich glaube nicht, dass das durch die Pandemie beflügelt wird. Im Gegenteil – die Menschheit lebt gerade zum ersten Mal wirklich global. Dass etwas überall auf der Welt stattfindet, jeden Menschen auf dem Globus trifft – das ist etwas vollkommen Neues. Wir begreifen mehr und mehr, dass es eine Abschottung nicht gibt, man kann nicht zumachen und sagen: Bei uns nicht.

2824: H.G. Adler – Nestor der deutschen Holocaust-Forschung

Dienstag, April 28th, 2020

Bei den Trägern des Namens Adler bin ich in früheren Zeiten manchmal durcheinander gekommen. Da gab es einmal

Victor (Viktor) Adler (1852-1918),

den Begründer der österreichischen Sozialdemokratie (SPÖ), der die Einheit und Gemäßigtheit der österreichischen Sozialdemokraten auf seine Fahnen geschrieben hatte und erster Außenminister der Republik Österreich war. Er wollte den Anschluss Österreichs an Deutschland. Weiterhin kennen wir

Alfred Adler (1870-1937),

den Begründer der Individualpsychologie, der 1904 zum Protestantismus konvertiert war und von 1902 bis 1911 an den Mittwochabendgesellschaften Sigmund Freuds in Wien teilgenommen hatte und (gestützt auf die Theorie von der Organminderwertigkeit) seine eigene Lehre verfocht. Sie kam in den USA gut an, wohin Adler bereits 1934 auswanderte. Er fühlte sich der Arbeiterbewegung verbunden. Schließlich gab es

H.G. Adler (1910-1988),

der als Zeitzeuge der Shoah mit seinen Werken „Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“ (1955) und „Der verwaltete Mensch“ (1974) zum Nestor der deutschen Holocaustforschung wurde. Über ihn hat sein Übersetzer Peter Filkins 2019 eine Biografie verfasst:

H.G. Adler. A life in many worlds. Oxford 2019, 416 S.; 19,99 englische Pfund.

Adler wurde in Prag geboren und wuchs mit der deutschen und tschechischen Sprache auf. Früh war er selbst belletristisch tätig. Er studierte Musik, Literatur, Psychologie und Philosophie und wurde 1935 mit einer Arbeit über den deutschen Aufklärer Friedrich Klopstock in Prag promoviert. 1939 gelang ihm die Flucht vor den Nazis nicht. Er wurde mit seiner Frau und Schwiegermutter nach Theresienstadt deportiert. Von dort 1944 nach Auschwitz, wo Frau und Schwiegermutter sofort ermordet wurden. Seine schon in Theresienstadt geschriebenen Texte bewahrte Leo Baeck für ihn auf. Adler wurde in ein Nebenlager von Buchenwald gebracht.

Nach der Befreiung tauschte er seine Häftlingsbekleidung gegen eine von NS-Symbolen befreite deutsche Soldatenuniform. Er lebte einige Wochen in Halberstadt. In Prag traf er seinen Feund Elias Canetti wieder. Er legte seinen Vornamen Hans Günther ab, weil Adolf Eichmanns Nachfolger so hieß. Adler arbeitet in einem Waisenhaus vor allem mit jüdischen, tschechischen und deutschen Kindern. Ihm wurde allerdings 1946 die tschechische Staatsbürgerschaft aberkannt, weil er Deutsch als Muttersprache hatte. Vor dem Stalinismus floh H.G. Adler 1947 nach London, wo er eine Jugendfreundin, die Bildhauerin Bettina Gross, heiratete, die bereits 1938 nach Großbritannien gegangen war. Ihr gemeinsamer Sohn ist der Dichter und Germanist Jeremy Adler. H.G. Adler lieferte Beiträge für die BBC. Er lebte auch von der Briefmarkensammlung seines Vaters.

In London bewegte Adler sich im Kreis von Erich Fried. 1959 trat er auf Bitten Hermann Langbeins dem Internationalen Auschwitzkomitee ( IAK) bei. Mit Langbein publizierte er 1961 im WDR mehrere Beiträge über den Holocaust. In seiner Holocaust-Forschung übte H.G. Adler fundierte Kritik an den Juden-Ältesten, die später u.a. auch von Hannah Arendt in ihrem „Eichmann in Jerusalem“ (1963) übernommen wurde. 1977 wurde H.G. Adler der österreichische Ehrentitel Professor verliehen. Er ist unverdientermaßen und bedauerlicherweise heute fast vergessen (René Schlott, SZ 27.4.20)

2823: Thomas Mann – Ziel völkischer Hetze

Sonntag, April 26th, 2020

Der Bamberger Literaturwissenschaftler Friedhelm Marx (FAZ 25.4.20) arbeitet zur Zeit an den Essays von Thomas Mann aus den Jahren 1926 bis 1933. Darin plädierte Mann für eine Annäherung an die Nachbarländer Polen und Frankreich, für eine innereuropäische Verständigung und gegen Zensur. Also ganz anders als noch in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918). Und damit zog er den Hass und die Hetze völkischer und rechtspopulistischer Kommentatoren auf sich.

So schrieb Friedrich Georg Jünger, den die meisten von uns heute nur noch als Bruder Ernst Jüngers kennen, in seiner Rezension des „Zauberbergs“ (1924) („Der entzauberte Berg“): „Ach, erlebten wir bald den Tag, an dem eine junge, kühne Mannschaft sich gegen den Zauberberg hinaufbewegt, mit Holzfälleräxten, die einen langen Stiel und eine breite Scheide haben, und mit diesen prachtvollen Äxten den ganzen Zauberberg in Scherben und Trümmer schlägt.“ Die junge Mannschaft mit den prachtvollen Äxten stand offenbar schon bereit.

Der „Völkische Beobachter“ schrieb zu einem Vortrag Manns mit dem Titel „Die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte“, den er am 16. Mai 1929 im Auditorium Maximum der Münchener Universität gehalten hatte: „Wir danken dem Vielschreiber – und in diesem Fall dem ’schöngeistigen‘ Schwätzer – für sein eigentümliches Bekenntnis. Thomas Mann wäre es wahrscheinlich lieber, wenn die deutsche Jugend der ’neuen Lebenserkenntnis‘ eines Sigi Freud anhängen würde, der bekanntlich in der Erotik den Born aller Kräfte und Taten sieht. Da müssen wir schon antworten: Gott sei Dank gibt es noch eine deutsche Jugend, die nicht hinter senilem Marasmus, hinter Sexualsymbolikern und sogenannten ‚Psychoanalytikern‘ dreinrennt, – Gott sei Dank gibt es eine deutsche Jugend, welche Erotiker wie Sigmund Freud, den jüdischen Literaten Arnold Zweig und den ‚deutschen‘ Dichter Thomas Mann auf den Index setzen: ’nicht zimmerrein!'“

1929 hat Thomas Mann den Literatur-Nobelpreis erhalten.

2812: Paul Celan (1920-1970)

Montag, April 20th, 2020

In der Nacht vom 19. auf den 20. April 1970 ging Paul Celan in Paris in die Seine. Der Jude aus Czernowitz hatte seine Eltern durch Mord in einem NS-Konzentrationslager verloren und selbst ein rumänisches Arbeitslager überlebt (Czernowitz war bis 1918 habsburgisch, dann rumänisch, später sowjetisch, heute ukrainisch). Celans von ihm getrennt lebende Frau, Gisèle de Lestrange, schrieb dazu am 10. Mai 1970 an Celans ehemalige Geliebte, Ingeborg Bachmann: „Er hat sich den einsamsten und anonymsten Tod ausgesucht.“ Celan war der größte deutschsprachige Lyriker seiner Zeit und blieb den Deutschen doch ein Leben lang fremd. Sein berühmtes Gedicht „Todesfuge“ ist gerade neu untersucht worden:

Thomas Sparr: Todesfuge. Biographie eines Gedichts. Stuttgart (dva) 2020, 336 S., 22 Euro.

Im Mai 1952 war es in Niendorf an der Ostsee zu den „Drei Tagen im Mai“ gekommen, bei denen Celan in Anwesenheit von Ingeborg Bachmann das Gedicht als eines von sechs vortrug und dabei von der Gruppe 47 vollkommen missverstanden worden war. Walter Jens schrieb dazu 1976: „Als Celan zum ersten Mal auftrat, da sagte man: ‚Das kann doch kaum jemand hören‘, er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht. Der liest ja wie Goebbels, sagte einer. Die ‚Todesfuge‘ war ein Reinfall in der Gruppe! Das war eine völlig andere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit, die sozusagen mit dem Programm groß geworden waren.“

Es war Hans Werner Richter, der den Goebbels-Vergleich angestellt hatte. Milo Dor erinnert sich an Richters Aussage, Celan „habe in einem Singsang vorgetragen wie in der Synagoge“. Klaus Briegleb hat in seiner Geschichte der Gruppe 47 geschrieben, „keine andere kulturelle Agentur in der westdeutschen Nachkriegszeit“ habe „die Ausblendung der Shoah so gründlich betrieben“ wie die Gruppe 47.

Celan war tief verletzt: „Ich war dort beleidigt worden: H.W. Richter, der Inge (Inge = Ingeborg Bachmann, W.S.) nach Hamburg gebracht hatte, sagte nämlich, meine Gedichte seien ihm auch darum so zuwider gewesen, weil ich sie im ‚Tonfall von Goebbels‘ gelesen hätte. Und so etwas muss ich erleben!“

Thomas Sparr schreibt dazu: „Was nahe war und nahegelegen hätte, die gemeinsame, doch so unterschiedliche Erfahrung des Nationalsozialismus, vom ‚Frost an den verschiedenen Fronten‘ wird Celan später in einem Gedicht schreiben, sollte in die Ferne gerückt werden. Goebbels rezitiert die ‚Todesfuge‘. Brutaler kann man die Geschichte nicht auf den Kopf stellen.“

Der Anfang der „Todesfuge“: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends/ wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts/ wir trinken und trinken/ wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng.“ (Sie finden die „Todesfuge“ hier auf meiner Seite unter Gedichten. Sie ist chronologisch geordnet.)

Dass manche deutsche Kritiker Celan später vorhielten, sein Gedicht sei angesichts der ihm zugrunde liegenden Gräuel doch „zu kunstvoll“ geraten, erboste ihn besonders und zu Recht. Die „Todesfuge“ passt nicht so einfach in die deutsche Nachkriegsmoderne. Weder seiner Datierung nach noch in seinen poetischen Mitteln. Die Stunde null, die Idee einer asketischen Moderne auf den Ruinen der Vorkriegswelt, war Celans Sache nicht. Er ruhte in älteren lyrischen Traditionen einer anderen Weltgegend, die seine westdeutschen Generationsgenossen unbekannt blieben.

Celan hatte, als er nach Wien gegangen war, wo er Ingeborg Bachmann kennenlernte, und dann 1948 nach Paris, zunächst vielfältige sehr gute Beziehungen zu deutschsprachigen Literaten gehabt. Dann zerstörte eine vergleichsweise banale Literaturintrige sein Leben. Die Witwe eines deutsch-französischen Lyrikers, Yvan Goll, mit dem sich Celan angefreundet hatte, beschuldigte ihn plötzlich des Plagiats. Das deutsche Feuilleton, das seinerzeit noch von solchen Ex-Nazis wie Günter Blöcker und Hans Egon Holthusen dominiert wurde, walzte die Angelegenheit aus. Und Paul Celan verzweifelte. Noch in den neunziger Jahren machte sich Günter Grass, der in den späten fünfziger Jahren wie Celan in Paris gelebt hatte, über den Lyriker lustig. Celan wandte sich von Grass ab wegen dessen „kleinen und großen Verlogenheiten, vermehrt um die mittlerweile noch höher ins Kraut geschossene Selbstgefälligkeit“. Celan vereinsamte, er wurde Patient in der Psychiatrie.

Hans-Peter Kunisch

Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung. München (dtv) 2020, 352 S., 24 Euro,

befasst sich nicht an jeder Stelle schlüssig mit den insgesamt drei Treffen (1967-1970) von Paul Celan und Martin Heidegger in Freiburg und im Schwarzwald. Dass der Antisemit (und das NSDAP-Mitglied) Martin Heidegger und das Holocaust-Opfer Paul Celan sich verstanden hätten, können wir uns nicht vorstellen. Es spricht für die Verwirrung Celans, dass er sich beim Schwarzwälder Kulturkonservatismus der Nachkriegszeit besser aufgehoben gefühlt hat als bei der Gruppe 47. Noch drei Wochen vor seinem Tod las Celan Heidegger in Freiburg vor.

Auf ihrer gemeinsamen Autofahrt im Schwarzwald mit Martin Heidegger, dem Freiburger Germanisten Gerhart Baumann und dessen Assistenten Gerhard Neumann am Steuer, habe er, so schreibt Celan an seine Frau Gisèle, „klare Worte“ gefunden, auf die Heidegger ausweichend oder gar nicht reagiert habe.

Wir wissen sehr viel über Paul Celan aus seinen Briefwechseln:

Paul Celan/Ilana Shmueli-Briefwechsel. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2004, 242 S.,

Herzzeit. Ingeborg Bachmann-Paul Celan. Der Briefwechsel. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2008, 399 S.

Die Briefwechsel mit Gisèle Celan-Lestrange, Rudolf Hirsch, Hanne und Hermann Lenz, Nelly Sachs, Peter Szondi, Franz Wurm, Klaus und Nani Demus habe ich nicht gelesen.

2020 neu erschienen:

Wolfgang Emmerich: Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen. Göttingen (Wallstein) 2020, 400 S.,

Helmut Böttiger: Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist. Köln (Galiani) 2020, 208 S. (Böttigers drittes Buch über Celan),

Klaus Reichert: Paul Celan – Erinnerungen und Briefe. Berlin (Suhrkamp) 2020, 297 S.,

Paul Celan: „etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934-1970 Berlin (Suhrkamp) 2019, 1.286 S. (mit 330 unpublizierten Briefen).

Ich erinnere mich noch gut an das Ende eines Proseminars 1980, in dem wir ausschließlich die Soap Opera „Holocaust“ (1978) von Marvin Chomsky (mit Merryl Streep) analysiert und interpretiert hatten. Am Ende habe ich die Todesfuge vorgelesen. Neue Fragen stellten sich, neue Perspektiven ergaben sich. Wir haben ganz neu und sehr viel gelernt.

(Iris Radisch, Die Zeit 16.4.20; Julia Encke, FAS 19.4.20; Christoph Bartmann, SZ 20.4.20)

 

2808: Ulrich Kienzle ist tot.

Samstag, April 18th, 2020

Ulrich Kienzle begann seine Karriere 1963 beim SDR. Von dort wechselte er zum WDR. Von 1974 bis 1980 war er Korrespondent für den Nahen Osten, wofür er bei uns Interessierten heute immer noch steht, dann für das südliche Afrika. Es folgten zehn Jahre als Fernsehchefredakteur von Radio Bremen.

1990 ging Kienzle als Leiter der Außenpolitik zum ZDF, wo er das „auslandsjournal“ leitete und mit Moderator Bodo Hauser bei „Frontal“ landete. „Noch Fragen, Kienzle?“ Mit einem Bein blieb Kienzle immer der Auslandskorrespondent. 1990 führte er das sagen-umwobene Interview mit Saddam Hussein, in dem bereits die gesamte politische Entwicklung des Nahen Ostens danach aufschien. In Talk-Shows bewies Ulrich Kienzle seine souveräne, unaufgeregte Streitbarkeit. Das höchste Lob, das wir einem Journalisten zollen (Michael Hanfeld, FAZ 18.4.20).

2805: Harari: Die Natur des Menschen verändert sich nicht.

Freitag, April 17th, 2020

Der israelische Bestsellerautor Yuval Noah Harari, 44, ist eine Art Popstar unter den Historikern und international gehandelten Welterklärern. Von ihm stammt etwa „Eine kurze Geschichte der Welt“. Thorsten Schmitz hat ihn für die SZ interviewt (17.4.20).

SZ: Als Historiker ist es ihr Job, weit zurück in die Vergangenheit zu schauen. Wird die Corona-Krise als Fußnote in der Geschichte enden oder ist sie eines der prägendsten Ereignisse unseres Jahrhunderts?

Harari: Irgendwo dazwischen vielleicht. Es ist verfrüht, die Corona-Krise jetzt schon historisch einzuordnen, aber sie ist mit Sicherheit keine existentielle Bedrohung für die Menschheit. Menschen haben in der Vergangenheit schlimmere Pandemien überlebt wie z.B. die Pest im 14. Jahrhundert und die Spanische Grippe 1918. Auch Aids war im Anfangsstadium weitaus tödlicher als das Coronavirus jetzt. Wer in den achtziger Jahren HIV-positiv getestet wurde, war zum Tode verurteilt. Wer jetzt mit dem Coronavirus infiziert ist, selbst ältere Personen, hat eine relativ gute Chance, das zu überleben.

SZ: Viele Menschen machen unsere globalisierte Welt verantwortlich für die Ausbreitung des Virus.

Harari: Im Gegenteil, die Globalisierung hilft uns, es einzudämmen. Epidemien hat es schon viel länger gegeben, weit vor Beginn der Globalisierung. Als die Pest-Pandemie ausbrach, gab es keine Flugzeuge oder Hochgeschwindigkeitszüge, deren Passagiere die Seuche weitergetragen haben in andere Länder. Die einzige Zeit, in der es keine Epidemien gab, war das Steinzeitalter. Und da wollen wir ja nicht wieder hin. Außerdem gibt es viel weniger Epidemien, seit wir in einer globalisierten Welt leben. Sie sind auch weniger vernichtend, gerade weil die Wissenschaft international kooperiert und man Informationen austauscht.

SZ: Werden unsere persönlichen Beziehungen unter der sozialen Distanz leiden?

Harari: Ich glaube nicht, dass wir eine fundamentale Veränderung in unserem Sozialverhalten der Menschen erleben werden nach Monaten mit Ausgangssperren und Kontaktverboten. Menschen sind soziale Wesen, wir mögen Kontakt, wir haben viele Pandemien erlebt, Aids etwa hat nicht die Natur der Menschen verändert.