Archive for the ‘Geschichte’ Category

2870: Neuer Radikalenerlass ?

Sonntag, Mai 31st, 2020

Union und SPD streiten in der großen Koalition darüber, wie mit Beamten aus dem extremistischen Teil der AfD umgegangen werden soll. Die innenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Ute Vogt, sagte: „Es muss künftig einfacher möglich sein, demokratiefeindliche Beamtinnen und Beamte aus dem Dienst entfernen zu können.“ Der rechtspolitische Sprecher der Union, Jan-Marco Luczak, hält eine „Änderung des bestehenden Rechtsrahmens“ nicht für erforderlich. FDP und Grüne warnen vor einem neuen „Radikalenerlass“.

Gespannt bin ich auf die Reaktion der Linken im Land, Kämpfern gegen den „Radikalenerlass“. Sind sie hier doch anderer Meinung?

Der wegen Neonazi-Sprüchen aus dem Dienst entfernte Kommunalpolitiker und ehemalige Bundespolizist Bernd Pachal ist aus der AfD ausgetreten. Die Partei wollte ein Auschlussverfahren gegen ihn anstrengen (jbe, FAS 31.5.20; Justus Bender, FAS 31.5.20).

2863: Die Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik Deutschland

Mittwoch, Mai 27th, 2020

Die Presse- und Meinungsfreiheit sind stets umstritten. Besonders in Krisensituationen. Dazu hat der ehemalige SZ-Redakteur Tanjev Schultz einen Band herausgegeben:

Was darf man sagen? Meinungsfreiheit im Zeitalter des Populismus. Stuttgart (Kohlhammer) 2020, 176 S., 17 Euro.

Die juristischen, philosophischen und sozialwissenschaftlichen Beiträge stammen von Marie-Luisa Frick, Tobias Gostomzyk, Claudia Kornmeier, David Lanius und dem Herausgeber. Ergebnis: Die Meinungsfreiheit ist in der Bundesrepublik juristisch vergleichsweise gut geschützt. Doch das Meinungsklima und die Debattenkultur könnten besser sein. Und die Regulierung des Internets wirft neue Fragen auf (SZ 27.5.20).

2861: Weg mit den Nazi-Skulpturen am Olympiastadion

Montag, Mai 25th, 2020

Wenn wir zu den Heimspielen von Hertha BSC ins Olympiastadion gehen, bemerken die meisten von uns nicht, dass wir über das Reichssportfeld gehen, das anlässlich der Olmpischen Spiele 1936 errichtet worden ist. Sie haben es eilig, müssen sich noch einem Sicherheits-Check unterziehen etc.

Jetzt hat der ehemalige Senator für Stadtentwicklung in Berlin (1996-2004), Peter Strieder (SPD), einen bemerkenswerten Aufsatz geschrieben (Die Zeit 14.5.20), in dem er die Beseitigung der dort immer noch vorhandenen Nazi-Skulpuren verlangt. Strieder, 67, übt auch Selbstkritik.

Rund um das Olympiastsdion finden wir Skulpturen von Josef Thorak („Boxer“), Arno Breker („Zehnkämpfer“, „Siegerin“) und Josef Wackerle („Rosseführer“). Das Reichssportfeld steht so, wie es 1936 errichtet wurde, heute unter Denkmalschutz. In den Fünfzigerjahren wurden Hakenkreuze, Hitlerbüsten und Hoheitszeichen des Dritten Reichs entfernt. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung auch mit dem baulichen Nazi-Erbe wurde versäumt.

Und so treffen wir dort an: das Maifeld, das Sportforum, das Haus des deutschen Sports, Friesenhof und Friesenstraße, den Glockenturm und die Langemarckhalle. In der Schlacht von Langemarck, als der Erste Weltkrieg schon verloren war, zogen „junge Regimenter“, unzureichend ausgebildet und ausgerüstet sinnlos in den Tod.

Friesenhof und Friesenstraße verweisen auf Friedrich Friesen, einen nationalistischen Eiferer, der zusammen mit „Turnvater“ Jahn die „Leibeserziehung“ zu einem Programm der „sittlich-nationalen Erneuerung“ machte. Heute preist die

AfD

Sachsen-Anhalt ihn: „Gerade in unseren Tagen, da sich Deutschland einer neuzeitlichen Völkerwanderung ausgesetzt und von seinen Funktionseliten übergangen sieht, kann Friedrich Friesen dem deutschen Volk als Vorbild dienen. In seiner Person vereinen sich freiheitliches Sehnen, patriotischer Geist und unverrückbarer Kampfesmut – es handelt sich um jene Tugenden, welche sich das deutsche Volk selbst in seinen dunkelsten Stunden zu bewahren vermochte.“

Wir erinnern uns, dass das Kriegsverbrechergefängnis in Spandau nach dem Selbstmord von Rudolf Heß 1987 dem Erdboden gleichgemacht wurde, um zu verhindern, dass jemand auf die Idee käme, den Ort zu heroisieren.

Peter Strieder selbstkritisch: „Wir hätten uns nicht auf das Stadion beschränken dürfen. Wir haben nicht berücksichtigt, dass das Stadion Teil des Olympiageländes ist und mit dem Olympiagelände auch das faschistische Erbe unter Denkmalschutz gestellt wurde.“ In Zeiten, in denen wieder von „Umvolkung“ gesprochen wird, vom „Denkmal der Schande“ und vom „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte, sind die Nazi-Skulturen am Olympiastadion nicht mehr tragbar.

„Die Skulpturen, Wandgemälde, Reliefs müssen weg. Das Maifeld samt Führertribüne sollte abgeräumt und nutzbar gemacht werden für neue Sportfelder, Trainingsplätze, Spielwiesen. Alle Namen der Gebäude und Straßen und Trainingsplätze aus der Zeit der Nazis gehören revidiert, künftig sollten sie beispielsweise nach Opfern der jüngsten rechtsterroristischen Gewalttaten benannt werden.“

2858: Rundfunkbeitrag: moderat erhöhen

Freitag, Mai 22nd, 2020

Auf Vorschlag der unabhängigen „Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ (KEF) soll der haushaltsbezogene Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro auf 18,36 Euro pro Monat erhöht werden. Das liegt unterhalb der Inflationsrate und soll ab 1. Januar 2021 gelten. Dadurch würde die Leistung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als Informationsgeber und Kommentator gewürdigt, die sich besonders in der Corona-Krise gezeigt hat. Dem haben im März bereits 15 Bundesländer zugestimmt. Außer Sachsen-Anhalt. Für Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) wurde zu wenig gespart und Ostdeutschland kam nicht genug vor.

Das sind wahrscheinlich nur Vorwände. Tatsächlich haben die Landtagswahlen 2019 in Sachsen, Brandenburg und Thüringen nur knappe Siege der demokratischen Parteien über die AfD ergeben. Und die AfD hasst den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gerade weil er unabhängig ist. Die AfD will ihn abschaffen. Und Reiner Haseloff (CDU) begeht hier den Fehler, der in Ostdeutschland so häufig gemacht wird: den der Überanpassung an die AfD. Da wählen die Menschen lieber gleich das Original.

Der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow (WDR) hat bis 2028 Einsparungen von mehr als einer Milliarde Euro angekündigt. BR-Intendant Ulrich Wilhelm stört sich an der Verknüpfung der politischen Forderung eines Bundeslandes mit dessen Zustimmung zur Beitragsanpassung. Das hatte das Bundesverfassungsgericht bereits 1994 als verfassungswidrig erklärt (Anika Blatz, SZ 22.5.20). Das Problem ist wieder mal die CDU in Ostdeutschland (Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt). Wahrscheinlich gibt es dort noch zu viele Liebhaber des alten DDR-Staatsfunks (Propaganda, Agitation, Organisation des sozialistischen Aufbaus).

2855: Die Radikalisierung im Osten spaltet die Gesellschaft.

Donnerstag, Mai 21st, 2020

Der 1972 in Iserlohn (Nordrhein-Westfalen) geborene Michael Kraske, der 1992 zum Studium nach Leipzig ging, arbeitet dort seit langem als Journalist und Buchautor. Er hat jetzt ein Buch vorgelegt, das selbst dann, wenn wir anerkennen, dass es einige adäquate Bücher über die neuen Bundesländer und die Bundesrepublik gibt, aus der Masse heraussticht. Kraske will verstehen, wie es zu der politischen Radikalisierung in Ostdeutschland gekommen ist. Er will Ratschläge geben, diesen „Riss“ durch die Gesellschaft zu kitten.

Michael Kraske: Der Riss. Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört. Berlin (Ullstein) 2020, 352. S. 19,99 Euro.

Kraske ist es mit seiner Analyse ernst. Das Buch ist sehr gut recherchiert. Es enthält natürlich auch Partien, die anderswo schon verhandelt worden sind. Kraske stellt ganz und gar auf die „Nachwendezeit“ ab, also die Jahre nach 1990. Tatsächlich hat auch heute immer noch die DDR, ein durch und durch autoritärer Staat, Einfluss auf die Fehlwahrnehmung vieler Ostdeutscher. Aber mittlerweile wohnen viele ehemalige Wessis im Osten.

1990 traf West-Überheblichkeit auf Ostdeutsche, welche die Wiedervereinigung nicht als Befreiung erlebten. Sie verloren ihre Arbeit, fanden ihre Lebensleistung nicht anerkannt, wurden aus ihren sozialen Bindungen gerissen und hatten wenig Vertrauen in die Institutionen der Bundesrepublik. Noch heute glauben 41 Prozent der Ostdeutschen, man könne in der Bundesrepublik seine Meinung nicht freier äußern als in der DDR. „58 Prozent im Osten haben das Gefühl, heute nicht besser vor staatlicher Willkür geschützt zu sein als in der DDR.“ (S. 323) Der Begriff „Heimat“ bekam eine größere Bedeutung. Verbunden mit „Fremdenfeindlichkeit“, die stets ein großes Gewaltpotential mit sich bringt. Spätestens mit der Flüchtlinswelle 2015 trat die AfD auf den Plan, die neben nationalkonservativen Kräften auch Rechtsextremisten eine Bühne bot. Bei Wahlen lag sie regelmäßig bei 25 Prozent. Dabei hat der dort vertretene Rassismus stets auch die Funktion, „nämlich das eigene Selbstwertgefühl durch Abwertung des Fremden aufzuwerten“ (S. 198).

Eine Zäsur hätte das Ende des NSU (Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe) 2011 sein können. Aber in dem Milieu, in die Mörder sich lange Jahre wie Fische im Wasser bewegt hatten, hatte bereits eine Täter-Opfer-Umkehr stattgefunden. „Würdet ihr nicht provozieren, müssten die Nazis nicht zuschlagen.“ (S. 18) „Nicht die systematische Erfassung politischer Gegner durch Rechtsextremisten bereitet Sorgen, sondern wie darüber berichtet wird.“ (S. 173) Sogar bei Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten war partiell Verständis für Rechtsextremisten und Rassisten zu spüren. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, der bei der Wahl die Kastanien aus dem Feuer holen musste, nachdem seine Vorgänger versagt hatten, lehnte „Kollektivurteile“ ab, bemühte sich um Verständnis für die Fremdenfeinde und beschwichtigte permanent. Dies arbeitet Kraske sehr gut heraus. Was auf diese Weise nicht erreicht wurde, war die Zurückdrängung des Hasses auf Langzeitarbeitslose, Obdachlose und Ausländer. Von denen hatte es in der DDR ja kaum welche gegeben. Und wenn, dann lebten sie in ihren Ghettos. Immer mehr Nazi-Sprache setzt sich durch („Umvolkung“, „Überfremdung“, „Volkstod“ etc.). Die Rassisten streben die „Homogenität“ des Volkes an.

In der Bevölkerung halten sich beständig krasse Fehlurteile wie etwa das von der Treuhand, welche die DDR-Bevölkerung zugunsten von West-Unternehmen kalt enteignet habe. Dabei hat der „Spiegel“-Journalist Norbert F. Pötzl gezeigt, dass die meisten Geschäfte, Gaststätten, Hotels, Apotheken, Buchhandlungen und Kinos in ostdeutscher Hand blieben (S. 111). Beliebt sind Sprüche wie „Wir sind aus Cottbus. Und nicht aus Ghana. Wir hassen alle Afrikaner.“ (S. 263)

Mittlerweile gibt es bei einigen Journalisten neue Sichtweisen auf die AfD. So beim Leipziger Büroleiter der „Zeit“. Kern seiner Analyen ist die Überzeugung, „dass wer die AfD ausgrenzt, auch ihre Wähler ausgrenzt – und jene, die darüber nachdenken, vielleicht einmal ihre Wähler zu werden“ (S. 303). Hier hat Kraskes Buch seine wichtigste Stärke, wo er solchen Perspektiven widerspricht: „Wer sie wählt, entscheidet sich bewusst für völkischen Nationalismus, Rassismus und Verachtung der parlamentarischen Demokratie und ihrer Repräsentanten.“ (S. 238) „Nein, man muss kein Neonazi sein, um AfD zu wählen. Aber für rechtsradikale Inhalte zu stimmen, ist auch dann falsch, wenn man kein Neonazi ist.“ (S. 304)

Kraskes Alternative besteht zunächst darin, an die Gemeinsamkeit von uns Demokraten zu appellieren. „Dass wir andere Sichtweisen aushalten müssen, Kompromisse oft Millimeterarbeit sind. Und dass wir in dieser polarisierten Zeit nicht auf schnelle Übereinkünfte hoffen können, so dringend wir eine Verständigung über Gemeinsamkeiten und deren Grundlagen auch brauchen.“ (S. 298) „Nach jahrelangen medialen und politischen Rückzugsgefechten mit Verständnis für offenen Rassismus und aggressive Fremdenfeindlichkeit, für Pegida und ‚Asylkritiker‘, müssen Politiker, Vereine, Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmen und Kulturschaffende nun unmissverständlich klarstellen, dass unsere demokratische Gesellschaftsordnung nicht nur eine mehr oder weniger erträgliche Notlösung ist, sondern die beste und lebenswerteste der deutschen Geschichte.“ (S. 316) Kraske fordert ein Ende der Beschwichtigungen (des Appeasements). In Chemnitz 2018 war der Rechtsstaat noch vor Rechtsextremisten zurückgewichen.

Die AfD will unser System zerstören. Ihre Mitglieder meinen, was sie sagen (Höcke, Gauland, Weidel). Auf dem Kyffhäusertreffen 2017 lobte Alexander Gauland ausdrücklich die Heldentaten deutscher Soldaten in den beiden Weltkriegen. „Der Riss kommt von rechts. Da wird gedroht, zu jagen und zu ‚remigieren‘, kursieren Umsturzfantasien und Feindeslisten, werden Morddrohungen und Beleidigungen ausgesprochen, folgen Hassworten längst Gewalttaten. Diese Enthemmung gilt es nicht zu besänftigen, sondern ihr muss konsequent die rechtsstaatliche Grenze aufgezeigt werden.“ (S. 337)

Michael Kraske weist den Journalisten ihre Funktion zu: „Es ist ihre Aufgabe, den Zusammenhang zwischen verbaler Enthemmung, Homogenitätsideologie und Gewalttaten aufzuzeigen.“ (S. 310)

Sein Fazit: „In letzter Zeit führe ich immer wieder Gespräche mit Menschen, die sich auf eine Zeit ‚danach‘ einstellen. Nicht irgendwo in Ungarn, sondern hier im deutschen Osten, in Leipzig. Staatsanwälte, die fürchten, demnächst möglicherweise Anweisungen von einem AfD-geführten Justizministerium umsetzen zu müssen. Journalisten, die für den MDR arbeiten und sich fragen, ob es ihnen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiterhin möglich sein wird, kritisch zu berichten. Oder ob überhaupt. Regisseure und Intendanten, die fürchten, dass ihren Bühnen der Geldhahn zugedreht wird, wenn sie weiter moderne, gesellschaftskritische Theaterstücke aufführen. Es sind Gespräche, die ich vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Aus vielen spricht Angst. Doch Angst lähmt. Ja, es geht um alles. Um unsere Schulen und Gerichte, Medien und Vereine, Bühnen und Parlamente. Um unsere Art zu leben und zu lieben, wen wir wollen. Das alles, ist bedroht. Aber es ist an uns. Was wir miteinander haben, im Westen wie im Osten, ist zu wertvoll, um klein beizugeben.“ (S. 340 f.)

2851: Rolf Hochhuth ist gestorben.

Freitag, Mai 15th, 2020

Sein „Stellvertreter“ (1963) brachte ihm den Weltruhm, von dem Rolf Hochhuth wusste, dass er ihn nie wieder erreichen würde. Danach hatte Papst Pius XII. es unterlassen, den italienischen Juden zu helfen, obwohl er von Mordabsicht der Nazis wusste. Hochhuth hatte ausführlich in Rom dafür recherchiert und dabei kundige Informanten gefunden. Nach der gegenwärtigen Forschung im Vatikan (2020) hat der Papst noch andere politische Sünden begangen. Mittlerweile ist der berühmte Autor Rolf Hochhuth im Alter von 89 Jahren gestorben.

Der aus dem Exil zurückgekehrte Erwin Piscator hatte den Stoff für die Bühne präpariert. Der Skandal rief in Deutschland auch große Ablehnung hervor. Aber Hannah Arendt etwa ging ins US-Fernsehen, um dem damals 33-jährigen Autor beizustehen. Hochhuth, der ursprünglich den Bertelsmann-Lesering geleitet hatte, wuchs in seine Rolle als „Skandalnudel“ hinein. So mit den „Soldaten“ (1967) über die Bombardierung deutscher Städte, in dem Winston Churchill den polnischen Ministerpräsidenten Sikorski hat abstürzen lassen, um Stalin den Weg freizumachen.

Hochhuth wurde der Schreiber zahlreicher offener Briefe und bedeutungsloser Gedichte. Er stürzte den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger (CDU) 1978. Der hatte noch nach der Kapitulation 1945 als Marinerichter an Todesurteilen mitgewirkt („Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“).

Rolf Hochhuth hat ein großes Verdienst darin, dass er sich für den Hitler-Attentäter Georg Elser eingesetzt hat, einen Einzelgänger, dessen Bombe in München 1938 rechtzeitig detoniert war, nur hatte Hitler den Schauplatz verfrüht verlassen. 2011 wurde das Elser-Denkmal in Berlin aufgestellt.

Rolf Hochhuth hatte nach der Wiedervereinigung das Theater am Schiffbauerdamm von seinem jüdischen Vorbesitzer gekauft, in dem Brechts Berliner Ensemble mustergültige Brecht-Aufführungen inszeniert hatte, Highlights der deutschen Theatergeschichte. Dort wurden dann auch Hochhuth-Stücke aufgeführt (Willi Winkler, SZ 15.5.20).

2850: Nelly Sachs (1891-1970) und Paul Celan (1920-1970)

Donnerstag, Mai 14th, 2020

Nelly Sachs (1891-1970) und Paul Celan (1920-1970) waren verbunden durch die von ihnen empfundene Verpflichtung, in ihren Gedichten für die Ermordeten der Schoah Zeugnis abzulegen. Getroffen haben sie sich erst am 25. Mai 1960. Da wusste Celan schon, dass er den

Büchnerpreis (1960)

bekommen würde, Sachs kriegte den

Drostepreis (1961).

Dazu reiste sie zum ersten Mal seit 1940 wieder nach Deutschland, nach Meersburg (Bodensee). 1960 waren beide in der Krise. Celan hatte mit der Plagiatsaffäre zu tun, in der er falsch beschuldigt wurde (und die ihn in die Psychiatrie brachte). Und Sachs litt an der Verdrängung der Nazizeit in Deutschland und kam in eine Nervenklinik in Stockholm. Sie erhielt den

Friedenspreis des deutschen Buchhandels (1965) und den

Literaturnobelpreis (1966).

Im Juni 1960 besuchte Nelly Sachs die Familie Celan in Paris. Paul Celans Hinweise auf die Ablehnung, die er – seiner Meinung nach – in Deutschland erfuhr, verstärkten ihre paranoiden Gedanken. Im August 1960 reiste Celan nach Stockholm, um Sachs zu treffen. Ob die beiden sich überhaupt gesehen haben, wissen wir nicht.

Für die Dichtung nach der Schoah ist die Beziehung dieser beiden Dichter bezeichnend. Deshalb verwundert es, dass in diesem Jahr 2020 nicht mehr darüber zu hören ist. Zwar ist Paul Celan in aller Munde, aber von Nelly Sachs hören wir fast gar nichts. Als sie 1970 im Sterben lag, berichtete ihr eine Besucherin vom Selbstmord Celans. Kurz darauf, am 12. Mai 1970, starb Nelly Sachs (Marie Schmidt, SZ 12.5.20).

2849: Ist der Westen rassistisch ?

Mittwoch, Mai 13th, 2020

Ijoma Mangold hat am besten beschrieben (Die Zeit 29.4.20), wie die Weltanschauung des kamerunischen Gesellschaftswissenschaftlers Achille Mbembe zu fassen ist. Mbembe sagt:

1. Die Neuzeit beginnt nicht um 1500, wie das europäische Bildungsbürgertum (also: wir) behauptet, mit Renaissance, Humanismus und Reformation, sondern mit der Erfindung des

Rassismus.

2. Die Erklärung der Menschenrechte 1776 und die Sklavenwirtschaft sind Teil derselben historischen Bewegung.

3. Kapitalismus ist nicht anderes als Rassismus.

4. Der Sklavenhandel ist „das Taufbecken unserer Moderne“.

5. Alle Opfer sind „Neger“.

6. Mit Jean-Francois Lyotards „Das postmoderne Wissen“ nehmen wir Abschied von den großen Erzählungen Georg Wilhelm Friedrich Hegels und Karl Marx. Achille Mbembe beginnt eine neue große Erzählung.

7. Sklaverei ist Kolonialismus, Kolonialismus ist Apartheid, und Apartheid ist nicht zu unterscheiden von Neoliberalismus und Demokratie.

8. Apartheid wird verwirklicht mit Israel und seinem Besatzungsregime.

9. Die Besetzung Palästinas ist der „größte moralische Skandal unserer Zeit“.

10.Die höchste Form des „Negers“ waren die Juden als Opfer des Holocaust. Dann sind die Israelis als Grenzzieher keine Juden mehr, sondern Weiße.

Kurzkommentar W.S.:

1. Der Beginn der Neuzeit (um 1500) war die Rückbesinnung auf die große griechische Philosophie, die römische Staatskunst und die Befreiung der Künste (Leonardo da Vinci, Michelangelo et alii) aus den Fängen des Vorurteils.

2. Mit der Reformation kam die Befreiung des theologischen Denkens und Handelns dazu.

3. Kopernikus schuf für uns ein neues Weltbild.

4. Tatsächlich traten zur gleichen Zeit Kolonialismus und Rassismus auf den Plan.

5. Die Menschenrechte (seit 1776) unterscheiden die fortschrittlichen Gesellschaften von den autoritären.

6. Der reale Sozialismus schuf den Stalinismus und den Maoismus. Diese hindern heute noch Russland und China an einer Öffnung zu den Menschenrechten.

7. Die Apartheid ist das Produkt des burischen (also westlichen) Rassismus, einer menschenverachtenden Ideologie.

8. Die problematische Staatsgründung Israels 1948 beruhte auf der jahrtausendealten Verfolgung der Juden und den Versuchen ihrer Vernichtung.

9. Bezahlen mussten und müssen dafür die Palästinenser. Das ist höchst ungerecht.

10. Insofern ist es angebracht, auf eine Stimme wie die von Achille Mbembe zu hören, auch wenn sie nicht in jedem Punkt die Wahrheit trifft, weil sie uns menschlicher (vgl. hier Nr. 2841) und toleranter macht und weniger Gewalt verspricht.

2848: Protest für Achille Mbembe

Mittwoch, Mai 13th, 2020

Die Postkolonialismus-Debatte verfolge ich einigermaßen fasziniert. Wenn ich auch erst einmal darüber geschrieben habe:

2841: Amos Goldberg und Alon Confino über Postkolonialismus (am 8.5.20).

Die Lage ist vertrackt, die Analyse kompliziert. Ich werde hier demnächst wahrscheinlich die Ergebnisse von Ijoma Mangold (Die Zeit, 29.4.20) und Stephan Grigat (taz 11.5.20) präsentieren. Unterdessen wird die Unterstützung für den aus Kamerun stammenden

Achille Mbembe

stärker. 377 Wissenschaftler aus 30 Ländern haben gegen „politische Einmischung“ protestiert, die darauf abziele, „Befürworter*innen der völkerrechtlich garantierten Rechte von Palästinenser*innen zum Schweigen zu bringen“. (SZ 12.5.20)

2845: Michel Houellebecq: Alles wird genau gleich bleiben.

Montag, Mai 11th, 2020

Angesichts der weltumspannenden Corona-Pandemie hören wir gegenwärtig viel dummes Geschwätz. Aber nicht von allen. So etwa nicht von Michel Houellebecq, dem französischen Schriftsteller. In der FAS (10.5.20) ist ein kurzer Aufsatz von ihm erschienen: „Die Zukunft nach Corona“ (übersetzt von Annabelle Hirsch). Houellebecq schreibt:

„Zuerst einmal glaube ich keine halbe Sekunde an Aussagen wie ‚Nichts wird je mehr sein wie zuvor.‘ Im Gegenteil, alles wird genau gleich bleiben. Die Entwicklung dieser Epidemie ist sogar auf bemerkenswerte Weise normal. Der Westen ist nicht für die Ewigkeit, nicht durch Gottes Gnaden die reichste und am besten entwickelte Zone der Welt. Das alles ist vorbei, schon seit einer Weile, das ist kein Scoop. Wenn man es im Detail analysiert, kommt Frankreich sogar ein bisschen besser weg als Spanien und Italien, aber schlechter als Deutschland; auch das ist keine große Überraschung. Das Coronavirus dürfte ganz im Gegenteil  einen Wandel, der schon im Gange ist, beschleunigen.

Wir werden nach dieser Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt aufwachen. Es wird dieselbe sein, nur in etwas schlimmer.“

Wer mehr über Michel Houellebecq wissen will, kann mit Gewinn lesen:

Julia Encke: Wer ist Michel Houellebecq? Porträt eines Provokateurs. Berlin (Rowohlt) 2018, 255 Seiten.