Archive for the ‘Geschichte’ Category

2913: Götz Alys Gelassenheit bei Straßennamen

Mittwoch, Juni 24th, 2020

In Zeiten des „antikolonialistischen Kampfes“, jedenfalls auf dem Papier, hat nun die Zeit der Denkmalsstürze und Umbenennung von Straßen und Gebäuden begonnen. Hilmar Klute unternimmt in der SZ (23.6.20) einen „erinnerungskulturellen Kassensturz“ zur Klärung der Lage. Dabei überzeugt mich am meisten die Haltung Götz Alys (geb. 1947).

Dieser wiederum war in seiner Karriere als Historiker durchgängig ein, wie ich finde, sehr anregender Außenseiter. Zwei Thesen Alys stehen insbesondere dafür:

1. Die Eroberungs- und Vernichtungspolitik der Nazis habe letzlich den Interessen des deutschen Bürgertums an Bereicherung und Machtzuwachs entsprochen.

2. Die 68er seien ihren Eltern von 1933 ähnlicher gewesen, als sie das selbst wahrhaben wollten.

Mit beiden Thesen hat sich Aly natürlich nicht beliebt gemacht in Deutschland. Bei der zweiten These mag die eigene Betroffenheit als 68er ausschlaggebend gewesen sein. Mit seiner Haltung zur Umbenennung von Straßen und Gebäuden macht sich Götz Aly vermutlich wiederum nicht beliebt in Deutschland. Und speziell bei seinen Gutmenschen:

1. „Die Vorstellung, man müsse Straßennamen grundsätzlich nach Vorbildern benennen, ist unsinnig. Der eine mag diese Geschichte erzählen, der andere jene. Ich finde das alles nicht so tragisch.“

2. Die einen mögen Otto von Bismarck nicht, die anderen Ernst Thälmann.

3. Götz Aly wohnt in Berlin-Mitte in der Mohrenstraße. Vor 300 Jahren wurde sie nach Negern benannt, die dort wohnten. Nach Alys Meinung hat das was Ehrendes gehabt. „Das benennt man nicht weg. Das sind Schriftdenkmäler in der Innenstadt.“

4. „Jetzt wollen sie auch den Generalszug in Kreuzberg umbenennen. Die Einbildung dieser Leute, sie würden besser werden, wenn sie so etwas tun, das finde ich bestürzend.“

5. In München steht sogar die Kästnerstraße zur Disposition, weil Erich Kästner (1899-1974), dessen Bücher 1933 verbrannt worden waren, nicht emigiert war.

6. Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) hat sich mehrfach frauenfeindlich geäußert. Müssen die Schopenhauerstraßen deshalb weg?

7. Können wir eine Straße nicht nach dem Schriftsteller Siegfried Lenz benennen, weil der als junger Mann in der NSDAP war? „Wenn man das zum Maßstab macht, können zehn Millionen Deutsche ihre Großeltern aus dem Stammbuch radieren. Das war eine Zustimmungsdiktatur, Dreiviertel der deutschen Intelligenz hat da mitgemacht.“

8. In den sechziger Jahren hat Wolf Biermann seine Moritat vorgetragen: „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens Stalinalle für die Stalinallee.“ Sie spiegelte Glanz und Elend, Furcht und Verdrängung, Vergangeheit und Zukunft in ihrem Namen. Biermann: „Und darum heißt sie auch Stalinallee. Mensch, Junge, versteh, und die Zeit ist passé.“

2912: Strukturen des Kolonialismus

Mittwoch, Juni 24th, 2020

Benno Schirrmeister möchte nicht, dass wir bei Christoph Kolumbus erfolgreichem Projekt von 1492 von der „Entdeckung Amerikas“ sprechen (taz 20./21.6.20). Er gehört zu den hartleibigen Anti-Kolonialisten, die uns nun Mores lehren wollen. Trotzdem führt er mehrere Fakten an, die mir bemerkenswert erscheinen:

1. Kolumbus‘ Projekt war motiviert von handfesten wirtschaftlichen Interessen (Bodenschätze) und militärisch ausgerichtet.

2. Kolumbus meldete dem spanischen König (Projekt: Reconquista), es sei ganz leicht gewesen, 50 Einheimische (heute: Indigene) zu überwältigen und sie dann dazu zu zwingen, das zu tun, was die Eroberer wollten.

3. Heute noch (2020) heißt ein Einkaufsviertel in Bremerhaven Columbus Center.

4. Die Einwohner Nordamerikas wurden vor 1492 auf 18 Millionen geschätzt, 400 Jahre später waren es noch 200.000.

5. Die Einwohner Südamerikas wurden auf gut eine Million geschätzt, nach zwölf Jahren 100.000.

6. Die Eroberer herrschten mit Verbrennungen, Plünderungen, Vergewaltigungen und Vernichtung durch Arbeit. Manche Techniken der Konzentrationslager des 19. und 20. Jahrhunderts wurden hier vorweggenommen.

7. Die Eroberer brachten ihren Auftraggebern in Spanien Gold, Gewürze und Sklaven.

8. Mit ihrer Schreckensherrschaft begann die Moderne (die Globalisierung).

9. Europa etablierte sich als Zentrum der Welt und universeller Maßstab.

10. Auf Kolumbus folgten der Sklavenhändler Vasco da Gama, der Vergewaltiger Magellan und der Mörder Vasco Balboa, blutig, sadistisch und erbarmungslos.

2906: Die Trennung von Nachricht und Meinung ist richtig.

Samstag, Juni 20th, 2020

Die Forderung nach der

Trennung von Nachricht und Meinung

kam nach 1945 aus dem anglo-amerikanischen Journalismus nach Westdeutschland (alte Bundesrepublik). In der DDR galt bis 1989 Lenins Lehre von

Propaganda, Agitation und Organisation

aus dem Jahre 1903 (vgl. hier W.S.: Objektivität und Parteilichkeit. Frankfurt am Main 1981). Die Trennungsforderung hat sich über die Jahrzehnte bewährt (abgesehen von den Zurückgebliebenen bei Reichsbürgern, anderen Rechtsextemisten und AfD-Anhängern), auch wenn jeder studierte Journalistenschüler weiß, dass sie nicht lupenrein durchzuhalten ist.

„Journalisten wählen Thema, Länge und Platzierung eines Textes aus. Und weil diese Entscheidungen von Menschen getroffen werden, sollen sie sich zwar um die Schilderung von schieren Tatsachen bemühen, um einen möglichst unbeteiligten Blick, und sich der Bewertung enthalten. Aber sie werden das Ideal absoluter Objektivität nie erreichen. Nichts ist schädlicher für die Glaubwürdigkeit der Medien als die Behauptung, man schreibe nur auf, ‚was ist‘.“ (Sonja Zekri, SZ 20./21.6.20)

Das Bemühen um Objektivität kommt im praktischen Journalismus häufig darin zum Ausdruck, dass man alle beteiligten Seiten zu Wort kommen lassen will. Das ist de facto „Ausgewogenheit“ (im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorgeschrieben). Die Neutralität im Journalismus hat ihre Grenzen in Aufrufen zur Gewalt, bei menschenverachtenden Positionen und demokratiefeindlichen Ansichten.

Die Verunsicherung bei Journalisten und Rezipienten reicht hinein bis in ein Milieu, das sich selbst wohl als liberal beschreiben würde. „Grünen-Wähler, Bioladenkunden, scharfe Kritiker von Frauenfeinden und Rassisten, mal erbittert, mal larmoyant möchten sie wissen, was man denn als weißer Mann überhaupt noch sagen könne. Berechtigte Anliegen von Migranten und Frauen habe man immer großzügig unterstützt. Das N-Wort ist tabu, Herrenwitze gelten als primitiv, und selbstverständlich essen die Kinder Schokoküsse. Reicht das immer noch nicht?“

Sonja Zekri meint: nein!

Weil die Anliegen der weißen Mehrheitsgesellschaft nicht mehr sind als Anliegen eines Bevölkerungsteil neben anderen.

„Wenn Protestierende in Großbritannien ein Denkmal Winston Churchills stürzen wollen, findet mancher in Deutschland das falsch, weil Churchill gegen Hitler kämpfte. Doch andere sehen eben auch den Mann, der als britischer Premierminister brutale Internierungslager während des kenianischen Mau-Mau-Aufstandes zu verantworten hatte. Der amerikanische Bürgerkrieg gilt in den USA als nationale Tragödie, Brudermorde, Verwüstung, großes Leid. Das sei die Sicht der Weißen, schrieb der schwarze Intellektuelle Ta-Nehisi Coates, kein Schwarzer werde im Bürgerkrieg etwas anderes sehen als die Befreieung von der Sklaverei.“

2905: Bundesregierung droht Russland mit Sanktionen.

Freitag, Juni 19th, 2020

Weil die Bundesanwaltschaft annimmt, dass der Mord an einem Tschetschenen in Berlin von einem Täter begangen worden ist, der im Auftrag der russischen Regierung handelte, erwägt die Bundesregierung neue Sanktionen gegen Russland. Bundesaußenminister Maas (SPD): „Das ist sicherlich ein außerordentlich schwerwiegender Vorgang. … Die Bundesregierung behält sich weitere Maßnahmen in diesem Fall ausdrücklich vor.“ (dpa, SZ 19.6.20)

2903: Humboldt Forum strebt Teileröffnung 2020 an.

Donnerstag, Juni 18th, 2020

Der Stiftungsrat des Humboldt Forums strebt noch in diesem Jahr eine erste Teileröffnung an. Baulich wird das ehemalige Stadtschloss bis Ende 2020 fertig. Die letzte Verzögerung war corona-bedingt. Das Humboldt Forum soll in drei Schritten bis Herbst 2021 komplett zugänglich sein. In den Museen im zweiten und dritten Stock geht der Aufbau der komplexen Vitrinenstrukturen gut voran (dpa, SZ 17.6.20).

2902: Eberhard Fechner (1926-1992) – Chronist deutscher Zeitgeschichte

Mittwoch, Juni 17th, 2020

Bei Absolut Medien ist auf DVD neu erschienen Eberhard Fechners „Der Prozess“ (1984), einer der wichtigsten und größten Dokumentarfilme in der deutschen Filmgeschichte (über den dritten Majdanek-Prozess von 1975 bis 1981 am Landgericht Düsseldorf). Er trägt ganz Fechners Handschrift. Der Grund, warum ich ihn für den größten deutschen Dokumentaristen halte, liegt vermutlich in seinen Themen und in seiner Methode (sehr verkürzte Auszüge):

– „Ein Tag. Bericht aus einem Konzentrationslager“ (1965),

– „Nachrede auf Klara Heydebreck“ (1969),

– „Klassenphoto“ (1970),

– „Tadellöser & Wolff“ (Fernsefilm) (1975),

– „Comedian Harmonists. Sechs Lebensläufe.“ (1976),

– „Der Prozess“ (1984),

– „Wolfskinder“ (1990).

Fechner war gelernter Schauspieler und trat nach dem Krieg hauptsächlich in Berlin auf. Von 1961 bis 1963 war er Regieassistent bei Giorgio Strehler in Mailand. 1965 ging er zum NDR und startete hier seine beeindruckende Karriere. Es gelang ihm, durch geduldiges Zuhören und Nachfragen auch sehr persönliche, kontroverse und tief verborgene Erinnerungen seiner Gesprächspartner hervorzulocken. Er verzichtet auf einen Kommentar. International stilbildend wurde seine dialogische Montage.

Schlagend wurde sie eingesetzt besonders in „Klassenphoto“, „Der Prozess“ und „Comedian Harmonists“. Am Beispiel von „Klassenphoto“ haben meine Kollegin Nadine Gersberg und ich das 2001 beschrieben („Eberhard Fechners Methode als filmischer Chronist der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“, 2001, vgl. hier unter „Publikationen“).

Fechners WDR-Kollege Heiner Lichtenstein formulierte als Lehre aus dem Majdanek-Prozess, gegen den Rassismus aufzustehen. „Davon wird kein Mensch wieder lebendig. Aber wir können vielleicht verhindern, dass in der Zukunft Unschuldige ermordet werden.“ (Silvia Hallensleben, taz 16.6.20)

 

2899: Wahrscheinlich: Ein No Deal

Dienstag, Juni 16th, 2020

Boris Johnson hat der EU bei den Brexit-Verhandlungen ein Ultimatum gestellt: Entweder ein Freihandelsvertrag im Herbst oder ein No Deal zum Jahresende. Wahrscheinlich gibt es den No Deal:

1. weil Johnson von seinem vollständigen Versagen in der Corona-Krise ablenken will,

2. weil Großbritannien bisher noch Nettozahler in der EU ist,

3. weil Johnson den wirtschaftlichen Schaden des Brexit mit dem viel größeren Schaden durch die Corona-Pandemie verrechnen will.

Schottland, Wales und Nordirland halten nicht nur große Teile von Johnsons Politik für falsch, sondern möchten auch längere Brexit-Verhandlungen, um zu einem besseren Ergebnis zu gelangen (Alexander Mühlauer, SZ 16.6.20).

2897: Niklas Frank: Auf in die Diktatur!

Montag, Juni 15th, 2020

Niklas Frank, 81, war lange Jahre Journalist beim „stern“. Er ist der Sohn des 1946 in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher hingerichteten Hans Frank, des Generalgouverneurs im besetzten Polen. Niklas Frank war stets ein Mann der klaren Worte, was ihn positiv auszeichnete. Jetzt hat er einen Wutanfall bekommen. Verständlicherweise. Das reicht für sein Buch

Auf in die Diktatur! Die Auferstehung meines Nazi-Vaters in der deutschen Gesellschaft. Ein Wutanfall. Bonn (J.H.W. Dietz Nachf.) 2020, 176 S. 12 Euro.

Frank variiert seine These, die Deutschen hätten die Verbrechen zwischen 1933 und 1945 nie verarbeitet, sondern erfolgreich verdrängt. Dabei hat er alle Fakten und Details auf seiner Seite. Heute spricht das für die AfD. Hier und da hätte man sich etwas mehr Systematik gewünscht. Aber die Analyse stimmt. So unerfreulich das auch ist (Robert Probst, SZ 15.6.20).

2896: Verschwörungstheorien – Erscheinungen der Neuzeit

Montag, Juni 15th, 2020

Michael Butter ist Professor für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Von Markus Flohr und Frank Werner wird er zu Verschwörungstheorien befragt (Die Zeit 4.6.20).

Zeit: Seit wann neigen Menschen zu solchen Erklärungen?

Butter: Der Philosoph Karl Popper sah in ihnen eine Antwort auf die Entzauberung der Welt durch die Aufklärung. Nicht mehr Gott zieht in solchen Theorien die Strippen, sondern eine böse irdische Macht. Damit ist erneut ein

Sinn

in der Welt. Eine weitere These besagt, dass Verschwörungstheorien erst in einer Gesellschaft entstehen können, die

Flugblätter, Bücher und Zeitungen

kennt. Deshalb siedeln viele Wissenschaftler – und ich teile diese Einschätzung – ihr Aufkommen in der frühen Neuzeit an.

2893: Horst Teltschik 80

Samstag, Juni 13th, 2020

Horst Teltschik war der Berater der deutschen Einheit. Er hatte in den sechziger Jahren in Berlin Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Völkerrecht studiert und war ein führendes Mitglied des RCDS. Spezialisiert auf Außen- und Deutschlandpolitik. Als solchen holte Helmut Kohl ihn in die Staatskanzlei nach Mainz und nahm ihn mit nach Bonn. In der Phase von Mauerfall und Wiedervereinigung war er Kohls engster Berater. Ein Erfolgsmann. 1990 wechselte er in die Privatwirtschaft. Seither kennen wir ihn als Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz. Er wird 80 (elo, FAZ 13.6.20).