Archive for the ‘Geschichte’ Category

2986: George Soros 90

Donnerstag, August 13th, 2020

Körperlich wirkt er mittlerweile gebrechlich, George Soros, der 90 Jahre alt geworden ist. Aber immer noch trägt der Miliardär am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos seine Einschätzungen zur Weltlage vor. Er plädiert für einen Schuldenerlass für die ärmeren Länder. Er selbst hat als Hedgefonds-Manager seinen Weg (in den Reichtum) gemacht. Der Philantrop spendet immense Summen für den Aufbau „offener Gesellschaften“ in Osteuropa. Dafür wird er dort gehasst (Ungarn, Polen, Rumänien, Israel). Etwa vom Ministerpräsidenten seines ehenmaligen Heimatlandes, Ungarn, Victor Orban.

Der 1930 als György Schwartz in Budapest geborene Soros hatte seinen Vater Tivadar als Vorbild, der über das Überleben in der Nazizeit in Verstecken das Buch „Memoiren eines Lebenskünstlers“ geschrieben hat. 1947 floh die Familie vor dem Kommunismus aus Ungarn nach London. George Soros studierte an der „London School of Economics“. Dort wurde der ehemalige Österreicher,

Karl Raimund Popper,

sein Held mit dem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1946). Poppers Theorie der offenen Gesellschaft wurde für Soros zum Motiv für sein Mäzenatentum. Dadurch wurde er für Antisemiten zum Todfeind. Er spielt die Rolle, die bei den Nazis die Familie Rothschild innehatte.

Die von Soros begründete und finanzierte Privatuniversität „Central European University“ (CEU) in Budapest wurde 2019 von Victor Orban geschlossen. Dieser hatte übrigens nur mit einem von George Soros finanzierten Stipendium in Oxford studieren können. Soros gründete die CEU 2019 in Wien neu: „17.000 Studenten aus aller Welt haben ihren Abschluss gemacht. Wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren, übernehmen sie oft Führungsaufgaben in Demokratien, die sich entwickeln. Darauf bin ich besonders stolz.“ (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 13.8.20)

 

2985: Weißrussische Präsidentschaftskandidatin nach Litauen geflohen

Mittwoch, August 12th, 2020

Swetlana Tichanowskaja, die oppositionelle Präsidentschaftskandidatin in Weißrussland, ist nach Litauen geflohen. Wahrscheinlich ihren beiden minderjährigen Kindern zuliebe. Noch am Montag nach der Wahl hatte die Kandidatin erklärt, dass sie die Wahl gewonnen habe und in Weißrussland bleiben wolle. Ihr Mann, Sergej Tichanowski, ein oppostioneller Blogger, sitzt bereits seit Mai im Gefängnis. Er war nicht zur Wahl zugelassen worden. Für ihn sprang seine Frau ein.

Frau Tichanowskaja sei in Litauen und in Sicherheit, teilte der litauische Außenminister, Linas Lincevicius, am Dienstag mit. Tichanowskajas politische Vertraute, Olga Kowalkowa, berichtete, dass die Präsidentschaftskandidatin nicht freiwillig gegangen sei. Vielmehr hätten die Behörden sie außer Landes gebracht. In einem Video sagte Tichanowskaja: „Viele werden mich verstehen, mich verurteilen oder hassen. Aber Gott bewahre, dass die je vor so einer Wahl stehen müssen, wie ich es musste.“ Ihre beiden Kinder hatte sie bereits vor der Wahl nach Litauen in Sicherheit gebracht.

In der Nacht zum Dienstag war es in Minsk und anderen Städten zu heftigen Protesten gegen Machthaber Lukaschenko gekommen. Die Polizei setzte Gummigeschosse, Blendgranaten und Tränengas ein. Hunderte wurden verletzt. Es gab einen Toten. 2.000 Menschen sind festgenommen worden. Bereits in der Nacht zuvor hatte es etwa 100 Verletzte und 3.000 Festnahmen gegeben. Internetseiten unabhängiger Medien und Kanäle in sozialen Netzwerken wurden blockiert (Silke Bigalke, SZ 12.8.20).

Die Vorgänge in Weißrussland erinnern unmittelbar an das Verhalten in der Sowjetunion. Regiert wird mit Polizei und Gewalt. Mit dem Unterschied, dass es heute eine bemerkenswerte Opposition gibt. Das war in der Sowjetunion unmöglich.

Hier können wir noch lange darauf warten, dass es endlich demokratische Verhältnisse gibt.

2982: Die Stärke der Wissenschaft

Dienstag, August 11th, 2020

„Die vermeintliche Schwäche – dass Forschungsergebnisse immer wieder umgestoßen werden – ist also in Wirklichkeit die Stärke der Wissenschaft: Ihr Weltbild ist jederzeit offen dafür, durch neue, bessere Einsichten korrigiert zu werden. Der Erkenntnistheoretiker

Karl Popper

hat daher die ‚Falsifizierbarkeit‘ zum wichtigsten Merkmal wissenschaftlicher Theorien erhoben: Absolute Wahrheit gibt es in der Wissenschaft nicht, keine Erkenntnis kann abschließend verifiziert werden, sie kann nur falsifiziert, durch Gegenbeweise widerlegt werden. Das unterscheidet sie auch von

Verschwörungstheorien,

die sich im Besitz der Wahrheit wähnen und hermetisch gegen jedwedes Gegenargument abschotten.“ (Maximilian Probst/Ulrich Schnabel, Die Zeit 30.7.20)

2980: Der weite Weg der Monika Maron

Sonntag, August 9th, 2020

Mit „Flugasche“ (1981) hat sie unsere Herzen erobert. Eine große Schriftstellerin: Monika Maron. Auch noch mit „Stille Zeile Sechs“ (1991) oder „Animal Triste“ (1996). Sie kannte sich in der Liebe aus. Seither hat sie einen weiten Weg gemacht. Anscheinend politisch motiviert. Alle Rezensenten ihres neuen Romans „Artur Lanz“ (Verlag S. Fischer, 19,90 Euro) und ihre Interviewer haben sich um Fairness bemüht.

Aber Julia Encke schreibt in der FAS (9.8.20): „Wir leben in einem Land, so suggeriert es uns Maron allen Ernstes in ihrem toxischen Cocktail aus Selbstgerechtigkeit, Ressentiment und Machotum, in dem die Meinungsfreiheit wieder eingeschränkt wird wie in der DDR. … Wobei ‚uns‘ natürlich falsch ist. Nur die Männer. Die sollen wieder Helden werden und Männer sein dürfen. Am besten Biker-Typen. Die Frauen sind sowieso nur durchideologisierte Denunziantinnen im Genderwahn.“

2977: Ehrendoktorwürde für Wolf Biermann

Donnerstag, August 6th, 2020

Der Fachbereich Philologie/Kulturwissenschaften der Universität Koblenz-Landau verleiht dem Autor und Liedermacher Wolf Biermann die Ehrendoktorwürde. Damit werden seine besonderen Verdienste um Literatur und Wissenschaft geehrt. Die Verleihung findet am 28. Oktober im Theater Koblenz statt (SZ 5.8.20).

2973: Helga Schubert ist gefragt.

Dienstag, August 4th, 2020

Die diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, Helga Schubert, 80, ist seit der Preisverleihung sehr gefragt. In der FAZ (1.8.20) führt sie ein ausführliches Gespräch mit Jan Wiele in ihrem Dorf Neu Meteln (Mecklenburg-Vorpommern). Dabei gerät immer wieder die DDR in den Blick:

1. Nach Schubert überlagerte die Biermann-Ausbürgerung 1976 die literarischen Diskurse in der DDR.

2. Schubert berichtet von einem Stasi-„Lockspitzel“ in Neu Meteln.

3. Über Christa Wolf und Sarah Kirsch spricht Schubert von „halbgebildetem SED-Kleinbürger-Milieu mit mystischem Geschwätz, was ich ja nur sporadisch wahrnahm, weil mein Mann und ich in Berlin arbeiteten“.

4. Als Helga Schubert 1983 den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster bekommen sollte, ließ ihr das SED-Politbüro ausrichten, falls sie den Preis annähme, könne sie gleich in „Westdeutschland“ bleiben. Sie bekam den Hans-Fallada-Preis dann 1993.

5. Zur Fernsehserie „Weißensee“ sagt Schubert: „Da kommen die alle ziemlich gut weg, die Staatssicherheitsleute, oder? So wie bei Ruge“ (Das ist Eugen Ruge, der Autor von „In Zeiten abnehmenden Lichts“ und „Metropol“, W.S.).

6. Helga Schubert behauptet, dass Christa Wolfs Mann, Gerhard Wolf, gemeinsam mit einem Ofensetzer den Brand „unserer beiden alten strohgedeckten Lehmfachwerkhäuser“ verschuldet habe.

7. Christa Wolf habe sich gemeinsam mit Egon Krenz (SED) in dem Aufruf „Für unser Land“ für die Beibehaltung der Teilung Deutschlands ausgesprochen.

8. „Dass man wirklich beigetreten ist zum Grundgesetz der BRD, ist etwas, worüber ich sehr glücklich bin.“

 

2972: Netanjahu gegen israelische Medien

Dienstag, August 4th, 2020

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat israelischen Medien vorgeworfen, zu Protesten gegen ihn anzustiften. Sie machten für die Proteste geradezu Werbung. Dagegen würden die Medien Morddrohungen gegen ihn und seine Familie verschweigen.

Netanjahu verhält sich wie andere Rechtspopulisten auch: die Medien sind an allem schuld (SZ 3.8.20).

2970: Corona-Gegner, Impfgegner, Rundfunkgebührengegner, Rechtsextreme und Reichsbürger demonstrieren gemeinsam.

Montag, August 3rd, 2020

Und Sympathie finden sie bei der AfD.

2969: „Holocaust-Gedenktag für die Roma“

Montag, August 3rd, 2020

Seit fünf Jahren gibt es am 2. August den „Holocaust-Gedenktag für die Roma“ in der EU. Er dient dem Gedenken an die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma. Von März 1943 bis Juli 1944 deportierte die SS 23.000 überwiegend deutsche Sinti und Roma ins „Zigeuner-Familienlager“ in Auschwitz. Sie kamen aus elf europäischen Ländern. Fast alle fanden den Tod. Durch Vergasen, Verhungern, Krankheiten und Misshandlungen. Der „Antiziganismus“ ist Realität bis heute.

Jahrzehntelang wurde der erst 1982 in Deutschland als Holocaust anerkannte Völkermord an den Sinti und Roma geleugnet. Erst die Bürgerrechtsbewegung der siebziger und achtziger Jahre führte zu einem Bewusstseinswandel. Die Sinti und Roma, die seit 700 Jahren in Deutschland leben, nennen den Völkermord „Porajmos“ (Verschlingung, Zerstörung). Heute leben ca. 70.000 hier. Sie sind neben den Dänen, Friesen und Sorben die vierte nationale Minderheit.

Immer noch müssen die Sinti und Roma als Sündenböcke herhalten. „Dass, wenn es zu Seuchen und Epidemien kommt, Juden sowie Sinti und Roma beschuldigt werden, kennen wir schon aus der Geschichte.“ (Romani Rose, Zentralratsvorsitzender deutscher Sinti und Roma). Zuletzt anlässlich des Pandemieausbruchs beim Großschlachter Tönnies. Für die Roma ist die Lage in Ungarn, Albanien, dem Kosovo, Bulgarien und Rumänien wohl noch schlechter. In der deutschen EU-Präsidentschaft hat die Gleichstellung der Sinti und Roma eine hohe Priorität. Staatsminister Michael Roth: „Deutschland trägt aus historischen Gründen eine besondere Verantwortung gegenüber diesem Volk.“ (Francesca Polistina, SZ 1./2.8.20).

2966: „Frankfurter Rundschau“ 75 Jahre alt

Sonntag, August 2nd, 2020

Die „Frankfurter Rundschau“ (FR) ist 75 Jahre alt. Ihre erste Ausgabe erschien am 1. August 1945. Gegründet von sieben Männern, die mit der Nazi-Lügenpresse schnellstens aufräumen wollten. Unter dem ab 1954 alleinigen Herausgeger und Chefredakteur Karl Gerold (1906-1973) wurde daraus das linksliberale Blatt in Deutschland. Zunehmend und zusätzlich verankert im akademischen und studentischen Milieu, basierend auf einer guten regionalen Vernetzung im Rhein-Main-Gebiet (Chefredakteur Thomas Kaspar, FR 1./2.8.20)

1946 schrieb Karl Gerold in einem Leitartikel: „Was wir brauchen, ist nicht nur eine geistige Elite, welche diesen Namen wirklich verdient. Vor allem brauchen wir heute ruhige, rechtlich denkende Männer und Frauen, die den Mut aufbringen in aller Öffentlichkeit wie im privaten Kreise, aus eigener Initiative auf das hinzuweisen, was notwendig ist. Männer und Frauen, die ein festes Ja und ein festes Nein in den Dingen des persönlichen und öffentlichen Lebens zu setzen vermögen und dazu stehen können.“ (FR 1./2.8.20)

Die FR nahm in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren auch ökonomisch eine positive Entwicklung. Die verkaufte Auflage stieg stetig. Aber es gab auch angesichts der wachsenden Konkurrenz wirtschaftliche Probleme, die 2006 einen Verlagswechsel nach sich zogen. Gerolds Nachfolger bei der FR von 1973 bis 1992 war Werner Holzer (1926-2016). Er war gestartet als Auslandskorrespondent und wurde führend in der „Dritte-Welt“-Berichterstattung. Bei ihm finden wir schon Auseinandersetzungen mit der Weltwirtschaftsordnung, mit Globalisierung und Kolonialismus, wie sie heute allmählich durchgesetzt werden. Die FR war lange Zeit auf diesen Feldern das führende Blatt.

Wir können uns nur wünschen, dass diese Stimme noch lange zu hören ist und gehört wird.

(Gewidmet Angela und Edgar Heunisch, Adelebsen).