Archive for the ‘Geschichte’ Category

3015: Wozu überhaupt Theorie ?

Montag, August 31st, 2020

Angesichts der Demonstrationen von Verschwörungstheoretikern ist die Feststellung erlaubt, dass es heute anscheinend an dem Boden für eine allseits geteilte Rationalität fehlt. Es gibt keine allgemein anerkannten Theorien mehr. Auch ist in Deutschland, seit Goethe in seinem „Faust“ Mephisto sagen lässt „Grau teurer Freund ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum“, Theorie nicht allzu beliebt. Das führt zu Verwirrungen:

  1. Die Theorien vom Ende des 20 Jahrhunderts waren ausgerichtet auf das Bezeichnende (die Signifikanten), nicht auf das Bezeichnete (die Sachen, die Signifikate): Strukturalismus (Claude Lévy-Strauss), kritische Theorie (Theodor W. Adorno), Diskursanalyse (Michel Foucault), Dekonstruktion (Jacques Derrida), funktional-strukturelle Systemtheorie (Niklas Luhmann).
  2. Nach meiner Erfahrung ist die Kenntnis dieser Theorien bei Naturwissenschaftlern und Medizinern nicht weit verbreitet.
  3. Die genannten Theorien untersuchten die Verteilungsgesetze und zugrundeliegenden Denkmuster von Texten.
  4. Analysiert wurden die Bezeichnungen (Signifikanten) und nicht das Bezeichnete (Signifikate).
  5. Es war die Rede vom „Tod des Autors“ (Roland Barthes).
  6. Dies konnte von Theoretikern (Autoren) verbreitet werden, die auf Grund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts und ihrer institutionellen Einbindung relativ unanfechtbar und privilegiert waren.
  7. Dagegen wird von den neunziger Jahren an „Identität“ zur Leitkategorie.
  8. „Subjekt“ und „Sinn“ treten wieder auf den Plan.
  9. Unter dem Einfluss von Judith Butler („Geschlecht“) wird im vielfältigen Spektrum der Möglichkeiten die Wahl des Geschlechts (LGBTIQ) möglich.
  10. Das empfinden manche als autoritäre Ideologie.
  11. Dabei wird die Linke vereinnahmt, ohne deren Universalismus zu teilen.
  12. Ist es da einer weißen Autorin erlaubt, aus der Perspektive nicht-weißer Protagonisten zu berichten? (Andreas Bernard, Die Zeit 20.8.20; Mark Siemons, FAS 30.8.20)

 

3014: Kriegsdrohungen zwischen Griechenland und der Türkei

Montag, August 31st, 2020

Im Seerechtsstreit um Energievorkommen und Besitzansprüche im Mittelmeer bedrohen Griechenland und die Türkei sich mit Krieg. Athen hatte die Ausdehnung seiner Hoheitsgewässer von sechs auf zwölf Seemeilen im ionischen Meer angekündigt. Die Bundesregierung setzt ihre Vermittlungsbemühungen fort. Sie sind allerdings gefährdet durch die Sanktionsdrohungen der EU gegen die Türkei. Eigentlich wollten die Konfliktparteien bereits am 7. August ein Vermittlungsabkommen zur Deeskalation unterzeichnen. Da wurde eine Vereinbarung Griechenlands mit Ägypten über die Aufteilung weitreichender Wirtschaftszonen im östlichen Mittelmeer bekannt (SZ 31.8.20).

3010: Fundamentale Kritik am Journalismus

Donnerstag, August 27th, 2020

Der 1959 in der DDR geborene Birk Meinhardt war bis 2012 zwanzig Jahre lang Reporter bei der SZ. Heute arbeitet er als Schriftsteller. Bis 1989 war er Sportreporter bei „Wochenpost“ (DDR) und der „Jungen Welt“ (DDR). Meinhardt ist nach der Wiedervereinigung vielfach für seine Arbeit ausgezeichnet worden. Jetzt behauptet er in seinem neuen Buch

„Wie ich meine Zeitung verlor. Geschichte einer Desillusionierung.“ 2020 (Verlag Das Neue Berlin),

dass man „aus politischen Gründen“ nicht mehr schreiben kann, was ist und was man denkt. Er versucht das zu belegen an drei seiner Reportagen, die bei der SZ nicht erscheinen konnten. Es ist auch eine Geschichte von den Missverständnissen zwischen Ost- und Westdeutschland. Stephan Lebert und Jana Simon (Die Zeit 27.8.20) haben ihn interviewt.

Mir kommt es hier darauf an, Birk Meinhardt zu Wort kommen zu lassen. Ich bringe in Auszügen Zitate Meinhardts aus dem Interview:

„Es gibt noch keinen Bericht eines Menschen, der einmal ganz angesehen war in diesem Beruf und der erzählt, wie die Mechanismen sind. Daraus erwächst die Brisanz der Buches.“

„Das immer stärkere Beharren einzelner Gruppen auf ihrem Standpunkt, hier im Einzelnen das der etablierten Medien und ihrer Gegner. Das zunehmend Undifferenzierte. Man lässt dem jeweils anderen kaum noch Luft.“

„Jemand, der substanzielle Kritik äußert, soll als Person diskreditiert werden, das ist mittlerweile ein gängiger Reflex der Medien.“

„Aber eine Zumutung wird es, wenn Redigieren in Zensieren umschlägt. Wenn es heißt, wir schreiben noch was rein und nehmen was anderes raus, und du kannst noch mal rübergucken. Da schrillen bei mir die Alarmglocken. Da scheinen die Vorwende-Erfahrungen auf. 1989 habe ich mir gesagt, bestimmte Kompromisse sind so ungesund, solche wirst du nicht wieder eingehen.“

„Übrigens würde ich die Ostdeutschen in der heutigen Zeit als Seismografen bezeichnen. Ich frage mich, warum sich so wenige in den durchweg westlich orientierten Institutionen fragen, was dahintersteckt, wenn jemand, wenn jetzt vor allem ältere Ost-Intellektuelle mit jeder Menge Erfahrung in zwei Systemen mehr und mehr Alarmsignale senden.“

„Das ist Unfug, Steuerung von oben. Es ist komplizierter. Ich vergleiche es mal mit einem Haus, darin verschiedene Zimmer, manche stehen offen, jeder kann sich umgucken. Dann gibt es aber in dem Haus, in der Gesellschaft, in der wir momentan leben, noch Zimmer, die verschlossen sind oder beschwiegen werden.“

„Nehmen wir Chemnitz 2018. In Chemnitz sagte der Chefredakteuer der dortigen ‚Freien Presse‘, er habe keine Hetzjagden von Rechtsextremen beobachtet, und ihm sei auch kein Video davon bekannt.“

„Dann kommt die überregionale Presse und findet Hetzjagden, kann sie zwar nicht belegen, aber es ist mittlerweile in aller Munde, das ist die rechte Stadt mit den Hetzjagden.“

„Aber insgesamt sehe ich eine deutliche Schieflage, zumindest bei der Süddeutschen. 2018 erschien dort eine große Serie über die Frage, wie es steht mit der Integration. Sie ist wie ein Extrakt der gesamten Berichterstattung zu diesem Thema. Drei Viertel der Texte haben rein positiven Charakter. In dem anderen Viertel geht es zum Beispiel um die hohe Abbrecherquote bei Migranten im Deutschunterricht. Der Text kritisiert ausschließlich die deutschen Strukturen, manch Unausgereiftes auf Lehrerseite. Nicht behandelt werden die Unterlassungen auf Seiten der Schüler.“

„Nein. Nicht der, der auf verschlossene Räume hinweist, ist der Missetäter. Ich halte mich in dem Fall für unangreifbar, weil ich weiß, dieses Buch ist eigenständig und keiner Agenda zugehörig.“

Was meinen Sie?

 

 

3008: Russische Routine

Mittwoch, August 26th, 2020

Wie Stefan Cornelius (SZ 26.8.20) richtig schreibt, ist das Erschütternde am Fall Alexej Nawalny, dass die Häufung dieser Vorkommnisse bei uns akzeptiert wird. Kreml-Kritiker, Unternehmer, die nicht auf Putins Seite stehen, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten müssen mit ihrer Verletzung oder Ermordung rechnen. Aufklärung findet in Russland nur zum Schein statt. Eindeutig ist zum Beispiel die Beweislage beim

Tiergartenmord

an Selimchan Changoschwili, dem Georgier tschetschenischer Herkunft, der im Kaukasus gegen die Russen gekämpft hatte. Unter Putins Herrschaft ist Russland zu einem klandestin-mafiösen Staat verkümmert. Darin ist das

Geheimnis

die wichtigste Stütze der Macht. Es fehlt vorne und hinten an Transparenz. Im Grunde erschien Nawalny als so prominent, dass man gar nicht mit einem Anschlag auf ihn gerechnet hatte. Nun sind wir eines Besseren belehrt. Die Opposition wird weiter eingeschüchtert. Seit Wochen wird in der fernöstlichen Provinz Chabarowsk demonstriert, nachdem der Gouverneur, ein Gegner Putins, verhaftet und nach Moskau gebracht worden war. Im Herbst stehen Lokal- und Regionalwahlen an, 2021 Wahlen zur Duma.

Und bei Alexej Nawalny ist fraglich, ob sein Gesundheitszustand es ihm überhaupt erlaubt, nach Russland zurückzukehren.

3007: Oradour 1944/2020

Dienstag, August 25th, 2020

1944 ermordeten die Deutschen in dem französischen Ort Oradour-sur-Glane 642 Menschen. Sie sperrten viele in der Kirche ein, setzten das Gebäude in Brand und töteten so u.a. einen Säugling und eine neunzigjährige Frau. Die Täter wurden nie verurteilt. Der verantwortliche Generalleutnant Heinz Lammerding starb 1971, ohne sich vor einem ordentlichen Gericht erklärt zu haben. In Deutschland wurde das Verbrechen eher gleichgültig aufgenommen.

Am Freitag wurde das Wort „Lügner“ an die Gedenkstätte von Oradour geschmiert. Diese Täter wollen offenbar Angst verbreiten. Die Leugner gewinnen an Boden, weil das Unwissen wächst (Nadia Pantel, SZ 24.8.20).

3002: Von „Mohrenstraße“ zu „Anton-Wilhelm-Amo-Straße“

Samstag, August 22nd, 2020

Die Bezirksverordnetenversammlung des Berliner Bezirks Mitte hat auf Antrag von Grünen und SPD beschlossen, die „Mohrenstraße“ in „Anton-Wilhelm-Amo-Straße“ umzubenennen. Nach heutigem Verständnis sei der „rassistische Kern“ des Namens „Mohrenstraße“ belastend und „schade dem nationalen und internationalen Ansehen Berlins“. Die Bevölkerung kann sich an der Umbenennung nicht beteiligen. Amo wurde um 1700 geboren und aus dem heutigen Ghana als Sklave nach Deutschland verschleppt und an den Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel verschenkt. Er genoss eine hervorrragende Bildung und wurde 1729 in Halle promoviert. Danach wirkte er als Rechtsgelehrter an den Universitäten Halle, Wittenberg und Jena (mwe, FAZ 22.8.20).

2994: G.W.F. Hegel – der Erfinder des Weltgeists – 250 Jahre

Mittwoch, August 19th, 2020

Vor 250 Jahren wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) in Stuttgart geboren. Das Oberhaupt des „deutschen Idealismus“ hat die Philosophie odentlich umgekrempelt und ist heute noch wichtig, obwohl er Thesen verfochten hat, die sich im Laufe der Zeit als fürchterlich erwiesen haben (z.B. Stalinismus). Und das nicht wegen seines ausgeprägten schwäbischen Dialekts und seiner vielen „Schwabismen“. Hegel favorisierte die Dialektik (These, Antithese, Synthese). Er proklamierte: „Was vernünftig ist, wird wirklich, und was wirklich ist, wird vernünftig.“ Wer das angesichts der Zustände in der Welt heute noch gelten lassen wollte, müsste sehr mutig sein. Zur Geschichtsphilosophie sagte Hegel, „dass die Vernunft die Welt beherrscht, dass es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen ist“ (Ronald Düker, Die Zeit 6.8.20). Überhaupt scheint sein Verhältnis zur Realität äußerst eigenwillig gewesen zu sein. So wird die Anekdote kolportiert, dass Hegel, nachdem er einmal von einem Studenten korrigiert worden war, ausgerufen haben soll: „Um so schlimmer für die Wirklichkeit.“

Hegels Denken enthält ein umfassendes System der Philosophie, eine Wissenschaft, „die alle Aspekte der Wirklichkeit vereinen und einem Vernunftganzen unterstellen soll. Ein Denken, in dem der Zufall keinen Platz hat“. Die politisch Handelnden sind darin die „Geschäftsträger des Weltgeists“. Die Legende behauptet, dass Hegel 1806 in Jena Napoleon begegnet sein soll: „Den Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekogniszieren hinausreiten; – es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“ Können wir heute noch an einen „Weltgeist zu Pferde“, einen Endzweck glauben? An die Verwirklichung von Vernunft und Freiheit?

Ist es – mit Thomas Assheuer (Die Zeit 6.8.20) zu sagen – nicht vor allem das Negative, das den Weltgeist nach vorn in die Zukunft peitscht, sein Lebenselixier sind Gewalt und Zerstörung, es sind blutige Schlachten und große historische Feindschaften, die ganze mörderische Rivalität der Völker und Nationen.

Hegels Einstellung mit der Weltgeschichte als Weltgericht war für seine philosophischen Zeitgenossen Arthur Schopenhauer (1788-1860) und Sören Kierkegaard (1813-1855) ein Skandal. Hegel gehe über Leichen. Der Einzelne sei für ihn bloß Material zur Selbstverwirklichung des Weltgeists. Noch schärfer verurteilte ihn Friedrich Nietzsche (1844-1900).

Aber Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte – und das ist bis heute so – zahlreiche Anhänger. Sie werden gerne eingeteilt in Rechts- und Linkshegelianer. Zu ersteren gehören etwa Eduard Gans (1798-1839), Adolf Lasson (1832-1917) und Karl Larenz (1903-1993). Die alles überragende Figur der Linkshegelianer ist Karl Marx (1818-1883). Dessen Anhänger, welche die klassenlose Gesellschaft anstrebten und anstreben, haben in großem Umfang repressive und mörderische Systeme wie etwa die UdSSR errichtet (Josef Stalin 1878-1953). Andererseits war Marx die Galionsfigur der 68er-Bewegung, die, vielleicht zum Glück, nie einfach die Macht erringen konnte, sondern den Marsch durch die Institutionen antreten musste.

Hegels ernsthafteste Kritiker im 20. Jahrhundert waren die Philosophen Karl R. Popper (1902-1994) und Michel Foucault (1926-1984), aus ganz unterschiedlichen Gründen. Popper sah in Hegel den zynischen Wegbereiter des Totalitarismus („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ 1946). Foucault hielt Hegels Erzählung vom Weltgeiste für eine Lüge. Für ihn stand fest, dass „unsere gesamte Epoche“ danach trachte, „Hegel zu entkommen, sei es mit Marx oder mit Nietzsche“.

Für Thomas Assheuer steht fest, dass für Hegel Donald Trump zum oberen „Pöbel“ gehörte, der „Kehrseite“ des unteren „Pöbels“. Er meint damit die Reichen, deren Verhalten zum „Verlust des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und Ehre“ führt und das Gewebe der Sittlichkeit zerreisst. Assheuers Meinung nach sind Freiheit und Demokratie auf der Welt in die Defensive geraten und ihre Ausbreitung vegetiert „in chinesischen Umerziehungslagern, in iranischen, syrischen, türkischen, ägyptischen, russischen Gefängnissen dahin. Sie wird bedroht beziehungsweise abgeschafft in Ungarn und Polen, sie wird niedergeknüppelt in Minsk, Hongkong, Beirut oder Tunis, in Brasilien, Venezuela, Kolumbien, Nicaragua oder im neoliberalen Vorzeigeland Chile“.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte mit seinem totalitären Optimismus wohl doch nicht recht.

2993: Namibia lehnt Wiedergutmachung erneut ab.

Dienstag, August 18th, 2020

Die namibische Regierung hat das Wiedergutmachungsangebot der Bundesregierung für Gräuel in der Kolonialzeit erneut abgelehnt. Seit 2015 verhandeln Deutschland und Namibia über Zahlungen und eine Entschuldigung für Verbrechen an den

Herero und Nama 1904 bis 1908

im früheren Deutsch-Südwestafrika. Berlin ist bereit, zehn Millionen Euro zu zahlen und eine vorbehaltlose Entschuldigung auszusprechen. Die Bundesregierung lehnt den Begriff der Reparationen ab und spricht von „Wunden heilen“ (EPD, SZ 13.8.20).

2990: Aufbau Verlag – 75 Jahre

Sonntag, August 16th, 2020

Noch vor Gründung der DDR und der Bundesrepublik wurde der Aufbau Verlag am 16. August 1945 in Ost-Berlin ins Leben gerufen. Und zwar vom „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ unter seinem Präsidenten Johannes R. Becher, dem nachmaligen kommunistischen Kultusminister der DDR. Die ersten Bände stammten von Maxim Gorki und Georg Lukacs. Seinerzeit in Auflagen von 10.000 bis 30.000. Erfolgsbücher wurden „Das siebente Kreuz“ von Anna Seghers, Heinrich Manns „Untertan“ und Theodor Pliviers „Stalingrad“. Wir sehen, dass es ein großes Programm gab.

Mit Gründung der DDR und der SED betrachtete diese den Verlag als ihr Eigentum. Der große literarische Anspruch blieb, aber die Propaganda hielt Einzug. Der Verlagsdirektor

Walter Janka,

KZ-Insasse, Exilant, Spanienkämpfer, bemühte sich um Unabhängigkeit. Er druckte Hemingway, Sartre und Bertolt Brecht (dank eines Abkommens mit Suhrkamp). Nach dem ungarischen Aufstand 1956 wurde er in einem Schauprozess verurteilt. Die Spannung zwischen der offiziellen Kulturpolitik und der ästhetisch-politischen Öffnung, für die der Verlag steht, bleibt erhalten. 1976 protestieren die Aufbau-Autoren Stephan Hermlin, Sarah Kirsch, Günter Kunert und Christa Wolf gegen die Ausbürgerung

Wolf Biermanns.

Verlagschef Elmar Faber hielt trotz alledem eine gewisse Liberalität durch. Victor Klemperers „Sprache des Dritten Reichs“ (1946) fand eine Fortsetzung in seinen Tagebüchern. Hans Fallada wurde mit der Originalfassung von „Jeder stirbt für sich allein“ wieder zum Bestseller-Autor. Im Rahmen der allgemeinen Privatisierung übernahm 1991 ein Immobilien-Investor aus Frankfurt den Verlag. Der bezog 2011, nach der Übernahme durch einen anderen Investor 2008, sein neues Domizil am Moritzplatz in Kreuzberg. Das Renommee des Aufbau-Verlags bleibt (Lothar Müller, SZ 14./15.8.20).

2989: Das Exilmuseum – eine Idee von Herta Müller

Samstag, August 15th, 2020

2009 erhielt die deutsche Schriftstellerin Herta Müller, geb. 1953 in Rumänien, den Literaturnobelpreis. Sie war 1987 ins deutsche Exil gegangen. Bekannte Werke von ihr sind: Der Fuchs war damals schon der Jäger (1992), Herztier (1994) und Atemschaukel (2009). Sie wohnt seit längerem in Berlin-Charlottenburg. Jetzt hat sie die Idee eines Exilmuseums am Anhalter Bahnhof entwickelt. Es soll privat finanziert werden und dürfte auf Spenden angewiesen sein. Herta Müller hält das Exil seit 1933 für völlig unterschätzt. Ihrer Ansicht nach hätten die Exilanten nach Deutschland zurückgerufen werden sollen.

Marc Reichwein hat sie für die „Literarische Welt“ (15.8.20) interviewt.

Literarische Welt: Sehen Sie noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Müller: Man kann die Ex-DDR nur als Teil von Osteuropa verstehen. Ich weiß ja, wie Osteuropa aussah. Rumänien war, wegen des Clans um Ceaucescu und was die Armseligkeit und Verelendung angeht, sicher eines der finstersten Länder. Aber alle Osteuropäer einte dieselbe sozialistische Ideologie. Gerade für die Ostdeutschen, die im Gegensatz zu den Tschechen, den Polen oder den Ungarn keine sprachlich-kulturelle Einheit mit Alleinstellungsmerkmal bildeten, hat sich der Staat nur ideologisch definiert.

Literarische Welt: Kann Europa mit seinen unterschiedlichen  Mentalitäten jemals zusammenwachsen? Oder hat sich manche Spaltung nicht verfestigt?

Müller: Osteuropa hat sich immer noch nicht völlig demokratisiert. Die EU hat es auch nicht genügend verlangt, hat nur Aufnahmebedingungen definiert, aber kaum Regularien für Mitglieder, die die Wertegemeinschaft nicht mitleben. Siehe die Gleichschaltung der Medien in Ungarn. Oder die Justizreform in Polen. Orban wird mit Sicherheit auch Sanktionen gegen das Regime in Belarus blockieren. Und die EU hat keine Handhabe, keinen Hebel. …

Literarische Welt: Sind Sie ein politischer Mensch?

Müller: Ich stamme aus Rumänien, wo alle deutschsprachigen Bewohner noch nach dem Krieg als Nazis galten, obwohl mit Antonescu das ganze Land faschistisch war und die Juden aus der rumänischen Bukowina zur vollsten Zufriedenheit der Nazis vertrieben und vernichtet hatte. Mein eigener Vater war bei der SS, und ich habe mich immer gefragt: Was hätte er gemacht, wenn er die Eltern von Paul Celan hätte umbringen müssen. Natürlich hätte er den Befehl ausgeführt. Er war ja Soldat. Er wäre ja nicht desertiert, nur weil er jemanden erschießen musste. Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen er getötet hat. Ich konnte mit ihm nie darüber sprechen. … Politisiert war ich automatisch. In einer Diktatur gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man kann sich arrangieren oder nicht. Und zu diesem Nicht gehört auch das Exil.