Archive for the ‘Geschichte’ Category

3092: Berlinale-Direktor Alfred Bauer war vorher Nazi.

Montag, Oktober 19th, 2020

Alfred Bauer war von 1951 bis 1976 Direktor der Berlinale. Er hatte sie selbst begründet. Erfolgreich. Mit großen Verdiensten für die deutsche Kunstszene. Mittlerweile hat ein Gutachten (gestützt auf Akten aus dem Berliner Landesarchiv und Dokumenten aus dem Bundesarchiv) ergeben, dass Alfred Bauer vorher Nazi gewesen war. In einer hochrangigen Position bei der Reichsfilmintendanz, dem bürokratischen Steuerungsorgan der NS-Filmproduktion. Aber, liebe Freunde, das wussten wir Filmfritzen (Teile der deutschen Filmwissenschaft) doch sowieso.

Dr. Tobias Hof, der Autor des 61-seitigen Gutachtens, belegt Bauers zentrale Tätigkeit als Referent der Reichsfilmintendanz, seine Mitgliedschaft in der NSDAP sowie seine widersprüchlichen Aussagen vor den Entnazifizierungsinstanzen. Bauer hat den Einsatz von Zwangs- und Fremdarbeitern in der NS-Filmproduktion mit geleitet. Nach dem Krieg stilisierte er sich, wie viele andere auch, zum Antifaschisten und Opfer des NS-Regimes. Als diese Tatsachen in der „Zeit“ (Nr. 6/20) erstmalig bekannt gemacht wurden, setzte die Berlinale-Leitung umgehend die Verleihung eines nach Alfred Bauer benannten Preises aus.

Anders die Biennale in Venedig. Sie war von dem Industriellen Giuseppe Volpi begründet worden, einem Vertrauten Mussolinis und späterem Finanzminister. Bis heute sind ein Kino und die Darstellerpreise des Festivals nach ihm benannt (Katja Nicodemus, Die Zeit 8.10.20).

3087: Antisemitismus bei Karl Marx

Mittwoch, Oktober 14th, 2020

Karl Marx (1818-1883) ist ein großer Gesellschaftstheoretiker, der Begründer der politischen Ökonomie und Erfinder der Klassenanalyse und des historischen und dialektischen Materialismus. Er ist mitverantwortlich dafür, dass auf der Basis der Schriften seiner Adepten Wladimir I. Lenin (1870-1924) und Joseph W. Stalin (1878-1953) der real existierende Sozialismus errichtet werden konnte. Mit dem Höhepunkt des Stalinismus (1929-1956), eines terroristischen Systems des Massenmords.

Marx, der aus einer ursprünglich jüdischen Familie stammte, hat sich auch antisemitisch geäußert. Etwa in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ (1844), in der er sich mit Beiträgen von Bruno Bauer auseinandersetzt. U.a. heißt es da:

„Welches ist der weltliche Grund des Judenthums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“

Hannah Arendt zählt Marx‘ „Zur Judenfrage“ in ihrer zentralen Schrift „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955) zum „Antisemitismus der Linken“.

3086: Stahlknecht (CDU) schürt Antisemitismus.

Dienstag, Oktober 13th, 2020

In der „taz“ (9.10.20) interviewt Konrad Litschko den Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung (seit 2018), Felix Klein, zum rechtsextremistischen Terrorangriff von Halle vor einem Jahr.

Litschko: Gerade beförderte selbst Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) Antisemitismus, indem er auf Einsatzzeiten von PolizistInnen vor jüdischen Gebäuden verwies, die anderswo fehlten.

Klein: Juden als privilegierte Menschen hinzustellen, für die Maßnahmen auf Kosten der Allgemeinheit ergriffen würden, schürt tatsächlich Antisemitismus. Es geht nicht, dass Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Leider brauchen jüdische Gemeinden eine erhöhte Sicherheit, aber das liegt doch nicht an den Juden, sondern an der Bedrohung gegen sie. Und der Staat hat die Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie ihre Religion uneingeschränkt ausüben können. Ich finde, er muss dafür auch 100 Prozent der Sicherheitskosten tragen. Denn es geht hier um ein Grundrecht.

3083: Ludwig Marcuse – ein „kalter Krieger“ ?

Montag, Oktober 12th, 2020

Als Student 1968 hatte ich Ludwig Marcuse (1894-1971) in einem Fernsehinterview mit Marcel Reich-Ranicki kennengelernt. Er hatte mich schwer beeindruckt. Und danach habe ich sehr vieles von ihm gelesen. Am liebsten

„Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie.“ Frankfurt am Main und Hamburg (Fischer) 1960/1968, 326 S.

Wie man dadurch wird, das können Sie hier ja kennenlernen. In einem Brief an Robert Neumann vom 11.10.1962 kommt Marcuse darauf zu sprechen, dass er ein „kalter Krieger“ sei. Er schreibt:

„Bin ich ein kalter Krieger, wenn ich denke: diese Kantorowicz und Bloch undsoweiter undsoweiter sind Phraseure, wenn sie in den Westen rennen und versichern: wir sind trotzdem Kommunisten? Und bin ich ein Kalter Krieger, wenn ich gestehe (leider nicht öffentlich – aus Feigheit): mir sind alle Friedenstäubeleien zum Kotzen! Mir sind alle die Friedensunterschriften der Prominenten nichts als Schwachsinn oder Wichtigtuerei.“

So sind wir nun mal, wir kalten Krieger.

3077: Ruth Klüger ist gestorben.

Donnerstag, Oktober 8th, 2020

Die 1931 in Wien als Tochter jüdischer Eltern geborene US-amerikanische Germanistin Ruth Klüger ist gestorben. Sie war eine ganz und gar eigenwillige, gradlinige und kompromisslose Frau, in mancher Hinsicht bewundernswert. Bei uns in Göttingen ist sie zur Schriftstellerin geworden, als die Gastprofessorin 1988 nach einem Unfall auf der Jüdenstraße in der Klinik lag und mit biografischen Aufzeichnungen begann. 1992 erschien dann ihr „Weiter leben“ (bei Wallstein), ein einmaliges und ungewöhnliches Buch von großer Qualität. Das sollten Deutsche gelesen haben. 2008 erschien „Unterwegs verloren“, in dem es hauptsächlich um das US-Universitätsleben geht.

Ruth Klügers Vater musste vor den Nazi-Mördern nach Frankreich fliehen. Später wurde er doch umgebracht. Ruth Klüger kam mit ihrer Mutter in mehrere Konzentrationslager, darunter auch Auschwitz-Birkenau. Von einem „Todesmarsch“ gelang ihr 1945 die Flucht. In Straubing machte sie das Notabitur. Als sehr junge Frau begann sie ein Studium in Regensburg. Dort lernte sie als Komilitonen Martin Walser kennen, von dem sie sich 2002 in einem offenen Brief lossagte, weil er mit „Tod eines Kritikers“ ein ihrer Meinung nach antisemitisches Buch gegen Marcel Reich-Ranicki geschrieben hatte.

1947 emigrierte Klüger in die USA, wo sie in Berkeley Germanistik studierte und 1967 promovierte. Sie war von 1980 bis 1986 Professorin in Princeton, dann in Irvine (Kalifornien) und ab 1988 auch in Göttingen. Als Literaturwissenschaftlerin beschäftigte sich Klüger hauptsächlich mit Heinrich von Kleist. Sie gab lange Jahre die Zeitschrift „German Quarterly“ heraus. Ruth Klüger ist vielfach geehrt und ausgezeichnet worden. U.a. mit der Ehrendoktorwürde der Universitäten Göttingen und Wien, dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse, der Ehrenmedaille der Stadt Göttingen und dem Paul Watzlawick-Ehrenring.

In Auschwitz hatte sich die junge Ruth Klüger schon in eine „falsche“ Schlange eingereiht, als eine Unbekannte ihr riet, sich zwei Jahre älter zu machen und neu anzustellen. Wer so etwas erlebt hat, schreibt anders, meint Helmut Böttiger (SZ 8.10.20). Klüger ging bis zur Schnoddrigkeit, ihrer Mutter gegenüber war sie in der Literatur geradezu grimmig. Über eine Begegnung mit der österreichischen Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jellinek erzählte Klüger: „Wir haben über nichts anderes als unsere Mütter gesprochen. Dabei wollte ich sie so viel fragen.“ Bei dem Philosophen Otto Weininger („Geschlecht und Charakter“ 1903) entdeckte Ruth Klüger, dass er „Juden und Frauen auf dieselbe Unterstufe gestellt“ habe.

Am 27. Januar 2016 hielt Ruth Klüger eine Rede im Deutschen Bundestag. Darin kam sie auf die Flüchtlingspolitik zu sprechen: „Dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zur Bewunderung übergegangen sind.“

3076: Immer wieder: Rechtsextremismus

Mittwoch, Oktober 7th, 2020

Der Grund dafür, dass viele Deutsche heute noch soviele Probleme mit dem Redchtsextremismus haben, ist einfach zu benennen. Zugleich ist er beschämend für uns alle. Er liegt nämlich darin, dass viele von uns selbst immer noch dem Rassismus der Nazis nahe sind. Wir glauben doch auch nicht, dass der Antisemitismus am 8. Mai 1945 vorbei war. Er war zwar auch von den Nazis verordnet, aber schon lange vorher fest im Volk verankert. Insofern ist der Rechtsextremismus bei der Polizei, der Bundespolizei und der Bundeswehr überhaupt nicht neu. Er trat nur nach Angela Merkels Satz „Wir schaffen das.“ 2015 deutlicher als vorher zutage.

1945 waren die Nazis alle noch da. Es gab die SRP als Auffang-Partei. Dort wirkte zum Beispiel der Kommandeur des Wachbataillons mit, Major Ernst Remer, der die Ermordung mehrerer Widerstandskämpfer des 20. Juli auf dem Gewissen hat. In der FDP waren damals viele Ex-Nazis. Auch in der in Niedersachsen starken Welfenpartei DP. Und Anfang der sechziger Jahre kam ja schon die NPD, die bis in die achtziger Jahre hinein bedeutend war. Es gibt sie heute noch. Neben der AfD. In der Geschichte der Bundesrepublik wurde der Rechtsextremismus häufig verharmlost. Die falsche These von den Einzeltätern machte die Runde. Das bezieht sich auch auf das Oktoberfestattentat von 1980. Vor kurzem erst sind die zehn NSU-Morde (Bönhardt, Mundlos, Zschäpe) abgeurteilt worden. Aber nicht vollkommen aufgeklärt. Dazu wird es höchste Zeit.

Im Bericht von Innenminister Horst Seehofer (CSU) tauchen 377 rechtsextemistische Verdachtsfälle seit 2017 bei den Sicherheitsbehörden und 1.064 bei der Bundeswehr auf. Allein in Nordrhein-Westfalen sind seit März 59 rechtsextreme Vorgänge bei der Polizei bekannt geworden. Dort spricht Innenminister Herbert Reul (CDU) immer noch von Einzelfällen. Das ist unglaubwürdig. Auszugehen ist von einem „Dunkelfeld“. Wahrscheinlich steckt hinter den rechtsextremistischen Vorfällen ein System, das ausgehoben werden muss. Es reicht nicht, dass der Verfassungsschutz weitere Analysen anstellt, weil er selbst seit seinem Versagen beim NSU-Komplex im Verdacht steht (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 7.10.20).

Was es sowohl bei der Polizei als auch bei der Bundeswehr braucht, ist verstärkte und kundige politische Bildung.

 

3075: Der Niedergang der USA

Dienstag, Oktober 6th, 2020

1. Unter Donald Trump ziehen sich die USA immer mehr aus ihrer Führungsrolle im Westen zurück und betreiben eine nationalistische und protektionistische Politik. Das ist ungefähr das Gegenteil dem, was den Westen im Hinblick auf die Menschenrechte und ökonomisch stark macht.

2. 1989 herrschte die Illusion vom „Ende der Geschichte“ und von der Dominanz der USA.

3. Der Niedergang begann bereits in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Abwanderung der ersten Industriebranchen und der Konzentration auf die Finanzmärkte in den Achtzigern.

4. Die Folge davon war, dass immer mehr Menschen zurückblieben und viele Dörfer und Städte verfielen, jedenfalls in bestimmten Vierteln.

5. Heute sind viele Familien medikamentenabhängig, und die Polizei hat die Kontrolle über einschlägige Viertel verloren.

6. Die ehemaligen Kohle- und Stahl-Regionen hat man sich selbst überlassen („Rust Belt“).

7. An weiten Teilen der US-Bevölkerung gehen die Vorzüge der Tech-Industrie und ihre zukunftsträchtigen Aussichten vorbei. Junge Talente werden aus dem Ausland geholt.

8. Das US-Bildungssystem versagt und spaltet die Gesellschaft.

9. Der Mittelbau aus Facharbeitern fehlt in den USA.

10. Auf den Feldern von Stahl, Spielzeug und Bekleidung haben die USA nicht mehr das erforderliche technische Know How.

11. Die durchschnittliche Produktivität ist in den USA nicht genügend.

12. Das US-Steuersystem begünstigt die Reichen.

13. Das Gesundheitssystem ist desolat und für die meisten US-Bürger gar nicht zugänglich. Das wird als „freiheitlich“ verkauft und von vielen US-Bürgern auch so gesehen.

14. Die Lebenserwartung in den USA ist niedrig (im Vergleich mit Westeuropa).

15. Die USA brauchten mehr Gemeinsinn, damit nicht so viele Millionen Bürger zurückgelassen würden (Claus Hulverscheidt, SZ 2./3./4.10.20).

 

3074: Regelung für Restitutionen

Sonntag, Oktober 4th, 2020

2017 hat der französische Präsident Emmanuel Macron versprochen, innerhalb von fünf Jahren „die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika“ zu schaffen. Die Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und ihre Kollegin Felwine Sarr sind nach Afrika gereist und haben sich in einem Gutachten für großzügige Restitutionen ausgesprochen. Der Streit um Restitutionen hat sich beruhigt, seit kaum noch jemand sich dagegen ausspricht. Bund, Länder und Kommunen haben sich 2019 mit dem „Ersten Eckpunkten zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ die Position von Savoy und Sarr zu eigen gemacht. Die Intransparenz der Museen soll beendet werden. Aber immer fehlen noch digitale Inventare.

Viele Fachleute finden, dass die Kolonialzeit andere Verfahren erfordert als das NS-Raubgut. Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda verweist auf das Hamburger Museum am Rothenbau. Es hat im Juni etliche Inventarlisten online gestellt. Das ändert leider nichts daran, dass manche Inventarlisten fehlerhaft, überholt und rassistisch sind. Manchmal denkt der deutsche Museums- und Wissenschaftsbtrieb noch zuerst an sich selbst. Trotzdem wird an einem Verfahren gearbeitet, mit dem ethnologische Museen ihre Bestände digital aufnehmen können. Wie das finanziert werden soll, ist noch unklar. „Die Politik beginnt zu verstehen, was für eine große, langfristige Aufgabe das ist. Es ist ein langer Weg, den man aber konsequent gehen muss.“ (Jörg Häntzschel, SZ 30.9.20)

3072: Leo Löwenthal „Falsche Propheten“ (1949)

Samstag, Oktober 3rd, 2020

In den aktuellen Verschwörungstheorien finden wir die abwegigsten Hypothesen. Und können sie uns meistens gar nicht erklären. Wie in anderen Fällen auch, stoßen wir auf plausible Annahmen, wenn wir uns mit der „Frankfurter Schule“ (u.a. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Siegfried Kracauer) befassen. Hier mit Leo Löwenthals (1900-1993) Studie „Falsche Propheten“ aus dem Jahr 1949. Ich fasse hier die Thesen Thomas Assheuers dazu (Die Zeit 1.10.20) zusammen:

1. Bei den meisten Verschwörungstheorien handelt es sich um eine Mischung aus Paranoia, Elitenhass und Judenfeindlichkeit.

2. Viele ihrer Anhänger sind ökonomisch nicht zurückgefallen. Trotzdem fühlen sie sich frustriert, wertlos und unfrei. Sie klagen über Fremdbestimmung, Kontrollverlust und das Treiben verborgener Mächte.

3. Die Verbreiter von Verschwörungserzählungen operieren mit Misstrauen, Abhängigkeit und Ausgeschlossensein. Sie liefern entstellte Versionen echter sozialer Probleme.

4. Ein zentrales Verschwörungsnarrativ der Gegenwart ist die QAnon-Theorie. Danach strebt eine pädophile Elite nach der Weltherrschaft und verwendet das Blut von Kindern zu ihrer Verjüngung. Q steht für einen Propheten. Der geheimnisvolle Unbekannte („anon“ = anonymus) kennt die Hintermänner und Drahtzieher, hauptsächlich Juden.

5. Verschwörungserzählungen konfrontieren unser Alltagsbewusstsein mit „bad news“: islamistischer Terror am 11.9.2001; sinnloser Irakkrieg; Beinahe-Zusammenbruch des Finanzkapitalismus; Klimawandel; Abschmelzen der Polkappen; Tod der Arten; Tod der Regenwälder; Jahrhunderthochwasser; Jahrhundertbrände; Armutswanderungen; Flüchtlingsbewegungen; Handelskriege; Chinas ökonomischen Imperialismus; Ende des transatlantischen Westens; CumEx-Geschäfte; Massenbetrug deutscher Autobauer etc.

6. Der psychische Apparat des Einzelnen wird konfrontiert mit der verwirrend komplexen Gegenwart.

7. Auf den Anti-Corona-Demonstrationen finden wir dementsprechend nicht nur Rechtsextremisten, sondern auch Graswurzelbewegte, gläubige Impfgegner, laktosefreie Anthroposophen und andere.

8. Ein teuflisches Komplott aus Juden, Freimaurern, Liberalen und anderen Aufklärern bekämpft die Ordnung der Welt. So ähnlich hatte es schon der deutsche Staatsrechtler Carl Schmitt (1888-1985), ein Rassist und Nazi, verbreitet („Politische Theologie“ 1922, „Der Begriff des Politischen“ 1927/1932).

9. Insofern gilt heute etwa George Soros, ein erfolgreicher Unternehmer und Mäzen, als Feind der Welt.

10. Leo Löwenthal lässt am Ende seiner „falschen Propheten“ einen fiktiven Demagogen eine Rede halten: „Meine Freunde, ich biete euch nicht eine Utopie, sondern einen realistischen Kampf um den Knochen im Maul des anderen Hundes. Nicht Frieden, sondern ständiger Kampf ums Überleben. Und ich bin euer Führer. Ich werde für euch denken und euch sagen, wann was zu tun ist. In meiner Führerrolle werde ich euch euer Leben vorleben, und ich werde euer Beschützer sein. In der Hölle meiner Erbarmungslosigkeit winkt euch ein trautes Heim.“

3071: Die permanente Krise der katholischen Kirche

Freitag, Oktober 2nd, 2020

Es mag heikel sein, als Nicht-Katholik über die katholische Kirche zu schreiben. Aber es muss sein, weil die Krise dort ein Ausmaß erreicht hat, das kaum zu beherrschen ist, wie mir Katholiken, und gerade die, versichern. Und weil es uns nicht gleichgültig sein kann, was mit einer solch großen, traditions- und hilfreichen Institution geschieht. Ich kenne sehr viele Katholikinnen und Katholiken. Bei vielen ist mir wohl gar nicht bewusst, dass sie welche sind, weil sie damit nicht auffallen. Sie sind genau so schlau, doof, friedlich, fortschrittlich, traditionsbewusst, menschlich wie andere Zeitgenossen auch. Mit einigen von ihnen habe ich sehr gut zusammengearbeitet.

Zugleich widmen sich ernst zu nehmende Autoren wie Annette Zoch (SZ 24.9.20) und Heribert Prantl (SZ 2./3./4.10.20) der permanenten und anwachsenden Krise ihrer Kirche. Die beiden sehen zwei Krisenpunkte: a) in der Behandlung von Frauen als Menschen zweiter Klasse und b) im massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester.

Ich versuche ihre Darlegungen treffend zusammenzufassen:

1. Heute müssen sich Gläubige immer häufiger dafür entschuldigen, noch in der Kirche zu sein.

2. Der sexuelle Missbrauch hat das Grundvertrauen in Kirche in Grundmisstrauen gegen Kirche verwandelt.

3. 1950 gehörten 96,5 Prozent der Menschen in beiden deutschen Staaten den beiden großen Kirchen an. Heute sind es noch 52 Prozent.

4. Die Diskussion um die Rolle der Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche hat eine nie gekannte Dringlichkeit erreicht.

5. Sie ist angekommen bei all den Frauen, die in Pfarreien Chöre leiten, die Kindergottesdienste halten, Kommunionkinder und Firmlinge vorbereiten, Pfarrbüros organisieren, bei all den weiblichen Gottesdienstbesuchern selbst in tiefkatholischen Gegenden.

6. An der Frauenfrage wird sich die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland wahrscheinlich entscheiden.

7. „An gesellschaftlichen Megatrends wie der Säkularisierung und der Individualisierung können auch katholische Diakoninnen wenig ändern.“

8. „Wie will (die Kirche) einerseits für die Gleichheit aller Menschen einstehen, für die Menschenliebe, ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung? Und gleichzeitig 50 Prozent der Menschheit in die zweite Reihe verweisen? Die Kirche muss sich dieser Frage auch theologisch stellen.“

9. Beim sexuellen Missbrauch ist das Selbstmitleid der Institution Kirche immer noch größer als das Mitleid mit den Opfern.

10. „Keinen deutschen Bischof hat das Leid der Opfer so umgetrieben, dass es ihn zum Rücktritt gedrängt hätte.“

11. „Es wird vertuscht, wie sehr vertuscht wurde.“

12. „Nicht nur eine Vielzahl von Einzelnen steht daher in der Kritik, sondern die Kirche als solche.“

13. „Die Kirche kann, wenn es gut geht, ein Ort sein, an dem der Himmel offen gehalten, an dem der Himmel nahe ist – weil Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit und Gnade dort ihren Platz haben; …“

14. „Es hat sich gezeigt, dass viele Priester, die Minderjährige schänden, in ihrer sexuellen Entwicklung auf der Stufe eines 13-jährigen sind.“

15. „Die sexuelle Ausbeutung von Wehrlosen ist das Risiko einer zwangszölibatären, autoritären Kirche, die in 2.000 Jahren zwar die Frauen aus allen Machtpositionen vertrieben hat, aber den Menschen nicht die Sexualität austreiben konnte.“

16. Heute müssen in der katholischen Kirche das Pflichtzölibat aufgehoben und Frauen zur Ordination zugelassen werden.