Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

1656: Knobloch: Documenta „geschichtsblind“

Dienstag, August 22nd, 2017

Noch keine Documenta hat so polarisiert wie die diesjährige 14. Während die Besucherzahlen sich einem neuen Rekord nähern, wurde sie von der Kunstkritik überwiegend verrissen. Nun gibt es Proteste unmittelbar gegen zwei Werke.

1. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, kritisiert die für den 24. bis 26. August vorgesehene Performance

„Auschwitz on the Beach“,

in dem das Flüchtlingselend im Mittelmeer thematisiert werden soll.

Zwar sei es wichtig, auf das Schicksal der Flüchtlinge hinzuweisen, aber „völlig inakzeptabel und unerträglich, dieses berechtigte Interesse mittels einer völlig verantwortungslosen Relativierung des Holocaust vorzubringen“. Knobloch forderte, die Aufführungen abzusagen.

„Geschichtsblind und obszön“ sei nicht nur der Titel, sondern auch die Ankündigung, in der es heißt: „Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeers zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.“

Die Documenta-Leitung zeigte Verständnis und wird Titel und Programm ändern.

2. Anders im zweiten Fall. Die Stadt Kassel möchte den Obelisken des nigerianischen Künstlers Olu Oguibe ankaufen, in dessen Sockel das Bibelzitat

„Ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt.“

auf deutsch, englisch, griechisch und arabisch eingraviert ist. Ein AfD-Politiker hat gedroht, wenn die Stadt das Kunstwerk dauerhaft erhalte, werde die AfD dort nach jedem „von Flüchtlingen begangenen Anschlag“ zu Demonstrationen aufrufen. Dazu Adam Szymczyk, der künstlerische Documenta-Leiter:

„Ich sehe nicht, wie dieses Zitat aus dem Neuen Testament als strittig oder kontrovers gelesen werden sollte. Es ist schlicht menschlich.“ (Catrin Lorch, SZ 22.8.17)

1653: Was treibt Terrorismus ?

Sonntag, August 20th, 2017

1. Terror sät Angst und Misstrauen zwischen Staat und Bürgern, zwischen Mehrheit und Minderheit, zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern.

2. Er kommt nicht nur aus dem Nahen Osten mit seinen katastrophalen Zuständen, sondern auch aus den Köpfen derjenigen, die in Gewalt die Lösung von allem und jedem sehen.

3. Terror resultiert nicht hauptsächlich aus einer falschen Islamauslegung, sondern kommt aus der Reformunfähigkeit, der Verteilungsungerechtigkeit und der Ausgrenzung in den arabischen und muslimischen Staaten.

4. Zur Erinnerung: Die meisten Attentäter waren polizeibekannt. Unsere Sicherheitsbehörden müssen dann auch gegen sie vorgehen.

5. Für die Verbreitung eines radikalen Islams sind in erster Linie die Saudis (unsere Verbündeten) verantwortlich. Bei der Bekämpfung des IS nahmen irakische Armee und US-Luftwaffe keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.

6. Auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft in Katar arbeiten sehr viele Pakistaner und Bangladescher. Hier fördert die Fifa den Terror.

7. Der Terror ist nicht morgen vorbei. Wir müssen uns auf eine lange Zeit der Terrorbekämpfung einstellen.

8. Die aggressiven europäischen Agrarexporte nach Afrika müssen eingestellt werden. Sie zerstören die afrikanische Landwirtschaft.

9. Bei uns ist eine sehr gezielte Sozialpolitik angesagt, die Migranten wirklich hilft.

10. Das Haupt-Integrations-Mittel ist eine gekonnte Bildungspolitik. Die deutsche Sprache ist das Medium, in der wir unsere Probleme klar und versöhnlich benennen und lösen sollten (Stefan Weidner, Die Zeit 13.7.17; Thomas Avenarius, SZ 19./20.8.17).

1652: EU lässt Italien mit Flüchtlingen allein.

Sonntag, August 20th, 2017

2016 haben insgesamt 180 000 Immigranten Italien über das Mittelmeer erreicht. In diesem Jahr sind es jetzt mehr als 100 000. Vor der Küste Libyens herrscht ein Regime von Scheichs und Schleppern. Die Boote der europäischen Zivilgesellschaft bleiben an Land. Die Flüchtlinge kommen in eine Gegend, in der die Jugendarbeitslosigkeit zu den höchsten in Europa zählt und die organisierte Kriminalität (Mafia, Cosa Nostra, N’drangheta) unvergleichlich mächtig ist.

„Italien alleine schafft es nicht, kann es nicht schaffen. Wir sind keine Land, das sich durch seine organisatorischen Fähigkeiten besonders hervortun würde, und unsere Kommunen besitzen weder die sozialen noch die sanitären Strukturen, um diesem massiven und kontinuierlichen Ansturm standzuhalten. Es gibt viele freiwillige Helfer, und auch die Kirche trägt das Ihre bei (…). Dennoch könnte die Situation von einer Sekunde zur anderen explodieren. Und zumindest in diesem Fall scheint es mir nicht korrekt zu sein, wieder mal nur den italienischen Staat für sein Unvermögen und seine Versäumnisse anzuklagen.“ (Mario Fortunato, SZ 18.7.17)

„In der Zwischenzeit hat sich das Mittelmeer in eine Art Friedhof verwandelt, auf dem jeden Tag Tausende ihr Leben verlieren. Falls sie aber durch Schiffe aus aller Herren Ländern oder von Nichtregierungsorganisationen aus dem Meer gerettet werden, liefert man sie infolge eines infamen Vertrags ausschließlich an italienischen Küsten ab.“

„Es ist wohl nicht übertrieben festzustellen, dass sich am Migrationsproblem das Schicksal der EU entscheiden wird. Jedenfalls handelt es sich um ein Thema, das unsere Heuchelei offenbart: Du kannst so viel über die Werte der Zivilisation reden, wie du willst – sobald sich aber zeigt, was die Auffanglager wirklich bedeuten, erkennt auch der Dümmste, dass der König nackt ist.“

1651: Poggenburg (AfD) lobt die DDR.

Samstag, August 19th, 2017

Der sachsen-anhaltinische AfD-Vorsitzende Andrè Poggenburg lobt die DDR für ihr Bekenntnis zum deutschen Volk. Das zeige etwa der Begriff „Nationale Volksarmee“. Sein verstorbener Großvater, Oberst der Volkspolizei und Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi), wäre heute stolz auf seinen

deutschnationalen Kurs (FAZ 19.8.17).

1649: War die SED rechts ?

Donnerstag, August 17th, 2017

1. Als die Linken-Abgeordnete Halina Wawzyniak (44) behauptete, die SED sei nicht etwa links, sondern im Gegenteil rechts gewesen, da wollte sie vor allem für sich und für die Linke den Begriff links retten. „Im Kern war die SED eine rechte Partei, autoritär, nationenbezogen, ausgrenzend von allem, was nicht ’normal‘ war.“ In der Tat, das war die SED, aber nicht als rechte, sondern als linke Partei (Constanze von Bullion, SZ 16.8.17).

2. Matthias Drobinski (SZ 17.8.17) schreibt zu Recht: „Die DDR, in der diese SED herrschte, war ein ausländerfeindlicher Spießerstaat, der den Angepassten liebte und den Freigeist fürchtete.“

3. Manche meinen heute ohnehin, dass man rechts und links nicht mehr unterscheiden könne. Das tun vor allem Wahlkämpfer, die auf der anderen Seite Stimmen abschöpfen möchten. Der erste, bei dem mir das aufgefallen war, war Heiner Geisler (CDU).

4. Rechts und links kann man aber auch heute noch durchaus unterscheiden, auch wenn diese Unterscheidungen in einer Zeit der Globalisierung und Beschleunigung nicht mehr so einfach sind.

5. Rechts ist,

wer für Freiheit steht, für das Individuum, für eine starke Polizei, wer an Begabung, Leistung, Ordnung glaubt, kapitalistisch denkt, das Eigene schätzt (Sprache, Sitten und Gebräuche), Gewalt zur Selbstverteidigung befürwortet, sich als Patriot empfindet, für den Rechtsstaat eintritt.

Links ist,

wer für soziale Gleichheit (gegen Privilegien) ist, eher antikapitalistisch denkt, Umverteilung (durch Steuern) befürwortet, gegen Reiche eintritt, universalistisch, nicht national denkt in Kategorien der Menschenrechte, gegen Religionen und Kirchen ist, pazifistisch denkt, an den Menschheitsfortschritt und eine bessere Welt glaubt.

6. In ihren Extremen haben Rechte wie Linke

totalitäre Diktaturen gebildet,

in denen Massenmord geübt wurde (Holocaust und Archipel Gulag, die nicht gleich waren, aber Massenmorde),

und die von einer Ideologie wie in religiöser Aufladung geprägt waren.

7. Trotzdem gibt es manchmal Probleme, rechts und links voneinander zu unterscheiden. Dann nämlich, wenn Linke sich für unsere Sprache einsetzen, was es durchaus gibt, und damit eine rechte Tugend üben. Dann, wenn Linke ihre Kinder auf Eliteschulen schicken, dann wenn Feministinnen gegen religiöse Pluralität polemisieren. Etc.

8. Eine Demokratie braucht die Unterscheidung zwischen links und rechts.

9. Es kommt natürlich vor, dass Rechte wie Linke ihren eigenen Maßstäben nicht gerecht werden.

10. Die SED war eine linke, autoritäre, ausgrenzende, auf Gewalt gegründete, fremdenfeindliche Spießerpartei im deutschen Gewande.

 

1648: Fischer: Deutschland muss Führung übernehmen.

Mittwoch, August 16th, 2017

Der ehemalige Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer (Grüne) nimmt den Brexit und die Wahl Donald Trumps zum Anlass, sich Gedanken über die künftige Rolle der EU und Deutschlands in der Weltpolitik zu machen. Wir erinnern uns: Fischer hatte eine Außenpolitik hinbekommen, die bei anderen Parteien Zustimmung fand. Nur bei den Grünen wurde er am Ende gehasst. Ja, es gab sogar einen gewalttätigen Angriff auf ihn bei einem Parteitag (von politischen Amateuren):

1. Der Westen kommt an sein Ende. Bedauerlicherweise. Er gründete sich auf die Atlantik-Charta und bildete die Nato. Erkannt hatte man eine transatlantische Schicksalgemeinschaft an den beiden Weltkriegen gegen Deutschland, das zunächst dem Westen feindlich gesonnen war.

2. Mit seinen Begriffen „Kultur“ und „Zivilisation“ hatte Thomas Mann zunächst den Westen abgelehnt.

3. Die Westintegration nach 1945 ist das Verdienst Konrad Adenauers (CDU).

4. „Der transatlantische Westen war für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Rettung. Darum muss jede Verschiebung im Grundlagengefüge dessen, was Westen heißt, in unserem Land besondere Wirkung zeigen.“

5. Die transatlantische Integration bedeutete für Deutschland a) die Zusage der USA, Europa notfalls auch militärisch zu verteidigen, und b) Deutschland wirtschaftlich zu entwickeln.

6. „Darum muss darüber nachgedacht werden, was zu tun ist, um eine globale Krise dramatischen Ausmaßes und eine gewaltige Destabilisierung Europas zu verhindern.“

7. Falsch war es, 1989 an das „Ende der Geschichte“ zu glauben. Die kurzzeitige unipolare Führung der Welt durch die USA zerstob im Desaster des Irakkriegs 2003 und in der Finanzkrise 2008.

8. Die Entwicklung hängt nicht nur von Trump ab. Er ist eher ein Symptom für den „Rückzug“ der USA.

9. „Deutschland ist besonders betroffen, aber keine Land … ist so wenig vorbereitet auf diese neue Lage wie das unsere – …“

10. Der Zustand der Bundeswehr z.B. ist erschreckend. Sie wirkt wie ein „überteuertes Ersatzteillager“.

11. „Dennoch werden wir in Zukunft sehr viel mehr zu unseren eigenen Sicherheit beitragen müssen. Wir sind nicht einmal ‚bedingt abwehrbereit‘. Wir sind heutzutage gar nicht abwehrbereit.“

12. Wir tun uns schwer damit, Führungsverantwortung zu übernehmen. „Doch darum wird es in Zukunft gehen.“

13. Europa braucht eine französisch-deutsche Stabilisierung. Eine Finanzkrise wie 2008 darf sich nicht wiederholen.

14. Deutschland muss in Europa investieren. Insbesondere in die Euro-Zone. Das sind die 19 Staaten

Belgien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowakei, Spanien, Republik Zypern.

„Auf die Stabilisierung dieses Kerns der EU wird es ankommen.“

15. Wir müssen „unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen“ (Angela Merkel).

16. An dem Rest transatlantischer Sicherheit, der uns bleibt, insbesondere an der

Nato,

müssen wir festhalten.

17. „Wir müssen die Illusion vermeiden, dass wir irgendetwas alleine könnten. Erstens ist die Zeit nicht mehr so, wir leben immer noch im Zeitalter der Globalisierung. Zweitens würden deutsche Alleingänge so viele Widerstände provozieren, dass es besser ist, diese Versuchung von Anfang an zurückzuweisen. Wir wissen, wie so etwas endet. Das größte Desaster nach der ersten Einheitsbildung im 19 Jahrhundert, 1871, wurde in deutschen Köpfen, in Berliner Köpfen vorbereitet. Man glaubte plötzlich, man habe es im Kreuz, aus einer europäischen Mittellage heraus Weltmacht zu werden.“

18. Es besteht ansonsten die Gefahr, dass sich der transatlantische Westen von der Weltbühne verabschiedet.

19. Das erkennen wir am Boom der nationalistischen Parteien.

20. Der neue Nationalismus drückt eine Ermüdung aus, die Europa sich nicht erlauben kann (Die Zeit 27.7.17).

1646: Schloss und Humboldt-Forum: falsches Konzept ?

Donnerstag, August 10th, 2017

Das Berliner Schloss und das Humboldt-Forum sollen das neue Deutschland repräsentieren. Das Humboldt-Forum als inspirierendes kulturelles Zentrum. Ist das Konzept falsch? Inzwischen ist die international renommierte Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy (TU Berlin und Collège de France), 45, aus dem Expertenbeirat zurückgetreten. Jörg Häntzschel hat sie für die SZ (21.7.17) interviewt.

Savoy: Es fängt bei der Rekonstruktion des Schlosses an: Die Architektur signalisiert,

dass man Geschichte rückgängig machen kann.

Doch den Leuten, die um Rückgabe gestohlener Objekte bitten, erklärt man, Geschichte lasse sich nicht rückgängig machen. Das ist ein unlösbarer Widerspruch, mit dem sich das Humboldt-Forum ewig plagen wird. …

SZ: In den letzten Jahren hat sich in Deutschland einiges getan. Was bedeutet das für das Projekt?

Savoy: Es kommt zur falschen Zeit. Deutschland definiert sich als internationales, offenes Land neu. Es unternimmt riesige Anstrengungen, um Leute aus Krisen- und Kriegsgebieten aufzunehmen. In diesem Moment so ein Museum an diesem Ort zu machen, das geht nicht. Es wäre besser gewesen, man hätte die Objekte in Dahlem gelassen, sie dort so präpariert, dass sie der Internationalisierung Deutschlands und der Kolonialismusdebatte hätte standhalten können. … Dann hätte man Zeit gehabt, sich über die Lage klar zu werden. Ich habe Studenten, die in Damaskus aufgewachsen sind. Das ist unsere Realität. Das ist längst angekommen, nur nicht dort oben.

SZ: Was sagen ihre Studenten?

Sayoy: Sie sagen: das Schloss ist ein Fake, aber die Objekte darin sollen Originale sein. Warum produziert man nicht perfekte Kopien dieser Objekte und schreibt dazu: Das Original besaßen wir 120 Jahre lang, jetzt haben wir es an Kamerun zurückgegeben. Ein Fake-Museum in einem Fake-Schloss, das würde Sinn machen.

 

 

1645: Dohnanyi: Jungen Männern fehlen Bindungen.

Montag, August 7th, 2017

Der 1928 geborene Klaus von Dohnanyi (SPD) war früher Bundesminister und von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister von Hamburg. Er ist ein anerkannter Elder Statesman, von dem wir mehr übernehmen sollten und könnten, als es gemeinhein geschieht. Joachim Käppner hat ihn für die SZ (21.7.17) zu den gewalttätigen Demonstrationen in Hamburg interviewt.

Dohnanyi: Wir müssen uns gründlicher mit den tieferen Ursachen dieser inzwischen weltweiten Unkultur dieses gewalttätigen Protests auseinandersetzen. Der Protestbewegung insgesamt geht es um Kritik an den Folgen der

Globalisierung

und das ist weder auf Hamburg noch auf Deutschland beschränkt. Diese an und für sich friedliche Kritik entlädt sich immer wieder gewaltsam, weil sich gewaltbereite, ja, besser: gewaltdurstige junge Menschen, meist übrigens Männer, dieser Demonstrationen bemächtigen. Das war schon so auf früheren Gipfeln wie in Genua 2001.

SZ: Wenn sich die Debatte jetzt auf die Bekämpfung des Linksradikalismus oder auf die Rote Flora konzentriert, verkennt man das größere Bild?

Dohnanyi: Ja, diese Debatte geht an den eigentlichen Ursachen eher vorbei. Denn wir können doch nicht bestreiten, dass es die Globalisierung ist, die weltweit gewaltige Fliehkräfte auslöst. Jene Amerikaner zum Beispiel, die für Donald Trump stimmten, oder die Briten, die sich für den Brexit entschieden, wollten auch auf ihre Weise die Folgen der Globalisierung abwehren. Das Leitmotiv:

Wir wollen die Kontrolle über unser Leben zurückhaben!

SZ: Ein gefeuerter Stahlarbeiter aus Youngstown/Ohio, der Trump wählt, und ein Steine werfender Autonomer aus Hamburg werden vom selben Motiv geleitet?

Dohnanyi: In gewisser Hinsicht: ja. Ich sehe in all dem eine Entwicklung, die uns anzeigt, dass die Demokratie in ihrer heutigen Praxis die Akzeptanz verliert. Denn einerseits kann sie die Globalisierung nicht aufhalten, aber andererseits mit ihren Folgen nur sehr schwer umgehen. Einerseits beschränkt die Globalisierung die Gestaltungskräfte der Politik immer mehr, andererseits erwarten viele Bürger, dass nationale Politik ihre Verantwortung wie früher ausüben könnte – wenn sie doch nur wollte! Und so entwickelt die Gegenbewegung antidemokratische Züge.

SZ: Nicht alle spüren die Folgen negativ.

Dohnanyi: Eine für jedermann spürbare Folge ist die wachsende Ungleichheit. Ein Beispiel: Als

Uwe Seeler

hier beim Hamburger SV spielte, fuhr er nachmittags mit dem Opel Kadett übers Land und verkaufte Versicherungen, um über die Runden zu kommen. Heute verdienen junge Spieler auch beim HSV Millionen im Jahr, weil der ‚Markt‘ für Fußballer ein globaler geworden ist. Die Globalisierung löst damit auch soziale Bindungen, die doch das Fundament jeder Zivilgesellschaft ausmachen. Auch das fördert die Bereitschaft zur Gewalt.

SZ: Wieso denn das?

Dohnanyi: Weil immer mehr junge Menschen auch in einer virtuellen Welt leben statt in der realen. Ihnen fehlen dann Bindungen, fehlen Gemeinschaft, Erlebnisse, alles Dinge, die vor allem junge Menschen, und wohl besonders junge Männer, dringend brauchen. Sie lassen dann eben irgendwo ihre Wut raus.

SZ: Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten?

Dohnanyi: Nein. Parteien wie nun auch die AfD in Deutschland schüren allerdings die Illusion, als sei es möglich, dies durch eine Rückbesinnung auf die Nation zu bewirken. Folgleich ist auch Europa ihr Feind.

SZ: Was kann Europa dagegen tun?

Dohnanyi: Die EU sollte sich auf wesentliche, gemeinsame Dinge beschränken und den Mitgliedern alles überlassen, was sie genau so gut selbst regeln können. Dasselbe gilt übrigens für den deutschen Föderalismus, den manche am liebsten abschaffen würden. Aber gerade in der Globalisierung wirkt Föderalismus als Wellenbrecher globaler Überflutung, er macht uns besonders flexibel für schützende Reaktionen!

SZ: An welche Themen denken Sie außerdem noch?

Dohnanyi: An die Flüchtlingsfrage zum Beispiel: Man muss doch auch geduldig darüber reden können, was es bedeutet, so viele Menschen mit einer anderen Kultur aufzunehmen.

Eine offene Gesellschaft kann solche Unterschiede verkraften.

Sie sollte Leute, die anderer Ansicht sind oder sich Sorgen machen, nicht verteufeln oder als Nazis und Fremdenfeinde abstempeln.

1644: Jeder Fünfte mit Migrationshintergrund

Freitag, August 4th, 2017

In Deutschland leben so viele Menschen mit einem Migrationshintergrund wie noch nie zuvor. Die Bevölkerung mit ausländischen Wurzeln hat 2016 zum fünften Mal in Folge einen Höchststand erreicht, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Insgesamt sind das rund 18,6 Millionen Menschen und damit gut jeder Fünfte (22,5 Prozent). Als Ursache für den stärksten Zuwachs seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005 nennen die Statistiker die hohe Anzahl von Zuwanderern und Flüchtlingen in den Jahren 2015 und 2016. Die Türkei ist noch immer mit Abstand das größte Herkunftsland und Europa die wichtigste Herkunftsregion. Die Bedeutung anderer Regionen wie des Nahen oder Mittleren Ostens und Afrikas habe in den vergangenen fünf Jahren aber zugenommen (SZ 2.8.17)

1639: Barenboim gegen Isolationismus

Mittwoch, Juli 19th, 2017

Beim Eröffnungskonzert der „Proms“ in der Royal Albert Hall hatte der deutsch-russische Pianist Igor Levit am vergangenen Samstag als Zugabe Ludwig van Beethovens „An die Freude“ gespielt, die

Europahymne.

Am Sonntag war dann die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim mit einem Edward Elgar-Programm zu Gast. Danach wandte sich Daniel Barenboim an das Publikum und wandte sich gegen den zeitgenössischen

Isolationismus.

Er habe selbst viele Jahre in Großbritannien gelebt, sei hier verheiratet gewesen und habe viel Zuneigung erfahren. Das bewege ihn zu dieser Intervention. „Wenn man die Schwierigkeiten betrachtet, die der europäische Kontinent gerade erlebt, dann erkennt man, dass der Grund dafür ein Mangel an Bildung ist. Weil die Menschen in einem Land nicht wissen, warum sie etwas angehören sollten, zu dem auch andere Länder gehören.“ (Alexander Menden, SZ 18.7.17)