Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

1720: Wenige einfache Gedanken über eine gerechte Gesellschaft

Donnerstag, Oktober 5th, 2017

1. Sehr vielen, mit denen ich spreche, steckt der Schock über das AfD-Wahlergebnis noch in den Knochen.

2. Unsere Gesellschaft hat durchaus Erfolge vorzuweisen: z.B. eine höhere Lebenserwartung, eine niedrigere Kindersterblichkeit, mehr materiellen Wohlstand. Wir kennen die Kosten, die kommende Generationen zu tragen haben, wie den Klimawandel oder die ungeklärte Endlagerung von Nuklearabfällen.

3. Die Errungenschaften der westlichen Demokratien werden manchmal selbst von solchen Menschen abgelehnt, die deren Erfolge nicht glaubhaft leugnen können.

4. 40 Jahre Kommunismus (real existierender Sozialismus) lassen sich nicht von heute auf morgen überwinden. Hier liegt der Hauptgrund für unser Bundestags-Wahlergebnis.

5. Noch nicht gelungen ist in unserer Gesellschaft eine gerechte Verteilung (Einkommen, Gehälter, Vermögen) und Umverteilung (Steuern).

6. Weit verbreitet ist die Angst vor der Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft. Angst machen die Globalisierung, das Fremde, der schnelle Wandel. Dabei könnten wir wissen, dass Deutschland Profiteur davon ist.

7. Die Furcht vor dem schnellen Wandel lässt Werte wie Heimat wichtiger werden.

8. Einige Mitglieder unserer Gesellschaft sind tatsächlich abgehängt. Hauptsächlich weil es ihnen an Ausbildung und Bildung fehlt. Hier liegt das zentrale Feld erfolgreicher sozialer Entwicklung.

9. Wenn Einzelne und Gruppen keine Chance zum Aufstieg mehr sehen, werden sie zu Protestierern. Sie geben ihre Stimme dann Parteien, von denen nicht erwartet wird, dass sie Probleme lösen.

10. Die großen Veränderungen von 1789, 1917, 1933 und 1989 waren zum geringsten Teil Produkte politischer Theorie, sondern beruhten darauf, dass Menschen in Not waren, Ungerechtigkeit empfanden und sich anders nicht mehr zu helfen wussten.

11. Mit faulen Sprüchen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ lassen sich Menschen heute nicht mehr hinters Licht führen. Auch nicht mit falschen Behauptungen vom „trickle down“, wonach das Wachstum von Einkommen und Vermögen bei den gut Situierten früher oder später auch bei der breiten Bevölkerung ankommt. Diese Sprüche sind in den USA weit verbreitet.

12. In unserem Bildungssystem müssen die Schutzbefohlenen wieder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen und die darauf aufbauenden Fertigkeiten. Dazu zählen nicht zuletzt die politische Bildung und die Digitalisierung. Schluss mit der Zertifizierungspolitik, wo alle ein Zertifikat bekommen, manche davon aber nicht den Stoff beherrschen.

13. Wir dürfen nicht über die Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft einfach hinweggehen wie etwa über die explodierenden Mieten und Wohnungspreise.

14. Erbschaften spalten unsere Gesellschaft. Diese Spaltung darf nicht noch durch eine falsche Steuersenkungspolitik (für die Reichen) vertieft werden.

15. Wenn Eltern Nachhilfe nicht bezahlen können, Musikunterricht nicht finanzieren und wenn sie keinen Praktikumsplatz in London vermitteln, haben ihre Kinder schlechte Chancen.

16. Wenn diejenigen, die sich als Liberale verstehen (to whom it may concern), statt als Anwälte für die Entfaltung Einzelner aufzutreten, die Partikularinteressen Vermögender schützen, tun sie das für unsere Gesellschaft Falsche.

17. Schenkungen, Stiftungen und Spenden von Reichen sind grundsätzlich gut, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dann die Reichen die gesellschaftlichen Entscheidungen treffen.

18. Unser Grundgesetz gibt uns einen guten Rahmen für unsere bürgerlich-parlamentarische Demokratie. Sie braucht Bürger, keine Helden.

19. Unser Motto lautet: keine Visionen und großen Würfe, wo aus einem Grund alles geheilt wird, sondern das tägliche, beharrliche Verbessern des uns durchschnittlich Gegebenen, das Muddling through.

20. Wir müssen Europa bauen.

1717: Zwei Gründe für die Unmenschlichkeit des Kommunismus

Dienstag, Oktober 3rd, 2017

In seiner Rezension von Gerd Koenens „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus.“. München (dtv) 2017, 1133 S., arbeitet der Berliner Ordinarius für Politikwissenschaft, Herfried Münkler, geb. 1951, heraus (FAZ 30.9.17), dass es

hauptsächlich zwei Gründe

gibt, warum der Kommunismus so unmenschlich und gewalttätig war (Gerd Koenen liest am 19. Oktober 2017 in Göttingen um 21.oo Uhr im Alten Rathaus aus seinem Buch.). Münkler will plausibel machen, „warum das, was als Verwirklichung von Menschlichkeit und Gerechtigkeit gedacht worden war, in der Realität zu einem Exzess von Unmenschlichkeit und tyrannischer Gewalt geraten ist“:

1. durch die Vorstellung vom

„Urkommunismus der Vorzeit“,

zu dem es zurückzukehren gälte. „Dass diese Rückkehr ins Paradies oder goldene Zeitalter auf eine Rücknahme von Individualität und persönlichzer Freiheit hinauslaufen musste, hat indes kaum einer besser gewusst als Karl Marx, dessen erbitterte Polemiken gegen fast alle seine sozialistischen Mitstreiter von Koenen als ein Kampf gegen die Gefahren eines ‚rohen Kommunismus‘ dechiffriert werden.“

2. durch den Widerspruch zwischen der Annahme, bei dem Weg zu Sozialismus und Kommunismus handle es sich um einen

notwendigen durch Geschichtsgesetze determinierten Prozess,

und den Eruptionen des Voluntativen, die das, was doch eigentlich zwangsläufig eintreten sollte, in einem revolutionären Kraftakt hier und jetzt in Gang setzen wollten.

Lenin

ist der Inbegriff dieses Widerspruchs, … Mit dem Voluntativen aber kam die Gewalt ins Spiel, durch die das Widerständige aus dem Weg geräumt werden sollte; zu welchen Mordorgien das geführt hat, stellt Koenen am

Beispiel Stalins

dar.“

1713: Haseloff (CDU): Für Integrationsgrenze

Samstag, September 30th, 2017

Der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), der in Magdeburg mit SPD und Grünen regiert, macht sich nach der für die Union desaströsen Bundestagswahl große Sorgen um Ostdeutschland. Haseloff, 63, ist promovierter Physiker und in der DDR aufgewachsen. Claudia Ehrenstein hat ihn für die „Welt“ (30.9.17) interviewt.

Welt: Prozentual ist der Anteil der AfD-Wähler im Osten deutlich höher. Fühlen sich die Ostdeutschen abgehängt?

Haseloff: Für viele Menschen hat sich nach der Wende der Wunsch nach sozialem Aufstieg und Erfolg nicht erfüllt. Sie sind aus der Langzeitarbeitslosigkeit nie herausgekommen, ihre Rente muss durch Grundsicherung aufgestockt werden.

(Bei den Menschen, denen es gut geht), sind die Abstiegsängste besonders groß. Diese Menschen fühlen sich insgesamt sehr wohl. Sie haben sich nach der Wende eine Existenz aufgebaut und fürchten nun den sozialen Abstieg. Je besser es den Menschen geht, desto größer ist die Angst, wieder alles zu verlieren. Sie haben schließlich schon einmal erlebt, wie ein Staat zusammenbricht …

Welt: Sie regieren mit einer Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen. Wie sehen Sie im Bund die Chancen für eine Jamaika-Koaltion?

Haseloff: Kenia hat auch keiner für möglich gehalten. Wenn demokratische Parteien ihre Verantwortung ernst nehmen und nicht weiter die Ränder stärken wollen, dann finden sich auch Lösungen. Dazu müssen alle bereit sein – nicht nur die CSU. Das heißt auch, dass die anderen – also FDP und Grüne – anerkennen, dass es eine

Integrationsgrenze

gibt. Wir können nicht unbegrenzt Menschen aufnehmen, ohne unsere Gesellschaft zu destabilisieren.

Welt: Sie sind im Osten aufgewachsen. Haben Sie das Gefühl, im vereinten Deutschland angekommen zu sein?

Haseloff: Ja, warum nicht? Dafür sind wir doch für die Wiedervereinigung auf die Straße gegangen. Ich würde mir aber mehr Interesse des Westens am Osten wünschen. Die Medienlandschaft ist weitgehend eine Westlandschaft. Früher wollte ich Westfernsehen gucken, heute muss ich es. Die öffentliche Meinungsbildung wird durch den Westen geprägt. Typisch sind Talkshow-Runden mit sechs Politikern aus dem Westen, die über den Osten reden.

1711: Vor der Niedersachsen-Wahl

Freitag, September 29th, 2017

Niedersachsen ist nach der Fläche das zweitgrößte Bundesland, nach Einwohnern das viertgrößte. Hier wurden die politischen Karrieren von Gerhard Schröder (SPD), Sigmar Gabriel (SPD), Christian Wulff (CDU) und Thomas Oppermann (SPD) gestartet. Und hier wird nach der

Zäsur der Bundestagswahl 2017

am 15. Oktober gewählt. Nach der letzten Infratest-Umfrage verteilen sich die Stimmanteile folgendermaßen:

  • CDU 35 %,
  • SPD 34 %,
  • Grüne 9 %,
  • FDP 8 %,
  • Linke 5 %,
  • AfD 6 %.

Legen wir die Ergebnisse der Bundestagswahl zugrunde, reicht das nicht mehr für Rot-Grün. Der bisherige Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hält es für möglich, die AfD aus dem Landtag herauszuhalten. Wahrscheinlich ein schöner Traum. Die SPD will mehr Geld für die

Pflege

bereitstellen (Peter Burghardt, SZ 29.9.17). Aber an ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Wirtschaftskompetenz darf gezweifelt werden. Ihre Schulpolitik ist schlecht. Falls die Wähler es so wollen, wird Schwarz-Grün möglich. Allerdings hatte kürzlich Agrarminister Christian Meyer (Grüne) von „schwarz-gelben Hetzern“ gesprochen. Und CDU-Kandidat Bernd Althusmann von der „Gauland-Rhetorik der Grünen“. Keine guten Voraussetzungen.

1710: Lafontaine fordert härtere Flüchtlingspolitik.

Freitag, September 29th, 2017

Der Ex-Kanzlerkandidat der SPD und Ex-Parteichef der Linken, Oskar Lafontaine, kritisiert die gegenwärtige Linken-Parteiführung mit Katja Kipping und Bernd Riexinger. „Die beiden Parteivorsitzenden finden selbst wenig Zustimmung bei den Wählern.“ Hauptkritikpunkt ist die Flüchtlingspolitik. Die „Lasten der Zuwanderung“ dürften nicht „über verschärfte Konkurrenz im Niedriglohnsektor, steigende Mieten in Stadtteilen mit preiswertem Wohnraum und zunehmende Schwierigkeiten in Schulen mit wachsendem Anteil von Schülern mit mangelnden Sprachkenntnissen“ sozial Schwachen auferlegt werden. Das Gleiche hatte seine Ehefrau schon am Wahlabend gesagt (LION, SZ 28.9.17).

Die Linken sind der AfD näher, als sie selbst wahrnehmen.

1708: Die „Mädien“ und die AfD

Mittwoch, September 27th, 2017

1. Die Medien sind an allem schuld (diesen Satz kennen Sie wahrscheinlich alle.).

2. Die AfD will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD und ZDF) abschaffen. Das sind für sie zu sehr „Systemmedien“. Dabei sind ARD und ZDF seit der Einrichtung eines dualen Rundfunks 1986 für die „Grundversorgung“ (Information, Bildung, Beratung, Unterhaltung) zuständig. Sie genießen seitens des Bundesverfassungsgerichts eine Bestands- und Entwicklungsgarantie. Nur wenn sie ihren Programmauftrag erfüllen, darf es überhaupt privaten Rundfunk geben.

3. Wie es „die Medien“ machen, falsch ist es immer: 1. Berichten sie über die AFD und ihre zahlreichen gezielten Grenzüberschreitungen (Boateng, Wehrmacht, „Entsorgen“, „Jagen“ etc., von noch Schlimmerem abgesehen), so haben sie die AfD „hochgejazzt“. 2. Begrenzen sie bewusst quantitativ die AfD-Berichterstattung, dann „beschweigen“ sie die „neue“ politische Kraft.

4. Der Konservative Joachim Herrmann (CSU) („Darüber wird in den nächsten Wochen noch zu diskutieren sein, in welchem Ausmaß die beiden öffentlich-rechtlichen Sender massiv dazu beigetragen haben, die AfD nicht klein zu machen, sondern sie groß zu machen.“) und der Alt-Kommunist Hans-Christian Ströbele (Grüne) („Ich empfehle allen, auch ihnen hier beim ZDF oder auch bei der ARD, nicht jeden Furz oder jeden Spruch, den ein AfDler loslässt, selbst wenn der schlimm ist, tagelang, wochenlang immer wieder zu drehen und zu kommentieren. Sie haben die hochgebracht dadurch.“) sind sich einig.

5. Carsten Reinemann (LMU München): „Je häufiger eine Partei in den Medien vorkommt, je positiver über sie berichtet wird oder je stärker ihre Themen im Mittelpunkt stehen, um so eher kann eine populistische Partei profitieren.“

6. Gerade negative Berichterstattung zieht Aufmerksamkeit auf sich.

7. Tanjev Schultz (Universität Mainz) über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: „Diese Sender haben ja den Anspruch, für alle Zuschauer da zu sein. Sie müssen sich also einerseits abgrenzen und distanzieren – andererseits aber auch Zuschauer bedienen, für die die AfD eine echte Wahloption ist.“

8. „Bild“: Nicht die Berichterstattung über die AfD hat die Partei groß gemacht, „höchstens der Mangel an Berichterstattung über manche von der AfD beratenen Themen“.

9. ARD-Chefredakteur Rainald Becker (SWR): „Die Kritik an dem Ergebnis für die AfD müssen sich die Parteien selbst gefallen lassen und nicht im Nachhinein an die Journalisten von ARD und ZDF weiterreichen.“

10. Seit die FPÖ in Österreich ab 1986 mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gezielt Grenzüberschreitungen beging, diskutieren wir, ob und wie die Medien dies verstärken (Karoline Meta Beisel, David Denk, Alexandra Föderl-Schmid, SZ 26.9.17).

1707: Merkel verliert: Unser Problem sind die Ossis.

Montag, September 25th, 2017

Für die große Koalition sind CDU/CSU und SPD abgestraft worden. Die Union verlor 8,5 Prozent (33,0), die SPD 5,2 (20,5). Noch stärker gab die CSU mit 11 Prozent Stimmen ab. Gewinner sind die FDP (10,7) und, vor allem, die AfD (12,6). Linke und Grüne blieben ungefähr gleich. Die Wahlbeteiligung betrug 76,1 Prozent. 709 Sitze hat der neue Bundestag. Die SPD geht in die Opposition. Das ist konsequent.

Zentrales Thema war die Flüchtlingspolitik.

Am meisten Stimmen hat die Union an die AfD abgegeben, über eine Million. Daran ersehen wir, wie die alte CDU/CSU heute stände. Die Wahlverluste der CSU erklären sich damit, dass sie der AfD am stärksten nach dem Munde geredet hat. Das hat der AfD genützt.

Besonders stark ist die AfD in den neuen Bundesländern (und in Baden-Württemberg und Bayern). In Sachsen ist sie sogar stärkste Partei. Sehr viele Ossis sind noch nicht in der Bundesrepublik angekommen. Ihnen behagt der freie Westen gar nicht. Der verlangt zu viel von ihnen. Er überfordert sie. Sie haben Angst. Vor Fremden, vor dem Neuen. Für sie war es am besten bei Erich Honecker. Das sind die Folgen von vierzig Jahren Kommunismus.

Kein Mensch erwartet von der Afd die Lösung von drängenden Problemen. Sie soll Krach schlagen, Protest einlegen.

1706: Die SPD verliert.

Samstag, September 23rd, 2017

1972 hatte die SPD bei der Bundestagswahl 46 Prozent. Heute nach der letzten Sonntagsfrage etwa 23. Eine Halbierung.

Und der westlichen Sozialdemokratie geht es ebenso schlecht, wenn nicht noch schlechter. In Italien gibt es die Sozialistische Partei (PSI) nicht mehr. Die französischen Sozialisten holten bei der Präsidentschaftswahl 2017 gerade mal 6,4 Prozent. Starke Rückgänge gibt es bei den Sozialdemokraten in Skandinavien. Ähnlich geht es der Pasok, der ehemaligen Regierungspartei in Griechenland. Die niederländische Arbeiterpartei ist auf knapp 6 Prozent abgestürzt.

Der SPD haben Grüne und Linke Stimmen abgeluchst. Und Angela Merkels „ideologischer Imperialismus“ hat klassische SPD-Positionen besetzt.

Das wahre Problem aber ist historisch: Die Sozialdemokratie ist mit der Arbeiterklasse aufgestiegen. Nun schrumpft sie im Gleichschritt mit dem Anteil der Industriearbeit am Inlandsprodukt. Der ist in den letzten 50 Jahren im Westen von rund 35 auf ca. 15 Prozent gefallen. Die Sozialdemokratie verliert ihre Klientel und macht zu wenig neue Angebote.

Die US-Demokraten versuchen, aus Minderheiten eine Mehrheit zu machen: mit Schwarzen, Latinos, Asiaten, LGBT und den Bildungseliten. Bei der letzten Präsidentschaftswahl hat das nicht geklappt. Der „kleine Mann“ schätzt weder Minderheitenpolitik noch „Political Correctness“ und fürchtet, dass man ihm sein Auto wegnehmen will. Er ist anfällig für Nationalismus und Abschottung – Gift für Länder wie Deutschland und die USA, die von der Globalisierung leben (Josef Joffe, Die Zeit 21.9.17).

1705: Zahlen zu Sexualdelikten nach unten korrigiert

Freitag, September 22nd, 2017

Bei keinem anderen Thema geraten Ausländerfeinde, Migrationsgegner und Nationalisten so in Rage wie bei Sexualdelikten von ausländischen Männern. Nirgends ist die Wahrnehmung von Migranten so hasserfüllt und hetzerisch wie hier. Ja, im Grunde wünscht sich diese Gruppe nichts sehnlicher als Sexualdelikte von Zuwanderern, weil damit ihre Vorurteile bestätigt werden. Pervers!

Da hatte in der letzten Woche der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf Geheiß von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) neue Zahlen zu dem Deliktsfeld vorgelegt. Die Zahl der Vergewaltigungen sei im ersten Halbjahr 2017 um 48 Prozent auf 685 gestiegen. Bei Taten, die Zuwanderern zugerechnet würden, sei die Zahl sogar um 91 Prozent auf 126 geklettert.

Das ist schlimm genug. Allerdings lag der

Hauptgrund

für die Zunahme in Veränderungen im Strafrecht vom 10. November 2016. Auf einer Pressekonferenz in dieser Woche musste Minister Herrmann zugeben, dass darin seit der Gesetzesänderung auch sexuelle Nötigungen enthalten sind. Die Zahl der „überfallartigen Vergewaltigungen“ sei nur von 68 auf 71 gestiegen und damit nicht einmal um fünf (5) statt um fast 50 Prozent. Bei tatverdächtigen Zuwanderern wuchs die Zahl von neun (9) auf 17. Zudem sei die erhöhte Bereitschaft, Sexualdelikte zur Anzeige zu bringen, mit dafür verantwortlich, dass die Zahlen gestiegen seien.

Nach der Meinung mancher CSU-Abgeordneter ist die versuchte Warnung vor der Zunahme der Sexualdelikte fehlgeschlagen. „Der Schuss ging nach hinten los.“ Er spielt der AfD in die Hände (Wolfgang Wittl, SZ 21.9.17).

Hat sich damit Joachim Herrmann (CSU) für das Amt des Bundesinnenministers qualifiziert? „Einem Minister darf das nicht passieren – schon gar nicht bei einem solch sensiblen Thema und noch dazu wenige Tage vor der Bundestagswahl.“ (Sebastian Beck, SZ 22.9.17)

In dieser Lage befindet sich der geneigte Zeitgenosse: Spricht er nach der Silvesternacht von Köln 2015 über die Verantwortung der ausländischen, muslimischen Gruppentäter, gilt er bei den Feministinnen als „Rassist“. Warnt er vor der Übertreibung bei der Darstellung von Sexualdelikten durch Ausländer, muss er damit rechnen, als „vaterlandsloser Geselle“ und verantwortungslos abgestempelt zu werden.

Ja, wie hätte ich’s denn gerne?

1704: Deutschsein und Weltoffenheit sind keine Gegensätze.

Mittwoch, September 20th, 2017

1. Für selbstverständlich halte ich es, dass in Deutschland deutsch gesprochen wird. Aber wir müssen uns nicht vor Aushilfskellnern in Berlin fürchten, die noch keinen Deutschkurs absolviert haben (Jens Spahn, CDU, Die Zeit 24.8.17)). Auf den Müllhaufen der Geschichte (Robert Habeck, Grüne, Die Zeit 31.8.17) gehört das Deutsche noch nicht.

2. Für selbstverständlich halte ich es, dass es „eine spezifisch deutsche Kultur“ gibt, dass sie auch „jenseits der Sprache“ zu identifizieren ist. Was die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die Hamburgerin Aydan Özoguz (SPD), nicht glaubt. Thea Dorn (bei Anne Will) fing gleich an mit Anna-Amalia-Bibliothek, Oktoberfest usw. Vielleicht gehören auch Würstchen mit Kartoffelsalat dazu (Jens Jessen, Die Zeit 7.9.17). Die spezifisch deutsche Kultur kennen bei weitem nicht alle. Und die Beweislast dafür können gerade nicht die Ungebildeten, Abgehängten und Migranten tragen. Das müssen wir selber tun.

3. Dieter Borchmeyer hat in seinem Buch „Was ist deutsch?“ von 2017 umfassend gezeigt, dass es viele gute Wege dahin gibt. Es ist aber nicht leicht, die Frage zu beantworten (vgl. hier Nr. 1535).

4. In meinem Buch „Deutsche Diskurse“ (2009) habe ich herausgefunden, dass Deutschsein und Weltoffenheit keine Gegensätze sind (S. 182-194).

5. Dass wir über die Menschenrechte, unsere Rechtsstaatlichkeit etc. mit so vielen Nicht-Deutschen auf der Welt (insbesondere im Westen) verbunden sind, halte ich für ein Glück.

6. Thomas de Maizières (CDU) Anknüpfen an den Begriff der „Leitkultur“ begrüße ich. Winfried Kretschmann (Grüne) hält ihn für „verbrannt“ (vgl. 1557). SPD, Grüne und Linke wollen keine „deutsche Leitkultur“.

7. Sehr klar hat die weltberühmte französische Dramatikerin Yasmina Reza ausgesprochen (vgl. 1476), dass ihr die Sehnsucht nach einer nationalen Identität absurd erscheint. „Ich habe mich auch nie darum bemüht, irgendwo dazuzugehören.“ Ich, W.S., schon!

8. Wir dürfen unsere nationalen Belange auch über unsere Sprache hinaus niemals Nationalisten, Rechtsextremen und Rassisten überlassen, die neuerdings wieder den deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs feiern.

Bertolt Brecht schrieb 1945 in seiner „Kinderhymne“:

„Anmut sparet nicht noch Mühe,/ Leidenschaft nicht noch Verstand,/ Dass ein gutes Deutschland blühe/ Wie ein anderes gutes Land.

Dass die Völker nicht erbleichen/ Wie vor einer Räuberin,/ Sondern ihre Hände reichen/ Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter/ Andern Völkern wolln wir sein/ Von der See bis zu den Alpen/ Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dieses Land verbessern,/ Lieben und beschirmen wir’s/ Und das liebste mag’s uns scheinen/ So wie andern Völkern ihrs.“