Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

1912: Verkehrswende notwendig

Dienstag, März 6th, 2018

Um die hohe Luftbelastung in den Städten in den Griff zu bekommen, ist eine energische Verkehrswende erforderlich. Auch damit Strafzahlungen an die EU vermieden werden. Besonders dreckige Dieselfahrzeuge müssen schnell aus dem Verkehr gezogen werden. Und – daran führt kein Weg vorbei – die Automobilindustrie muss dafür weithin die Kosten übernehmen. Es geht nicht an, dass die Automobilindustrie unseren berechtigten und politisch gesicherten ökologischen Interessen weiter auf der Nase herumtanzt.

Modelle mit übermäßig hohem Stickoxidausstoß müssen nachgerüstet werden. Das sind ungefähr 9 Millionen Diesel-Pkws, deren Umrüstung durchschnittlich 1.500 Euro kostet. Eine blaue Plakette kann helfen. Außerdem sollte eine E-Auto-Quote für Neufahrzeuge eingeführt werden. Die Dieselsteuer können wir anheben und umweltfreundliche Technologien fördern. Das hätte schon längst begonnen werden müssen.

Ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr ist grundsätzlich eine gute Idee. Die Kosten dürfen dabei aber nicht übersehen werden. Das Wiener Beispiel regt zur Nachahmung an. Dort kostet der öffentliche Nahverkehr einen Euro am Tag, also 365 Euro pro Jahr. Die entsprechenden Einnahmen sind in Wien sogar gestiegen. Und es muss in die Infrastruktur investiert werden: Ladesäulen für E-Autos, Modernisierung von Strecken und Fahrzeugen, Schaffung einer deutschlandweiten Bezahlplattform für intermodale Angebote (Claudia Kemfert, taz 22.2.18).

1910: Schweiz sagt ja zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Montag, März 5th, 2018

Die Schweizer wollen ihren öffentlich-rechtlichen, gebührenfinanzierten Rundfunk behalten. Mit 71,6 Prozent haben sie dafür gestimmt. Die Regierung war auch dafür. Nun kann die Schweizerische Rundfunkgesellschaft (SRG) mit der Verbesserung ihrer Programme beginnen.

Die schweizerische Rundfunkentscheidung erleichtert die Rundfunkpolitik in Deutschland in Bezug auf ARD und ZDF. Die müssen ihre Reformen fortsetzen (Rückbau der Pensionszahlungen etwa) und können der

Fels in der Brandung des Weltinformationsmarkts

bleiben.

Am schweizerischen Ergebnis zeigt sich auch deutlich, dass die falschen Vorhaben unserer Rechtspopulisten und Rechtsextremisten beim Rundfunk und anderswo in der Regel keine Chance auf Durchsetzung haben. Sehr gut!

1909: SPD will zurück zur Vernunft

Montag, März 5th, 2018

Der mit 66 Prozent positive SPD-Mitgliedernentscheid ist gut. Am 14. März wird die Kanzlerin gewählt. Wir dürfen der neuen Regierung die Daumen drücken. Gespannt sind wir darauf, wer neben Horst Seehofer aus den Reihen der CSU Minister wird.

1908: Antisemitismus heute

Freitag, März 2nd, 2018

Samuel Salzborn, geb. 1977, ist Politikwissenschaftler und Antisemitismusforscher. Sein letztes Buch hat den Titel „Angriff der Antidemokraten – Die völkische Rebellion der Neuen Rechten“. Er ist Gastprofessor an der TU Berlin. In einem Interview mit Alex Rühle (SZ 2.3.18) beschreibt er den gegenwärtigen Antisemitismus.

Über den Antisemitismus der AfD:

„Man findet offen antisemitische Äußerungen auf allen Ebenen der Partei. Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon, der sich immer wieder antisemitisch geäußert hat, wurde nicht ausgeschlossen. Es gibt auch keine Kritik an antisemitischen Äußerungen. Dazu kommen der Geschichtsrevisionismus von Björn Höcke und Alexander Gaulands extrem verharmlosende Äußerungen über die Wehrmacht, die ja immerhin den antisemitischen Vernichtungskrieg geführt hat. Das alles wird in der Partei toleriert. Jede förmlich Distanzierung der AfD vom Antisemitismus ist das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben steht, weil sie in eklatantem Widerspruch zur Praxis der Partei steht.“

Über den Kern des Antisemitismus:

„Antisemiten vertreten ihre antisemitischen Vorstellungen nicht neben anderen Vorstellungen, denen man mit Argumenten noch beikommen könnte. Der Antisemitismus hat in der Moderne für viele Menschen die Funktion, scheinbar die gesamte Welt zu erklären. Er wird nicht geglaubt, obwohl, sondern weil er falsch ist. Er liefert ein allumfassendes Erklärungssystem, mit dem die unübersichtliche, fragmentierte Welt sortier- und erklärbar scheint, gerade auch in ihren Widersprüchlichkeiten.“

1906: Jerofejew/Schneider: Wie wir Russland sehen.

Donnerstag, März 1st, 2018

Bedauerlicherweise bestehen über Russland sehr viele Vorurteile. Die Schriftsteller Viktor Jerofejew und Peter Schneider legen in einem Gespräch mit der FAZ-Russland-Korrespondentin Kerstin Holm vor den Präsidentenwahlen ihre Sicht der Dinge dar (FAZ 17.2.18). Ich fasse die Aussagen zusammen:

1. Seit der Oktoberrevolution 1917 haben bei politischen Auseinandersetzungen in Russland 60 Millionen Menschen gewaltsam ihr Leben verloren.

2. Putin ist das Ergebnis des Misserfolgs der russischen Demokratie in den Neunzigern.

3. Seine derzeitige Popularität beruht auf der Annexion der Krim und dem unerklärten Krieg in der Ukraine. Dafür schätzen ihn die weitaus meisten Russen.

4. Warum sollte Putin den baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) gegenüber nicht eine ähnliche Strategie verfolgen?

5. Putin schreckt nicht davor zurück, in Syrien Giftgasattacken und Folterungen zu decken und im Weltsicherheitsrat jede Lösung zu torpedieren.

6. „Russland-Versteher“ gibt es in Deutschland traditionell auf der deutsch-nationalen Rechten (heute: AfD), bei den Linken und auch bei den Globalisierungskritikern von Attac.

7. Die EU hat Angst vor Russland.

8. Bei freien Wahlen in Russland hätte der Ultranationalist Wladimir Schirinowski sehr gute Chancen. Auch der tschetschenische Despot Ramsan Kadyrow. Die Liberalen kämen wohl auf ca. 15 Prozent, Aleksej Nawalnyj auf etwa acht (8) Prozent. Machen wir uns also nichts vor.

9. Mehr als 55 Prozent der Russen halten Stalin für den Haupthelden des 20. Jahrhunderts.

10. Putin selbst ist liberaler als die russische Bevölkerung. Diese würde gerne die Todesstrafe wieder einführen und das Recht, untreue Frauen zu verprügeln.

11. Der Oppositionelle Aleksej Nawalnyj hat für Putin die Funktion, dass er seinetwegen seine Minister an der Kandare halten kann.

12. Ein vorsichtiger Blick in die Zukunft lässt erkennen, dass der kalte Krieg mit Russland noch kälter werden wird.

1898: Bricht der Westen zusammen ?

Sonntag, Februar 25th, 2018

Yuval Noah Hariri, 41, forscht und lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem und schreibt Kolumnen für die Zeitung „Haaretz“. Er gehört zu den begehrtesten Zukunftsforschern auf der Welt. Ich habe ihn erst kürzlich kennengelernt. Hier fasse ich seine Aussagen in einem Interview mit Andrea Rexer (SZ 15.2.18) in 20 Thesen mit meinen Worten zusammen, sonst wird es zu lang.

1. Krieg hat sich heute zu einer handhabbaren Herausforderung gewandelt. Weithin haben die Menschen gelernt, Kriege zu vermeiden.

2. In erster Linie haben die vorhandenen Atomwaffen Krieg zum kollektiven Selbstmord gemacht. Heute ist Wissen das wichtigste Wirtschaftsgut, nicht mehr Land, Sklaven, Rinder usw. Man kann durch Krieg kein Wissen erobern.

3. In landwirtschaftlichen Gesellschaften wurden 15 Prozent aller Todesfälle durch menschliche Gewalt verursacht. Heute nur noch 1,5 Prozent.

4. Wenn heute ein Krieg ausbricht, ist es die Schuld unverantwortlicher Führer und nicht der menschlichen Natur.

5. Wir werden nicht gegen die Computer kämpfen, sondern uns mit ihnen verbünden. Heute bereits verschmelzen die Menschen mit ihren Smartphones und Facebook-Accounts.

6. Bis 2050 werden biometrische Sensoren in unseren Körper eingebettet und überwachen unsere Herzfrequenz, unseren Blutdruck und unsere Gehirntätigkeit etc.

7. Die Kämpfe der Zukunft gehen um die Kontrolle von Daten.

8. Die drei Hauptprobleme der Welt sind: a) die globale Erwärmung, b) die globale Ungleichheit und c) gefährliche Technologien. Sie können nur global bewältigt werden. Nationale Alleingänge sind zum Scheitern verurteilt.

9. Beängstigend ist, dass die bisher führende westliche Welt zusammenbricht, aber noch keine Alternative existiert.

10. Bei Misserfolgen wird die Schuld auf Sündenböcke geschoben wie Minderheiten, Einwanderer und Ausländer.

11. Alarmierend  sind angesichts der globalen Strukturen der erstarkende Nationalismus und der Protektionismus.

12. Ich habe immer wieder versucht, an Gott zu glauben, aber es ist mir nicht gelungen.

13. Wir müssen verstehen lernen, wie Bewusstsein und Verstand funktionieren.

14. Wir werden immer besser darin, den Verstand zu manipulieren. Das ist eine große Gefahr. Wenn man Ärger verstehen will, muss man Ärger untersuchen, nicht Neuronen beobachten.

15. Wenn Gehirn und Verstand nicht das Gleiche sind, ist es um so wichtiger, von beiden Seiten zu forschen.

16. Menschenrechte müssen ökonomisch unterstützt werden. Es ist kein Widerspruch, sich für mehr Vielfalt im Management einzusetzen und mehr Profit machen zu wollen. Die Technologie ist niemals deterministisch. Sie lässt den Menschen die Wahl.

17. In Europa sind viele starke soziale Puffer eingebaut, die sich eignen, Krisen zu bewältigen.

18. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird de facto nur auf nationaler Ebene diskutiert. Aber die US-Amerikaner werden niemals für Arbeiter in Bangladesh zahlen.

19. Wir müssen nicht Arbeitsplätze retten, sondern Menschen. Wenn es einen Weg gibt, dass Menschen ein sinnvoles Leben führen können, ohne Jobs zu haben, wäre das doch wunderbar.

20. Kinder großzuziehen wird nicht bezahlt, ist aber in höchstem Maße sinnstiftend. Die wichtigste Fähigkeit für die Zukunft ist, uns permanent auf Veränderungen einzustellen.

1897: Neue postideologische Welt

Sonntag, Februar 25th, 2018

1. Wir sollten uns von der Idee der Nachkriegsgesellschaft mit ihren relativ klaren ideologischen Strukturen (rechts, links etc.) weitgehend verabschieden.

2. Heute gebärdet sich ein formal kommunistisches China (VR China) wie eine turbokapitalistische Warenschleuder.

3. Ein neuer

Dualismus

zwischen dem a) liberalen und dem b) identitären Lager beherrscht die Szene.

4. Die SPD hat sich noch nicht entschieden, ob sie sich zum liberalen Lager zählen will oder an alten Werten festhält, mit denen sie dann keine Mehrheit mehr bekommt.

5. Die SPD funktioniert als sozialpolitisches Gewissen des liberalen Blocks.

6. Das Leben wird heute „vom liberalen Paket aus Individualismus, Menschenrechten, Demokratie und freiem Markt beherrscht“ (Juval Noah Hariri, Israel).

7. Den Liberalismus verkörpern Angela Merkel und Emmanuel Macron, die an eine Welt des freien Daten- und Warenflusses, der offenen Grenzen und der schrankenlosen Mobilität glauben.

8. Der Marxismus von heute steht wie bei Thomas Piketty für Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz.

9. Sich in jeder Hinsicht von der Welt abzuschotten, hält heute nur noch Nordkorea durch.

10. Die Menschen wollen ihr iPhone und brauchen deshalb den Packerjob bei Amazon.

11. Die Linke definiert sich heute über Werte wie

a) Minderheitenschutz, b) Feminismus, c) Transparenz,

die auch als liberale Forderungen durchgehen.

12. Rechtspopulisten und Nationalisten spielen sich heute als einzige Konkurrenz zum Liberalismus auf. Sie stahlen der Linken die

a) Kapitalismuskritik und den b) Antiamerikanismus. Sie ergänzen  das durch c) Fremdenhass.

13) Donald Trump betreibt eine wirtschaftliche Abschottungspolitik wie sie in Argentinien die Linksperonisten befürworten.

14) In Zeiten hoher Beschleunigung wächst bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Geborgenheit, Gerechtigkeit, familiärer Verankerung und Identität.

15) Die postindustrielle Gesellschaft ruft heute als Gegenbewegung die Identitären auf den Plan. Wie im 19. Jahrhundert die Industrialisierung die Romantik (Sebastian Schoepp, SZ 24./25.2.18).

1895: Tafeln – nur noch für Deutsche ?

Samstag, Februar 24th, 2018

Was soll man von Tafeln halten, die Flüchtlinge ausschließen? Bedürftigkeit kennt doch keine Nationalität. In Essen sollen Bedürftige nun ihren deutschen Personalausweis bereithalten. Denn es fand bisher eine Verdrängung statt: Es kamen immer mehr junge Flüchtlinge und immer weniger alte Leute. Da ging es angeblich um die „deutsche Oma“ und die „Alleinerziehende“. Und es gab nicht genug Kapazitäten für alle.

„Soll man der alten Frau sagen, dass sie sich nicht fürchten muss vor dem jungen Flüchtling? Soll man dem Arbeitslosen sagen, dass er sich nicht genieren muss, neben dem Obdachlosen zu stehen? Es ist problematisch, Toleranz und Souveränität ausgerechnet von denen zu verlangen, die um ihre Würde, um einen Rest von Würde kämpfen müssen. Es gab offenbar in Essen eine Konkurrenz der Bedürftigen; da obsiegen die Fitteren.“ (Heribert Prantl, SZ 24./25.2.18)

Die Essener Tafel hätte in dieser Situation eine klügere Entscheidung treffen können – sie hätte, zum Beispiel, die Tafel nur noch für Menschen öffnen können, die älter sind als 60 Jahre. Sie können sich häufig ein normales Einkaufen nicht mehr leisten. Viele von ihnen sagen, sie hätten nie gedacht, einmal „so was“ in Anspruch nehmen zu müssen. Da stehen Obdachlose neben Leuten, die sich gerade noch die Miete leisten können; Rentnerinnen, die von der Rente nicht leben können, neben Flüchtlingen, die das Asylbewerbergesetz sehr knapp hält.

Die Tafeln in Deutschland expandieren. Sie expandieren, weil Not und Bedürftigkeit bei uns expandieren. In unserem reichen Land. Das Problem besteht darin, dass die Tafeln per se einen Zustand der staatlichen Unterversorgung perpetuieren und einer Gesellschaft, die massenhaft Lebensmittel wegwirft, ein gutes Gewissen verschaffen. Der Staat sieht zu, wie sich die Armen und Bedürftigen an den Tafeln drängen. Die Tafeln zeigen, dass die Not zur empörenden Selbstverständlichkeit geworden ist. Sie sind Spiegel der Nöte der Gesellschaft.

Und sie sind eine Schande für den Sozialstaat, der nicht leistet, was er leisten soll: Grundsicherung für Menschen, die einer Grundsicherung bedürfen (Heribert Prantl; SZ 24./25.2.18).

1894: „Braune Hetze“ gegen Deniz Yücel

Freitag, Februar 23rd, 2018

Im Bundestag hat die AfD beantragt, per Abstimmung die Bundesregierung aufzufordern, Äußerungen aus früheren Artikeln des Journalisten Deniz Yücel zu missbilligen. Der Korrespondent der „Welt“ (Springer Verlag) war in der vergangenen Woche aus türkischer Haft entlassen worden. Seither überzieht ihn die AfD mit rüden Attacken. Es begann mit einem Facebook-Eintrag der Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel. Sie schrieb, Yücel sei weder „Journalist noch Deutscher“. Bei der Vorstellung des AfD-Antrags im Bundestag nannte der parlamentarische Geschäftsführer Bernd Baumann Yücel einen „Hassprediger“.

Yücel hatte 2011 und 2012 zwei Satiren in der „taz“, seinem damaligen Arbeitgeber, veröffentlicht. Einmal über den „Bevölkerungsrückgang“ in Deutschland. Darin erkannte die AfD „extremen Deutschen-Hass“. Zum anderen hatte Yücel dem Buchautor Thilo Sarrazin einen Schlaganfall gewünscht. Sarrazin hatte dagegen mit Erfolg auf Unterlassung geklagt. Yücel nahm seine Formulierung in einer „Klarstellung“ zurück. Der AfD-Antrag ging nicht auf den satirischen Charakter der Publikationen ein.

In einer Kommentierung des AfD-Antrags äußerte die SPD-Fraktion, dass die AfD mit ihrem Antrag zeige, dass sie näher bei Putin und Erdogan stehe als auf dem Boden des Grundgesetzes. Die Missbilligung eines journalistischen Textes durch den Bundestag komme „staatlicher Zensur sehr nah“. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) warf der AfD Medienhetze vor. Es sei „geradezu absurd, dass die AfD den Bundestag als Bühne für ihr gestörtes Verhältnis zur Presse- und Meinungsfreiheit benutzen will“. Die AfD könne anscheinend nicht zwischen journalistischen Stilformen (Meldung, Bericht, Reportage, Kommentar, Glosse, Persiflage, Satire, Dokumentation usw.) unterscheiden. Linken-Chefin Katja Kipping sagte, die AfD wolle den Bundestag „für ihre braune Hetze“ gegen Yücel missbrauchen (Jens Schneider, SZ 23.2.18).

1892: Rechtsextremer Hass im Internet

Mittwoch, Februar 21st, 2018

Eine russische Troll-Fabrik hat mit tausenden Nutzerkonten bei Youtube, Twitter und Facebook versucht, Einfluss auf den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 zu nehmen. Es wurden massenhaft gezielt Falschinformationen gestreut und der republikanische Kandidat Donald Trump unterstützt. Schlimm genug. Beängstigend.

Wie SZ, NDR und WDR herausbekommen haben, hat es das in kleinerem Stil auch beim Bundestagswahlkampf in Deutschland gegeben. Drei Wochen vor der Wahl begann auf dem Server „Reconquista Germania“ ein „Informationskrieg“ gegen das „System“. Bis zu 5000 Nutzer sollen auf dem Server registriert gewesen sein. Autoren, Politiker und andere Teilnehmer wurden gezielt beschimpft. Wahlkampfmanager der Parteien (CDU, SPD, Grüne, FDP, Linke) sahen sich gezwungen, die Kommentarfunktionen ihrer Youtube-Kanäle zu schließen oder Kommentare nur nach vorheriger Moderation freizuschalten. Eine zentrale Rolle spielte der Hashtag #nichtmeinekanzlerin.

Der Kopf von „Reconquista Germania“ ist ein anonymer Youtuber aus Bayern, der seit 2010 prorussische und antiamerikanische Videoansprachen verbreitet mit mehr als 30.000 Abonnenten (Lena Kampf, SZ 21.2.18; Jannis Brühl/Reymer Klüver, SZ 21.2.18).

Auf diesem Feld werden zunehmend die Wahlkämpfe der Zukunft geführt werden. Sie richten sich in erster Linie an politisch Ungebildete unter unseren Mitbürgern. Viele von uns werden sich an den Kämpfen nicht beteiligen (wollen). Unser Beitrag muss es sein, uns überall, wo es erforderlich erscheint, einzuschalten und unsere Meinung zu sagen. Unser „System“ hat es wahrlich verdient, verteidigt zu werden. Machen Sie mit.