Claude Lanzmanns (1925-2018) Film „Shoah“ (1985) war und ist etwas ganz Besonderes. Eine Dokumentation, über neun Stunden lang. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich mit meinen Mitarbeitern am Institut für Publizistik für ein Wochenende verabredet hatte, um diesen Film zu sehen und zu besprechen. Das Nachdenken und Sprechen über diesen Film hat dann noch viel länger gedauert. Es hält bis heute an. Was an diesem Film manche (es ist kein Film für jedermann) fasziniert und überzeugt, ist neben allen filmästhetischen und ideologischen Gedanken die Tatsache, dass er schlicht nach dem Prinzip vorgeht, Ross und Reiter zu nennen und zu Wort kommen zu lassen, bei den Tätern und den Opfern. Und nicht alles in Strukturen und Funktionen verschwinden zu lassen. Damit macht man sich nicht beliebt.
Dass der Regisseur tatsächlich nicht wusste, was er tat, geht aus folgendem Zitat hervor: „Ich wollte keine Gefühle hören, ich wollte so genau wie möglich erfahren, wie alles ablief. Ich wollte Beschreibungen. Räumliche und zeitliche Präzision. Dafür habe ich alles getan. Meine Gefühle haben mich dabei ganz und gar nicht interessiert.“ Ein solch großer Regisseur darf seine Gefühle verkennen. In seinem Film faszinieren einzelne Personen wie Abraham Bomba, der Friseur von Treblinka: „Er hat den Frauen und Kindern, die in die Gaskammer kamen, die Haare abgeschnitten, zwei Minuten pro Frau, vier Scherenschnitte, mehr Zeit war nicht.“
Claude Lanzmann, geboren am 27. November 1925, war ein Kraftkerl. Er gehörte zur kommunistischen Jugend und ging mit 18 Jahren in die Resistance. In dem Alter gingen andere in die Waffen-SS. Nach dem Krieg arbeitete er relativ kurz an der Freien Universität Berlin. Er lebte mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre in einer denkwürdigen Ménage-à-trois. Wurde Chefredakteur der „Temps Modernes“. Die Liebesbriefe zwischen de Beauvoir und Lanzmann wurden kürzlich verkauft, sie sind bislang nicht gedruckt. Lanzmann überwarf sich mit Sartre 1967, weil er sich nach dem Sechstagekrieg ganz auf die Seite Israels stellte.
Er blieb ein sehr streitbarer Publizist und Filmemacher. Darüber hat er uns in seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“ (2010), 682 Seiten, ausführlich informiert. Der „Karski-Bericht“ ist Jan Karski gewidmet, der sich bemüht hatte, Präsident Roosevelt von der Judenvernichtung der Nazis zu berichten. „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ erzählt vom Aufstand in Sobibor, geführt von dem Häftling Jehuda Lerner. Und schließlich 2o15 „Der letzte Ungerechte“ referiert über Benjamin Murmelstein, den letzten Vorsitzenden des Judenrats von Theresienstadt. Er kam schon in „Shoah“ vor. Claude Lanzmann hat sich um die Aufklärung über den Holocaust sehr verdient gemacht. Nun ist er im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben (Fritz Göttler, SZ 6.7.18).