Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

2081: Journalisten – Streiter für die liberale Demokratie

Sonntag, Juli 22nd, 2018

Das irrlichternde Verhalten von Donald Trump habe ich von Anfang an nicht verstanden. Geschweige denn, dass ich begreifen konnte, wie man solch einen vulgären Bauunternehmer zum Präsidenten der USA wählt. Mein Nicht-Verständnis ging und geht so weit, dass ich mich manchmal nicht einmal mehr zur Analyse fähig fühle. Aber das geht ja nicht. Denn dass dieser Mann Schaden in der Weltpolitik anrichtet, steht fest. Neuerdings müssen wir wohl damit rechnen, dass Trump von Russland erpresst werden kann.

Trumps Informationsverhalten (Aussage, Dementi, Dementi des Dementis, am Ende alles ein Versprecher), ein in rascher Folge hingelegtes Zickzack soll wohl dazu dienen, dass am Ende keiner von uns mehr weiß, wo oben und unten und wo vorne und hinten ist.

Der Medienanalytiker und Blogger Sascha Lobo empfindet das als Missbrauch. Er schreibt: „Mir kommt es vor, als funktioniere die klassisch-journalistische Trennung von Berichterstattung und Meinung in Zeiten des autoritären Backlash nicht mehr. Denn sie wird missbraucht. Ich glaube, dass Journalisten heute qua Beruf auch Streiter für eine liberale Demokratie sind und dass sich dieser Umstand in den Nachrichten viel deutlicher spiegeln sollte.“ (Christian Geyer, FAZ 21.7.18)

2078: Ralf Fücks: Der Informationskrieg des Kremls

Sonntag, Juli 22nd, 2018

Der langjährige Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und Gründer des Thinktanks „Zentrum Liberale Moderne“, Ralf Fücks, schreibt über den Informationskrieg des Kremls:

„Wir reden hier nicht von Kleinigkeiten. Twitter identifizierte Tausende von Fake-Accounts, hinter denen die Trollfabrik ‚Internet Research Agency‘ in St. Petersburg steckt. Dazu kamen 13.500 automatisierte Konten (Bots) ‚in Verbindung mit Russland‘. Auch Facebook wurde mit bezahlter Propaganda geflutet. Dieses Muster hatte sich schon in der Brexit-Kampagne bewährt. In Frankreich und Italien gab es ebenfalls Interventionen zugunsten des Front National und der Lega. Politische Allianzen mit rechtsradikalen Parteien, ökonomische Netzwerke und Meinungsmanipulation gehen Hand in Hand. Damit wir uns nicht missverstehen: Die Gründe für die antiliberale Revolte im Westen sind hausgemacht. Aber angesichts knapper Wahlergebnisse ist der Informationskrieg des Kremls ein massiver Angriff auf die demokratische Willensbildung. Er verstärkt die Polarisierung und das Misstrauen in die Institutionen.“ (taz 17.7.18)

2071: Nelson Mandela 100

Dienstag, Juli 17th, 2018

Nelson Mandela (1918-2013) war der Glücksfall für den friedlichen Übergang von einem rassistischen und undemokratischen Apartheidssystem zu einer afrikanischen Demokratie. Von 1963 bis 1990 (27 Jahre lang) hatte er wegen Widerstands gegen den Rassismus seit 1944 als politischer Gefangener in Haft verbracht. Von 1994 bis 1999 war er der erste schwarze Präsident seines Landes. Für die Organisation des Übergangs zu einem demokratischen Staatswesen in Südafrika erhielt er 1993 den Friedensnobelpreis. Seinetwegen konnten größere Gewaltexzesse vermieden werden.

Heute wächst die Kritik an Mandela. Hauptsächlich weil die ehemaligen Unterdrücker bei dem versöhnlichen Übergang gut weggekommen sind. Sie taten ein bisschen Buße, durften aber alles behalten, was sie mit dem Blut und Schweiß der Unterdrückten erwirtschaftet hatten. Ausgerechnet auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos 1992 stimmte Mandela einer kapitalistischen Lösung der sozialen Ungleichheit zu. Nach Angaben der Weltbank ist Südafrika 2018 das ungleichste Land der Erde.

Mandelas große Leistung war die Versöhnung nach dem rassistischen Terror. Auf Kritik am ANC reagierte er allerdings unnachsichtig. Schon unter seiner Führung begann die Korruption und die Unfähigkeit der ANC-Kader. Mandela sah großzügig weg, wenn sich die Genossen die Taschen vollstopften. Mandela ließ reiche weiße Geschäftsleute in einen Fonds einzahlen, der nur für ihn bestimmt war. Davon profitierten die Weißen. Die moralische Instanz nahm es mit der Moral nicht so genau (Bernd Dörries, SZ 14./15.7.18).

Wir Menschen sind alle aus krummem Holz gemacht.

2070: „Des Glückes Unterpfand“

Sonntag, Juli 15th, 2018

Unter das Motto „Des Glückes Unterpfand“, drei Wörtern aus unserer Nationalhymne, hat der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck seine Sommerreise 2018 gestellt. Eine Sommerreise eines Grünen? Habeck will sich mit Heimat und Identität auseinandersetzen. „Wie schaffen wir Leidenschaft für das Versöhnende, nicht das Trennende?“

Habeck war schon beim Hermannsdenkmal. Er will noch zum Hambacher Schloss, in die Paulskirche, zur Wartburg, zum Freiheitsmuseum in Rastatt (wo die preußischen Truppen 1849 die Revolution niederschlugen), nach Leipzig (wegen der Montagsdemonstrationen 1989). Habeck besucht Orte, die sehr deutsch sind und bisher wenig mit seiner Partei zu tun haben. Er will bestimmte Orte nicht preisgeben. Er sucht nach dem Versöhnenden. Deutschland erscheint ihm zur Zeit hypernervös, gereizt und orientierungslos.

Aber zu Recht sagt Sebastian Gubernator (Die Welt 14.7.18) etwa zum Hermannsdenkmal: „Es ist schwer, dieses Denkmal mit etwas Positivem in Verbindung zu bringen.“ Habeck versucht es trotzdem. Er spricht mit Soldaten (auch über ihre Auslandseinsätze), obwohl er selbst Zivildienst in einem Heim für Schwerstbehindert abgeleistet hat. „Auslandseinsätze muss man differenziert betrachten. Manchmal können militärische Einsätze die Bedingung für Frieden sein.“

Manche Aussagen von Habeck zu seiner Reise wirken schwammig. Das liegt daran, dass solch ein Vorhaben für einen Grünen schwierig sein könnte. Dann weicht Habeck, der rhetorisch versiert ist, ins Akademische aus. Hoffentlich spucken Ökospießer nicht in die Suppe. Mir ganz persönlich gefällt Habecks Versuch. Aber ich kann mir sehr bedachte Menschen vorstellen, die eher Vorbehalte haben. Geben Sie Robert Habeck dennoch eine Chance.

2069: Putins Propaganda potent

Samstag, Juli 14th, 2018

Dass die Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland eine riesige Propagandainszenierung  werden würde, war von Anfang an klar. Genauso wie die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014. Aber dabei hat Hajo Seppelt immerhin das

russische Staatsdoping

entlarvt. Propaganda nicht nur wegen Putin und so unseriösen Verbänden wie der Fifa oder Figuren wie Gianni Infantino und Lothar Matthäus. Sondern weil die Menschen angesichts von solch gut inszenierten Großveranstaltungen den Überblick verlieren. Wir erinnern uns nur zu gut an die Olympischen Sommerspiele in Berlin 1936.

Holger Gertz hat sich in der SZ (14./15.7.18) weitergehende Gedanken gemacht: „.. Menschen, die gesellschaftliches Bewusstsein und so etwas wie die Kraft des Widerstands wichtiger finden als besinnungslose Taumelei wegen eines Ballspiels, muss das Kotzen kommen angesichts der politischen Blindheit des Fußballbetriebs.“

„Wer äußert sich zu den politischen Gefangenen in Russland? Wer dächte, wenn er im Milliardenstadion von St. Petersburg spielt, an Korruption und Stadionarbeiter? Null, null und null. Es ist alles noch schlimmer geworden, die Störgeräusche werden bei dieser WM vom Apparat noch restloser und konsequenter geschluckt als früher.“

Und dann erklärt Gertz den Unterschied zwischen dem klugen und raffinierten Putin, der genau weiß, dass man dann die Öffentlichkeit am besten beherrscht und manipuliert, wenn man sich rar macht, und dem Trampel Trump, bei dessen Kabinettssitzungen die Anwesenden ihn manchmal am Anfang loben müssen. „Der Unterschied: Trump sah man die Genugtuung an, der Sabber der Selbstliebe lief ihm zu beiden Hosenbeinen raus. Putin schien die vorsätzliche Arschkriecherei seiner Gäste unangenehm zu sein.“

„Und in der Nachspielzeit am Montag trifft Wladimir Putin sich mit Donald Trump, der für ihn kein Gegner ist.“ (Vgl. hier Nr. 2047 vom 29.6.18 „Vom Gipfeltreffen USA – Russland droht Europa Gefahr.“)

2066: Giegold fordert „klare Worte“ von den Kirchen.

Donnerstag, Juli 12th, 2018

Gemeinsam mit Präsidiumsmitgliedern des Deutschen Evangelischen Kirchentags hat der EU-Abgeordnete

Sven Giegold (Die Grünen)

eine Petition zur europäischen Flüchtlingspolitik verfasst. Darin verlangt er „klare Worte“ von den Kirchen. „Von unseren Kirchen in Europa erwarten wir die Verteidigung der Menschenwürde ohne politische Rücksichtnahme.“ In den letzten Wochen sei Abschottung zum Hauptziel der europäischen Politik geworden. Auch bei der Bundesregierung. „Dazu fehlen uns klare Worte von der Spitze unserer Kirchen.“ (KNA, SZ 11.7.18)

Anscheinend sieht Giegold die Kirchen fast als einzige Institution an, die gegen den populistischen Abschottungstrend (u.a. von Nationalisten und Rassisten) erfolgreich vorgehen kann. Giegold ist ein Optimist.

2065: Deutschlands NATO-Beitrag

Mittwoch, Juli 11th, 2018

1. Es steht fest, dass die deutsche rot-grüne Bundesregierung 2002 der Erhöhung des Wehretats in den NATO-Staaten auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zugestimmt hat. 2014 wurde das in Wales bekräftigt.

2. Damit haben Linke und Grüne in Deutschland Probleme. Die Linken, weil sie wie die AfD eher mit dem russischen Despoten Putin verbunden sind, die Grünen, weil sie an die Subventionen für neue Energien und die Energiewende denken.

3. Die nationalistische, falsche und unberechenbare Politik von Donald Trump darf (noch) nicht zu einer Abkehr von den USA seitens von EU und NATO führen.

4. Trump verlangt so unnachgiebig die Erhöhung auf zwei Prozent nicht, weil er damit die NATO stärken, sondern weil er die ökonomischen Konkurrenten (auch in der EU) schwächen will (das ist so ähnlich wie in der Iran-Politik).

5. Putin versteht nur die Politik der Stärke. Er arbeitet im Westen massiv mit Desinformation und der digitalen Beeinflussung von Wahlen.

6. Die NATO wird Trumps Politik nur überstehen, wenn es so etwas wie ein Bündnis im Bündnis gibt. Zwischen der immer noch starken politisch-militärischen NATO-Lobby in den USA und den Europäern und Kanadiern.

7. Deutschland hat die Wehrausgaben im letzten Jahr bereits erhöht und will sie im aktuellen Haushalt weiter erhöhen. Das ist im Bundestag umstritten. Für Angela Merkel (CDU) geht es um „Ausrüstung, nicht um Aufrüstung“. Für das Ressort von Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) sind 42,9 Milliarden Euro vorgesehen.

8. Die NATO-Militärausgaben (Anteil am Bruttoinlandsprodukt) sehen folgendermaßen aus: USA 3,6; Griechenland 2,4; Großbritannien 2,1; Estland 2,1; Frankreich 1,8; Norwegen 1,6; Türkei 1,5; Deutschland 1,2; Dänemark 1,2; Luxemburg 0,5.

9. Die Beteiligung von Truppen an NATO-Missionen 2018 (Anteil der eigenen aktiven Truppen) in Afghanistan und dem Kosovo ist folgendermaßen verteilt: Slowenien 3,64; Ungarn 2,64; Deutschland 0,97; USA 0,7; Großbritannien 0,42; Türkei 0,21; Griechenland 0,12; Spanien 0,03; Kanada 0,01; Frankreich 0.

10. Es gibt vier „Lager“ zur Begründung der Militärausgaben: a) Planung und Ausrüstung, b) Einsätze und Entsendungen, c) Quantifizierung der Risiken, d) Beitrag zu Sicherheit und Verteidigung in Europa. Der Bundesregierung ist d) am wichtigsten.

11. Der NATO-Generalsekretär von 2009 bis 2014, der Däne Anders Fogh Rasmussen, fragt: „Wäre die strategische Autonomie Europas angesichts der Instabilität an den Grenzen der EU und der vielen Brände rund um den Globus wirklich ausreichend?“ Die Antwort lautet: Nein, wir brauchen die USA.

12. Fogh Rasmussen: „Das Narrativ der transatlantischen Allianz, die auf unseren gemeinsamen Werten beruht, ist kein naives Märchen: Es ist die Lebensversicherungspolitik für unsere liberalen Demokratien.“

(Daniel Brössler, SZ 9.7.18; AFP, DPA 9.7.18; Stefan Kornelius, SZ 10.7.18; Anders Fogh Rasmussen, SZ 11.7.18)

 

 

2064: Ralf Fücks (Grüne): Zuversicht

Dienstag, Juli 10th, 2018

Angesichts der Bedrohungsszenarien

Atomtod, Waldsterben, Gentechnik und Flüchtlinge

geht in Deutschland verstärkt die Angst um. Der Leiter des Zentrums liberale Moderne bei den Grünen, Ralf Fücks, 66, der vorher Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung war, sieht Gründe für mehr politische und gesellschaftliche Zuversicht. In der SZ (10.7.18) schreibt er:

„Dabei haben wir gute Gründe, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Die demokratischen Institutionen von heute sind viel robuster als in der Weimarer Republik, und die Demokratie ist viel tiefer in der Gesellschaft verankert. Wir müssen angesichts der AfD nicht in Faschismus-Panik verfallen. Das gilt auch für die wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Deutschland verfügt über ein großes wissenschaftliches und industrielles Potential, einen starken Mittelstand, eine gut ausgebaute Infrastruktur. Trotz des nachlassenden Elans der Politik sind wir einer der Vorreiter für umweltfreundliche Technologien. Die Staatsfinanzen lassen viel Spielraum für Zukunftsinvestitionen. Neben den Leuchttürmen Berlin, München und Hamburg gibt es eine Vielzahl attraktiver Städte, die junge Menschen aus aller Welt anziehen. Wenn wir uns nicht selbst im Weg stehen, haben wir alle Voraussetzungen, auch künftig ein erfolgreiches Land zu sein.“

2063: CSU verliert.

Dienstag, Juli 10th, 2018

Nach dem am 9.7.2018 veröffentlichten Trendbarometer von RTL/n-tv verliert die CSU in Bayern. Sie liegt bei 38 Prozent. Bei der Landtagswahl 2013 hatte sie noch 47,7 Prozent. Die weitere Reihenfolge:

Grüne 15 %, AfD 14 %, SPD 12 %, freie Wähler 8 %, FDP 6 %, Linke 3 %.

Nach Meinung des Forsa-Chefs Manfred Güllner hat die CSU ihre Position durch den Streit mit der CDU geschwächt. „In der Tat treibt die CSU der AfD neue Anhänger zu.“ (SZ, Reuters 10.7.18).

2060: Widerstand gegen Beirat des HU-Islam-Instituts

Sonntag, Juli 8th, 2018

In den Beirat des neuen Islam-Instituts der Humboldt-Univerität Berlin sind nur Vertreter von konservativen – und Scharia-Islamverbänden berufen worden. Die Studentenvertreter im akademischen Senat haben dagegen ein Gruppenveto eingelegt. Das Studentenparlament beschloss einstimmig, dass es kein Islam-Institut geben solle. „Ein Institut, an dessen Gründung reaktionär-konservative Islamverbände beteiligt sind, in diesem Fall sogar ausschließlich, ist inakzeptabel …“ Besonders gelte dies für eine Universität, die sich mit ihrem Leitbild „gegen jede Form von Diskriminierung, Intoleranz und kulturelle Selbstüberhöhung“ wendet und für die eine „Gleichstellung von Frauen und Männern in Wissenschaft und Gesellschaft ein vorrangiges hochschulpolitisches Anliegen“ ist.

Der zuständige Politiker ist Berlins Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD).

Die bekannte Moschee-Gründerin Seyran Ates erinnert ihn daran, dass in diesem Beirat „Verbände am Tisch sitzen werden, die für ihre Arbeit gegen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung vom Verfassungsschutz beobachtet werden und die offen Antisemitismus in Deutschland verbreiten …“ (Regina Mönch, FAZ 7.7.18)