Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

2279: Francis Fukuyamas Begriff der „Leitkultur“

Dienstag, Februar 5th, 2019

Für seine These vom „Ende der Geschichte“ vor knapp 30 Jahren wurde Francis Fukuyama, geb. 1951, hauptsächlich verlacht. Sie besagte ja, dass sich die westliche liberale Demokratie endgültig durchgesetzt habe. Besonders verachtet wurde Fukuyamas These bei den Linken, die gar nicht wollen, dass die liberale Demokratie siegt. Sie sehen in ihr einen kapitalistischen Repressionsstaat. Aber spätestens mit Putins Annektion der Krim 2014 ist Fukuyamas These endgültig ad absurdum geführt.

Nun hat Fukuyama ein neues Buch vorgelegt, von dem ich annehme, dass es auf genau so viel Widerstand trifft wie „Das Ende der Geschichte“:

„Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet.“ (Hoffmann und Campe), 240 Seiten, 22 Euro.

Ich verwende für meine Analyse einmal einen Beitrag von Marc Reichwein (Literarische Welt 2.2.19), zweitens ein Interview von Gregor Quack mit Francis Fukuyama (FAS 3.2.19) und fasse meine Argumente in 13 Punkten zusammen:

1. Nach eigenem Bekunden hat Fukuyama seine Meinung aus zwei Gründen geändert. a) Wegen des Irakkriegs der USA, der ihm gezeigt habe, dass man Demokratie nicht einfach militärisch installieren könne. b) Auf Grund der Finanzkrise von 2008, die belege, dass die Märkte sich nicht selbst zum Besten regulierten.

2. Diejenigen, die sich durch Identitätspolitik für Minderheiten (Schwarze, Frauen, Behinderte, Alleinerziehende, Homosexuelle, Flüchtlinge et alii) bedroht fühlten, täten das nicht in erster Linie aus ökonomischen, sondern aus kulturellen Gründen. Die Bedrohung komme nicht mehr von außen (Russland, China), sondern von innen.

3. Wir brauchten deswegen eine Leitkultur. Aber nicht im Sinne von Friedrich Merz 2000. Sondern im Sinne meines Göttinger Kollegen

Bassam Tibi.

Der hatte „Leitkultur“ als „Glauben an Gleichheit und demokratische Werte“ definiert.

4. Der von Rechtspopulisten gerne ins Feld geführte und von Plato entlehnte Begriff des „Thymos“ bedeute eigentlich den Wunsch nach Anerkennung und Respekt. In der aktuellen politischen Realität bedeute er ein Gefühl der Benachteiligung und der Rehabilitierung von Ressentiment, Wut und Zorn.

5. Begründet sei dieser Wunsch gegenwärtig durch die falsche linke Politik, die Interessen von Minderheiten in den Vordergrund zu schieben (so auch Mark Lilla).

6. Zugleich sei zu verzeichnen eine zunehmende sozioökonomische Ungleichheit im Westen.

7. Die Linke schätze dabei die Identität einzelner Gruppen gering wie die der weißen Europäer, der Christen und der Landbevölkerung.

8. Migration sei die größte Herausforderung.

9. „Bürger heutiger Gesellschaften verfügen über verschiedene Identitäten.“

10. Dem werde ein streng ideologisches Verständnis von Multikulturalismus nicht gerecht.

11. Die rechte Version von Identitätspolitik wolle die USA auf einen Stand von vor 1960 zurückfahren, wo ein „echter“ Amerikaner weiß war.

12. In vielen Gesellschaften sei traditionell das Militär die mächtigste Integrationsmaschine.

13. „Aktuell glaube ich, dass wir hier in den Vereinigten Staaten mehr Sozialdemokratie gebrauchen könnten.“

Kommentar W.S.: Fukuyamas Thesen werden enormen theoretischen Widerstand auf den Plan rufen.

2278: Marianne Birthler über ihre Karriere und die Ossis

Montag, Februar 4th, 2019

Marianne Birthler war bei der Vereinigung Deutschlands 40 Jahre alt. 1990 wurde sie Bildungsministerin in Brandenburg. 1992 trat sie wegen Stasi-Vorwürfen gegen Ministerpräsident Manfred Stolpe von ihrem Ministeramt zurück. Sie wurde Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, fühlte sich dort aber gemobbt. 2000 wurde sie Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, weshalb sie heute noch von vielen Ossis gehasst wird. 2016 wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Marianne Birthler zur Bundespräsidentin vorschlagen. Cerstin Gammelin und Alexander Hagelüken haben sie für die SZ (1.2.19) interviewt.

SZ: Frauen in der DDR arbeiteten öfter als im Westen, war das gut?

Birthler: Grundsätzlich ja. Aber die Belastung war enorm. Frauen übernahmen eine neue Rolle, wurden ihre alte aber nicht los; für den abgerissenen Knopf am Sakko ihres Mannes waren sie immer noch zuständig. Und es gab keine Spülmaschine, für vieles musste man anstehen. Meine Freundin hatte als Ärztin viele überanstrengte Frauen in ihrer Praxis.

SZ: Welche ihrer Hoffnungen aus der Wendezeit erfüllten sich?

Birthler: Der wichtigste Wunsch erfüllte sich: Ich selbst, meine Kinder und Enkel und meine Freunde leben in einem freien Land. Enttäuschend finde ich bis heute, dass viele ihre Freiheit nicht nutzen, weil sie Angst um ihre Karriere haben oder um den Listenplatz bei Wahlen oder aus Bequemlichkeit.

SZ: Von 2000 an leiteten Sie die Behörde für Stasi-Unterlagen. Was war ihr Ziel?

Birthler: Unter anderem, dass alle Einsicht in die Unterlagen bekommen, die das wünschen. Jede Einsicht ist eine Entscheidung gegen das Verschweigen, Verdrängen, Vergessen.

SZ: Deutschland erlebt einen Job-Boom, die AfD steigt trotzdem auf.

Birthler: Die AfD feiert ihre Erfolge weniger, weil die Menschen wirtschaftlich abgehängt sind. Eher fühlen sie sich von der Politik abgehängt. Sie verstehen Politik als Dienstleistung: Wir bezahlen euch, und ihr macht, was wir für richtig halten. Aber dann liefert die Politik nicht, was sie bestellen: Weil es andere Mehrheiten gibt, Gesetze, die Werte der Verfassung, Kompromisse, fairen Streit. Das erzeugt Frust. Im Grunde ist es Widerstand gegen die offene Gesellschaft.

SZ: Im Osten hat die AfD besonders Erfolg.

Birthler: Das hat auch mit jahrzehntelangem Leben in der Diktatur zu tun. Und mit der Zeit danach, dem Gefühl der Zweitklassigkeit gegenüber dem Westen.

2276: Eine neue Rüstungsdebatte kommt.

Montag, Februar 4th, 2019

Die Kündigung des INF-Vertrags durch die USA und Russland zieht eine neue Rüstungsdebatte nach sich. CDU/CSU und SPD in der großen Koalition sind heute bereits uneinig. Während SPD-Generalsekretär Klingbeil schrieb: „Neue Raketen in Europa. Nicht mit uns.“, sagte CDU-Generalsekrtär Paul Ziemiak: „Russlands Verletzung des INF-Vertrages darf am Ende des Tages nicht durch naive deutsche Außenpolitik belohnt werden.“

Russlands Potentat Wladimir Putin betonte in seiner gewohnt listigen Art, dass Russland Kurz- und Mittelstreckenrakten nur dann in Mitteleuropa stationieren werde, wenn die USA dies ebenfalls täten. Unterdessen schlugen der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter und der SPD-Mann Rolf Mützenich vor, dass Russland seine neuen Marschflugkörper so weit nach Osten verlagern solle, dass sie Europa nicht mehr erreichen können. Im Gegenzug sollten die USA eigene Abschussanlagen in Europa für russische Kontrollen öffnen (Jens Schneider, SZ 4.2.19).

Tatsächlich haben die USA und Russland den INF aufgekündigt, weil sie sich gegen Chinas Hochrüstung wappnen wollen.

Wer alt genug ist, sich an den Nato-Doppelbeschluss zu erinnern, sollte vor allem an dessen Folgen denken.

Interessant wird die Position der Grünen, die im Bund ja – zu Recht – in die Regierungsverantwortung streben. Ich erinnere mich noch genau an ihre Haltung zur Nato-Nachrüstung Anfang der achtziger Jahre.

2275: Singapurs Autopolitik

Sonntag, Februar 3rd, 2019

Singapur hat dem Individualverkehr den Kampf angesagt. Seit Jahren begrenzt die Verkehrsbehörde die Zahl der Autos auf den Straßen. Deshalb kommt es in Singapur wenigstens noch zu zähfließendem Verkehr statt zum Dauerstau wie in

Bangkok,

Jakarta oder

Manila.

Autofahren ist zum Luxus geworden, weil die Behörden alles dafür getan haben. Sie erheben exorbitante Importzölle, Zertifikats- und Straßengebühren. Allein die Autozulassung kostet zwischen 32.000 und 50.000 Euro. Das Wachstum bei Neuwagen wurde jahrelang auf 0,25 Prozent begrenzt. Letztes Jahr wagte Singapur einen radikalen Schnitt: die Wachstumsquote wurde auf null (0) Prozent beschränkt. Nur wenn ein altes Fahrzeug stillgelegt wird, gelangt ein neues Auto in Singapur auf die Straße (Till Fähnders, FAS 3.2.19).

2271: George Soros greift China an.

Samstag, Januar 26th, 2019

Auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos hat der Multimilliardär George Soros, der sich mit seiner Stiftung „Open Society Fund“ der „offenen Gesellschaft“ verschrieben hat, China scharf angegriffen. Die Welt müsse vor einer beispiellosen Gefahr gewarnt werden. Chinas Staatschef Xi Jinping sei „der gefährlichste Gegner all jener, die an das Konzept einer offenen Gesellschaft“ glauben. Der chinesische Überwachungsstaat werde „das Schicksal des Individuums auf beispiellose Weise den Interessen des Einparteienstaats unterordnen“. Dabei sei China bei weitem „nicht das einzige autoritäre Regime der Welt“.

Wir können und sollten uns George Soros anschließen.

Mit seinem Vermögen unterstützt Soros etwa „Transparency International“, „Human Rights Watch“ und das „Internationale Konsortium investigativer Journalismus“. Dadurch zieht er den Hass von Rechtspopulisten auf sich. Kürzlich wurde vor seinem Haus in New York erst von der Polizei eine Rohrbombe entschärft. Bei den USA pocht Soros auf die Unterscheidung zwischen dem Staat und dem Präsidenten Donald Trump. Aus Ungarn wurde Soros‘ Stiftung von Victor Orban vertrieben.

In seiner Heimatstadt Budapest hat Soros am 19. März 1944 die Besetzung durch die Deutschen erlebt. An dem Haus, in dem er leben musste, prangte ein riesiger gelber Stern. Als die Kommunisten 1947 die Macht in Ungarn an sich rissen, floh George Soros nach London. Er studierte an der London School of Economics. Danach verdiente er ein Riesenvermögen als Wertpapierhändler mit Börsenspekulationen in New York und London. Er ist der klassische Vertreter des Großkapitals. Und er tut sehr viel Gutes. Zu seiner Klientel zählen Roma, Lesben, Schwule, Flüchtlinge. Soros steht auf der richtigen Seite. Hauptsächlich ist seine Stiftung in Ostmitteleuropa und Osteuropa tätig (Ungarn, Polen, Tschechien). Dort unterstützt er Dissidentengruppen. Das dient den dortigen Zivilgesellschaften.

Einer von Soros‘ akademischen Lehrern war der Philosoph Karl Raimund Popper (1902-1994), der 1946 gerade sein bis heute wegweisendes Buch

„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“

geschrieben hatte. Popper, wie Soros ein Holocaust-Überlebender, wird von Faschisten, Kommunisten und Rechtspopulisten gehasst. Er hatte in Neuseeland den Zweiten Weltkrieg überstanden. Popper hat mit dem Totalitarismus und geschlossenen Weltbildern abgerechnet. Er gemahnt an die „Pflicht zur dauernden Selbstkritik, zu dauerndem Lernen, zu dauernden kleinen Verbesserungen unserer Urteile, unserer Theorien“. Sein Prinzip: „Trial and Error“.

(Thomas Zick, SZ 26./27.1.19; Holger Zschäpitz, Die Welt 26.1.19)

2262: Grüner Pragmatismus

Samstag, Januar 19th, 2019

„Pragmatismus und Verlässlichkeit zählten lange Zeit nicht direkt zu den Stärken grüner Politik. Inzwischen ist in dieser Partei der Wille zur Macht so groß, dass sie in neun Bundesländern mitregiert, und das in sieben verschiedenen Koalitionsmodellen. In den beiden Bündnissen mit den Schwarzen wirken die Grünen geradezu als Hort der Stabilität, in Baden-Württemberg wie in Hessen, wo es ihnen gelang, die bei der Landtagswahl stark geschrumpfte CDU bei Laune zu halten. Die eine Stimme Mehrheit genügte nun, um Volker Bouffier erneut zum Ministerpräsidenten zu wählen – für die Grünen ein Etappensieg auf dem Weg zur Regierungsbeteiligung in Berlin.“ (Josef Kelnberger, SZ 19.1.19)

2261: 14 Personen spenden der AfD 130.000 Euro.

Samstag, Januar 19th, 2019

14 Personen haben in 17 Tranchen dem AfD-Kreisverband Bodensee von Alice Weidel 130.000 Euro gespendet. Das geht aus dem Rechenschaftsbericht der Partei für 2017 hervor. Das Geld sei im Frühjahr 2018 zurückgezahlt worden. Bei den 14 Personen handele es sich um EU-Bürger, die meisten davon Deutsche. Der Bundestagsverwaltung seien die Identitäten und Einzelbeiträge mitgeteilt worden. Ein Sprecher Alice Weidels hatte der FAZ gesagt, dass ein Teil des Geldes für einen Medienanwalt verwendet worden sei.

Es kommt nun anscheinend darauf an, ob die Zuwendungen aus der Schweiz 2018 „unverzüglich“ an die Absender zurückgeleitet worden sind. Falls nicht, handelt es sich doch um eine Spende, die aber im Jahresbericht 2017 nicht als solche bezeichnet worden ist (FAZ 19.1.19).

2254: Rosa Luxemburg – weithin missverstanden

Sonntag, Januar 13th, 2019

Rosa Luxemburg (geb. 1871) wurde am 15. Januar 1919 (mit Karl Liebknecht) von Angehörigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division in Berlin ermordet. Damit war eine der größten Hoffnungen der deutschen Kommunisten beseitigt. Später wurde ihre Leiche im Landwehrkanal gefunden. Rosa Luxemburg gehörte zur Linken innerhalb der SPD. Sie kämpfte für Massenstreiks, gegen das Militär und für den „proletarischen Internationalismus“. Später sollte sie den Kriegskrediten nicht zustimmen. Sie gründete den Spartakusbund und die KPD (30.12.1918) mit. Rosa Luxemburg bejahte die Oktoberrevolution, lehnte aber die Parteidiktatur Lenins und der Bolschewiki ab („Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“).

In Deutschland saß die zarte Frau, die nach einer Fehloperation als Kind hinkte, häufig im Gefängnis. Auf Männer hatte sie eine beträchtliche Wirkung. Sie sprach Polnisch, Jiddisch, Russisch, Französisch und Deutsch. Als Freundin und Brieffreundin war sie eine sehr menschliche, warmherzige und empathische Person. Sie war Dozentin an der Parteischule der SPD. Zur deutschen „Revolution“ kam sie aus dem Gefängnis am 10. November 1918 einen Tag zu spät. Gemeinsam mit ihrem rhetorisch ebenfalls sehr fähigen Mitstreiter Karl Liebknecht verfügte sie kaum über eine breite „Massenbasis“. Derweil paktierten die Sozialdemokraten unter Friedrich Ebert und Gustav Noske mit Freikorps und der Reichswehr.

Die 68er in Deutschland hatten ein schwärmerisches, beinahe romantisches Verhältnis zu Luxemburg. Ihre zentralen Schriften, die heute nicht mehr so bedeutsam sind („Reform oder Revolution?“ 1899; „Die Akkumulation des Kapitals“ 1913 und „Die russische Revolution“ erschienen erst 1922), waren dort kaum bekannt oder wurden als Handlungsanweisungen für Bürgerkinder missverstanden.

Die Linken legen an Luxemburgs Todestag, dem 15. Januar, stets rote Nelken am Denkmal ihrer Heldin nieder. Das war auch schon in der DDR der Fall. Dort war Rosa Luxemburgs Denken tatsächlich bei der SED verpönt. Als im Januar 1988 einige der Rosa Luxemburgs Gedenkenden ihren Satz von der Freiheit des Andersdenkenden skandierten, wurden sie verhaftet. „Für Rosas rote Demokratie war in der DDR kein Platz.“

Als politische Kronzeugin taugt Rosa Luxemburg heute kaum noch. Dazu haben sich die Zeiten seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts zu stark verändert. Ob aber Elke Schmitter recht hat, ist fraglich: „Das heutige Beharren auf Benachteiligung, ob wegen Geburt oder Geschlecht, Status oder Religion, hätte sie nur gelangweilt.“

„Rosa Luxemburg war keine Demokratin im Sinne des Grundgesetzes. Sie verfasste Wuttiraden gegen die Nationalversammlung, den Parlamentarismus, das Prinzip der Mehrheitsbeschlüsse. Sie wollte Revolution – und zwar keine friedliche mit Lichterketten; sie hielt Gewalt für legitim, wenn sie dem Ziel der neuen Gesellschaft dienlich war.“

In ihrer polnischen Heimat war Rosa Luxemburg kaum beliebt, weil sie entgegen dem Gefühl vieler Polen einen polnischen Nationalstaat für nicht so wichtig hielt. Das PIS-Regime hat den Gedenkstein für sie an ihrem Geburtshaus in Zamosc 2018 abnehmen lassen (Joachim Käppner, SZ 12./13.1.19; Marc Reichwein, Literarische Welt 12.1.19).

2252: Habecks Fehler

Freitag, Januar 11th, 2019

Robert Habeck (Grüne) hat in zwei eilig gedrehten Videos sowohl Bayern als auch Thüringen als nicht demokratisch bezeichnet. Das war sein erster Fehler. Sein zweiter: nach dem Hacking durch einen Schüler aus Homberg/Ohm hat Habeck seinen Twitter- und seinen Facebook-Account gekündigt. Die Dienste führten unvermeidlich zur Zuspitzung und hätten auch seinen Stil beschädigt. Aber: Zurückziehen ist keine Lösung. Damit überlassen wir die sozialen Medien den Rechtspopulisten. Wird Robert Habeck eigentlich von niemand beraten?

Wir haben es hier – im Netz – mit einem Lehrstück mit der fatalen Neigung zur Sofort-Skandalisierung und furioser Mitleidlosigkeit zu tun. „Nur wer rund um die Uhr auf Sendung ist, erfüllt die Anforderungen der neuen Zeit. Aber wer mal danebenliegt, den machen wir so richtig fertig!“ Nun seien „die persönlichsten Gespräche zwischen mir und meiner Familie“ auf den „Rechnern der deutschen Tageszeitungen“, meinte Robert Habeck.

Aber, im Ernst, wer geht bei dieser gesellschaftlichen Lage noch in die Politik? Und ist der Anspruch fortwährender Kommunikationsbereitschaft tatsächlich sinnvoll? Wird er nicht unvermeidlich zur Falle? Das gegenwärtige Mediensystem züchtet den „kleinmütigen, visionsfeindlichen, sich hinter Phrasen verschanzenden Angstpolitiker“, den es dann verachtet. Das Bedürfnis nach Lichtgestalten und Erlöserfiguren (zeitweise z.B. Martin Schulz oder Friedrich Merz) prallt auf das Bedürfnis nach Nahbarkeit und die Lust an der Demontage.

Bernhard Pörksen schreibt dazu: „Wir sind auf die aktuell laufende Medienrevolution und das Verschwimmen der Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem normativ nicht vorbereitet. Wir diskutiueren über Einzelfälle, über irrelevante Ausrutscher, aber übersehen die großen Fragen. … Welches Maß an Fehlertoleranz und Relevanzgespür müsste eine Gesellschaft trainieren, die in dieser Weise Transparenz und Nahbarkeit verlangt? … Es ist an der Zeit, dass wir endlich darüber streiten. Natürlich auf Twitter und Facebook, aber am besten überall.“ (Bernhard Pörksen, SZ 11.1.19)

2250: Die deutschen Massenmedien berichteten über Flüchtlinge überwiegend korrekt.

Donnerstag, Januar 10th, 2019

Die deutschen Massenmedien berichteten über die Flüchtlinge 2015 und 2016 überwiegend korrekt. Das ist das Ergebnis der Studie

„Auf den Spuren der Lügenpresse“,

die in Mainz unter der Leitung von Prof. Dr. Marcus Maurer angestellt worden ist. Dazu wurden insgesamt 5000 Artikel und Fernsehbeiträge in der

„Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ),

der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ,

der „Bild“-Zeitung,

von „Tagesschau“,

„Heute“ und

„RTL Aktuell“

untersucht. Der Vergleich der Medienbeiträge mit statistischen Informationen über Zuwanderer aus dem Zeitraum 2015/16 ergab, dass die untersuchten Zeitungen und Sendungen entgegen häufiger Vorwürfe Fakten nicht falsch darstellten.

Die Kriminalität durch Zuwanderer war medial vor den Vorfällen in der Silvesternacht 2015 in Köln unterrepräsentiert – später überrepräsentiert. Außerdem wurden schwere Verbrechen wie Gewaltdelikte und Sexualstraftaten durch Migranten überproportional häufig thematisiert. Die Studie hat sich auch mit der „Ausgewogenheit“ der Berichterstattung beschäftigt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese sich stets nur auf ein Gesamtprogramm beziehen kann. Denn wenn etwa über Kriminalität von Zuwanderern berichtet wird, kann dies ja nicht dadurch „ausgewogen“ werden, dass dann zugleich gemeldet wird, es gäbe aber auch nicht-kriminelle Zuwanderung. Nach dem Silvester 2015 wurde die Berichterstattung über Flüchtlinge immer negativer. „Lügenpresse“-Vorwürfe sind nicht haltbar (Aurelie von Blazekovic, SZ 10.1.19).