Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

2319: Es gibt keine linke Mehrheit im Bundestag.

Mittwoch, März 13th, 2019

Bei der Bundestagswahl 2013 hatten die Linken eine knappe Mehrheit. Aber nur, weil der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Peer Steinbrück eine Koalition mit den Linken (der Partei) ausgeschlossen hatte. So kriegte die SPD 25,7 Prozent, sonst hätte sie weniger bekommen. 2017 schloss Martin Schulz ein Linksbündnis nicht aus, da kriegte Rot-Rot-Grün schon keine Mehrheit mehr. Beide Politiker sind inzwischen vergessen.

Der Rückzug Sahra Wagenknechts, den wir persönlich bedauern mögen, macht uns klar, dass ein Linksbündnis gegenwärtig keine Mehrheit hat. Nicht im Parlament und nicht in den Umfragen. Das ist sehr gut so. Denn was wir brauchen, ist eine Bundesregierung, die die Verwerfungen im Westen (NATO, EU) hauptsächlich wegen der Politik der USA gemeinsam mit anderen überwindet. Dazu können wir keine Europa-Gegner, ökologischen Illusionisten und Putin-Freunde gebrauchen.

Die Linken können zur Zeit nicht von den hohen Verlusten anderer profitieren. Protestwähler ziehen trotz deren Parteispendenaffäre zur AfD. Gute Nacht! Die SPD steht sich selbst im Weg, weil sie nicht nur in der Regierung ist, sondern zugleich eine Oppositionsrolle spielen will. Das klappt nicht. Mit dem Rückzug Sahra Wagenknechts haben die SPD und die Linke die Ausrede verloren für die mangelnde Anziehungskraft der gesamten Linken (Nico Fried, SZ 13.3.19).

Bei der nächsten Bundestagswahl wird mit entscheidend werden, wer mehr Stimmen bekommt, die SPD oder die Grünen. Dann sehen wir weiter.

2317: „Aufstehen“ ohne Wagenknecht

Sonntag, März 10th, 2019

Die Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht hat angekündigt, sich aus der Führung der von ihr gegründeten Bewegung „Aufstehen“ zu verabschieden. „Die Parteipolitiker sollten sich zurücknehmen, das betrifft auch mich selbst. Sie waren mit ihren Erfahrungen anfangs notwendig. Aber jetzt ist es richtig, Verantwortung abzugeben.“ Frau Wagenknecht gab an, dass sie sehen müsse, welches Arbeitspensum von ihr zu schaffen sei. In den letzten beiden Monaten war sie krank. Die hochgebildete Politikerin, die politisch so schief gewickelt ist (W.S.), kann über Goethe schreiben, wie derzeit niemand sonst. Sie hatte sich anscheinend übernommen.

Wagenknecht gestand zwei Fehleinschätzungen ein. Einmal hätten Linke und SPD sich „eingemauert“. Andererseits hätte sie die Schwierigkeiten unterschätzt, auf rein ehrenamtlicher Basis solide Strukturen für viele Menschen zu schaffen und die dann auf die Straße zu bringen. An dem Ziel, Mehrheiten zu organisieren, die nun mal im Bundestag nicht gegeben seien, müsse die Bewegung festhalten.

Lydia Rosenfelder meint, dass Wagenknechts Rückzug ein Zeichen dafür sei, dass von „Aufstehen“ nichts mehr zu erwarten sei. Allerdings habe Wagenknechts krankheitsbedingtes Fehlen in der Linken-Fraktion zu großer Entspannung geführt (Lydia Rosenfelder, FAS 10.3.19). Wagenknecht betonte: „Unser Europaprogramm ist ein ausgewogener Kompromiss, mit dem ich leben kann. Wir kritisieren die Europäische Union, gleichzeitig wollen wir natürlich nicht zum Nationalismus in Europa zurück.“ (Ralph Bollmann, FAS 10.3.19)

2316: Ultraorthodoxe bespucken Frauen.

Samstag, März 9th, 2019

Tausende ultraorthodoxer Juden haben am Freitag eine Gruppe von Frauen bespuckt und bedrängt, die an der Klagemauer zu beten versuchte. Die Vereinigung „Frauen der Mauer“ verlangt, dort mit gleichen Gebetsrechten und in gleicher Art und Weise wie Männer beten zu können. Die Frauen trugen religiöse Bekleidung, die für viele Ultraorthodoxe Männern vorbehalten ist. Die Jerusalemer Polizei warf den Frauen eine „gezielte Provokation“ vor. Die Frauen wiesen dies als „Lüge“ zurück. Auf Druck ultraorthodoxer Parteien hatte die Regierung vor zwei Jahren Pläne für den Bau eines gemeinsamen Gebetsbereichs an der Klagemauer zurückgestellt (stah, FAZ 9.3.19).

2313: Restitution kolonialer Raubkunst

Mittwoch, März 6th, 2019

Bénédicte Savoy ist Kunsthistorikerin. Sie forscht und lehrt an der TU Berlin und am Collège de France. Gemeinsam mit Felwine Sarr hat sie Präsident Macron umfassend wissenschaftlich berichtet über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. Seither hat sich der Streit über die Restitution verschärft. Savoy berichtet in der SZ (4.3.19) darüber, dass es von 1978 bis 1982 schon eine Restitutions-Debatte gegeben hat, die aber im Sande verlief.

1. 1978 bis 1982 wurde schon über die Restitution kolonialer Raubkunst gestritten.

2. Pierre Quoniam, der Generalinspektor der staatlichen Museen in Frankreich, der 1972 bis 1978 Direktor des Louvre gewesen war, plädierte für eine geordnete Rückgabe.

3. Der damalige Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, Stephan Waetzoldt, meinte dagegen, es sei „unverantwortlich, dem Nationalismus der Entwicklungsländer nachzugeben“.

4. 1982 sprach sich die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, Hildegard Hamm-Brücher (FDP), für „Großzügigkeit bei der Rückgabe von Kulturgütern“ aus.

5. Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens legte das Museum für Völkerkunde in Berlin 1973 eine Geschichte seiner Bestände vor. 30.000 afrikanische Artefakte waren im Zweiten Weltrkrieg verloren gegangen.

6. Am 1. Oktober 1982, anlässlich des Misstrauensvotums gegen Helmut Schmidt (SPD), hielt Hildegard Hamm-Brücher im Bundestag eine Rede, in der vom Vertrauensverlust der Politik die Rede war. Das war der Eintritt in unsere Gegenwart.

7. Der hochgelobte französische Kulturminister Jack Lang sah sich nur zu gewundenen Ausreden in der Restitutionsfrage in der Lage.

8. Anscheinend hat es eine starke Lobby- und Verhinderungsarbeit gegen die Restitution gegeben, die sich insgeheim vollzog.

9. Selbst Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sagte noch 2017: „Die Provenienz völkerkundlicher Bestände ist ein relativ neues Thema.“

10. Die Wucht, mit der das Thema Restitution viele europäische Gesellschaften erschüttert, ist die Wucht eines Bumerangs bei der Rückkehr an seinen Ursprungsort.

Nachbemerkung W.S.: Es gibt keine tragfähigen Argumente gegen die Restitution.

2312: H. A. Winkler: Zur Geschichte der SPD

Montag, März 4th, 2019

Gegenwärtig wird viel darüber nachgedacht, wie es zu der Misere kommen konnte, in der sich die SPD befindet. Matthias Geis und Bernd Ulrich (Die Zeit, 14.2.19) hatten den Hang der SPD zur Anpassung an die herrschenden Verhältnisse genannt. Und die Bewilligung der Kriegskredite 1914 sowie die Niederschlagung der Revolution 1918. Prof. Dr. Heinrich August Winkler (geb. 1938) hat dem widersprochen (Die Zeit, 21.2.19). Er ist einer der besten Kenner der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Seine „Geschichte des Westens. Vier Bände. 2009-2015.“ ist ein Standardwerk. Ich fasse Winklers Argumente in zehn Thesen zusammen:

1. 1914 kam es für die SPD nicht in Frage, gegen die Kriegskredite zu stimmen, weil dadurch einem Vormarsch russischer Truppen Vorschub geleistet worden wäre.

2. 1918 war die SPD mehrheitlich anderer Meinung als Rosa Luxemburg, die den Gedanken, „den Sozialismus ohne Klassenkampf, durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluss einführen zu können“, für eine „lächerliche, kleinbürgerliche Illusion“ hielt.

3. Die Bereitschaft zum Klassenkompromiss 1918 hat die Zusammenarbeit der gemäßigten Kräfte in der Arbeiterschaft und im Bürgertum in der „Weimarer Koalition“ ermöglicht.

4. Die Spaltung der Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg war einerseits eine schwere Belastung der weiteren Geschichte und andererseits eine Vorbedingung für die Republik von Weimar.

5. Die Sozialdemokraten haben möglicherweise die erste deutsche Demokratie zu wenig befestigt, sie haben aber gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und ihre Parolen „Alle Macht den Räten“ und „Diktatur des Proletariats“ eine schnelle Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung durchgesetzt.

6. Hätte die SPD der linksradikalen Minderheit der Berliner Arbeiterschaft nicht Einhalt geboten, wären die Deutschen um die Ausübung ihres politischen Selbstbestimmungsrechts gebracht worden.

7. Der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler, Gerhard Schröder, hat mit der Agenda 2010 die Wirtschaft in Schwung gebracht und seiner Partei die Krise beschert.

8. Die Agenda 2010 kann verbessert werden. 2003 scheiterte die Einführung eines Mindestlohns noch am Widerstand mehrerer Gewerkschaften.

9. Die SPD muss mit den Themen Migration und Integration ehrlich umgehen.

10. Wahlerfolge haben die Sozialdemokraten immer dann errungen, wenn es ihnen gelang, mit ihren Forderungen bis in die politische Mitte vorzustoßen.

Nachbemerkung W. S.: Nach 1945 hatten wir in Deutschland ja beide Modelle, das „linke“ = DDR, und das „rechte“ = Bundesrepublik.

2311: Arnulf Baring gestorben

Montag, März 4th, 2019

Er mischte sich ein und hat noch in mancher Fernseh-Talkshow für Aufregung gesorgt, weil er das untrügliche Gespür dafür hatte, womit man Aufmerksamkeit erregt: Arnulf Baring, geb. 1932. 1945 begriff er für Deutschland als Chance. Er hatte den Luftangriff auf Dresden und den Einmarsch der Roten Armee in Berlin erlebt. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft und hatte seine Anfänge im Journalismus (unter der Ägide von Walter Dirks). Nach einer rechtswissenschaftlichen Promotion entfaltete sich seine Karriere an der Freien Universität Berlin bei den Historikern.

Er beschrieb die Ära Adenauer, war aber ein Fan von Willy Brandt. Der mit Manfred Görtemaker verfasste „Machtwechsel“ kennzeichnete das Ende der Ära Brandt/Scheel. Baring entfernte sich immer mehr von der SPD und verließ sie. Wissenschaftliche Theorien und Methoden interessierten ihn nur begrenzt. Der gelernte Journalist hatte ein Auge für Menschen, repräsentative Details und bezeichnende Anekdoten. Seine Mitarbeiter und Studenten animierte er zum intellektuellen Austausch. Manchmal hat er sich unbeliebt gemacht. Nach dem Mauerfall prangerte er die Folgewirkungen von vierzig Jahren SED-Diktatur an. Das nahmen ihm viele als Missachtung von DDR-Biografien übel. Mit ihm war nicht gut Kirschen essen. Schließlich verteidigte er sogar Thilo Sarrazin (Dominik Geppert, SZ 4.3.19).

2308: Künstliche Intelligenz (KI) im Journalismus

Freitag, März 1st, 2019

John Micklethwait ist seit 2015 Chef beim Wirtschaftsnachrichtendienst „Bloomberg News“. Er hat sich dort als Pionier bei der Anwendung künstlicher Intelligen (KI) profiliert. Andrian Kreye hat ihn für die SZ interviewt (2./3.2.19).

SZ: Wird das den Journalismus auch inhaltlich verändern?

Micklethwait: Es wird sicherlich neue Arten geben zu berichten. Im Sport fasziniert mich das unendlich. Da kann man das jetzt schon beobachten. Bei der Übertragung von Fußballspielen sehen Sie jetzt schon am unteren Bildschirmrand diese ganzen Informationen, nicht nur den Ballbesitz, sondern auch die Zahl der Eckstöße, der Fouls, wie oft jemand einen Pass gespielt hat und wie oft das Erfolg hatte. Kein Mensch hätte die Zeit oder die Geduld, das alles mitzuzählen. Aber für die Zuschauer ist das sehr aufschlussreich. Und so richtig interessant wird es in Zukunft, wenn Sie mithilfe von KI Nachrichten personalisieren. Wenn die Verlage nicht nur dort Angebote machen, wo jemand lebt, sondern auch wissen, welche Interessen er hat, welche Mannschaft er mag, welche Aktien er besitzt et cetera.

SZ: Imitieren Sie da nicht soziale Medien? Schaffen Sie da nicht neue Filterblasen?

Micklethwait: Man braucht sicher eine Mischung. Für Zeitschriften ginge das auch nicht. Aber für Tageszeitungen geht es bis zu einem gewissen Grad. Vor allem für die Ausgaben auf mobilen Endgeräten. Da beginnen Sie mit allgemeinen Nachrichten aus Deutschland und der Welt, dann folgen die persönlich zugeschnittenen Berichte. Und dann mischen Sie noch Zufallsentdeckungen dazu. Es wird immer Geschichten geben, die Leute interessieren, obwohl sie vorher noch gar nicht wissen, dass sie sie interessieren. Letztlich vertrauen Leser und Nutzer einem Medium auch deshalb, weil sie der Redaktion vertrauen. Daran werden KI-gesteuerte Werkzeuge nichts ändern.

SZ: Funktioniert KI denn außerhalb eines begrenzten, messbaren Themenkreises? Bei Wirtschafts- und Sportergebnissen oder bei Wahlergebnissen gibt es eindeutige Daten, die man auswerten kann. Aber was ist mit der Berichterstattung über Konflikte? Oder über Kultur? Da gibt es selten Zahlen, die in ein Raster passen.

Micklethwait: Klar, das ist schwieriger. Aber auch da kann KI helfen. Nehmen Sie einen Reporter, der aus Aleppo berichtet. Das kann kein Computer ersetzen. Aber man könnte sich vorstellen, dass ihn KI-gesteuerte Drohnen unterstützen. Oder ein Kunstkritiker. Den kann eine KI darauf hinweisen, dass es in Japan eine Künstlerin gibt, die gerade enorm viel Aufmerksamkeit in sozialen Medien bekommt. Letztendlich wird es immer ein Mensch sein, der entscheidet, was interessant und relevant ist. Daran wird sich nichts ändern. Aber die Qualität des Journalismus wird steigen. Erinnern Sie sich noch an die Frühzeiten des Internets? Als man glaubte, man müsse die Regeln und ethischen Standards des Journalismus überarbeiten? So kam es dann aber nicht. Die virtuelle Welt und das echte Leben unterscheiden sich zwar, aber es gelten in beiden dieselben Regeln, was Privatsphäre und Qualitätsstandards betrifft. Je besser der Journalismus wird, desto besser kann man ihn auch verkaufen.

SZ: Das klingt erfrischend optimistisch für den Vertreter einer Branche, die in den vergangenen Jahren die digitale Welt sehr pessimistisch betrachtete.

Micklethwait: Es war sicherlich der schwerwiegendste Fehler, dass Medien in der Aufbruchstimmung der Digitalisierung ihre Inhalte verschenkt haben. Das hat anderen erlaubt, Angebote aufzubauen, die dem Journalismus finanziell geschadet haben. Aber wenn man sich heute in der Welt umschaut, verlangen viele doch wieder Geld und verdienen auch mit Journalismus. Jeff Bezos hat die „Washington Post“ ja ursprünglich gekauft, um die Politiker in Washington zur Verantwortung zu ziehen. Aber dann hat er die Redaktion besucht und innerhalb von einem Tag erkannt, dass man mit einer Zeitung sehr wohl Geld verdienen kann. Als erstes hat er dann mal eine Paywall einbauen lassen.

SZ: Sind das bei der „Washington Post“ und der „New York Times“ nicht vor allem Krisengewinne, weil die Ära Trump ihnen viele Leser gebracht hat?

Micklethwait: Nicht unbedingt. Ich glaube ja eher, dass die Leute Themen wie Brexit oder Trump langsam satthaben. Aber das Verhalten ändert sich gerade. Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die aufs College gehen, die reisen, die Jobs haben, die auf Ideen und Analysen angewiesen sind. Solche Jobs der Wissensgesellschaft nehmen stetig zu. Und woher bekommen sie ihr Wissen? Aus Büchern oder aus dem Journalismus. Und Journalismus ist immer noch ziemlich billig. Die meisten Formen des Journalismus bekommen Sie für den Preis einer Tasse Capuccino. Dazu kommt, dass sich eine junge Generation an das digitale Abo-Modell gewöhnt. Die abonnieren Netflix und andere Dienste auf ihrem Telefon. Und deswegen werden sie auch für Informationen und Analysen bezahlen. Ich glaube nicht, dass alle Formen des Journalismus überleben werden. Aber für Qualitätsjournalismus gibt es immer noch eine Zukunft.

2305: Brumlik: Göttinger Friedenspreis angemessen vergeben

Donnerstag, Februar 28th, 2019

Der ehemalige Leiter des Fritz-Bauer-Instituts und „taz“-Kolumnist Micha Brumlik, der in Heildelberg und Frankfurt an der Universität Pädagogik gelehrt hat, findet die Vergabe des Göttinger Friedenspreises (durch die Stiftung Roland Röhl) an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ angemessen. Zwar unterstütze sie die Israel-Boykott-Bewegung BDS („Boycott, Divestment an Sanctions“) in Menschenrechtsfragen, was an den „Judenboykott“ von 1933 erinnere, aber sie stelle die Existenz Israels nicht in Frage. BDS wird durchaus kritisch bewertet (vgl. Thorsten Schmitz, SZ 28.1.19). Außerdem werde nicht der BDS ausgezeichnet, sondern die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“, so Brumlik.

Micha Brumlik versteht nicht, wie liberale Personen wie die Göttinger Universitätspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Beisiegel und der Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler ihre Unterstützung der Preisverleihung zurückziehen können. Ob die Forderung nach einem gerechten Frieden zwischen Juden und Palästinensern bereits als antisemitisch gelte? Der Zentralrat der Juden in Deutschland und einige FDP-Politiker hatten gegen die Preisverleihung protestiert. Die Preis-Jury unter ihrem Vorsitzenden Andreas Zumach, einem Genfer Korrespondenten, der selbst den Preis 2009 erhalten hatte, hatte an ihrer Entscheidung festgehalten.

Brumlik: Blieben Stadt und Universität bei ihrer Meinung, „stünde fest, dass sie sich vom niedersächsischen  Göttingen aus in den israelischen Wahlkampf einmischen – zugunsten des amtierenden Premiers Benjamin Netanjahu und seiner Verbündeten. Das kann nicht im Sinne von Stadt und Universität sein.“ (taz 25.2.19)

2304: „Friedrich der Große“ – ein Schwuler

Mittwoch, Februar 27th, 2019

Wer es wissen wollte, wusste es. Friedrich II. von Preußen (1712-1786), genannt „der Große“, war homosexuell. In der Wissenschaft ist das kein Geheimnis. Aber der Mythos des „alten Fritzen“ lässt bis heute noch kein freies Räsonieren darüber zu. Das könnte sich ändern durch

Timothy C.W. Blanning: Friedrich der Große. König von Preußen. München (C.H. Beck) 2019, 718 S.; 34 Euro.

Zeit seines Lebens war Friedrich II. bedacht auf die Emanzipation von seinem Vater, dem bigotten und brutalen „Soldatenkönig“ (Friedrich Wilhelm I., 1688-1740). Friedrichs Militarismus und seine Kriegstreiberei lassen sich so erklären. Dadurch hat er unendliches Leid über Preußen gebracht.

Friedrich entledigte sich nach dem Tod seines Vaters sehr schnell seiner Ehefrau. Der exklusiv männliche Freundeskreis in Sanssouci kultivierte eine teils künstlerisch überhöhte, teils derbe und zotige Homoerotik. Das war keine politische Nebensache. Und was uns heute selbstverständlich ist (LGBTTI), musste damals in der höfischen Kultur der Libertinage, durch große Flexibilität und absichtsvolle Uneindeutigkeit versteckt werden. Friedrich II. legte Wert auf seinen Ruf als Feldherr. Als Bündnispartner war er unzuverlässig. Dass er in der Geschichte als Sieger erscheinen konnte, ist auf drei Faktoren gegründet. 1. die Stärke der eigenen Armee, 2. die mangelhafte Koordination der Gegner, 3. seinen rücksichtslosen Durchhaltewillen.

Er hatte das Glück, zwanzig Jahre vor dem Untergang des eigenen Systems bei Jena und Auerstedt zu sterben (Barabara Stollberg- Rilinger, Die Zeit 7.2.19).

2301: Der Zustand der Bundeswehr ist trostlos.

Montag, Februar 25th, 2019

1. Am Anfang des Jahres hat der Wehrbeauftragte der Bundeswehr, Hans-Peter Bartels (SPD), seinen Bericht abgegeben. Der Zustand der Bundeswehr ist trostlos.

2. Der Verteidigungsetat beträgt 43,2 Milliarden Euro pro Jahr.

3. Es mangelt an der persönlichen Ausstattung der Soldaten. Es fehlen etwa Helme, Stiefel, Schutzwesten, Fliegerkombis, Ganzjahresjacken, Pullover, Schirmmützen. So ist die geplante „Vollausstattung“ bis 2031 nicht zu schaffen.

4. Die Flugbereitschaft, die den Regierungs- und Staatsflugbetrieb abwickelt, ist nicht voll einsatzbereit.

5. Viele Soldatinnen und Soldaten, die ihren Dienst hauptsächlich im Sitzen ausüben, arbeiten auf Stühlen, die Rückenbeschwerden verursachen.

6. Bartels sieht das Hauptübel im „Bürokratielabyrinth“. „Wir verwalten uns zu Tode.“

7. Beide Tanker der Bundesmarine fallen mit Motorschäden aus.

8. Die U-Boote sind nicht voll einsatzbereit.

9. Das Desaster bei der Reparatur der „Gorch Fock“ ist symptomatisch. Dort hat sich der Preis von zehn auf 135 Millionen Euro verdreizehnfacht.

10. Im Berichtsjahr 2018 haben sich 2.534 Soldatinnen und Soldaten mit persönlichen Eingaben an den Wehrbeauftragten gewandt.

11. Es hat 170 meldepflichtige Ereignisse gegeben wie Rassismus und Hakenkreuzschmierereien.

12. 18 Soldatinnen und Soldaten sind wegen rechtsextremistischer Einstellung aus der Armee entlassen worden.

13. Die Zahl der Meldungen wegen sexueller Belästigung sind deutlich gestiegen.

14. Ein Gefreiter, der sich zu einer betrunkenen, schlafenden Soldatin ins Bett gelegt und an ihr gerieben hatte, wurde aus dem Dienst entfernt.

15. Viele Fälle von sexueller Belästigung lassen sich nicht aufklären, weil Zeugen fehlen.

16. Es fehlt der Bundeswehr an Attraktivität. Die Zahl der Neu-Eintritte ist 2018 um 3.000 gesunken auf 20.000 Frauen und Männer (Mike Szymanski, SZ 30.1.19).

Kurzkommentar W.S.: Es gibt gewiss einige, die sich über den desolaten Zustand der Bundeswehr freuen. Pazifisten und andere, über deren politische Verortung ich hier den Mantel des Schweigens breite. Insgesamt ist die Armee in einem Zustand, der Verantwortungsbewusstsein bei den dafür Zuständigen vermissen lässt. Auch Frau Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Unhaltbar ist der Zustand der Bundeswehr insbesondere angesichts des verantwortungslosen Agierens der USA in der NATO. Auch darüber freuen sich einige. Wir müssen sie im Auge behalten.