Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

2678: Heute könnte ein Grüner zum Kanzler gewählt werden.

Samstag, Januar 11th, 2020

In der SZ (11./12.1.20) interviewt Jan Bielicki den Berliner Politologen Wolfgang Merkel anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Grünen (Bündnis 90/Grüne).

SZ: Von der „Anti-Parteien-Partei“ zur Volkspartei in 40 Jahren …

Merkel: Die Grünen sind eine junge Partei, ich meine auch, dass sie regierungsfähig sind. Aber sie sind keine Volkspartei. Eine Volkspartei muss in der Lage sein, quer durch alle sozialen Schichten und sozial-moralischen Milieus Wählerinnen und Wähler anzuziehen. Das tun die Grünen nicht. Sie sind in der unteren Hälfte der Gesellschaft nur ganz wenig präsent. Aber die große Zeit der Volksparteien ist so und so vorbei, und es wäre anachronistisch, wenn die Grünen etwas sein wollten, was sich historisch überholt hat.

SZ: Aus den Underdogs von einst ist eine Partei der Besserverdienenden geworden?

Merkel: Nicht nur der Besserverdienenden, sondern mehr noch der Bessergebildeten. Sie ist die Partei der gebildeten, höheren Mittelschichten, urban, wenn nicht gar metropolitan und in der jüngeren Bevölkerung sehr präsent. Dass sie aus einer politisch und kulturell vielschichtigen Bewegung entstanden ist, das hat heute keine Bedeutung mehr. Die Sozialdemokratie ist auch aus revolutionären Kräften hervorgegangen und hat sich schon in der Weimarer Republik als regierungsfähig erwiesen. Und so sind auch die Grünen zu einer Partei wie alle anderen geworden, wenn auch mit jüngerem Image.

SZ: Wäre ein grüner Kanzler für die Leute wählbar?

Merkel: Mit Sicherheit. Das Problematische einer Mitte-Links-Koalition wäre für eine Mehrheit der Bevölkerung nicht die Grünen, sondern die Linken.

2677: Russland-Experten über Russland

Samstag, Januar 11th, 2020

Prof. Dr. Karl Schlögel und Prof. Dr. Jörg Baberowski sind durch ihre Forschung ausgewiesene Russland-Experten. Andrea Seibel hat sie für die „Literarische Welt“ (11.1.20) interviewt. Ich gebe Auszüge wieder:

Baberowski: „Russland ist eine bedeutende Macht, Deutschland kann es sich gar nicht leisten, Russland zum Feind zu haben, davon hätte es keinen Gewinn. Deutschlands Ansehen in Russland ist groß, das ist ein kulturelles Kapital, dass man nutzen kann, um Einfluss zu nehmen.“

Schlögel: „Über die angebliche Seelenverwandtschaft von Russen und Deutschen sind schon ganze Bibliotheken geschrieben worden, der deutsche Russlandkomplex! Dass wir durch unser Verhalten die inneren Blockaden Russlands auflösen könnten, entspricht der patriarchalischen und therapeutischen Vorstellung, durch Streicheleinheiten und Beruhigungsmaßnahmen etwas zu erreichen.“

Baberowski: „Ich verstehe nicht, wie man zu der Auffassung kommen kann, Putin sei charmant. Er ist doch eher linkisch, unsicher, kein großer Redner. Seine Faszination ist wohl in seiner Entschlossenheit und seinem Erfiolg begründet. Schröder ist überhaupt kein Rätsel. Von Russland versteht er nichts. … In Ostdeutschland galten Russen bis 1989 als Besatzer. Doch heute sehen die gleichen Menschen Russland in positivem Licht, verklären die sowjetische Zeit, sprechen über Russland, als ob es ihre zweite Heimat sei. Im Grunde geht es nicht um Russland, sondern um die Bervormundung der Ostdeutschen durch die Westdeutschen, die im Verweis auf Putin abgewehrt wird.“

2676: Die Moskauer

Freitag, Januar 10th, 2020

Es ist so gewesen, dass die DDR, die neuen Bundesländer und Ostdeutschland in der Gegenwart hier und da falsch beurteilt worden sind. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es lag nicht nur an der Unfähigkeit zur Analyse. Meistens stand keine böse Absicht dahinter. Was aber bisher – erstaunlicherweise – kaum berücksichtigt wurde, ist das System des

Stalinismus.

Seit die russischen Quellen ungefähr ab 1989 jedenfalls partiell geöffnet worden sind, können wir uns umfassender darüber informieren. Das ist auch das Verdienst von

Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. Frankfurt/Main (S. Fischer), 361 Seiten.

Das Phänomen des Stalinismus erstreckte sich seit dem ersten Fünf-Jahres-Plan der Sowjetunion (SU)

1929 bis ungefähr zum Anfang der sechziger Jahre (1962),

als die „Rückführung“ deutscher Kommunisten aus der SU für abgeschlossen erklärt wurde. Tatsächlich war der Stalinismus in der DDR bis zum Ende (1989) virulent. Das zeigt Petersen auf ziemlich meisterhafte Weise, auch wenn er stilistisch seinen bemerkenswerten Erkenntnissen nicht immer ganz gewachsen ist.

Petersen stützt sich auf Vorarbeiten solch hervorragender Autoren wie Wolfgang Leonhard, Hermann Weber, Margarete Buber-Neumann, Carola Stern, Jörg Baberowski und anderen.

Das System des Stalinismus zeigt sich besonders deutlich in den folgenden Erscheinungen:

– Misstrauen,

– Bespitzeln,

– Denunzieren,

– Lüge,

– ideologische Intoleranz,

– Verrat,

– Folter,

– Gewalt,

– Mord und Massenmord (Archipel Gulag; viele entscheidende Erkenntnisse verdanken wir dem russischen Schriftsteller Alexander Solschenyzin),

– Personenkult,

– hierarchische Ordnung,

– Propaganda/Agitation,

– systematisches Beschweigen des Terrors,

– und anderen Merkmalen.

Im System des Stalinismus kommen Kommunisten nicht nur als Täter vor, sondern gerade auch als Opfer, das sollten wir nie vergessen. Ungefähr 10.000 deutsche Kommunisten gingen in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion, nicht einmal die Hälfte kam zurück. „Stalin hat mehr deutsche Kommunisten ermordet als Hitler.“ Die Rückkehr in die SBZ bzw. DDR erfolgte in Wellen, 1945-1947, mit den letzten deutschen Kriegsgefangenen 1955, in den sechziger Jahren. Die meisten der Rückkehrer haben sich zum Stalinismus erst nach 1989 erklärt. Wenn überhaupt.

Kennzeichnend für die Phase des Stalinismus (im Weltkommunismus) waren:

1. die völlig falsche „Sozialfaschismus“-These 1929, die besagte, dass nicht die Faschisten die Hauptgegner des Kommunismus waren, sondern die Sozialdemokraten. Diese haben ihre politische Verunglimpfung überall teuer bezahlt.

2. die Tschistka (die große Säuberung mit Schauprozessen) 1937-1939, also die Ermordung von Millionen Menschen in der SU, darunter vielen „treuen Genossen“.

3. der Hitler-Stalin-Pakt 1939 (mit der darin verabredeten Aufteilung der politischen Einflusszonen und der Unterwerfung und Teilung Polens in einem Geheimvertrag).

4. Stalins Tod im März 1953.

5. 17. Juni 1953 in der DDR.

6. Der XX. Parteitag der KPdSU 1955, auf dem Generalsekretär Nikita Chruschtschew erstmals den Stalinismus charakterisierte.

7. Der 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer in Berlin.

Von 1945 an gab es innerhalb der kommunistischen Exilanten einen Machtkampf zwischen den Moskauer Stalinisten, den Westexilanten und den Insassen von Nazi-Konzentrationslagern. Für die Führung in der SBZ vorgesehen waren nur die Moskauer. Auf Grund des Prestiges von KZ-Insassen hat es dann doch einige Zeit gedauert, bis die Moskauer sich gänzlich durchgesetzt hatten. Die Person, an der das am besten verstanden werden kann, ist der klassische Politfunktionär Walter Ulbricht.

Davon betroffen waren aber ebenfalls Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Franz Dahlem, Wilhelm Florin, Hermann Matern, Fred Oelßner, Hugo Eberlein, Paul Wandel, Erich Mielke, Karl Maron, Erich Bolz, Johannes R. Becher, Otto Winzer, Hermann Ducker, Karl Schirdewan, Bernard Koenen, Ottomar Geschke, Paul Merker, Max Fechner, Erich Gniffke, Erich Mückenberger, Hermann Axen, Kurt Hager, Lex Ende, Rudolf Herrnstadt und viele andere, die hier nicht alle genannt werden können. Im deutschen Stalinismus gab es wie anderswo auch starke antisemitische Einschüsse.

Insbesondere während des Hitler-Stalin-Pakts 1939 bis 1941 wurden deutsche Kommunisten an die Gestapo verraten und an sie übergeben. Willi Münzenberg trat damals aus der KPD aus. Im Spanischen Bürgerkrieg tobten ebenfalls die inner-kommunistischen Fraktionskämpfe mit mörderischer Gewalt. Es gab viele Selbstmorde. Das Konzentrationslager Buchenwald wurde von 1945 bis 1950 zu einem sowjetischen Speziallager umgewandelt.

In den Nazi-Konzentrationslagern waren die Kommunisten am besten organisiert. Das darf nicht vergessen werden. Vielfach kam es aber auch zu einer moralisch unvertretbaren Zusammenarbeit (nicht zuletzt durch das Kapo-System). Bruno Apitz‘ Buch „Nackt unter Wölfen“ (die literarische Gründungsurkunde der DDR) und der darauf aufbauende Film pflegten die Legende vom heroischen kommunistischen Widerstand. Die kommunistische Führung wusste es besser, sorgte aber dafür, dass Verfehlungen von Genossen geheimgehalten wurden.

Stalin wurde von vielen Schriftstellern und Künstlern „gehuldigt“. Dabei sind in erster Linie zu nennen Lion Feuchtwanger, der mit der DDR nichts zu tun hatte, und der spätere DDR-Kultusminister Johannes R. Becher. Zum 17. Juni 1953 hat sich sogar Bertolt Brecht missverständlich geäußert. Beeindruckend ist das von der kommunistischen Führung angeordnete Schweigekartell dem Stalinismus gegenüber. Es funktionierte so gut, weil viele Genossen ihre eigene Mitschuld kannten. Viele waren traumatisiert. Sie waren geübt in Parteidisziplin. Dies alles hat große Auswirkungen auf die DDR gehabt. Manches kam erst nach 1989 zur Sprache. Eher spärlich.

„Die alten Genossen wussten alles, sie kannten die Schicksale, den Schrecken der Stalin-Jahre, aber auch ihren eigenen Verrat und die Scham über ihr Verhalten. Auch Kommunisten, die mit dem System brachen und den Terror genau beschrieben, wie Herbert Wehner, Julius Hay und Ernst Fischer, verschwiegen ihre eigene Rolle im Räderwerk der Menschenfalle. Man hatte eben selbst das System betrieben, das einen schließlich überrollt hatte.“ (S. 275) Und die Jungen verlangten keine Aufklärung. „Egon Krenz ist der Repräsentant jener pensionsreifen Berufsjugendlichen, die lebenslang vor dem politischen Vatermord zurückschreckten.“ (S. 263)

Auf den Seiten 277 bis 284 gibt Andreas Petersen einen tiefen Einblick in das Leben der Familie Wolf, einschließlich der Geliebten und Hausangestellten. Die Familie Wolf stellte  den Schriftsteller Friedrich Wolf („Zyankali“), den Geheimdienstmann Markus Wolf und den Filmemacher Konrad Wolf („Ich war neunzehn“). Mit Familie Wolf war privat verbunden die Familie Lochthofen. Sie kam 1958 aus der Sowjetunion zurück. Gar kein Stalinist mehr war Sergej Lochthofen, der im 21. Jahrhundert lange Jahre der Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ (in Erfurt) war. Artur Koestler, der Autor von „Sonnenfinsternis“ (1940), hat über den Stalinismus geschrieben: „Der Glaube ist ein wundersames Ding, er kann nicht nur Berge versetzen, er kann den Gläubigen auch überzeugen, dass ein Hering ein Rennpferd ist.“ (S. 266)

 

 

2675: Eklat um Auschwitz-Gedenken

Donnerstag, Januar 9th, 2020

Der polnische Präsident Andrzej Duda hat seine Teilnahme an der Gedenkfeier zum 75. Jubiläum der Befreiung von Auschwitz in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (Israel) abgesagt. Der Grund dafür ist, dass er dort nicht sprechen darf wie

– Russlands Präsident Wladimir Putin,

– Frankreichs Präsident Emmanuel Macron,

– der britische Thronfolger Prinz Charles,

– US-Vizepräsident Mike Pence und

– Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Duda erklärte, die Abwesenheit einer polnischen Stimme beim Auschwitz-Gedenken bedeute eine „Verfälschung der Geschichte“, weil die meisten der in Auschwitz Ermordeten Polen gewesen seien. Außerdem habe er Wladimir Putin widersprechen wollen, der am 24. Dezember 2019

den Hitler-Stalin-Pakt von 1939

verharmlost und seinen antipolnischen Ressentiments freien Lauf gelassen hatte, als er behauptete, Polen habe am Beginn des Zweiten Weltkriegs „eine Verschwörung“ mit Hitler gewollt (Putin wird ja in der internationalen Öffentlichkeit weithin jeder Schwachsinn abgenommen, W.S.).

Yad Vashem erklärte: „Es ist wichtig anzumerken, dass von 1,5 Millionen Opfern des Todeslagers Auschwitz-Birkenau rund 1,1 Millionen Juden waren, die ermordet wurden, einfach weil sie Juden waren, ungeachtet ihrer Herkunftsländer.“ Es sei angemessen, zum Gedenken Vertreter der vier Alliierten sprechen zu lassen, die Europa und die Welt vom Holocaust befreit hätten. Deutschlands besonderer Verantwortung für den Hiolocaust werde man dadurch gerecht, dass ein deutscher Vertreter zu Wort komme. Insgesamt nehmen mehr als 40 Staats- und Regierungschefs am Welt-Holocaust-Forum teil.

Angeblich haben sich israelische Diplomaten bemüht, Duda einen Weg zu seiner Teilnahme zu ebnen. Polen schickt gegenwärtig Wanderausstellungen über polnische Kriegshelden und Retter polnischer Juden um die Welt. Das sehen Historiker anders, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Danach wurde die Zahl polnischer Judenretter bei weitem übertroffen von der Zahl polnischer Hilfspolizisten, Feuerwehrleute, Partisanen und Dorfbewohnern, die den Deutschen halfen, mindestens 200.000 vor dem Abtransport in die Gaskammern in Dörfer und Wälder geflohene Juden zu ermorden. Diesen Erkenntnissen zufolge war es nicht selten, dass Polen ihre jüdischen Nachbarn selbst ermordeten (Alexandra Föderl-Schmid, Florian Hassel, SZ 9.1.20).

2674: Söders Kabinettsumbildung

Dienstag, Januar 7th, 2020

Es gibt schlechte Minister in dieser Bundesregierung, und es gibt gute. Das muss wohl so sein, und war schon immer so. Es lässt sich nicht nach Parteien ordnen. Aber es hat dem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Markus Söder die Möglichkeit gegeben, eine Kabinettsumbildung vorzuschlagen. Das haben CDU und SPD bereits abgelehnt. „Die Kanzlerin arbeitet mit allen Ministerinnen und Ministern gut und gerne zusammen.“

Söder hatte gesagt: „Für die Union muss das Thema Innovation und Wirtschaft an erster Stelle stehen.“ Das war als Kritik an Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zu werten. Oder wollte Söder sich an Innenminister Horst Seehofer (CSU) rächen, der mit 70 Jahren der älteste Minister ist? Das kann man sich ja kaum vorstellen. In der Hauptsache geht es Söder nämlich darum, den unfähigen Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zu entsorgen, der eine Belastung für die Union und insbesondere für die CSU darstellt (SZ 7.1.20).

2669: Wilhelm (BR): Für europäische Alternative zu US-Plattformen

Mittwoch, Januar 1st, 2020

Der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm, fordert eine europäische Alternative zu den US-Plattformen Amazon, Google, Facebook, Apple et alii. Laura Hertreiter und Claudia Tieschky haben ihn dazu in der SZ (21./22.12.19) befragt. Ich bringe hier Teile von Wilhelms Antworten:

„In Wahrheit ist mittlerweile der digitale öffentliche Raum selbst in privaten Besitz übergegangen. Er unterliegt damit Geschäftsmodellen, die nicht auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind, sondern auf unternehmerische Ziele.“

„Und als Intendant und Verantwortlicher eines großen Medienhauses geht es mir darum, eine europäische Alternative zu den US-Plattformen zu bekommen, um in der digitalen Welt unser Angebot verbreiten zu können – auf der Basis europäischer Werte.“

„Hass und Häme stecken nicht in Algorithmen, sondern in der menschlichen Natur. Aber Algorithmen steuern die Sichtbarkeit von Inhalten im Netz. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf bestimmte Inhalte. Bei Facebook, Youtube und Co. steht das Ziel im Mittelpunkt, eine möglichst lange Verweildauer von Menschen in diesem Gesamtangebot zu erreichen. Dabei ist die Erkenntnis aus der Gehirnforschung eingeflossen, dass Menschen am liebsten in ihrer eigenen Wahrheit leben, sich bestätigen und geborgen fühlen wollen, und dass sich Identität auch in Abgrenzung zu anderen bildet. Wenn Algorithmen die Fußballfans des gleichen Klubs verbinden, ist das selbstverständlich in Ordnung. Aber in politischen Debatten wird diese Verengung auf Gruppen Gleichgesinnter gefährlich.“

„So soll zum Beispiel eine Übersetzungssoftware entwickelt werden, die es Menschen ermöglicht, ein Nachrichtenvideo der ‚Tagesschau‘ in Frankreich oder Italien in der jeweiligen Landessprache zu sehen – und umgekehrt Nachrichtensendungen von dort auf Deutsch.“

„.. der öffentliche Raum ist sensibel, Demokratie ist störanfällig. Die Zwanziger- und Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts haben uns gelehrt, was Hetze und demagogisches Feuer bewirken können. Selbstverständlich wollen die großen Plattformen aus den USA nicht die Demokratie zerstören. Aber sie haben ein Geschäftsmodell, das nicht sensibel ist für seine Auswirkungen auf die Demokratie.“

2666: Rabbiner in der Bundeswehr

Dienstag, Dezember 31st, 2019

Zehn Rabbiner sollen demnächst ihren Dienst in der Bundeswehr aufnehmen. Das bestimmt der Staatsvertrag, den Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, unterzeichnet haben. Der Bundestag muss noch zustimmen. Rabbiner seien „ein starkes Zeichen für eine vielfältige und für eine offene Bundeswehr“, so Kramp-Karrenbauer. Schuster sprach von einem „historischen Tag“. Heute verstehe sich die jüdische Gemeinschaft als Teil des demokratischen Deutschlands und „möchte und sollte auch Verantwortung übernehmen“. Die Militärrabbiner sollen Ansprechpartner für alle Soldaten sein. Dadurch würden diese weniger anfällig für antisemitische Ressentiments.

Unter den rund 180.000 Soldaten der Bundeswehr sind etwa 90.000 katholische und evangelische Christen, 3.000 Muslime und 300 Juden. Perspektivisch wolle man auch muslimische Militärgeistliche haben, so Kramp-Karrenbauer. Im Ersten Weltkrieg hatten 100.000 deutsche Soldaten jüdischen Glaubens gekämpft, etwa 12.000 waren gefallen. Damals hatten Rabbiner sie begleitet (mwe, FAZ 21.12.19).

2665: Hohenzollern wollen Entschädigung und Rückgabe.

Montag, Dezember 30th, 2019

Die Hohenzollern haben den letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II., gestellt. Sie waren verstrickt in die Entfachung des Ersten Weltkriegs. Nun verlangen sie Entschädigung und Rückgabe.

1. Das bezieht sich auf Grundstücke, Herrenhäuser, Kunstsammlungen, Wohnrechte etc.

2. Dazu schreibt der Ordinarius für Geschichte Prof. Dr. Jörn Leonhard (Freiburg): „Wenn man über den Charakter der DDR als Unrechtsstaat und damit indirekt über die Anerkennung von generationellen Biografien streitet, dann wirken die Rückgabansprüche eines gewesenen Herrscherhauses auf den ersten Blick eigentümlich anachronistisch – wie ein Ruf aus einer Vorvergangenheit, die man längst hinter sich gelassen zu haben glaubte.“ (FAZ 21.12.19)

Ergo: die Hohenzollernforderungen sind anachronistisch (W.S.).

3. Inzwischen liegen dazu vier Gutachten vor. Das Land Brandenburg hat damit einmal Stephan Malinowski beauftragt, zum anderen Peter Brandt.

Die Hohenzollern haben Christopher Clarke als Gutachter bestellt.

Neuerdings liegt ein Gutachten von Wolfram Pyta und Rainer Orth vor.

4. Der Emeritus für Geschichte und Bestsellerautor Prof. Dr. Heinrich August Winkler (Berlin) schreibt über den Hohenzollernkronprinz Wilhelm, der 1932/33 geholfen hat, Adolf Hitler an die Macht zu bringen: „Er war ein reaktionärer Opportunist, der als Fernziel die Wiederherstellung der Monarchie anstrebte. Dafür wollte er Hitler instrumentalisieren. Aber es lief genau umgekehrt: Hitler hat den Kronprinzen für die Festigung seiner Herrschaft instrumentalisiert. Wer ihn nachtäglich zum Hitler-Gegner stilisiert, entlastet ihn zu Unrecht – und die antirepublikanischen Verbündeten und Steigbügelhalter Adolf Hitlers gleich mit.“ (Die Zeit, 12.12.19)

5. Leonhard: „Ganz sicher ist der Kronprinz in das Lager derjenigen einzuordnen, die in der Krisenphase der deutschen Demokratie nach Kräften den Weg in eine rechtsautoritäre Ordnung förderten, um die ungeliebte Republik zu überwinden. Wie genau diese Alternative aussehen sollte, ob neokorporativ oder nach dem Vorbild Mussolinis in Italien mit einer Restauration der Monarchie, mochte unklar sein. Aber dass man in den rechtskonservativen Milieus mit Energie und Ranküne daran arbeitete, die Republik von 1918 hinter sich zu lassen, daran besteht kein Zweifel. In diesen Kontext gehörte das opportunistische Agieren Wilhelms seit dem Frühjahr 1932, um die Monarchie wieder ins Spiel zu bringen: sei es zunächst mit Hitler, dann kurzfristig mit einem politisch schwachen General Schleicher und ab Januar 1933 erneut mit Hitler. Was man an Wilhelm wie an anderen Teilen der deutschen Eliten studieren kann, ist der aus Selbstüberschätzung entstandene instrumentelle Blick auf Hitler und die fatale Unterschätzung der Gewaltdynamik seiner Bewegung. Ebenso sicher nutzte der Kronprinz Bilder und Botschaften, um an diesem autoritären Projekt mitzuwirken und die monarchische Option zur Geltung zu bringen. All das trug zur Schwächung der Republik bei, und aus diesem Zusammenhang heraus gehört es zu den Bedingungen für den Aufstieg Hitlers.“

2663: Martha Gellhorns Reportagen

Sonntag, Dezember 29th, 2019

Die US-amerikanische Reporterin Martha Gellhorn (1908-1998) war schon als privilegiertes Kind im Weißen Haus. Ihre Mutter war eine Schulfreundin Eleanor Roosevelts. 1929 brach Gellhorn ihr Studium ab, ging nach Paris und arbeitete als Reporterin, hauptsächlich als Kriegsreporterin. Darüber veröffentlicht die Edition Tiamat ein Buch:

Martha Gellhorn: Der Blick von unten. Reportagen aus sechs Jahrzehnten. Berlin 2019, 360 Seiten, 28 Euro.

Gellhorn hatte Mitleid mit den sozial Schwächsten. Gemeinsam mit der Fotografin Dorothea Lange bereiste sie zur Zeit der großen Depression die USA. Dort traf sie auf Familien, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken konnten, weil sie weder Kleidung noch Schuhe besaßen. Gellhorns Stil in klarster Sprache war schonungslos bis polemisch. Sie nahm kein Blatt vor den Mund.

Ende der dreißiger Jahre schilderte die Reporterin, wie Europa in den Zweiten Weltkrieg taumelte (bei klarer Kriegsschuld der Deutschen). Sie berichtete, wie tschechische Soldaten verbitterten, weil sie ihr Land kampflos den Deutschen überlassen mussten. Gellhorn schilderte einen Lynchmord von Rassisten in den USA an einem Afro-Amerikaner. Sie bewegte sich auf den ostasiatischen Kriegsschauplätzen. Gellhorns Reportagen informieren über die Vergangenheit und erklären uns viel über die Gegenwart. Von 1940 bis 1945 war sie mit Ernest Hemingway (1899-1961) verheiratet. Als Schwerkranke brachte sie sich 1998 in London um (Marlen Hobrack, taz 14./15.12.19).

 

2659: Jens Söring wieder in Deutschland

Donnerstag, Dezember 26th, 2019

33 Jahre saß Jens Söring in den USA wegen eines angeblichen Doppelmordes im Gefängnis. Er hat bis zum Schluss geleugnet. Nun ist er zurück in Deutschland. Moritz Geier hat dazu den emeritierten Strafrechtler und Kriminologen Frieder Dünkel, 69, befragt (SZ 24./25./26.12.19).

SZ: Hätte ihm das in Deutschland auch passieren können?

Dünkel: Nein, aus deutscher Sicht ist sein Fall verfassungsrechtlich höchst problematisch, zumal er ja nicht rückfallgefährdet ist. Söring saß für ein in Anführungszeichen „normales“ Tötungsdelikt, das aus einer einmaligen Konfliktsituation entstand, er war damals 18 Jahre alt. In Deutschland hätte er maximal zehn Jahre nach Jugendstrafrecht bekommen und wäre nach sieben jahren vermutlich entlassen worden.

SZ: Ist es überhaupt möglich, nach so langer Zeit ein normales Leben zu führen?

Dünkel: Ja, das zeigt der vielleicht berühmteste Langzeithäftling der Geschichte, Nelson Mandela. Wenn man ein bestimmtes Umfeld und auch eine Aufgabe hat, kann auch die Wiedereingliederung nach so langer Zeit gelingen. Im Fall Söring stehen die Integrationschancen gut, weil er kein „Normalkrimineller“ ist, weder sozial entwurzelt noch arm. Und er hat ja wohl auch einen großen Unterstützerkreis, ein soziales Netz, das ihn auffängt.

SZ: Der offene Vollzug hat in Deutschland aber keinen guten Ruf und wird oft als „Hotelvollzug“ verspottet.

Dünkel: Das ist er aber nicht. Der offene Vollzug ist für den Übergang sehr wichtig, um den Schock der Entlassung abzufedern. Er wird in Deutschland zu wenig entwickelt. Nur Nordrhein-Westfalen und Berlin nutzen ihn in großem Umfang und arbeiten damit sehr sozialintegrativ. Der offene Vollzug bietet sich für Leute an, die in der Kindheit nicht komplett negativ sozialisiert wurden. Bayern ist beim offenen Vollzug leider äußerst rückständig. Da muss man schon Hoeneß heißen, um dort frühzeitig reinzukommen.