2588: Antisemitismus – nüchtern betrachtet

Die antisemitischen Gewalttaten sind furchtbar. Überall. Weltweit. Für uns war Halle der letzte große Anschlag. Aber es kann jederzeit wieder passieren. Bei dem allgemeinen Bedauern darüber ist eine große Portion

Heuchelei

dabei. Wie immer. Der Antisemitismus in Deutschland nach 1945 hat immer Ausmaße von 20 bis 40 Prozent gehabt. Für die DDR gibt es keine verlässlichen Zahlen. Die Westdeutschen wussten immer, dass sie ihren Antisemitismus am besten verschwiegen. Ich habe bei vielen von ihnen Versatzstücke aus den Filmen „Jud Süß“ (1940) von Veit Harlan und „Der ewige Jude“ (1940) von Fritz Hippler erlebt. Reine Propagandastreifen der Nazis. Der Holocaust mit sechs Millionen Getöteten war in seiner mörderischen Schlüssigkeit einmalig.

Insofern war es doch vollkommen verständlich, dass viele Juden nach 1945 sagten, nach Deutschland kommen wir nie mehr. Aber das darf man als Nicht-Jude nicht sagen, weil es den Verdacht hervorruft, dass man sich über die Nicht-Anwesenheit von Juden in Deutschland freuen würde.

Nach 1945 kamen viele Juden als Displaced Persons nicht aus Deutschland raus. Manche arrangierten sich mit dem Land, in dem die sozialpolitischen Verhältnisse bald besser waren als anderswo. Das zu sagen, ist wiederum politisch nicht korrekt.

Der Antisemitismus ist nicht nur wegen des Holocaust der Kern der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, sondern auch weil er funktioniert wie eine Verschwörungstheorie. Wenn es um irgendeines der vielen Grundübel der Menschen geht, wird sogleich ein geheimes Zentrum davon angenommen. Wer wird das wohl sein?

Wenn Juden heute angesichts des anwachsenden Antisemitismus und Rechtsextremismus Deutschland verlassen wollen, kann man dafür viel Verständnis aufbringen. Auch das darf man nicht, weil es so erscheinen könnte, als freue man sich über den Weggang von Juden.

Lassen Sie uns einen Blick auf die alte These von der deutsch-jüdischen Symbiose werfen.

Ihr Dementi war der Holocaust (Nachum T. Gidal nennt das in seinem Buch „Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik“. Gütersloh 1988, „Die schöpferische Illusion von der deutsch-jüdischen Symbiose“).

Schaut man auf die Beteiligung von Juden an der Entwicklung in Deutschland seit der Aufklärung (der französischen Revolution), so kommt man auf relativ viele Menschen von großem Einfluss. Hier eine oberflächliche, ganz unsystematische und unvollständige Aufzählung. Ich zähle in der Literatur einige Österreicher und Tschechen zur deutschen Literatur:

1. Literatur: Peter Altenberg, Jean Améry, Günther Anders, Rose Ausländer, Hermann Bahr, Vicki Baum, Rudolf Borchardt, Thomas Brasch, Max Brod, Henryk M. Broder, Paul Celan, Alfred Döblin, Carl Einstein, Kurt Eisner, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Erich Fried, Egon Friedell, Ralph Giordano,Yvan Goll, Käte Hamburger, Maximilian Harden, Walter Hasenclever, Heinrich Heine, Stephan Hermlin, Georg Heym, Wolfgang Hildesheimer, Kurt Hiller, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Mascha Kaleko, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Gertrud Kolmar, Karl Kraus, Anton Kuh, Else Lasker-Schüler, Theodor Lessing, Ludwig Marcuse, Franz Molnar, Erich Mühsam, Robert Neumann, Kurt Pinthus, Julius Rodenberg, Franz Rosenzweig, Joseph Roth, Nelly Sachs, Hans Sahl, Felix Salten, Anna Seghers, Manès Sperber, Ernst Toller, Friedrich Torberg, Kurt Tucholsky, Rahel Levin, Herwarth Walden, Jakob Wassermann, Peter Weiss, Franz Werfel, Friedrich Wolf, Karl Wolfskehl, Arnold Zweig, Stefan Zweig.

2. Verlage: die drei ersten großen deutschen Verlage in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die jüdischen Verlage Ullstein, Mosse und Scherl. Später kamen Verleger wie Samuel Fischer und Siegfried Jacobsohn dazu.

3. Politische Theoretiker und Politiker: Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Bruno Bauer, Walter Benjamin, Ludwig Börne, Martin Buber, Moses Hess, Max Horkheimer, Arthur Koestler, Rosa Luxemburg, Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Walter Rathenau.

4. Journalismus: Ludwig Börne, Willy Haas, Maximilian Harden, Siegfried Jacobsohn, Egon Erwin Kisch, Siegfried Kracauer, Karl Kraus, Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki, Julius Rodenberg, Leopold Schwarzschild, Kurt Tucholsky, Herwarth Walden, Theodor Wolff und viele andere.

5. Theater/Theaterkritik: Max Reinhard, Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Siegfried Jacobsohn, Alfred Kerr, Fritz Kortner, Erwin Piscator, Alfred Polgar, Ernst Toller und viele andere (insbesondere Schauspieler und Kabarettisten).

6. Wissenschaft: Alfred Adler, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Albert Einstein, Sigmund Freud, Max Horkheimer, Ernst Kantorowicz, Julius H. Schoeps, Fritz Stern und viele andere.

7. Philosophie: Moses Mendelssohn, Karl Marx, Theodor Lessing.

8. Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer.

9. Im deutschen Film bis 1933 arbeiteten unzählige Juden.

Alles in allem lagen hier sehr große Potenzen, die wir zensiert und weithin selbst aus dem Land getrieben haben.

 

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