2701: Werde ich durch Bildung ein besserer Mensch ?

Mit dieser Frage beschäftigt sich sehr kundig Jan Ross, Journalist bei der „Zeit“ (16.1.20), für die er u.a. längere Zeit aus Indien berichtet hat:

1. Macht Bildung uns zu besseren Menschen?

2. „Wir alle kennen belesene, kunstsinnige und intellektuell brillante Wichtigtuer, Egoisten oder Zyniker.“

3. Bildungsdünkel grenzt „die da unten“ und „die da draußen“ aus.

4. Ein gebildeter (Geistesbildung) und guter (Herzensbildung) Mensch zu sein, hängt nur sehr bedingt miteinander zusammen.

5. Wir Deutschen, das „Volk der Dichter und Denker“, haben das schlimmste völkerrechtliche Massenverbrechen begangen, den Holocaust.

6. „Die Hoffnung auf Bildung als historische Fortschrittsenergie, aber auch schlicht als Garantie menschlicher Anständigkeit und Zivilisiertheit, scheint durch die Erfahrung gründlich widerlegt.“

7. Dass Bildung moralische Kraft besitzt, ist aber keine komplette Illusion. Den Imperialismus charakterisiert Joseph Conrad in seiner 1899 erschienenen Erzählung „Herz der Finsternis“. 1979 hat Francis Ford Coppola daraus den Film „Apocalypse Now“ gemacht.

8. „Geisteswerke schicken uns auf intellektuelle Abenteuer und machen uns mit außerordentlichen Frauen und Männern bekannt (…). Sie brechen den Käfig unserer Routine und Beschränktheit auf, sie erweitern unser Einfühlungsvermögen und unsere moralische Fantasie. Bildung ist das Gegenprogramm zu einer Mentalität, die satt und träge um sich selbst kreist. Zum geistigen und seelischen Daumenlutschertum. Zum Narzissmus.“

9. Für die britische Schriftstellerin George Eliot (Mary Ann Evans) ist „Kunst“, „die Sache, die dem Leben am nächsten kommt; sie ist ein Weg, die Erfahrungen zu mehren und unseren Kontakt mit unseren Mitmenschen über die Grenzen unserer persönlichen Bekanntschaft hinaus auszuweiten“ (1856).

10. Heute ist an die Stelle der Klassengesellschaft eine Blasengesellschaft getreten, ein Nebeneinander verschiedener Peergroups und Milieus, die sich bestens darauf verstehen, „sich in ihren Lieblingsvorstellungen behaglich einzurichten und das Unerfreuliche draußen zu lassen“.

11. Bildung beruht auf der Relativierung unserer Vorlieben und unserer Selbstgenügsamkeit, sie steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass wir das „Maß aller Dinge“ seien.

12. Wir können selbst herausfinden, dass viel gepriesene Werke nichts taugen oder dass sie uns nichts sagen.

13. „Der schlimmste Feind – der wahre Gegenspieler – des gebildeten Menschen ist nicht der Barbar: Es ist der Spießer, der alles auf sich bezieht, alles schon zu wissen meint und selbstzufrieden in seinem Denken und Dasein ruht.“

14. Sigmund Freud hat die großen Kränkungen benannt, welche die Psychoanalyse (Wir sind nicht die Herren im eigenen Haus.) und große wissenschaftliche Erkenntnisse wie der Heliozentrismus (Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt.) und die Evolutionstheorie (Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.) darstellen.

15. Ein zentraler Bestandteil von Bildung ist die Fähigkeit zur Bewunderung. „Bewunderung macht nicht klein. Ebenso wie Achtung oder Verehrung hat sie nichts mit Unterwürfigkeit zu tun und nichts mit Gehorsam; man schuldet sie niemandem und keiner Sache, sie wird freiwillig gegeben. Sie ist ein Ausdruck innerer Größe: davon, dass man gelten lässt und gönnen kann.“

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