2578: Juan Moreno: „Tausend Zeilen Lüge“

Der freie „Spiegel“-Mitarbeiter Juan Moreno (47) analysiert in seinem Buch, wie es dazu kommen konnte, dass der Reporter Claas Relotius über Jahre so vielfältig gefälschte Beiträge im „Spiegel“ unterbringen konnte:

Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus.  Berlin (Rowohlt) 2019, 285 Seiten.

Das Buch hat 18 Kapitel, denen je ein Motto vorangestellt ist, das sich meistens direkt auf den Konflikt um Relotius bezieht. So schreibt „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann vor der Einleitung (S. 22): „Worauf ich häufig angesprochen werde: das Buch, das Juan schreiben wird. Ich kann und will ihm das nicht verbieten (er ist freier Mitarbeiter), und ich will das auch gar nicht. Ein Buch über den Fall wird es so oder so geben. Und da ist es mir lieber, es schreibt einer, der wirklich nah dran war, und nicht irgendein Honk.“

Juan Moreno hat den Fall des Fälschers Claas Relotius ziemlich allein aufgeklärt. Gegen den „Spiegel“, insbesondere gegen die Ressorts „Dokumentation“ und „Gesellschaft“. Die Chefs der „Gesellschaft“ waren seinerzeit Ullrich Fichtner und Matthias Geyer. Die sind mittlerweile weg. Auch der Chef der Dokumentation und der zuständige Sachbearbeiter haben das Blatt verlassen. Der Grund für die Schwierigkeiten lag darin, dass Relotius im Hause so überaus beliebt war, ein „Jahrunderttalent“ (S. 31). Er galt als bescheiden, zurückhaltend, sachbezogen. So hat ihn auch Moreno erlebt. Aber er war nur ein Hochstapler und raffinierter Fälscher. Das zog sich über Jahre. Mehr als fünfzig Relotius-Beiträge waren ganz oder in Teilen gefälscht. Meist begnügte sich der Reporter mit der Vorrecherche, um dann im journalistischen Kämmerlein um so süffiger zu formulieren. Das, was die Leser lesen wollten (heute Blase genannt).

Moreno schreibt dazu: „Ob es nur eine Frage der Zeit war, bis er aufgeflogen wäre? Ich bin davon nicht überzeugt. Claas Relotius stand wie gesagt kurz davor, Ressortleiter zu werden.“ (S. 223).

Verständlicherweise wird viel darüber nachgedacht, ob die Gattung der „Reportage“ anfällig ist für Hochstapler, „Menschenfänger“ (S. 245) und Betrüger. Das tut auch Moreno. Dabei wissen wir doch seit Egon Erwin Kisch (1885-1948) („Schreib das auf, Kisch!“), dass jede Art von Information im Kern Werbung ist und dass Kisch nicht etwa die Wirklichkeit beschrieben hat, sondern lange und intensiv an seinen Texten feilte. Jede journalistische Auswahl ist Parteinahme. Das besagt noch lange nicht, dass das System des westlichen Journalismus falsch ist mit der Objektivitätsforderung an Nachrichten und der Trennung von Nachricht und Meinung. Die Alternative sind Agitation und Propaganda (Lenin).

Wir wissen auch, dass in Zeiten zurückgehender verkaufter Auflagen und Werbeerlöse selbst  ein heute immer noch mächtiges Blatt wie „Der Spiegel“ an Verkaufsförderung (S. 260) denken muss. An gut lesbare Geschichten. Die trotzdem wahr erscheinen. Das alles hat die Fälschungen von Relotius befördert. Und das Publikum tut so, als sei es ausschließlich an der Wahrheit interessiert, fährt aber auf gefälschte Geschichten ab. Moreno hält trotzdem an den üblichen journalistischen Grundsätzen fest und bekennt sich als Fan der Reportage. Muss er das?

Was die Problemlage verschärft, sind die unzähligen Journalistenpreise in Deutschland. Über 500 sollen es sein. Sie bringen den Trend zu gefälligen, passenden, letztlich beruhigenden Geschichten, die unsere Vorurteile bestätigen, mit sich. Wir schauen jetzt vorsichtshalber nicht, wer in den einschlägigen Jurys saß. Elke Heidenreich (76) hat gerade mitgeteilt, dass sie Journalistenpreise ablehnt und deswegen nie in einer Jury war.

Moreno schreibt: „Die Verbreitung der Falschmeldungen wird durch Algorithmen und sogenannte Bots unterstützt. Mit anderen Worten: Propaganda im digitalisierten Zeitalter. Das Phänomen ist nicht neu. Hannah Arendt schrieb, dass der ‚Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat – die teuflischste Variante, die man sich denken kann – nämlich: das Wahrlügen.'“ (S. 272) Das gilt um so mehr in einer Zeit, in der Menschen wie Donald Trump und Boris Johnson die Agenda bestimmen.

Deswegen brauchen wir heute mehr als je zuvor im Journalismus Typen, die sich von den Verlockungen der Fake-News nicht verleiten lassen. Die so „grau“ sind wie die Welt, so schreibt es Moreno, weder schwarz noch weiß (S. 36). Und er nennt deutsche Beispiele von seriösem Journalismus: „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Das trifft zu. Aber wir wissen, das auch sie schon von Fälschungen betroffen waren. Wir denken außerdem an die „Hitler-Tagebücher“ („Stern“ 1983) und Tom Kummer (2000). An dieser Stelle kann unser Problembewusstsein gar nicht hoch genug sein. Damit Claas Relotius als „Problem“ des schwierigen zeitgenössischen Journalismus gesehen wird und nicht als dessen „Lösung“ (S. 281). Juan Moreno hat dazu einen faktengesättigten Beitrag geleistet. Einen nicht unbedingt wissenschaftlichen, aber einen geeigneten.

„Ein Kollege im ‚Spiegel‘ erreichte Relotius einige Monate nach dem Ende des Skandals. Relotius behauptete, dass er gerade in einer Klinik in Süddeutschland sei. In Behandlung. Ihm werde da geholfen. Die Ärzte würden Fortschritte sehen. Es sei ihm immer nur darum gegangen, die Kollegen, seine Freunde, nicht zu enttäuschen. Das sei das Wichtigste überhaupt. Tags darauf traf dieser Kollege eine ‚Spiegel‘-Sekretärin. Die Frau hatte Relotius gerade auf dem Fahrrad gesehen. In Hamburg.“ (S. 284 f.)

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