Die Frage „Was ist deutsch?“ verschwindet nicht. Sie wird immer wieder neu gestellt. Auch ich habe mich daran schon versucht (W.S.: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. Zweite überarbeitete Auflage. Hamburg 2009, 232 S.). Nun legt der Heidelberger Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer eine neue Version vor:
Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst. Berlin 2017, 1056 S., 39,95 Euro.
Allein der Umfang dieser Arbeit beeindruckt. Und er ist ein Beweis für die Sorgfalt, mit der hier gearbeitet worden ist. Thomas Schmid (Literarische Welt 8.4.17) lobt sie für ihren Gedankenreichtum und ihre Präzision (vgl. Franziska Augstein, SZ 20.2.17).
Es war schon immer unmöglich, das Deutsche territorial zu bestimmen. „Deutsch ist, wer Deutsch spricht.“ Berüchtigt die deutsche Kleinstaaterei. „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens./Bildet, ihr könnt es, dafür als Menschen euch aus.“ (Goethe/Schiller) Aber wir Deutschen sind nicht zur öffentlichkeitsabgewandten Innerlichkeit verdammt. Dies gilt in Zeiten umfassender Globalisierung um so mehr. Auch das Schwanken zwischen Kleinmut und Großkotzigkeit, zwischen Verzagtheit und Größenwahn, ist uns nicht schicksalhaft aufgegeben.
Borchmeyer widmet sich der deutschen Universität, die einmal der Ort von Selbstbestimmung und Konversation sein sollte, „die eine unvergleichliche Blüte erlebte und die mit der Vertreibung der Juden einen Schlag erhielt, von dem sie sich nie wieder erholte“. Das mit Abstand längste Kapitel des Buchs lautet „Deutschtum und Judentum – eine tragische Illusion?“ „Die Lektüre ist erschütternd. Das Kapitel zeigt, mit welch unendlicher Leidenschaft und Hingabe deutsche Juden bis zum Jahre 1933 bemüht waren, sich nicht nur zu assimilieren, sondern deutscher zu sein als die Deutschen und die deutschen Werte zu verinnerlichen.“
„Das Buch wäre nicht so dick geworden, gäbe es eine Antwort auf die Frage ‚Was ist deutsch?‘. Borchmeyer ist so umsichtig, nur Wege anzudeuten. Die Selbst- und Traditionszerstörung, die sich Deutschland mit dem Holocaust zugefügt hat, erscheint nach der Lektüre dieses Buches, das so viele gute deutsche Wege aufzeigt, die möglich gewesen wären, noch viel rätselhafter als zuvor.“