3304: Giovanni di Lorenzo: Zur Lage der Mainstream-Medien

Der Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, ist zu Recht dankbar und stolz, dass sein Blatt im Jahr seines 75-jährigen Bestehens die höchste Auflage seiner Geschichte hat. Eine Ausnahme im Meer der krisengeschüttelten Mainstream-Medien, in dem überall Auflagen und Einnahmen wegbrechen. Di Lorenzo hat selber große Verdienste daran. Ich habe ihn schon in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts als Vortragsredner in der politischen Akademie Tutzing erlebt.

Natürlich verweist er nochmals darauf, dass und wie Marion Gräfin Dönhoff, die spätere Chefredakteurin, Mitte der fünfziger Jahre den deutsch-nationalen Geist des damaligen Chefredakteurs Richard Tüngel überwunden hat. Das Blatt steuerte von da an einen liberalen Kurs, der darin bestand, „abweichende Ideen nicht zu diffamieren und Kritik am Bestehenden nicht als Ketzerei zu verfolgen, sondern die Minderheiten zu schützen und Offenheit zum Gegensätzlichen zu praktizieren.“

Worauf di Lorenzo aber auch hinweist, und dies ist sein größtes Verdienst in diesem Beitrag, ist die Tatsache, dass Journalisten zwar in Russland und auf Malta mit ihrer Ermordung rechnen müssen, aber auch bei uns Journalisten drangsaliert und bedroht werden. Als Beispiel wählt di Lorenzo verdienstvollerweise leitende Redakteure und Kollegen der Springer-Presse, die von links bedroht werden. „Die Journalisten dort und auch ihre Wohnungen und Häuser müssen immer wieder gesichert werden, und der Chefredakteure der ‚Bild‘-Zeitung wird sogar in einer gepanzerten Limousine gefahren.“

Worauf Giovanni di Lorenzo aber hinauswill, und dies überzeugt vollkommen, ist die Kritik an der Herrschaft der

Identitätspolitik

auch im Journalismus. Er verweist auf einen Shitstorm, den eine weiße Kolumnistin der „New York Times“ auf sich gezogen hatte, weil sie zwei Frauen mit asiatischen Wurzeln kritisiert hatte. Di Lorenzo weist hin auf den weltberühmten US-Basketballer, der sich nicht getraut hatte, einen ergreifenden Nachruf auf einen schwarzen Kollegen in der „Zeit“ zu veröffentlichen, weil der schwarz war. Und er gibt das Beispiel des berühmten Wissenschaftsjournalisten Donald McNeil wieder von der „New York Times“. Der hatte irgendwann auf einer Schülerreise seiner Zeitung vor Jahren das N-Wort zitiert. „Dagegen liefen aber nicht irgendwelche repressiven Mächte aus Politik, Wirtschaft oder Kirche Sturm, sondern 150 der weit über tausend Angestellten der Zeitung. Chefredakteur und Herausgeber der NYT knickten ein und drängten McNeil nach 45 Jahren aus der Redaktion.“ (Giovanni di Lorenzo, Die Zeit 25.2.21).

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