Bereits 2004 hatte der damalige Inspektor der französischen Schulaufsichtsbehörde, Jean-Pierre Obin, einen alarmierenden Bericht über den Islamismus an französischen Schulen vorgelegt. Auf ihn wurde nicht gehört. Als Pensionär hat er jetzt ein Buch geschrieben:
„Wie wir den Islamismus in die Schulen gelassen haben“.
Es erscheint gerade zur Enthauptung des Lehrers Samuel Paty. Martina Meister hat Obin in Paris für die „Welt“ (24.20.20) interviewt.
Welt: Wird dieses Attentat eine Wende einleiten?
Obin: Wir erleben einen historischen Moment. Vielen sind die Augen geöffnet worden. Wir müssen uns allerdings klarmachen, dass dieser Kampf sehr lange dauern wird. Wir müssen uns an diese neue historische Phase gewöhnen, die nicht besonders lustig wird. Darüberhinaus hat uns die Ermordung von Samuel Paty das Ausmaß des Problems vor Augen geführt und gezeigt, dass die Lehrer wirklich in der vordersten Front kämpfen. Es hat auch für Einheit bei den Lehrkräften gesorgt, die vorher gespalten waren. Ein Teil der lehrer hat Realitätsverweigerung betrieben oder ideologisch mit dieser Ideologie sympathisiert.
Welt: In manchen Milieus in Frankreich setzt sich jeder, der den Islamismus bekämpft, dem Verdacht aus, islamfeindlich zu sein. Inwiefern trägt ein Teil der Linken Verantwortung für das, was sie als Realitätsverweigerung beschreiben?
Obin: Nicht ein Teil, die Mehrheit der Linken trägt ganz klar verantwortung für die Untätigkeit. Die Opfer-Linke ist das Erbe des Schriftstellers
Frantz Fanon
angetreten, dem Aktivisten und Autor von
„Die Verdammten dieser Erde“.
Bis dahin galten die Proletarier der westlichen Welt als die Verdammten. Auf einmal waren es die Völker der Dritten Welt. Diese Linke geht im Namen ihres Kampfes gegen den Imperialismus eine unheilige, weil religiöse Allianz ein. Die Religion, die als das Opium des Volkes galt, war auf einmal der Zement, der alles zusammengehalten hat, wenn es darum ging, den Imperialismus zu bekämpfen. In Frankreich sind der Chef der Linkspartei Jean-Luc Mélenchon und grüne Politiker gemeinsam auf Demonstrationen gewesen, wo
„Tod den Juden“
gebrüllt wurde. Sie sind objektiv die Alliierten der Islamisten.
Welt: Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Schüler die Evolutionstheorie anzweifeln, den Musik- und Sportunterricht verweigern. Ganz zu schweigen von Widerspruch, wenn es um die Werte Frankreichs geht. Lässt sich diese Unterwanderung auch in handfeste Zahlen fassen?
Obin: Eine jüngste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop hat ergeben, dass 40 Prozent der Lehrer derartige Probleme hatten, in Problemvierteln wächst ihre Zahl auf 56 Prozent. Wichtig ist zu begreifen, dass dies kein regionales Phänomen ist, sondern überall in Frankreich gilt, dass keine Schule eine Ausnahme bildet.
…
Welt: Wie kann man den Lehrern helfen?
Obin: Viele fühlen sich machtlos. Das Attentat hat dieses Gefühl noch verstärkt. Die wenigsten sind in ihrer Ausbildung in Sachen Laizität geschult worden. Außerdem bilden sie sich ein, ihre Schüler zu kennen. In Wahrheit treffen in der Schule zwei Welten aufeinander, die nichts voneinander ahnen. Lehrer bilden sich ein, das Problem darauf reduzieren zu können, dass ihre Schüler Kinder oder Kindeskinder von Gastarbeitern sind, die in Gettos leben und soziale Probleme haben. Sie ahnen nicht, dass in den meisten Familien das Leben hundertprozentig von der Religion bestimmt ist, wie das bei uns im Okzident bis ins 18. Jahrhundert war. Jedes Verhalten, die kleinste Geste, stehen unter dem Einfluss der Religion. Die Pädagogen hingegen kommen aus einer komplett säkularisierten Gesellschaft, aus Familien, aus denen sich die Religion vor Generationen verabschiedet hat.
Die Lehrer müssen religiös geschult werden.
Nur Kenntnis hilft, um diese Ideologie zu zerlegen.