4062: Steffen Mau: Die deutsche Gesellschaft ist gar nicht tief gespalten.

Nach der Auffassung des Berliner Soziologen Steffen Mau, 53, ist die deutsche Gesellschaft gar nicht tief gespalten. Das erläutert er in einem Interview mit Anant Agarwala und Anna-Lena Scholz (Zeit, 22.9.22).

Zeit: Sie meinen, wir Medien schreiben Konflikte herbei, in völliger Missachtung der Realität?

Mau: Ja. Ich muss es so drastisch formulieren. Ständig lese ich Aussagen über „die Gesellschaft“ und frage mich: Woher weiß man das eigentlich? Thesen wie jene von der gespaltenen Gesellschaft sind so erfolgreich, weil sie immer wieder ungeprüft nacherzählt werden. Das liegt nicht allein an den Medien. Ungelöste Konflikte sind auch Gelegenheitsmärkte für Polarisierungsunternehmer.

Zeit: Woher diese Faszination für die Spaltung?

Mau: Der Diskurs kommt vor allem aus den Vereinigten Staaten. Dort haben wir die gespaltene Gesellschaft ja tatsächlich, es ist also auch ein Angstszenario. In den USA gibt es bei allen möglichen Fragen klare Frontstellungen, bis hin zu dem, was wir affektive Polarisierung nennen. Also Gefühle von Hass, Abschau, Ekel gegenüber der Gegenseite. Wenn man seiner Anhängerschaft predigt, dass die anderen verdammenswert sind und das Land zugrunde richten wollen, kann man nicht mehr über Sachthemen diskutieren.

Zeit: 2021 haben Sie den Leibniz-Preis erhalten. Mit dem Geld forschen Sie aktuell selbst zur gesellschaftlichen Spaltung. Wie gehen Sie vor?

Mau: Wir kartieren Deutschland entlang von vier Konfliktarenen:

oben/unten – da geht es um Klassen,

innen/außen – das bezieht sich auf die Migrationsfrage,

wir/sie – das ist die Identitätspolitik;

sowie heute/morgen – hier stehen klimapolitische Fragen und Generationenkonflikte im Zentrum.

Neben der Befragung lassen wir auch Menschen unterschiedlicher Milieus miteinander diskutieren, um herauszufinden, welche moralischen Repertoires sie nutzen, um sich in gesellschaftlichen Fragen zu positionieren. Wir wollen verstehen, warum es bei bestimmten Themen richtig knallt, was Menschen triggert.

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