3077: Ruth Klüger ist gestorben.

Die 1931 in Wien als Tochter jüdischer Eltern geborene US-amerikanische Germanistin Ruth Klüger ist gestorben. Sie war eine ganz und gar eigenwillige, gradlinige und kompromisslose Frau, in mancher Hinsicht bewundernswert. Bei uns in Göttingen ist sie zur Schriftstellerin geworden, als die Gastprofessorin 1988 nach einem Unfall auf der Jüdenstraße in der Klinik lag und mit biografischen Aufzeichnungen begann. 1992 erschien dann ihr „Weiter leben“ (bei Wallstein), ein einmaliges und ungewöhnliches Buch von großer Qualität. Das sollten Deutsche gelesen haben. 2008 erschien „Unterwegs verloren“, in dem es hauptsächlich um das US-Universitätsleben geht.

Ruth Klügers Vater musste vor den Nazi-Mördern nach Frankreich fliehen. Später wurde er doch umgebracht. Ruth Klüger kam mit ihrer Mutter in mehrere Konzentrationslager, darunter auch Auschwitz-Birkenau. Von einem „Todesmarsch“ gelang ihr 1945 die Flucht. In Straubing machte sie das Notabitur. Als sehr junge Frau begann sie ein Studium in Regensburg. Dort lernte sie als Komilitonen Martin Walser kennen, von dem sie sich 2002 in einem offenen Brief lossagte, weil er mit „Tod eines Kritikers“ ein ihrer Meinung nach antisemitisches Buch gegen Marcel Reich-Ranicki geschrieben hatte.

1947 emigrierte Klüger in die USA, wo sie in Berkeley Germanistik studierte und 1967 promovierte. Sie war von 1980 bis 1986 Professorin in Princeton, dann in Irvine (Kalifornien) und ab 1988 auch in Göttingen. Als Literaturwissenschaftlerin beschäftigte sich Klüger hauptsächlich mit Heinrich von Kleist. Sie gab lange Jahre die Zeitschrift „German Quarterly“ heraus. Ruth Klüger ist vielfach geehrt und ausgezeichnet worden. U.a. mit der Ehrendoktorwürde der Universitäten Göttingen und Wien, dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse, der Ehrenmedaille der Stadt Göttingen und dem Paul Watzlawick-Ehrenring.

In Auschwitz hatte sich die junge Ruth Klüger schon in eine „falsche“ Schlange eingereiht, als eine Unbekannte ihr riet, sich zwei Jahre älter zu machen und neu anzustellen. Wer so etwas erlebt hat, schreibt anders, meint Helmut Böttiger (SZ 8.10.20). Klüger ging bis zur Schnoddrigkeit, ihrer Mutter gegenüber war sie in der Literatur geradezu grimmig. Über eine Begegnung mit der österreichischen Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jellinek erzählte Klüger: „Wir haben über nichts anderes als unsere Mütter gesprochen. Dabei wollte ich sie so viel fragen.“ Bei dem Philosophen Otto Weininger („Geschlecht und Charakter“ 1903) entdeckte Ruth Klüger, dass er „Juden und Frauen auf dieselbe Unterstufe gestellt“ habe.

Am 27. Januar 2016 hielt Ruth Klüger eine Rede im Deutschen Bundestag. Darin kam sie auf die Flüchtlingspolitik zu sprechen: „Dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zur Bewunderung übergegangen sind.“

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