Es ist ja eine Binsenweisheit, dass die Zukunft unserer Gesellschaft von der Bildung abhängt. Also von den Lehrern und damit von der Lehrerausbildung.
Unsere Gegenwart übrigens auch.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige Zeitgenossen von Bildung deswegen schlecht sprechen, weil sie ihren eigenen Kompetenzen misstrauen (Musik, Literatur, bildende Kunst und Weiteres). Da tritt dann schnell die Einstellung ein, dass es den Schülern gar nichts nütze, wenn sie so viel wüssten, weil es „bei uns“ im Unternehmen doch nicht gefragt sei. Keine guten Voraussetzungen für Bildung. Ebenfalls nicht gut ist es, so empfinde ich es persönlich-subjektiv, dass viele Kräfte in der Lehrerausbildung tätig sind, denen dazu die Qualifikation fehlt. Sie haben manchmal keine praktische Erfahrung oder es fehlt ihnen an der positiven Einstellung ihren Studenten gegenüber. Die muss man nämlich mögen, wenn man ihnen etwas beibringen will.
Dies bestätigt die aktuelle Studie „Lehrkräftebildung 2021“ des ehemaligen Berliner Staatssekretärs Mark Rackles. Seit seinem Ausscheiden aus der politischen Verantwortung geht er schonungslos und selbstkritisch mit den Prognosen der Kultusministerkonferenz (KMK) um. Seit Jahrzehnten gibt es in Deutschland zu wenige Lehrer und dazu noch in den falschen Fächern und Schularten. Manche Bundesländer weisen Defizite bei den Lehrern von mehr als 50 Prozent auf. Allein wegen der altersbedingten Abgänge müssten 2,9 Prozent des gesamten Personalkörpers pro Jahr ausgebildet werden. Dieses Ziel verfehlten im Jahr 2018 sieben Länder:
Sachsen,
Sachsen-Anhalt,
Berlin,
Mecklenburg-Vorpommern,
Brandenburg,
Hamburg und
Thüringen.
Dabei nehmen die Schülerzahlen bis zum Jahr 2030 wieder zu. Zu viele Länder verlassen sich auf den Lehrerüberschuss in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz. Manche Bundesländer haben Kapazitäten noch abgebaut. Auch beim Referendariat stagnieren die Zahlen. Die Vorbereitungsdienste sind in den Ländern zwar gleichwertig, aber verschieden lang, von 12 Monaten bis zu 24 Monaten. Allein für das Lehramt an Gymnasien gibt es genügend Lehramtsanwärter. Besonder schlecht sieht es aus bei
Berufsschulen,
Sonderschulen und
der Sekundarstufe I.
Es mangelt an Interessenten in den folgenden (zum teil sehr wichtigen) Fächern: Deutsch, Mathematik, Sport, Englisch, Musik und Kunst. Rackles führt das u.a. darauf zurück, dass an Kunst- und Musikhochschulen die Eingangsprüfungen für künftige Lehrer genau so hart sind wie für künftige Künstler. Das Lehramt Sonderpädagogik stagniert.
Rackles schreibt: „Der Mangel ist hausgemacht, da er das Ergebnis von politischen Vorgaben und Prozessen ist. Es handelt sich um eine föderale Sackgasse.“
Er schlägt einen Staatsvertrag vor, in dem die Länder übergreifend Strukturvorgaben und Standards setzen. Beraten soll ein „Beirat Lehrkräftebedarf“, dessen Mitglieder je zur Hälfte von Bildungs- und Hochschulseite berufen werden sollen. Steuerungsgröße sollen die Absolventenzahlen sein. In dem von Rackles vorgeschlagenen Staatsvertrag sollen sich die Länder zur Eigenbedarfsdeckung bekennen.
Nach Rackles haben wir es heute mit einem relativ ungesteuerten System zu tun von fast 5.000 Studiengängen an über 100 Hochschulen. Erforderlich sei eine abgestimmte Begrenzung der Fächerkombinationen. Rackles empfiehlt, das System des polyvalenten Lehramtsstudiums zu beenden, das Studenten mit einer Offenheit der Abschlüsse anzulocken versucht. Er will die Möglichkeit eines Quereinstiegs mit länderübergreifenden Standards in der Auswahl, Qualifizierung und Qualitätssicherung (Heike Schmoll, FAZ 19.9.20).