Mit der Partei „Die Linke“ als Nachfolgepartei der SED sympathisiere ich prinzipiell und systematisch in keiner Weise. Ihre Vorgänger haben in so großer Zahl schwerste Verbrechen (z.B. Stalinismus, DDR 1949-1989) begangen, dass ich die Partei heute noch verabscheue. Das sind doch diejenigen, die, nachdem sie in der DDR alles in den Sand gesetzt hatten, heute steile Forderungen stellen. Das ändert sich nicht dadurch, dass sich heute manchmal junge, idealistische Menschen dieser Partei an schließen.
Sahra Wagenknecht (geb. 1969) war für mich in der Partei weithin ein Paradiesvogel (im Bundestag seit 2009). Individualistisch, hoch gebildet. Sie hat Philosophie studiert und 2012 in Volkswirtschaftslehre (VWL) promoviert. Trotzdem hatte sie es von 2015 bis 2019 bis an die Spitze der Linken-Fraktion geschafft. Dort war sie stets umstritten. Den Fraktionsvorsitz hat sie zurückgegeben, weil sie die Politik der „unbegrenzten Zuwanderung“ ablehnt (taz 18./19.1.20). Sie findet es falsch, dass den sozial Schwachen heute erklärt wird, „dass das Weltklima wichtiger ist als ihr Arbeitsplatz und ihre soziale Existenz“. Das sei der sicherste Weg, sie in die Arme der „Rechten“ zu treiben.
Peter Unfried hat Sahra Wagenknecht für die taz (18./19.1.20) interviewt. U.a. weil er die Biografie
Christian Schneider: Sahra Wagenknecht. Die Biographie. Campus 2019, 22,95 Euro,
so aussagekräftig findet. Ich bringe hier Auszüge aus den Antworten Wagenknechts.
„Wenn Individualismus dazu führt, dass einem die Gesellschaft egal ist, dann ist das eher Egoismus oder gar Zynismus. Gerade, wenn man selbst Glück hatte im Leben, und wenn man geprägt ist durch Karl Marx und die Ansprüche linker Theorie, muss man sich an der heutigen Gesellschaft reiben. Warum schreibe ich denn über Fragen einer anderen Weltwirtschaftsordnung? Weil ich die Lebenssituationen, in die viele Menschen heute kommen, demütigend finde.“
„In dem Moment, in dem ich mich mit Goethe beschäftigt habe, begann ich, über Politik und Gesellschaft nachzudenken. Goethes Werk ist ja ein Werk über menschliches Zusammenleben, erstrebenswerte Entwürfe und abzulehnende Verhältnisse. Da habe ich angefangen, darüber nachzudenken: Warum ist die DDR so, wie sie ist? Was hat das noch mit den Ansprüchen zu tun, die die Arbeiterbewegung einst hatte? Und so bin ich dann dazu gekommen, Marx zu lesen.“
„Ich möchte überhaupt wieder mehr geistige Freiheit haben, neue Ideen zu entwickeln, sie dann auch zu äußern und nicht darüber nachzudenken zu müssen, ob ich damit womöglich wieder gegen irgendeinen Kanon linker Glaubenssätze verstoße und meinen Gegnern Vorwände für neue Angriffe liefere.“