Deutsche Männergesangvereine und Shantychöre fahren heute gerne nach Namibia (Deutsch-Südwest). Da gibt es deutsche Anklänge. Viele relativ helle Afrikaner. Sie haben deutsche Vorfahren. Meistens aus Vergewaltigungen. Die Namen klingen anheimelnd: Lüderitzbucht, Swakopmund etc.
Dabei war Deutschland auch beim Kolonialismus eine „verspätete Nation“. Großbritannien und Frankreich kämpften schon im 18. Jahrhundert um die Vorherrschaft in Nordamerika. Erst ab Mitte der 1880er Jahre stellte Reichskanzler Otto von Bismarck ein Gebiet nach dem anderen unter deutschen „Schutz“. Togo, Kamerun, Teile Ostafrikas. Den Anfang machte 1884 Deutsch-Südwest, das heutige Namibia.
Nach einer Rinderpest 1897 traten die deutschen Siedler immer herrischer gegenüber Herero und Nama auf. Sie vertrieben sie von ihren Weiden und beschlagnahmten ihr Vieh. 1904 überfielen Herero mehrere deutsche Farmen und töteten rund hundert Siedler. Daraufhin wurde
General Lothar von Trotha
in die Kolonie geschickt. Er hatte sich in Ostafrika und bei der Niederschlagung des Boxeraufstands in China als Rassist und gnadenloser Befehlshaber schon einen Namen gemacht.
Am 11. August 1904 griffen seine Truppen am Waterberg die Herero an, die sich dort mit Frauen und Kindern versammelt hatten. Den Maschinengewehren und Geschützen der Deutschen hatten sie wenig entgegenzusetzen. Wer das Massaker überlebte, floh in die Omaheke, ein ausgedehntes Sandfeld, wo Tausende verdursteten. Trotha befahl, Frauen und Kinder, die um Wasser bettelten, zurück in die Wüste zu jagen. Am 2. Oktober 1904 erklärte er, es werde „jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“
Die Überlebenden sperrte man in
Konzentrationslager –
so wurden die Lager schon damals offiziell genannt. Viele starben durch Vernachlässigung und Zwangsarbeit. Historiker schätzen, dass zwischen 1904 und 1908 rund 60.000 Herero und 10.000 Nama ums Leben kamen. Das entspricht etwa der Hälfte aller Angehörigen der Nama und rund drei Viertel der Herero. Sogar den Namen verstümmelten die Deutschen, indem sie die Vorsilbe Ova (Ovaherero) abtrennten, die so viel bedeutet wie „Menschen“. Zehntausende Herero leben heute in der Diaspora, in Botswana, Angola und Südafrika, wohin ihre Vorfahren geflohen waren. Der Rest versank für Generationen in Armut.
Bei der Gedenkfeier 2004 bat Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) um Vergebung für das, „was wir heute Völkermord nennen würden“. 2015 gewann die Angelegenheit an Brisanz, als der Bundestag eine Resolution zum
Völkermord an den Armeniern 1915
verabschiedet hatte. Seither gab es sechs Verhandlungsrunden mit Namibia. U.a. über den genauen Wortlaut einer Entschuldigung. Verhandlungsführer ist Ruprecht Polenz (CDU). Führende Herero glauben, der Grund für die zögernde Wiedergutmachung im Gegensatz zum Verhalten Deutschlands gegenüber Nazi-Opfern liege darin, dass sie „schwarz“ seien.
2008 wurde die Association of Ovaherero Genocide in den USA gegründet. „Wir haben eine Liste deutscher Immobilien und Vermögenswerte in New York zusammengestellt, die wir im Fall eines Urteils gegen die Bundesrepublik beschlagnahmen können.“ Inzwischen hat die Angelegenheit internationales Aufsehen erregt. Mittlerweile ist am
Southern District Court in New York
auf Grund einer Sammelklage der Herero (mit Hilfe von US-Anwälten) ein Verfahren anhängig. Darin soll Deutschland für das „Wüten“ seiner Schutztruppen zur Rechenschaft gezogen werden. Tatsächlich geht es um die Zukunft: um die Nachfahren der Opfer und die Zukunft Namibias. Die Kläger verlangen eine Entschädigung für den Völkermord und den Verlust von Eigentum. Bisher ist kein Vertreter der Bundesrepublik erschienen.
Geschwächt wird das namibische Projekt durch die Uneinigkeit im eigenen Land. Dort dominieren die Ovambo die Regierung. Etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche befindet sich nach wie vor im Besitz der Nachfahren deutscher Siedler, obwohl sie nur etwa sechs Prozent der 2,3 Millionen Einwohner stellen. „Die Landrückgabe ist eines der größten Hindernisse bei der Beilegung der Ovaherero-Frage.“ „Die Deutschen haben durch ihr Zögern eine große Chance vertan, zur Versöhnung im Vielvölkerstaat Namibia beizutragen.“ Mittlerweile ist auch die Regierung in Windhuk unter Druck. Nicht zuletzt weil im Kampf um die Unabhängigkeit (1990) ebenfalls viele Gräuel geschehen sein sollen.
Weil die Klage vor einem New Yorker Gericht gegen eine ausländische Regierung gestellt wurde, liegt es in der Hand der US-Regierung, sie der deutschen Seite offiziell zuzustellen. Bisher ist Washington nicht tätig geworden. Vor kurzem hieß es aus Kreisen des US-Außenministeriums jedoch, inzwischen seien die Papiere an das Auswärtige Amt gegangen. Von dort ist keine Stellungnahme zu bekommen (Heike Buchter, Die Zeit 11.1.18).
Ob die deutschen Sänger über die Angelegenheit ausreichend informiert sind?