1592: Albert Speers Lügen verfangen heute nicht mehr.

Ausgerechnet Hitlers Rüstungsminister Albert Speer (1905-1981) war es seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen gelungen, von sich selbst ein Bild zu zeichnen, als habe er von Auschwitz und den anderen Verbrechen der Nazis nichts gewusst. Das ist zwar lange als Lüge bekannt, aber nun erst erscheint die Speer-Biografie von

Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere. München (Siedler) 2017, 900 Seiten, 40 Euro,

die endgültig und vollständig mit Speers Legenden aufräumt. Brechtken ist stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München. Speer saß 20 Jahre im Kriegsverbrechergefängnis in Potsdam. Ihm war es in Nürnberg gelungen, sich dort als Außenseiter des Nazi-Regimes zu stilisieren. Nach seiner Entlassung setzte er seinen ganzen Charme und sein Charisma ein, um weitere Legenden in die Welt zu setzen: Speer als reuiger Sünder, Speer als verführter Bürger, Speer als Planer eines Attentats auf Hitler, Speer als Nichtsahnender.

Dieses Lügengebäude dekonstruiert Brechtken vollständig. Er zeigt Speers Karriere als repräsentativ. „Speer ragte heraus und ist doch zugleich exemplarisch für all jene, die sich mit ähnlichen, wenngleich bescheideneren Ambitionen so wie er für den Nationalsozialismus engagierten, ihn trugen und gestalteten.“ (Robert Probst, SZ 6.6.17; Patrick Bahners, FAS 11.6.17) Speer war eine Zentralfigur des Eroberungs- und Vernichtungskriegs. Er beschaffte Geld für Auschwitz und regierte über zahllose Sklavenarbeiter.

Zwei bedeutende Helfer unterstützten Albert Speers Unschulds-Kampagne, der Verleger Wolf Jobst Siedler (1926-2013) und der Journalist Joachim C. Fest (1926-2006). Brechtkens Verdammungsurteil über dieses Dreierbündnis ist hart, teilweise polemisch, aber gut belegt. Die Publizisten wollten zeigen, dass Speer zwar Karriere in Hitlers Dienst gemacht, aber mit dem Nationalsozialismus, wie sie ihn gesehen wissen wollten, nichts zu tun hatte. Eigene Recherchen haben Fest und Siedler wohl nicht angestellt. Sie vertrauten auf Speer und glaubten, ihn lenken zu können. Dabei wurden seinerzeit bereits bekannte Fakten geleugnet. Der Fehler von Fest und Siedler war wohl, wie Patrick Bahners überzeugend darlegt, dass sie sich Speer überlegen fühlten. Wie ein roter Faden zieht sich Brechtkens Kritik am „langwährenden Unvermögen der Historikerzunft im Umgang mit Speer“ durch das Buch. Namentlich werden genannt: Golo Mann, Hans Mommsen und Eberhard Jäckel.

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