Wenn Alt-Marxisten wie Jürgen Trittin (Die Grünen) sich anlässlich des Starts eines Karl-Marx-Films in einem Göttinger Kino richtig aufplustern und wichtigtun, ist Vorsicht geboten. Denn meiner Erfahrung nach kennen viele Alt-Marxisten den Marxismus gar nicht richtig. Das war schon in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts so. Und wer von uns hat schon alle drei Bände gelesen? Bei Trittin habe ich da meine Zweifel.
Trotzdem ist „Das Kapital“ auch heute noch wichtig. Zwar ist das Massenelend der Arbeiterklasse in Mitteleuropa nicht eingetreten, wie Marx behauptet hatte. Aber haben wir heute angesichts der Globalisierung das Massenelend nicht in der Welt, in Afrika zum Beispiel? Ich glaube ja. Und die Armut bei uns ist nicht überwunden. Das ist natürlich eine ganz andere Armut als die vor 150 Jahren.
Marx‘ „Das Kapital“ zeigt drei Dinge sehr deutlich:
1. die Verteilung (Gewinne, Löhne, Gehälter) funktioniert bei uns noch nicht gut genug,
2. die Umverteilung (hauptsächlich durch Steuern) ist verbesserungswürdig,
3. unser Kapitalismus ist ungeheuer dynamisch.
Kapital, Erwerbsvermögen, ist nichts Statisches. Es ist auf permanente sinnvolle Investitionen angewiesen. Wir wollen Wachstum. Die Ablehnung des Wachstums überlassen wir den Öko-Essern und Veggi-Day-Anhängern. Marx war, genau wie wir heute, vom technischen Fortschritt fasziniert und feierte ihn. Allerdings sah er auch, dass der Markt zum Oligopol tendiert. Ein Prozent der deutschen Unternehmen machten 2012 68 Prozent des Umsatzes, 81 Prozent der Unternehmen sechs Prozent.
Einen Politiker wie Donald Trump würde Marx heute als „breitmäuligen Faselhans“ bezeichnen. Über seinen Protektionsimus würde er schallend lachen. Schutzzölle dienen allenfalls einzelnen Unternehmen, niemals aber den Arbeitnehmern insgesamt. Und die Verteilung der Einkommen ist in unserer Gesellschaft höchst ungerecht. Wenn Dax-Vorstände im Durchschnitt das Sechzigfache des Gehalts ihrer Mitarbeiter bekommen.
Die wirkliche Achillesferse der Marxschen Theorie liegt dort, wo versucht wurde, den Marxismus in konkrete Politik umzusetzen: in der Sowjetunion, in der Volksrepublik China, welche die kapitalistische Dynamik entfesselt hat, aber bei der sozialen und ökologischen Gerechtigkeit versagt, auf Kuba, in Venezuela, wo der Marxismus den Menschen ein Massenelend beschert hat. Usw. Marxismus taugt also nicht als Heilmittel, aber einzelne Erkenntnisse seiner Analyse sind heute noch aktuell (Lisa Nienhaus, Die Zeit 26.1.17; Ulrike Herrmann, taz 4./5.2.17).