2824: H.G. Adler – Nestor der deutschen Holocaust-Forschung

Bei den Trägern des Namens Adler bin ich in früheren Zeiten manchmal durcheinander gekommen. Da gab es einmal

Victor (Viktor) Adler (1852-1918),

den Begründer der österreichischen Sozialdemokratie (SPÖ), der die Einheit und Gemäßigtheit der österreichischen Sozialdemokraten auf seine Fahnen geschrieben hatte und erster Außenminister der Republik Österreich war. Er wollte den Anschluss Österreichs an Deutschland. Weiterhin kennen wir

Alfred Adler (1870-1937),

den Begründer der Individualpsychologie, der 1904 zum Protestantismus konvertiert war und von 1902 bis 1911 an den Mittwochabendgesellschaften Sigmund Freuds in Wien teilgenommen hatte und (gestützt auf die Theorie von der Organminderwertigkeit) seine eigene Lehre verfocht. Sie kam in den USA gut an, wohin Adler bereits 1934 auswanderte. Er fühlte sich der Arbeiterbewegung verbunden. Schließlich gab es

H.G. Adler (1910-1988),

der als Zeitzeuge der Shoah mit seinen Werken „Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“ (1955) und „Der verwaltete Mensch“ (1974) zum Nestor der deutschen Holocaustforschung wurde. Über ihn hat sein Übersetzer Peter Filkins 2019 eine Biografie verfasst:

H.G. Adler. A life in many worlds. Oxford 2019, 416 S.; 19,99 englische Pfund.

Adler wurde in Prag geboren und wuchs mit der deutschen und tschechischen Sprache auf. Früh war er selbst belletristisch tätig. Er studierte Musik, Literatur, Psychologie und Philosophie und wurde 1935 mit einer Arbeit über den deutschen Aufklärer Friedrich Klopstock in Prag promoviert. 1939 gelang ihm die Flucht vor den Nazis nicht. Er wurde mit seiner Frau und Schwiegermutter nach Theresienstadt deportiert. Von dort 1944 nach Auschwitz, wo Frau und Schwiegermutter sofort ermordet wurden. Seine schon in Theresienstadt geschriebenen Texte bewahrte Leo Baeck für ihn auf. Adler wurde in ein Nebenlager von Buchenwald gebracht.

Nach der Befreiung tauschte er seine Häftlingsbekleidung gegen eine von NS-Symbolen befreite deutsche Soldatenuniform. Er lebte einige Wochen in Halberstadt. In Prag traf er seinen Feund Elias Canetti wieder. Er legte seinen Vornamen Hans Günther ab, weil Adolf Eichmanns Nachfolger so hieß. Adler arbeitet in einem Waisenhaus vor allem mit jüdischen, tschechischen und deutschen Kindern. Ihm wurde allerdings 1946 die tschechische Staatsbürgerschaft aberkannt, weil er Deutsch als Muttersprache hatte. Vor dem Stalinismus floh H.G. Adler 1947 nach London, wo er eine Jugendfreundin, die Bildhauerin Bettina Gross, heiratete, die bereits 1938 nach Großbritannien gegangen war. Ihr gemeinsamer Sohn ist der Dichter und Germanist Jeremy Adler. H.G. Adler lieferte Beiträge für die BBC. Er lebte auch von der Briefmarkensammlung seines Vaters.

In London bewegte Adler sich im Kreis von Erich Fried. 1959 trat er auf Bitten Hermann Langbeins dem Internationalen Auschwitzkomitee ( IAK) bei. Mit Langbein publizierte er 1961 im WDR mehrere Beiträge über den Holocaust. In seiner Holocaust-Forschung übte H.G. Adler fundierte Kritik an den Juden-Ältesten, die später u.a. auch von Hannah Arendt in ihrem „Eichmann in Jerusalem“ (1963) übernommen wurde. 1977 wurde H.G. Adler der österreichische Ehrentitel Professor verliehen. Er ist unverdientermaßen und bedauerlicherweise heute fast vergessen (René Schlott, SZ 27.4.20)

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