In der Nacht vom 19. auf den 20. April 1970 ging Paul Celan in Paris in die Seine. Der Jude aus Czernowitz hatte seine Eltern durch Mord in einem NS-Konzentrationslager verloren und selbst ein rumänisches Arbeitslager überlebt (Czernowitz war bis 1918 habsburgisch, dann rumänisch, später sowjetisch, heute ukrainisch). Celans von ihm getrennt lebende Frau, Gisèle de Lestrange, schrieb dazu am 10. Mai 1970 an Celans ehemalige Geliebte, Ingeborg Bachmann: „Er hat sich den einsamsten und anonymsten Tod ausgesucht.“ Celan war der größte deutschsprachige Lyriker seiner Zeit und blieb den Deutschen doch ein Leben lang fremd. Sein berühmtes Gedicht „Todesfuge“ ist gerade neu untersucht worden:
Thomas Sparr: Todesfuge. Biographie eines Gedichts. Stuttgart (dva) 2020, 336 S., 22 Euro.
Im Mai 1952 war es in Niendorf an der Ostsee zu den „Drei Tagen im Mai“ gekommen, bei denen Celan in Anwesenheit von Ingeborg Bachmann das Gedicht als eines von sechs vortrug und dabei von der Gruppe 47 vollkommen missverstanden worden war. Walter Jens schrieb dazu 1976: „Als Celan zum ersten Mal auftrat, da sagte man: ‚Das kann doch kaum jemand hören‘, er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht. Der liest ja wie Goebbels, sagte einer. Die ‚Todesfuge‘ war ein Reinfall in der Gruppe! Das war eine völlig andere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit, die sozusagen mit dem Programm groß geworden waren.“
Es war Hans Werner Richter, der den Goebbels-Vergleich angestellt hatte. Milo Dor erinnert sich an Richters Aussage, Celan „habe in einem Singsang vorgetragen wie in der Synagoge“. Klaus Briegleb hat in seiner Geschichte der Gruppe 47 geschrieben, „keine andere kulturelle Agentur in der westdeutschen Nachkriegszeit“ habe „die Ausblendung der Shoah so gründlich betrieben“ wie die Gruppe 47.
Celan war tief verletzt: „Ich war dort beleidigt worden: H.W. Richter, der Inge (Inge = Ingeborg Bachmann, W.S.) nach Hamburg gebracht hatte, sagte nämlich, meine Gedichte seien ihm auch darum so zuwider gewesen, weil ich sie im ‚Tonfall von Goebbels‘ gelesen hätte. Und so etwas muss ich erleben!“
Thomas Sparr schreibt dazu: „Was nahe war und nahegelegen hätte, die gemeinsame, doch so unterschiedliche Erfahrung des Nationalsozialismus, vom ‚Frost an den verschiedenen Fronten‘ wird Celan später in einem Gedicht schreiben, sollte in die Ferne gerückt werden. Goebbels rezitiert die ‚Todesfuge‘. Brutaler kann man die Geschichte nicht auf den Kopf stellen.“
Der Anfang der „Todesfuge“: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends/ wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts/ wir trinken und trinken/ wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng.“ (Sie finden die „Todesfuge“ hier auf meiner Seite unter Gedichten. Sie ist chronologisch geordnet.)
Dass manche deutsche Kritiker Celan später vorhielten, sein Gedicht sei angesichts der ihm zugrunde liegenden Gräuel doch „zu kunstvoll“ geraten, erboste ihn besonders und zu Recht. Die „Todesfuge“ passt nicht so einfach in die deutsche Nachkriegsmoderne. Weder seiner Datierung nach noch in seinen poetischen Mitteln. Die Stunde null, die Idee einer asketischen Moderne auf den Ruinen der Vorkriegswelt, war Celans Sache nicht. Er ruhte in älteren lyrischen Traditionen einer anderen Weltgegend, die seine westdeutschen Generationsgenossen unbekannt blieben.
Celan hatte, als er nach Wien gegangen war, wo er Ingeborg Bachmann kennenlernte, und dann 1948 nach Paris, zunächst vielfältige sehr gute Beziehungen zu deutschsprachigen Literaten gehabt. Dann zerstörte eine vergleichsweise banale Literaturintrige sein Leben. Die Witwe eines deutsch-französischen Lyrikers, Yvan Goll, mit dem sich Celan angefreundet hatte, beschuldigte ihn plötzlich des Plagiats. Das deutsche Feuilleton, das seinerzeit noch von solchen Ex-Nazis wie Günter Blöcker und Hans Egon Holthusen dominiert wurde, walzte die Angelegenheit aus. Und Paul Celan verzweifelte. Noch in den neunziger Jahren machte sich Günter Grass, der in den späten fünfziger Jahren wie Celan in Paris gelebt hatte, über den Lyriker lustig. Celan wandte sich von Grass ab wegen dessen „kleinen und großen Verlogenheiten, vermehrt um die mittlerweile noch höher ins Kraut geschossene Selbstgefälligkeit“. Celan vereinsamte, er wurde Patient in der Psychiatrie.
Hans-Peter Kunisch
Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung. München (dtv) 2020, 352 S., 24 Euro,
befasst sich nicht an jeder Stelle schlüssig mit den insgesamt drei Treffen (1967-1970) von Paul Celan und Martin Heidegger in Freiburg und im Schwarzwald. Dass der Antisemit (und das NSDAP-Mitglied) Martin Heidegger und das Holocaust-Opfer Paul Celan sich verstanden hätten, können wir uns nicht vorstellen. Es spricht für die Verwirrung Celans, dass er sich beim Schwarzwälder Kulturkonservatismus der Nachkriegszeit besser aufgehoben gefühlt hat als bei der Gruppe 47. Noch drei Wochen vor seinem Tod las Celan Heidegger in Freiburg vor.
Auf ihrer gemeinsamen Autofahrt im Schwarzwald mit Martin Heidegger, dem Freiburger Germanisten Gerhart Baumann und dessen Assistenten Gerhard Neumann am Steuer, habe er, so schreibt Celan an seine Frau Gisèle, „klare Worte“ gefunden, auf die Heidegger ausweichend oder gar nicht reagiert habe.
Wir wissen sehr viel über Paul Celan aus seinen Briefwechseln:
Paul Celan/Ilana Shmueli-Briefwechsel. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2004, 242 S.,
Herzzeit. Ingeborg Bachmann-Paul Celan. Der Briefwechsel. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2008, 399 S.
Die Briefwechsel mit Gisèle Celan-Lestrange, Rudolf Hirsch, Hanne und Hermann Lenz, Nelly Sachs, Peter Szondi, Franz Wurm, Klaus und Nani Demus habe ich nicht gelesen.
2020 neu erschienen:
Wolfgang Emmerich: Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen. Göttingen (Wallstein) 2020, 400 S.,
Helmut Böttiger: Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist. Köln (Galiani) 2020, 208 S. (Böttigers drittes Buch über Celan),
Klaus Reichert: Paul Celan – Erinnerungen und Briefe. Berlin (Suhrkamp) 2020, 297 S.,
Paul Celan: „etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934-1970 Berlin (Suhrkamp) 2019, 1.286 S. (mit 330 unpublizierten Briefen).
Ich erinnere mich noch gut an das Ende eines Proseminars 1980, in dem wir ausschließlich die Soap Opera „Holocaust“ (1978) von Marvin Chomsky (mit Merryl Streep) analysiert und interpretiert hatten. Am Ende habe ich die Todesfuge vorgelesen. Neue Fragen stellten sich, neue Perspektiven ergaben sich. Wir haben ganz neu und sehr viel gelernt.
(Iris Radisch, Die Zeit 16.4.20; Julia Encke, FAS 19.4.20; Christoph Bartmann, SZ 20.4.20)