2760: Jullien lehnt das Konzept der Identität ab.

Der bei uns in Deutschland relativ unbekannte französische Philosoph Francois Jullien, 69, kritisiert das Konzept der Identität. Martina Meister hat ihn Paris dazu interviewt (Die Welt 14.3.20).

Welt: .. Sie haben einen Einwand, wenn das Konzept der Identität auf Gruppen oder Nationen übertragen wird …

Jullien: Richtig. Die Kultur kennt keine Geburt und keinen Tod, keinen Anfang und kein Ende, genauso wenig wie das Kollektiv. Beide kann man daher nicht dem Schema der Identität unterordnen. Letztere geht außerdem mit der Vorstellung von kultureller Differenz einher, die ich für komplett suspekt halte.

Welt: Was entgegnen Sie den sogenannten Identitären, die mit spektakulären Aktionen einen Grenzpass zwischen Italien und Frankreich sperren, um Migranten an der Überquerung zu hindern.

Jullien: Es gibt nur eine Lösung: Wir müssen ganz offen über Migration sprechen. Es gibt das Asylrecht, die Pflicht zur Aufnahme. Daran ist nicht zu rütteln. Aber ich höre von Einwandererfamilien in Frankreich, die ihren Kindern verbieten, zu Hause Französisch zu sprechen. Sie positionieren sich absichtlich außerhalb des Gemeinsamen. Das ist inakzeptabel, und der Staat muss einschreiten. Die Politiker müssen wirklich wachsam bleiben. Sie wissen sehr genau, dass Wladimir Putin den Exodus in Syrien provoziert hat, einzig und allein um Europa zu destabilisieren. Die Flüchtlinge können nicht nach Russland und erst recht nicht nach China. Europa ist ihre einzige Möglichkeit. Putin verfolgt mit diesem Krieg und seinen Massakern ganz gezielt politische Ziele.

Welt: Die Entzauberung Europas hängt Ihrer Meinung damit zusammen, dass es sich von seinen christlichen Wurzeln abgetrennt hat. Welch Konsequenzen hat das?

Jullien: Europa vermeidet die Frage des Christentums, weil sie stört, verunsichert und weil man sich einfach nicht mehr traut, sie zu erwähnen. Das wurde deutlich, als die Europäer die Präambel zur Verfassung schreiben wollten. Man wollte definieren, was das Wesen Europas ist. Die Polen sagten: Europa ist christlich. Die Franzosen erröteten und behaupteten: Europa ist laizistisch, aufklärerisch. Man konnte sich nicht einigen. Die Folge: Europa ist in der Krise.

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