Mit Harold Bloom, der im Alter von 89 Jahren in New Haven (Connecticut) gestorben ist, haben wir wahrscheinlich den letzten großen Literaturkritiker verloren, der klar nachvollziehbare Kategorien kannte und seit Jahrzehnten nicht mehr jede literaturwissenschaftliche Mode, wie etwa den Dekonstruktivismus, mitgemacht hatte. Er wirkte manchmal etwas altmodisch, war aber verlässlich und überzeugend. Geboren wurde Bloom in New York als Kind jiddisch sprechender orthodoxer Juden, die aus Russland eingewandert waren. Er studierte hauptsächlich in Yale, wo er seit 1955 auch lehrte.
Bloom entwickelte die These, dass ein Schriftsteller in seinem Streben nach Originalität ständig versucht, sich von seinen Vorbildern zu lösen. Er verglich diese Situation mit dem Ödipuskomplex. Dort, wo er das Verhältnis zwischen Dichtern und ihren Werken untersuchte, stützte er sich wesentlich auf Anna Freud. Harold Bloom sah sich vor allem als Leser, der sich von Literatur auch ergreifen lassen wollte. Das war ihm bei der aufkommenden Literatur von Frauen, Schwarzen, Einwanderern und Autoren aus der dritten Welt nicht immer möglich. Dadurch wurde er zu einem Verteidiger der Literatur „toter weißer europäischer Männer“ (dwems). Er stemmte sich gegen den Niedergang der westlichen Kultur, was heute weithin nicht mehr als politisch korrekt gilt.
Seit den achtziger Jahren hat Bloom mehrfach versucht, einen Kanon zentraler Literatur der westlichen Welt zu bestimmen. 1994 benannte er dazu 26 Autoren (22 Männer und vier Frauen): William Shakespeare, Dante Alighieri, Geoffrey Chaucer, Miguel de Cervantes, Michel de Montaigne, Molière, John Milton, Samuel Johnson, Johann Wolfgang Goethe, William Wordsworth, Jane Austen, Walt Whitman, Emily Dickinson, Charles Dickens, George Eliot, Leo Tolstoi, Henrik Ibsen, Sigmund Freud, Marcel Proust, James Joyce, Virginia Woolf, Franz Kafka, Jorge Luis Borges, Pablo Neruda, Fernando Pessoa, Samuel Beckett. Das begeistert mich. Obwohl natürlich nicht zu verkennen ist, dass wir es hier mit einer anglo-amerikanisch zentrierten Liste zu tun haben. Als Deutscher würde ich noch nennen Georg Büchner und Bertolt Brecht. Aber mit seinem Kanon gibt Harold Bloom uns als denjenigen, die nicht so viel gelesen haben wie er, die Möglichkeit, uns davon abzugrenzen und eigene Vorschläge zu machen.
Als 2003 ein US-amerikanischer Autor, den Bloom nicht sehr schätzte, ausgezeichnet wurde, nannte er vier „amerikanische Schriftsteller“, die noch am Werk sind und die unsere Anerkennung verdienen: Thomas Pynchon, Philip Roth, Cormac McCarthy und Don DeLillo. Wer wollte da widersprechen.