Mit dem Literaturnobelpreis 2019 für den österreichischen Schriftsteller Peter Handke (geb. 1942) haben wohl nicht mehr viele gerechnet. Der große Einzelgänger und lebenslängliche Sprachkritiker hatte sich auf seinem literarischen und politischen Weg viele Feinde gemacht. Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) lehnte ihn ab. Seinen Durchbruch hatte Handke 1966 auf der berüchtigten Princeton-Tagung der Gruppe 47. Dort bezichtigte er die vielen anwesenden Obergefreiten und Angehörigen der Waffen SS der „Beschreibungsimpotenz“. Seine „Publikumsbeschimpfung“ kam im gleichen Jahr heraus. Handke scheute das Außenseitertum nicht und leistete sich politische Fehlurteile wie im Fall Serbiens und Milosevics. Er hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das sowohl Romane umfasst wie Gedichte, Theaterstücke und Filmdrehbücher.
Viele seiner Titel sind sehr eindrücklich und bleiben lange im Gedächtnis, manche gingen in unsere Umgangssprache ein: „Publikumsbeschimpfung“ (1966), „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ (1969), „Das Mündel will Vormund sein“ (1969), „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1970), „Der kurze Brief zum langen Abschied“ (1972), „Wunschloses Unglück“ (1972), „Falsche Bewegung“ (1975), „Die linkshändige Frau“ (1977), „Die langsame Heimkehr“ (1979), „Kindergeschichte“ (1981), „Der Chinese des Schmerzes“ (1983), „Versuch über die Jukebox“ (1990), „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994).
Trotz seiner starken Persönlichkeit gelang Peter Handke die künstlerische Zusammenarbeit mit großen Kollegen: dem Theatermann Claus Peymann, dem Filmregisseur Wim Wenders, dem Theaterregisseur Luc Bondy. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfried Jelinek schreibt über Handke: „Er ist ein Meister, ein lebender Klassiker.“ Handke hatte ein sehr bewegtes Privatleben, um das ihn gewiss manche Spießer beneiden (ich nenne hier nur die Schauspielerinnen Jeanne Moreau, Marie Colbin und Katja Flint). In der „Kindergeschichte“ von 1981 hat Handke beschrieben, wie er seine erste Tochter, Amina, aufgezogen hat, ein Buch, das mich stark beeindruckt.
Thomas Steinfeld schreibt über Peter Handke (SZ 11.10.19): „Als John Updike den Roman ‚Die langsame Heimkehr‘ (1979) rezensierte, lobte er die ‚messerscharfe Klarheit‘, die Handke bei der Beschreibung von Gefühlen an den Tag lege. Die Bücher W.G. Sebalds sind ohne die Sprachschule von Peter Handke nicht vorstellbar. Und Karl Ove Knausgard bewundert Peter Handke so sehr, dass er nicht nur dessen Verleger in Norwegen wurde, sondern auch die Laudatio hielt, als Peter Handke 2014 den Ibsen-Preis bekam. In einer Welt, die voller Gewissheiten sei, sagte Karl Ove Knausgard bei dieser Gelegenheit, erinnere Peter Handke uns daran, dass nichts offensichtlich sei: ‚Er besteht auf den Details, auf den kleinen Ereignissen, die unbedeutend erscheinen, die aber alles ändern, was man zu wissen meint.'“