Der „Spiegel“-Fälschungsfall
Claas Relotius
ist noch nicht vergessen, da wird ein neues journalistisches Fehlverhalten im „Spiegel“ bekannt. Das einst so unabhängige und unangefochtene Blatt ist in die Krise geraten. Kommt es wieder heraus?
Rafael Buschmann, 37, sollte im September 2019 zum Leiter des Investigativ-Teams des „Spiegels“ ernannt werden. Daraus wird nichts. Grund ist ein fehlender Beleg für eine Behauptung, die in einem mehr als fünf Jahre alten Artikel aufgestellt wurde. Buschmann bleibt Investigativreporter, das Team wird den Blattmachern unterstellt.
Der Text, um den es geht, stand in der Ausgabe 27/2014 und heißt „Faule Äpfel“. Darin geht es um die Voraussage des Ergebnisses des WM-Fußballspiels zwischen Kroatien und Kamerun (4:0). Außerdem werde es in der ersten Halbzeit eine rote Karte geben. Der Informant, ein international ausreichend schlecht beleumdeter Wettbetrüger, Wilson Raj Perumal aus Singapur, hat bestritten, Rafael Buschmann diese Information gegeben zu haben. Ein Beleg dafür fehlt. Aber tatsächlich war das Ergebnis 4:0. Und in der ersten Halbzeit gab es eine rote Karte für den Kameruner Song für ein grobes Foulspiel. In dem Artikel, der am 30. Juni 2014 erschienen ist, geht Rafael Buschmann der Frage nach, ob Wettbetrug während der WM möglich sei.
„Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann hat an die Redaktion geschrieben: „Wir haben es im investigativen Journalismus nicht selten mit dubiosen Quellen zu tun, um so entscheidender ist eine belastbare Beleglage. Die aber fehlt uns in diesem Fall. Der vollständige und lückenlose Chat zwischen Wilson Raj Perumal und Rafael Buschmann liegt uns nicht vor.“ Aus heutiger Sicht würde der „Spiegel“ den Artikel „so nicht mehr drucken“. Es reiche nicht, dass „die Gegenseite ihrerseits keinen ultimativen Beleg für die Behauptung hat, wir hätten falsch berichtet. Die Beweislast fällt hier tatsächlich uns zu.“ Der Text „faule Äpfel“ wurde aus dem Netz genommen (Javier Caceres/Ralf Wiegand, SZ 26.9.19).