Susanne Schröter, 62, ist Professorin für Ethnologie an der Frankfurter Universität und Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam. Sie hat eine Konferenz mit dem Titel „Islamisches Kopftuch – Symbol der Würde oder Unterdrückung?“ organisiert. Das hat Kontroversen nach sich gezogen. Eva Berger und Edith Kresta haben sie für die „taz“ (26.7.19) interviewt.
taz: Seit 21 Jahren diskutieren wir über das Kopftuch, seit Fereshda Ludin damit im Referenariat erschien. Khola Maryam Hübsch propagiert das Kopftuch tragen als Ausdruck weiblicher Freiheit, die Gendertheorie-Ikone Judith Butler sieht in der Burka ein Bollwerk islamischer Kultur gegen die westliche Moderne. Können Sie solchen Positionen, die sich als postkolonial-feministische begreifen, etwas abgewinnen?
Schröter: Nein, absolut nicht. Frau Hübsch vertritt die Doktrin der Ahmadiya, das Kopftuch und die Bedeckung des weiblichen Körpers seien ‚verpflichtend‘, genauso wie die absolute Geschlechtertrennung. In der Unterwerfung unter solche Regularien kann ich kein Moment der Freiheit entdecken. Und wenn Judith Butler tatsächlich meint, eine Burka tragende Frau ist diejenige, die sich der Sexualisierung des weiblichen Körpers verweigert, dann muss ich sagen, hat sie überhaupt nichts verstanden.
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taz: Und ihre Erfahrungen in Indonesien gaben den Anstoß für eine globale Untersuchung des Islamismus?
Schröter: 2008 erhielt ich einen Ruf nach Frankfurt und konnte meinen regionalen Fokus ins Globale ausweiten. Ich habe finanzielle Mittel für Stipendien bekommen und eine internationale DoktorandInnengruppe zusammengestellt. Diese jungen Wissenschaftlerinnen erforschen vor Ort die Veränderungen, die in der islamischen Welt vor sich gehen, und beschäftigen sich mit der Alltagsrealität der Menschen. Wir haben festgestellt, dass der Vormarsch des politischen Islam in vielen Ländern – von Indonesien bis Mali – in ganz ähnlicher Weise geschieht. Und überall spielt die Unterwerfung von Frauen unter diskriminierende religiös begründete Normen eine zentrale Rolle. Überall wird der Schleier zwangsverordnet.
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taz: Islam und Feminismus, ist das vereinbar?
Schröter: Grundsätzlich natürlich, aber ein Feminismus, der sich darin erschöpft, das Kopftuch für Kinder und Lehrerinnen zu verteidigen, ist für mich nicht sonderlich feministisch.
taz: Was bedeutet Feminismus für Sie?
Schröter: Feminismus bedeutet den Kampf für individuelle Freiheitsrechte von Frauen und Mädchen, wie sie in der UN-Frauenrechtskonvention ausbuchstabiert sind. Es beinhaltet auch eine Absage an identitäre Gruppen, die vermeintliche Sonderrechte einfordern, die sich letztendlich als diskriminierend für Frauen erweisen. Ich vertrete eine universalistische Position. Frauen und Mädchen haben überall in der Welt die gleichen Rechte – unabhängig von der Religion, der ethnischen Zugehörigkeit, der Hautfarbe oder anderen Merkmalen, auf die identitäre Gruppen sich gerne beziehen.