2477: 20. Juli 1944 – 75 Jahre danach

1. Das Gedenken an den gescheiterten Militärputsch am 20. Juli 1944, den versuchten Tyrannenmord, als Hitler in der Wolfsschanze nicht getötet wurde, ist heute wieder diffus. Dem Verschwörerkreis gehörten etwa 200 Personen an.

2. Der Putsch scheiterte u.a. daran, dass Stauffenberg nach Berlin zurückreisen musste, weil er wegen seiner Funktion im Berliner Hauptquartier der Widerständler unabkömmlich war, um NSDAP, SS und Gestapo zu entmachten.

3. Die einen sehen darin einen „Aufstand des Gewissens“ und ein „Fanal“, die anderen ein pragmatisches Vorgehen von Militärs (unter Führung von Generalmajor Henning von Tresckow und Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg), um größeren Schaden von Deutschland abzuwehren.

4. Stauffenberg Enkelin Sophie von Bechtolsheim schrieb kürzlich über ihren Großvater: Er „hatte von den Mordaktionen an Juden erfahren, von Verbrechen an der Zivilbevölkerung und an Kriegsgefangenen in den besetzten Gebieten. Er erkannte, dass all diese Verbrechen sowie die vernichtende Kriegspolitik keine Auswüchse, sondern ein Wesensmerkmal von Hitlers Politik waren.“

5. So hat die Republik, welche die Männer des 20. Juli anfangs verteufelte und später zu Heldenvätern der Bundesrepublik umdeutete, ihren Frieden mit dem Widerstand noch immer nicht wirklich gemacht.

6. Bis 1953/54 galten die Verschwörer des 20. Juli 1944 als „Volksverräter“. Erst der spätere Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer stellte 1953 in Braunschweig den ehemaligen Kommandeur des Berliner Wachbataillons, Otto Ernst Remer, unter Anklage, welcher der Chef-Propagandist der Sozialistischen Reichspartei (SRP) war (bald verboten): „Es ist die Aufgabe der Staatsanwaltschaft, Aufgabe der Richter des demokratischen Rechtsstaats, die Helden des 20. Juli ohne Vorbehalt und ohne Einschränlung zu rehabilitieren, aufgrund der Tatsachen, die uns heute bekannt sind, aufgrund des damals und heute, des ewig geltenden Rechts.“

7. 1953 ließ der Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, im Ehrenhof des Bendlerblocks, wo das Zentrum des Widerstands gewesen war, zum Gedenken ein Ehrenmal errichten. Besonders vom Vorwurf des Landesverrats wurden die Widerständler freigesprochen in einer Rede von Bundespräsident Theodor Heuß am 19. Juli 1954.

8. Zum Glück gibt es heute kein geteiltes Gedenken mehr, auch der kommunistische Widerstand wird geehrt (z.B. in der Person Herbert Baums).

9. Der Arbeiter Georg Elser hatte am 8. November 1939 bereits versucht, Hitler und die NS-Führung im Münchener Bürgerbräukeller zu töten. Es wäre richtig gewesen, im Gedenken Elser von vornherein auf eine Stufe zu stellen mit Stauffenberg.

10. Es zählt die Tat. Herkommen und Motive der Täter sind im Grunde zweitrangig.

11. Es ist seit langem klar, dass die Tat vom 20. Juli 1944 nicht auf die Schaffung eines pluralistischen Gemeinwesens gerichtet war.

12. Tatsächlich gehörten zum Widerstand Akteure unterschiedlicher Herkunft, Konfession und Weltanschauung. Es waren dabei Sozialdemokraten, Konservative, Gewerkschafter, Diplomaten, Kirchenmänner und Kaufleute.

13. Der 20. Juli 1944 lehrt, dass auch ein Soldat nicht jeden Befehl zu befolgen hat, dass er mörderischen Befehlen den Gehorsam verweigern muss. Das ist heute geltendes Recht.

14. Das im Grundgesetz verankerte Widerstandsrecht gilt dann, „wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“.

15. Der Stauffenberg-Forscher Thomas Karlauf schreibt: „Die individuelle Verantwortung höher zu stellen als den Befehlsgehorsam und so den Bruch mit der eigenen Kaste zu vollziehen ist in meinen Augen das eigentlich Revolutionäre des heutigen Tages.“ (20. Juli)

16. Angela Merkel sagt über den Widerstand: „Diejenigen, die gehandelt haben, sind unser Vorbild. Denn sie haben gezeigt, dass sie ihrem Gewissen folgen, und damit haben sie einen Teil der Geschichte Deutschlands geprägt, der ansonsten durch die Dunkelheit des Nationalsozialismus bestimmt war.“

17. Wir wissen, dass in den knapp zehn Monaten zwischen dem 20. Juli 1944 und der Kapitulation mehr Menschen ums Leben kamen als in den gesamten fünf Kriegsjahren davor, darunter mehr als vier Millionen Deutsche.

18. Im Hof des Bendlerblocks wurden in der Nacht zum 21. Juli 1944 Claus Schenk von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Albrecht Ritter Merz von Quirnheim und Werner von Haeften erschossen.

19. Wir wissen heute nicht, ob Stauffenberg bei seiner Erschießung ausgerufen hat „Es lebe unser heiliges Deutschland!“ oder „Es lebe unser geheimes Deutschland!“.

20. Heute können sich alle Deutschen ein Stück weit identifizieren mit Georg Elser, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Herbert Baum, Hans und Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer und den anderen Verschwörern und stolz sein auf den deutschen Widerstand gegen Hitler und die Nazis.

(Peter Carstens, FAZ 20.7.19; Joachim Käppner, SZ 20./21.7.19; Thomas Karlauf, FAZ 20.7.19; Sven Felix Kellerhoff, Die Welt 20.7.19; Magdalena Köhler, Literarische Welt 20.7.19; Reinhard Müller, FAZ 20.7.19; Uwe Sauerwein, Die Welt 20.7.19; Ronen Steinke, SZ 20./21.7.19)

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.