Am letzten Freitag war er im Fernsehen zurück, der Meister des von ihm selbst entwickelten Doku-Dramas, Heinrich Breloer (geb. 1942). Zwanzig Jahre nach „Die Manns“ und fünfzehn Jahre nach „Speer und Er“ präsentierte er „Bertolt Brecht. Ein Film in zwei Teilen“. Gefolgt von der Dokumentation „Brecht und das Berliner Ensemble“. Damit hat er sich entscheidende Schritte in der deutschen Theatergeschichte vorgenommen. Ursula Scheer schreibt in der FAZ (22.3.19) zu Recht, dass wir solch ein gelungenes Stück wohl lange nicht mehr erleben werden.
Breloer hatte seine Regisseurs-Karriere gemeinsam mit Horst Königstein gestartet. Schon 1978 hatte er „Bi und Bidi in Augsburg“ vorgelegt, die Geschichte von Bertolt Brecht und Paula Banholzer. Seither hatte er unermüdlich Material gesammelt über den Erfinder des modernen Theaters („episches Theater“) Bertolt Brecht: Fotos, Filmaufnahmen, Tondokumente und Artikel aus den Zeitungsarchiven. Noch in den siebziger Jahren hatte er lebende Freunde, Geliebte und Mitarbeiter Brechts interviewt. All das kommt dem Film zugute. Heinrich Breloer gelangt hinter die Kulissen des epischen Theaters. Er fragt sich, auf welcher menschlichen Basis das schier unerschöpfliche Werk Bertolt Brechts entstanden ist.
Dabei kommt kein Mensch zum Vorschein, der heute als Vorbild dienen könnte, kein Demokrat. Die Me-Too-Debatte würde Bertolt Brecht nicht überstehen. Er hat Anziehung und Abstoßung gleichermaßen produziert. Das wird im ersten Teil von Tom Schilling, im zweiten von Burkhard Klaußner idealtypisch verkörpert. Das geht vom jungenhaft, schüchternen Größenwahn der frühen Jahre bis zum politischen Schelmenspiel in der DDR. Breloer entfaltet ein zeitgeschichtliches Panorama der Jahre 1916 bis 1956. Mit der „Dreigroschenoper“ 1929 wurde Bertolt Brecht ein internationaler Theaterstar, theoretisch wie praktisch. Er war ungeheuer produktiv, achtete das Urheberrecht nicht und beutete seine Musen, Mitautorinnen, Schauspielerinnen, Mütter seiner Kinder und Ehefrauen aus.
Sie tauchen alle auf: die Paula Banholzer, Marianne Zoff (Friederike Becht), Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch), Ruth Berlau (Trine Dyrholm), Isot Kilian (Laura de Boer), Käthe Reichel (Anna Hermann) und natürlich Helene Weigel (Adele Neuhauser). Vermisst habe ich nur die 1941 in Moskau gestorbene Margarete Steffin, die wohl nicht recht in den Tumult hineinpasste. Fast alle von ihnen waren Brecht sehr große Hilfen. Die zu Lebzeiten Brechts noch sehr junge Regine Lutz schildert die „Bebrüllung“ durch Brecht eindrücklich und sagt im Film doch: „Ich verdanke ihm alles.“ Brecht überstand im US-Exil die McCarthy-Ära und kam als österreichischer Staatsbürger in der DDR nur durch Lavieren über die Runden. Er wollte sein Theater erhalten. Dem Volk traute er auch am 17. Juni 1953 freie Wahlen noch nicht zu.
(Nochmals am 27. März um 20.15 Uhr in der ARD)