Als Papst Franziskus vor fünfeinhalb Jahren ins Amt kam, verkündete er sogleich, die katholische Kirche müsse das Leben der Menschen sehen und dürfe nicht länger narzisstisch um sich selbst kreisen. Ihre Lehre müsse sich immer wieder neu an der Menschenwirklichkeit messen lassen und dürfe nicht erstarren. Der Papst hat die Barmherzigkeit zum Leitmotiv seiner Amtsführung gemacht. Das beflügelt seine Anhänger und reizt seine Gegner. Doch wie der Papst jetzt dahergeredet hat, verhöhnt er seine eigenen Maßstäbe.
Er hat eine Abtreibung gleichgesetzt mit Auftragsmord. Und nach dem Willen der vatikanischen Bildungskongregation soll der Frankfurter Theologieprofessor Ansgar Wucherpfennig widerrufen, dass nach seiner Erkenntnis die Verurteilungen der Homosexualität in der Bibel zeitbedingt sind. Und sich gefälligst weniger in der Seelsorge für Lesben und Schwule engagieren.
„Das ist die Wortwahl, das sind die Handlungen einer autoritären Kirche, die von oben herab vermeintliche Abweichler bestraft und Frauen in Notlagen aburteilt, in ihrer Gebrochenheit und Ausweglosigkeit. Es zeigt sich jene Seite der Kirche, die Jorge Mario Bergoglio als krank beschrieben hat, erkrankt an der eigenen Unerbittlichkeit. Und das passiert ausgerechnet in einer Zeit, in der offenbar wird, wie sehr diese Unerbittlichkeit dazu beigetragen hat, dass in dieser Kirche Sexualverbrechen in großem Ausmaß geschehen und vertuscht werden konnten.“ Das System Vatikan mit seinen Seilschaften funktioniert noch immer.
Und Papst Franziskus wirkt in vielen Konflikten uneindeutig und schwankend. Oft will er seinen konservativen Gegnern keine Angriffsfläche bieten. Und immer wieder macht er sich durch unbedachte und unreflektierte Äußerungen angreifbar. „Will er seinen Maßstäben treu bleiben, muss Franziskus die Machtspiele der Bildungskongregation beenden, die das freie, wissenschaftliche Denken und Forschen unterbinden wollen. Vor allem aber muss er seinen unseligen Vergleich vom Auftragsmord zurücknehmen.“ (Matthias Drobinski, SZ 12.10.18)