2024: Die Wissenschaft weiß nicht, was Rasse ist.

Das 1912 gegründete Deutsche Hygiene-Museum in Dresden widmet sich mit einer Ausstellung (bis 6. Januar 2019) seiner Geschichte:

„Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen.“

In den dreißiger Jahren hatte sich das Museum der „Erbgesundheit“ des „ewigen Volks“ gewidmet. Seit 1930 produzierte es „gläserne Menschen“, die Skelette, innere Organe, Blutgefäße unter einer durchsichtigen Haut erkennen ließen. Im Kern präsentiert die Ausstellung die Botschaft, dass die Wissenschaft keinen geklärten Begriff von Rasse hat.

1. Die moderne Mikrobiologie weiß, dass Unterschiede zwischen den Menschen nur 0,1 Prozent der gesamten genetischen Information ausmachen.

2. Auf dem ersten deutschen Soziologentag 1910 in Frankfurt am Main explizierte Max Weber, dass „der exakte Nachweis ganz bestimmter Einzelzusammenhänge, also der ausschlaggebenden Wichtigkeit ganz konkreter Erbqualitäten für konkrete Einzelerscheinungen des gesellschaftlichen Lebens“ fehlt.

3. Damals stammte der Begriff der „Rasse“ aus der Pferdezucht der mittelalterlichen arabischen Ritterkultur und wurde danach zu genealogischen Zwecken vom französischen Hochadel aufgegriffen.

4. Die unterschiedlich aussehenden Menschen wurden überwiegend nach Hautfarben klassifiziert.

5. Die „weißen“ Europäer begannen, sich dem „farbigen“ Rest der Erdbewohner überzuordnen.

6. Zunächst ging es um Vermessen und Klassifizieren etwa von Schädeln mit Zangen, Schraubstöcken und Schiebern.

7. In einem Video aus dem Jahr 1931 beklagt sich ein Herero über die entwürdigende Behandlung.

8. Um 1900 versuchte Cesare Lombroso (1835-1909) eine „Kriminalistik“ zu etablieren, die psychische Krankheiten und Kriminalität mit körperlichen Merkmalen identifizierte.

9. Die „Typenbildung“ ging auf den Pariser Kriminalisten Francis Galton (1822-1911) zurück, der so beispielsweise „jüdische Gesichter“ herstellte.

10. Traurig sind die seinerzeit angewendeten Gesichtscremes, die dunkle Haut hell färben, und Klebestreifen, mit denen asiatische Lidformen korrigiert werden sollten.

11. Gefährlich war schon, dass der zunächst klassifikatorische Rasse-Begriff in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Verbindung mit Charles Darwins (1809-1882) Evolutionstheorie eingegangen war. Danach wurden Begriffe wie Reinheit, Vermischung, Züchtung und Degeneration verwendet.

12. Im Dresdener Hygiene-Museum setzte sich die Verbindung zwischen moderner wissenschaftlicher Methodik und rassistischen Hypothesen fort, die das Rassedenken insgesamt charakterisiert.

13. Hier wurde etwa auch der Begriff „entartete Kunst“ 1933 zum ersten Mal verwendet, der 1938 in München voll zur Wirkung kam.

14. Propagiert wurde „Biopolitik“ als wissenschaftlich-sachliche Notwendigkeit. „So konnte Menschenvernichtung ohne Hass und Leidenschaft ins Werk gesetzt werden.“

15. „Das eugenische Rassedenken war auf Fortpflanzung und damit auf Sexualität fixiert.“

16. „Die Monstrosität rassistischen Denkens wird nicht nur begreifbar, sondern mehr noch fühlbar. Menschliche Unterschiedlichkeit verschmilzt mit einer Empathie, die keine Grenzen kennt. Mehr kann man von einer Ausstellung nicht erwarten.“ (Gustav Seibt, SZ 6.6.18)

Katalog (Wallstein) 16,90 Euro. Begleitband: „Das Phantom ‚Rasse‘. Zur Geschichte und Wirkungsmacht von Rassismus.“ (Böhlau), 30 Euro.

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