Die 88-jährige Holocaust-Überlebende Agnes Heller wurde nach dem ungarischen Aufstand 1956 aus der KP Ungarns ausgeschlossen und ist 1977 emigriert. Sie war Professorin für Philosophie in Budapest und New York. Mittlerweile lebt sie wieder in Budapest. Peter Münch hat sie für die SZ (6.4.18) interviewt:
SZ: Sie gelten als scharfe Kritikerin von Ministerpräsiden Victor Orban. Was hat er in den vergangenen acht Jahren aus Ungarn gemacht?
Heller: Einen Scheiterhaufen hat er aus Ungarn gemacht. Er hat das Land ganz und gar zugrundegerichtet.
SZ: Wirtschaftlich oder politisch?
Heller: Beides. Politisch hat er die Freiheiten eingeschränkt, vor allem haben wir keine Pressefreiheit mehr. Und von dem Geld, das Ungarn von der Europäischen Union bekommen hat, sind nach der Rechnung von Ökonomen 20 bis 30 Prozent in den Taschen von Orban und seinen Leuten gelandet. Das heißt: die stehlen. Außerdem ist seine ganze Politik auf Lügen aufgebaut.
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SZ: Ist die EU in den verganenen Jahren zu vorsichtig und großzügig mit Victor Orban umgegangen?
Heller: Sie hat sicherlich weniger getan, als sie hätte tun können. Aber ich glaube nicht, dass dies das eigentliche Problem ist. Ungarn hat 1990 die Freiheit als Geschenk erhalten. Wir haben dafür nicht bezahlt, wie zum Beispiel die Rumänen, und wir konnten mit dieser Freiheit nichts anfangen. Unsere Politiker waren tödlich naiv – und deswegen haben wir Orban bekommen, der überhaupt nicht naiv ist. Er ist ein Machtmensch, und nichts anderes als die Macht interessiert ihn. Mit Orban zahlen wir nun die unbezahlte Schuld von damals ab.
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SZ: Was könnte denn passieren, wenn Orban nun die Wahl verliert?
Heller: Er würde den eigenen Untergang nicht tolerieren. Er hat schließlich schon gesagt, dass alle Oppositionskräfte Spione sind oder Soldaten von George Soros. Wir wissen nicht, ob er Gewalt einsetzen würde, aber das ist auch eine Möglichkeit. Man kann sich bei ihm alles vorstellen.
SZ: Und was, wenn er noch einmal gewinnt? Wohin wird er dann das Land führen?
Heller: Ungarn ist unter ihm doch schon eine Diktatur.
SZ: Diktatur? Es wird frei gewählt und jeder kann seine Meinung frei sagen.
Heller: Das sagt überhaupt nichts, das ist heute immer der Fall. Wir leben nicht mehr in einer Klassengesellschaft, in der man ein Einparteiensystem erreichten muss, um eine Diktatur zu haben. Heute leben wir in einer Massengesellschaft, da hat man freie Wahlen und es wird immer derselbe Mann gewählt. Auch Putin und Erdogan lassen wählen. Der einzige Unterschied in Ungarn ist, dass die Bevölkerung jetzt die Möglichkeit hat – vielleicht die letzte Möglichkeit – sich gegen die Dikatatur zu entscheiden.
SZ: Und wenn es nicht gelingt?
Heller: Dann werden wir alle Hoffnung verlieren.